Montag, 5. August
1
Sie war seit gestern ganz sicher, dass sie nicht alleine im Haus war. Irgendwann am gestrigen Tag hatte sie sogar gemeint, den Motor eines Autos zu hören, aber das hätte sie nicht beschwören können. Sie war tatsächlich eingeschlafen, in einen oberflächlichen, unruhigen Schlaf, der nicht tief werden konnte, weil die Schmerzen sie zunehmend quälten. Die Blasenentzündung schritt voran, wurde immer schlimmer, aber niemand kam, um ihr zu helfen. Sie hatte außerdem Hunger und qualvollen Durst. Nach ihrer Berechnung waren inzwischen rund 48 Stunden vergangen, seitdem Ian zuletzt bei ihr erschienen war und ihr etwas zu essen und zu trinken gegeben hatte.
Lange würde sie das nicht mehr überstehen.
Sie wusste nicht mehr, welcher Wochentag war und welches Datum, aber anhand der sich abzeichnenden Helligkeit an den Rändern des Rollos am Fenster ging sie davon aus, dass ein neuer Tag angebrochen war – welcher auch immer. Und außer dass da am Vortag vielleicht ein Auto gewesen war, hatte sie eben gerade gemeint, Schritte oben im Haus gehört zu haben. Eine Bodendiele hatte geknarrt. Womöglich war es nur der Wind im Dachgebälk gewesen, aber nein, so konnte sie sich nicht irren. Ian war zurück. Sie hatte sein Auto gehört und seine Schritte.
Bloß, warum zeigte er sich nicht bei ihr?
Das konnte an seinem Sadismus liegen. Ein absolut vorstellbares Motiv, wenn man ihn kannte. Ihm war klar, dass sie hungerte, dass starker Durst sie quälen musste. Ihm war klar, dass sie Angst hatte.
Für ihn war das eine Situation, wie er sie sich schöner kaum vorstellen konnte.
Die Frage war, wie weit er gehen würde.
Sie hatte inzwischen ziemlich hohes Fieber, das konnte sie spüren, und das bedeutete, dass die Entzündung ernst zu nehmen war. Außerdem hatte sie den schrecklichen Eindruck, dass durch den Katheter nichts mehr abfloss. Entweder er war verstopft, oder das Organ krampfte so, dass es nicht mehr normal funktionierte. Sie überlegte, was sie je über Harnverhalt gelesen oder gehört hatte, konnte sich nicht erinnern, vermutete aber, dass auch das keine Lappalie war. Aber die Schmerzen wären dann schlimmer, oder? Sie waren heftig, jedoch noch nicht unerträglich. Sie hatten sich jedoch stetig gesteigert, und wenn sie das weiterhin taten, wären sie in absehbarer Zeit nicht mehr auszuhalten.
Immer noch und immer wieder versuchte sie verzweifelt, Worte zu formen. Genauer gesagt, sie formte sie bereits, glasklar schwebten sie in ihrem Kopf, aber sie schaffte es nicht, sie nach außen zu transportieren. Sie kamen nicht über ihre Lippen. Wobei es fraglich gewesen wäre, ob Ian reagiert hätte, wären ihre Hilferufe an sein Ohr gedrungen. Wahrscheinlich hätte er sich einen Riesenspaß daraus gemacht, sie zu ignorieren.
Sie war verlorener, als es ein Mensch überhaupt sein konnte.
Es gab keine Hoffnung auf Rettung.
Es gab nur noch die Hoffnung auf einen schnellen Tod, und selbst die war gering. Sie war sehr schwer verletzt worden, aber im Prinzip war sie eine kräftige, gesunde, durchtrainierte Person. Das gereichte ihr nun zum Nachteil. Ihr Körper würde nicht so einfach aufgeben, er besaß jede Menge Kraftreserven. Genug für einen endlosen, schrecklichen Todeskampf.
Sie wusste nicht, was schlimmer war: der Durst oder die Schmerzen. Beides zusammen war jedenfalls die schiere Qual.
Gar nicht zu reden von der Angst. Und der Hilflosigkeit.
Die Hilflosigkeit war das Allerschlimmste. Wenn das alles ein böser Traum war, wurde es Zeit, daraus zu erwachen.
Wenn es kein böser Traum war, wurde es Zeit, dass das Fieber so sehr stieg, dass sie es zumindest für einen Traum hielt.
2
Caleb war in den frühen Morgenstunden mit seinem Auto aufgebrochen und erreichte Birmingham am späteren Vormittag. Er hatte keinen Termin bei dem Heimleiter, würde sich jedoch nicht davon abhalten lassen, mit ihm zu reden. Zum Glück besaß er noch seinen Dienstausweis, obwohl er ihn eigentlich hätte abgeben müssen. Das war damals in der allgemeinen Aufregung untergegangen, und Caleb hatte sich nicht bemüßigt gesehen, darauf hinzuweisen. Es war völlig unmöglich, was er jetzt tat, und es würde ihn noch tiefer ins Verderben bringen, aber das war egal. Es ging um Kate. Nichts sonst war wichtig.
Caleb wusste, dass Kate einmal sehr verliebt in ihn gewesen war, ob sie noch immer Gefühle für ihn hegte, konnte er nicht sagen. Er war nicht darauf eingegangen, weil sie überhaupt nicht dem Typ Frau entsprach, auf den er stand. Kate war in seinen Augen einfach nicht besonders attraktiv, das sah er bei all seiner Wertschätzung für sie ganz klar. Eine graue Maus, fast unsichtbar vor lauter Unscheinbarkeit, und sie trug furchtbare Klamotten. Er selbst war einige Jahre lang verheiratet gewesen und hatte davor und danach – und zuweilen auch währenddessen – etliche schnelle, heftige Affären gehabt. Sehr schöne Frauen, sehr selbstbewusst, sehr sexy. Frauen, in deren Gesellschaft er sich ebenso aus der Wirklichkeit wegbeamen konnte, wie er das mit dem Alkohol schaffte, Frauen, die Leichtigkeit gaben und leidenschaftlichen Sex, der alle schweren Gedanken im Kopf auflöste. Zeitweise hatte Caleb nicht gewusst, womit er sich stärker betäubte, mit Sex oder mit Whisky. Unschlagbar war die Kombination aus beidem.
Kate entsprach schon von ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht unbedingt seinem Ideal, aber viel schwerer wog für ihn die Tatsache, dass sie ein völlig unterentwickeltes Selbstwertgefühl hatte und dazu neigte, sich in eine aggressive Verteidigungshaltung zurückzuziehen, selbst wenn kein Mensch sie angriff. Sie witterte Gegner, wo überhaupt keine waren. Er würde es nie verstehen, warum sie so unsicher war, denn gleichzeitig verfügte sie über die Gabe einer hochentwickelten Intuition, wenn es um die Aufklärung von Verbrechen ging. Sie war ein kluger Kopf, hatte einen scharfen, analytischen Verstand, daneben aber auch die Fähigkeit, Dinge zu erahnen, die ungreifbar und nur schattenhaft im Raum schwebten. Manchmal spürte sie etwas, ohne dass es sich logisch hätte begründen lassen. Mehr als andere Menschen, die Caleb kannte, nahm sie Schwingungen auf. Er war davon immer absolut fasziniert gewesen.
Jetzt, da sie in Lebensgefahr schwebte, erkannte er, dass er mehr empfand als nur Bewunderung für eine begabte Ermittlerin. Sie war nicht die Frau, die er begehrte oder je begehren würde. Aber sie war ein Mensch, den er keinesfalls verlieren wollte. Mehr noch, es war geradezu unerträglich, sich vorzustellen, sie könnte nicht mehr da sein. Dieses Gefühl wiederum hatte er nie einer der anderen Frauen entgegengebracht: dieses Gefühl, innerlich zu verarmen, wenn sie nicht mehr da wären.
Jetzt jedoch war er fast in Panik. Er musste Kate finden. Retten. Sie befreien. Dafür sorgen, dass sie am Leben blieb. In seinem Leben blieb.
Er war verwirrt über seine Gefühle und deren Heftigkeit, aber er sagte sich, dass jetzt nicht der Zeitpunkt war, sie zu analysieren. Später.
Sean Hedges, der Leiter des Heimes für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche in Birmingham, war nicht erstaunt, dass schon wieder jemand von der Polizei auftauchte, denn seit dem Telefonat mit Helen war er über die dramatische Entwicklung vom Samstag informiert und hatte erwartet, dass man ihn erneut befragen würde. Er warf nur einen kurzen Blick auf Calebs Ausweis.
»Ich bin völlig fassungslos und entsetzt«, sagte er. Tatsächlich sah er nicht so aus, als habe er in den letzten beiden Nächten geschlafen. »Sascha ist tot. Ein Polizist ist tot. Es ist … entsetzlich. Einfach entsetzlich.«
»Und eine Kollegin ist verschwunden«, ergänzte Caleb. »Vermutlich entführt von Ian Slade.«
»Immer noch keine Spur von ihr?«
»Nein. Ich muss jetzt unbedingt mit dem Psychotherapeuten sprechen, der Ian Slade behandelt hat. Und mit dem Vertrauenslehrer, Gruppenleiter oder wer auch immer sein Ansprechpartner im Alltag war.«
»Im Fall von Ian Slade ist das die identische Person. Sein Vertrauenslehrer war auch sein Therapeut. Aber er ist im Urlaub in Südfrankreich.«
»Ich brauche seine Handynummer. Ich muss mit ihm sprechen.«
Hedges seufzte. »Ich selbst versuche seit Samstag schon ständig, ihn zu erreichen. Er wollte das Handy selten einschalten. Sein Urlaub …«
»Sein Urlaub interessiert mich nicht«, unterbrach Caleb. »Es geht darum, zwei Frauen das Leben zu retten, die sich in der Hand dieses Psychopathen befinden. Versuchen Sie bitte sofort wieder, ihn zu erreichen. Diesen … Therapeuten. Dem es offensichtlich nicht im Entferntesten gelungen ist, Ian Slade auch nur in Ansätzen so weit zu therapieren, dass er keine Gefahr mehr für seine Mitmenschen darstellt!«
Sean Hedges Gesicht verfärbte sich. »Entschuldigen Sie, bei einem Psychopathen ist es schlichtweg nicht möglich …«
»Sie haben ihn immerhin rausgelassen.«
»Es lag nichts gegen ihn vor, weswegen wir ihn hätten hierbehalten können!«
Caleb sah ein, dass er ungerecht war. »Okay. Kein Vorwurf an Sie. Aber nun muss ich mit diesem Mann sprechen, egal an welchem Ort der Welt er sich in irgendeinem Liegestuhl sonnt!«
Caleb hatte sich kaum Chancen ausgerechnet, aber tatsächlich bekam Sean Hedges seinen Mitarbeiter diesmal ans Telefon – vermutlich, weil das Wochenende vorüber war und der Mann seine Abschottung lockerte. Er hieß Kamil Abrowsky und lag gerade am Pool seines gemieteten Ferienhauses am Rande des südfranzösischen Ortes Sanary. Er hatte sein Handy noch nicht abgehört, daher von Kates Anrufen und ihren Nachrichten nichts mitbekommen. Er reagierte geschockt, als ihm sein Chef in Kurzform eine Zusammenfassung der Ereignisse gab und ihn dann an Caleb weiterreichte. Caleb konnte im Hintergrund die Zikaden lautstark zirpen hören. Die Luft schien davon zu vibrieren.
»Detective Chief Inspector Caleb Hale hier«, meldete er sich, »CID Scarborough. Sie haben es ja schon gehört. Wir müssen sehr dringend und sehr schnell Ihren ehemaligen Patienten Ian Slade finden. Er hat zwei Frauen in seine Gewalt gebracht.«
»Guter Gott«, murmelte Kamil Abrowsky. Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Urlaubsidylle aus blauem Himmel, Zikaden, Pinienduft und Wärme aufgelöst.
»Die Zeit läuft uns davon, Mr. Abrowsky. Wir nehmen an, dass beide Frauen in Lebensgefahr sind.«
»Vermutlich«, stimmte Abrowsky resigniert zu. Er schien sich wenig Illusionen über den psychischen Zustand seines ehemaligen Patienten zu machen.
»Mr. Abrowsky, war auch Sascha Walsh bei Ihnen in Behandlung?«
»Ja. Aber der kann nichts verbrochen haben. Dieser Junge ist nicht in der Lage, auch nur einer Fliege etwas zuleide zu tun.«
»Hatten Sie je Zweifel an der gegen ihn vorgebrachten Beschuldigung, er habe seine kleine Schwester in der Badewanne ertränkt?«
Abrowsky zögerte. »Es war ja wohl so, und er hatte es auch zugegeben. Dennoch, diese Geschichte gehört zu den ungelösten Mysterien in meiner Laufbahn als Psychologe. Es passt einfach nicht. Eigentlich gar nicht vorstellbar, aber …« Er ließ den Satz in der Luft hängen.
»Er war es nicht«, sagte Caleb. »Das haben wir inzwischen herausgefunden. Seine Adoptivmutter hat das Mädchen getötet. Sie haben es ihm angehängt.«
Abrowsky schnappte hörbar nach Luft. »Nein!«
»Doch. Aber nun zu Ian Slade. Gibt es einen Ort, den er mal erwähnt hat, ein mögliches Versteck, wo er die beiden Frauen hingebracht haben könnte? Denken Sie bitte nach. Irgendeine Unterkunft? Die Wohnung eines Kumpels? Eine … alte Scheune, in der er als Kind gespielt hat … keine Ahnung. Irgendetwas. Hat er irgendetwas in dieser Art erwähnt? Ich weiß, dass Sie der Schweigepflicht unterliegen, aber es geht wirklich um Leben und Tod.«
Da Abrowsky Ian Slade kannte, erschien ihm diese Formulierung keineswegs übertrieben. Er dachte so intensiv nach, dass Caleb schon meinte, das Knirschen seiner Gedanken zu hören. »Ich weiß nicht. Verdammt, mir fällt nichts ein. Es gab da diese Garage, in die hatte er das kleine Mädchen verschleppt und …«
»Schon überprüft«, unterbrach Caleb. »Dort ist er nicht. Ebenso wurde das einstige Wohnhaus der Familie Slade und das der Familie Walsh aufgesucht. Da wohnen jetzt andere Leute drin. Kein Hinweis auf Ian Slade.«
»Ich wünschte wirklich, ich könnte Ihnen helfen. Aber Ian war zwölf, als er zu uns kam. Er hatte natürlich nur bei seinen Eltern gewohnt. Etwas anderes gab es nicht.«
»Und Sascha? Die beiden haben gemeinsame Sache gemacht, wobei Slade eindeutig die treibende Kraft, Sascha ein zögernder Erfüllungsgehilfe war. Sascha wurde von Slade erschossen, ehe dieser flüchtete, vermutlich, weil er das Versteck kannte.«
»Es ist ein einziger Alptraum«, sagte Abrowsky erschüttert.
»Ja. Definitiv. Gibt es einen Ort, den Sascha erwähnt hat?«
»Es tut mir so leid, Inspector Hale. Ich würde Ihnen so gerne helfen. Aber da ist nichts. Wirklich nicht.«
»Okay. Ich gebe Ihnen meine Handynummer. Sie rufen mich sofort an, falls Ihnen etwas einfällt, ja?«
»Natürlich, aber du lieber Himmel! Ich wusste gar nicht, dass Ian und Sascha … also, dass es da eine Verbindung gab. Aber Ian hatte zu niemandem eine Freundschaft, wissen Sie? Jeder fürchtete ihn.«
»Sie wurden etwa zur selben Zeit entlassen?«
»Ian gut ein halbes Jahr früher.«
»Zumindest scheint Sascha ihm anvertraut zu haben, dass er seine Schwester nicht getötet hat und von der Familie geopfert wurde.«
»Ja«, sagte Abrowsky unglücklich. Es war ein Tiefschlag für ihn als behandelnder Therapeut. Es war ihm über Jahre nicht geglückt, Saschas Vertrauen zu gewinnen. Ian Slade, ein durchgeknallter Psychopath, hatte es hingegen offenbar geschafft.
Abrowsky seufzte tief. Die Ferien waren ihm gründlich verdorben.
Er notierte Calebs Nummer und versprach, sich zu melden. Caleb hoffte, dass er für den Rest des Tages nichts anderes tat, als sein Gehirn zu durchforsten.
Er verabschiedete sich von Hedge, ebenfalls mit der Bitte, sich zu melden, wenn ihm etwas Wichtiges einfiele, dann stand er wieder auf der Straße, atmete die frische Luft dieses kühlen Augusttages. Zwei Tage zuvor hatte Kate an dieser Stelle gestanden. Neben Robert Stewart.
»Wo bist du, Kate?«, flüsterte er. »Wo bist du? Und was soll ich jetzt tun?«
Kamil Abrowsky hatte ihn keinen Schritt weitergebracht. Selbst wenn ihm noch etwas Bahnbrechendes einfiel, Caleb hatte nicht die Zeit, darauf zu warten. Kate hatte sie schon gar nicht. Und Sophia Lewis vermutlich am allerwenigsten.
»Was würdest du jetzt tun, Kate?« Er lauschte seinen Worten nach, hoffte auf eine Antwort. Was würde Kate an seiner Stelle tun?
Er wusste, dass Kate akribisch und rational vorging, wenn sie ermittelte, und dass sie manchmal Probleme hatte, Dinge zu delegieren. Von allem und jedem überzeugte sie sich am liebsten selbst. Nicht weil sie an den Berichten und Darstellungen der Kollegen zweifelte. Sondern weil sie ein Gespür, eine Intuition für Menschen, Situationen, Konstellationen nur dann entwickeln konnte, wenn sie selbst vor Ort gewesen war. Sie musste selbst sehen, hören, atmen, fühlen. Erst dann konnte sie eine Ahnung für das Ungesagte bekommen, für das Ungreifbare, für das, was zwischen den Zeilen schwebte.
Caleb beschloss, selbst zum einstigen Wohnhaus der Familie Slade in Bromwich zu fahren und dann zu dem der Walshs in Nottingham. Im Grunde hatte er nicht wirklich die Hoffnung, dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen, zumal ihm Kates Fähigkeiten fehlten. Was seine Intuition anging, war er nicht einmal halb so begnadet wie sie. Wahrscheinlich war es reiner Aktionismus, was er jetzt tat. Aber nichts zu tun hätte ihn wahnsinnig gemacht.
Die Adressen hatte er sich von Helen geben lassen, speiste die erste nun in sein Navi ein und fuhr los. West Bromwich lag nicht weit von Birmingham entfernt, er hatte das Haus eine halbe Stunde später erreicht. Es befand sich am Ende einer tristen, langen Straße, in der sich mickrige, heruntergekommene Häuser aneinanderreihten, etliche schienen unbewohnt oder kaum noch bewohnbar, wie zerbrochene Fensterscheiben oder in zwei Fällen sogar fehlende Haustüren zeigten. Das ehemalige Haus der Familie Slade gehörte nicht zu einer der vielen Reihenhausgruppen, sondern stand einzeln und etwas versetzt. Dadurch war es von einem Garten vollständig umgeben, anstatt nur einen winzigen Vorgarten und ein handtuchschmales Stück Gras nach hinten hinaus zu haben. Der Garten sah ziemlich verwildert aus, überwuchert von langen Brombeerranken, gegen die zu kämpfen die Hausbewohner offenbar aufgegeben hatten. Ein Zaun stand nur stellenweise noch. Es gab einen Stellplatz für ein Auto innerhalb des Grundstückes, zumindest schien das gepflasterte Quadrat gleich neben dem Plattenweg, der zum Eingang führte, dafür gedacht zu sein. Allerdings stand dort kein Auto. Vielleicht in dem Schuppen, der sich halb verdeckt vom Haus im hinteren Teil des Gartens befand. Caleb musterte ihn argwöhnisch. Hätte ein Krankentransporter darin Platz?
Es gab nirgends eine Klingel, also ging er zur Haustür und klopfte an. Es dauerte eine Weile, dann waren Schritte zu hören. Ein Mann öffnete. Hinter ihm stand eine Frau. Beide waren noch nicht wirklich alt, aber Armut, Perspektivlosigkeit und Lethargie hatten sich in ihre Gesichter eingegraben und gaben ihnen einen Ausdruck von Verlebtheit, der über ihr tatsächliches Alter vermutlich hinausging. Beide starrten Caleb misstrauisch an. »Ja?«
Er zückte seinen Ausweis. »DCI Hale, CID Scarborough. Ich bin hier, weil in Ihrem Haus früher eine Familie Slade gewohnt hat.« Er kam sich ziemlich blöd vor. Genau deswegen waren die Kollegen hier bereits vorstellig geworden, und es hatte nichts gebracht.
»Deshalb war schon jemand hier«, sagte der Mann. »Von der Polizei. Und wir konnten ihm nicht helfen.«
»Ich wollte mir noch einmal ein persönliches Bild machen. Es ist sehr wichtig, dass wir Kontakt zu der Familie Slade aufnehmen können.«
»Wir wissen nicht, wo die sind«, sagte der Mann. »Wir haben das Haus gemietet.«
»Sie sind …?«
»Mr. und Mrs. Dales.«
»Und wer ist Ihr Vermieter?«, fragte Caleb.
»Die Stadt. Sie haben uns dieses Haus als Sozialwohnung zugewiesen. Wir zahlen kaum Miete. Ich habe schon lange keine Arbeit mehr.« Mr. Dales blickte ängstlich drein. »Ist daran etwas verkehrt? Ich habe das Ihrem Kollegen auch so gesagt.«
»Nein, das ist schon in Ordnung.« Caleb überlegte. Das deckte sich mit den Angaben, die er hatte. Ian Slades Eltern waren spurlos verschwunden, das Haus war Eigentum der Kommune, die es neu vermietet hatte, nachdem irgendwann klar gewesen war, dass von der Familie niemand mehr auftauchen würde.
»Eine Frage«, sagte Caleb, »was befindet sich in dem Schuppen hinter dem Haus?«
»Nichts«, sagte Dales. »Der ist leer.«
»Dürfte ich kurz hineinschauen?« Caleb wusste, dass er keinerlei Recht hatte, sich den Schuppen anzusehen, wenn die Hausbewohner es ihm verwehrten, schon gar nicht, da er nicht mal im Dienst war. Diese ganze Befragung jedoch fand ohnehin im rechtsfreien Raum statt genau wie zuvor das Gespräch mit Kamil Abrowsky, insofern kam es auf diese Feinheiten nicht mehr an.
»Natürlich«, sagte Dales hastig. Ihm war vermutlich nicht klar, dass er sich hätte weigern können. »Gehen Sie nur. Die Tür ist offen.«
Caleb ging zum Schuppen hinüber, öffnete das große Holztor. Drinnen herrschte anthrazitgraues Dämmerlicht, etwas Helligkeit floss durch Zwischenräume in den Wänden und fehlende Dachsparren ein. Tatsächlich war der Schuppen leer. Gähnend leer. Platz für ein Auto in der Größe eines Krankentransporters wäre jedoch vorhanden gewesen. Caleb suchte mit den Augen den Lehmboden ab. Er konnte keinerlei Reifenspuren erkennen, aber möglicherweise war der Boden auch einfach zu hart dafür.
Überhaupt war das alles vielleicht nur absurd. Diese unbedarften Leute als Helfershelfer eines hochgefährlichen Verbrechers? Sie hatten verstört gewirkt, aber nicht so, als hätten sie etwas zu verbergen. Zum zweiten Mal war die Polizei bei ihnen aufgekreuzt, und sie bekamen offensichtlich inzwischen Angst, dass mit ihrer vom Staat gesponserten Wohnsituation etwas nicht stimmte.
Ich tappe im Dunkeln, dachte Caleb.
Er rief den Dales, die in der Tür standen und ihn angstvoll anstarrten, einen Abschiedsgruß zu und ging zum Auto zurück.
Irgendetwas störte ihn dennoch. Besser gesagt: Irgendetwas kam ihm seltsam vor. Er wusste jedoch nicht, was es war. Vielleicht eine Einbildung.
Jetzt Nottingham. Wahrscheinlich genauso sinnlos.
Das einstige Wohnhaus der Familie Walsh lag ein gutes Stück von der Stadt entfernt am äußersten Rand eines kleinen Dorfes. Ein ehemaliges Bauernhaus, das saniert und mit neuen Fenstern und einem neuen Dach modernisiert worden war. Es gab ein Nebengebäude, das einstmals eine Scheune gewesen sein konnte, dessen Seitenwände aber nun herausgenommen waren, sodass es wie eine Art Carport aussah. Allerdings ohne Auto darin. Zumindest im Moment. Vielleicht stand dort sonst ein Wagen geparkt.
Caleb hielt und ging zur Haustür. Auch hier verwilderte das Grundstück, aber da das Haus ländlich gelegen war und der Garten ohne deutliche Begrenzung in die Landschaft ringsum überging, wirkte es bei Weitem nicht so ungepflegt und heruntergekommen wie bei dem Ehepaar in Bromwich. Die Natur wuchs bis an das Haus heran, aber das hatte eindeutig etwas Idyllisches.
Hier gab es zumindest eine Klingel neben der Haustür. Sie schrillte laut und grell. Caleb wartete. Nach einer Weile öffnete eine Frau. Sie sah ihn misstrauisch an. »Ja?«
Er zückte seinen Ausweis. »DCI Caleb Hale, CID Scarborough. Ich habe nur ein, zwei Fragen.«
Die Frau seufzte. »Es waren doch schon Ihre Kollegen da!«
»Ich weiß. Ich überprüfe das hier auch nur routinemäßig.« Caleb war klar, wie seltsam er klingen musste. Er hatte wirklich einfach gar nichts in der Hand. »Sie sind Mrs. …?«
»Callaghan. Maud Callaghan.«
»Mrs. Callaghan, können Sie mir sagen, von wem Sie das Haus gemietet haben?«
»Ich habe es gekauft. Genauer gesagt, mein Exmann hat es gekauft. Als Bleibe für mich und die Kinder.« Zynismus und Verbitterung sprachen aus ihrer Stimme. »Er musste ja irgendwie sein Gewissen beruhigen, als er sich mit der Schlampe, die vom Alter her seine Tochter hätte sein können, vom Acker machte.«
»Ich verstehe. Und Sie wohnen nun hier mit Ihren Kindern?«
»Mit meinen zwei Jungs, ja. Dreizehn und fünfzehn Jahre alt.«
»Ihre Jungs sind zu Hause?«
»Nein. In einem Ferienlager. Am Meer. In Bournemouth.«
Alle Welt war verreist. Es war klar, dass Caleb auch hier wieder umsonst rumstocherte.
Er blickte hinüber zu dem Carport. »Sie haben kein Auto?«
»Nein. Ich habe wenig Geld.«
»Aber wie machen Sie das? Sie wohnen recht abgelegen.«
Maud Callaghan machte eine Kopfbewegung zur Rückseite des Hauses hin. »Da hinten steht mein Fahrrad. Muss eben so gehen.«
»Ja.« Es gab nichts. Keinen Ansatzpunkt. Aber im Grunde war das klar. Sowohl die Familie Slade als auch die Familie Walsh existierten schon lange nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form, über beide Familien waren Tragödien hereingebrochen, die nichts mehr sein ließen, wie es gewesen war. Die einzelnen Familienmitglieder hatten sich in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die Häuser waren in andere Besitzverhältnisse übergegangen.
Er verabschiedete sich von Maud Callaghan und ging zu seinem Auto zurück, setzte sich hinein und dachte einen Moment nach.
Ian Slade war wie vom Erdboden verschluckt, obwohl er zwei Frauen entführt hatte, in einem gestohlenen Auto unterwegs gewesen war und sich eines Krankentransporters hatte entledigen müssen. Den Transporter konnte er in irgendeinem Baggersee versenkt haben. Das Teil war zu groß und zu auffällig, als dass er es in seiner unmittelbaren Nähe untergebracht hatte, darauf hätte Caleb gewettet. Es machte daher keinen Sinn, nach großen Garagen Ausschau zu halten. Den Transporter konnten sie abhaken, der war weg.
Das Auto des – höchstwahrscheinlich toten – Studenten aus Manchester hingegen gab es mit Sicherheit noch, aber obwohl es sich um einen Kastenwagen handelte, ließ es sich relativ leicht verstecken. Man konnte einige Straßenecken entfernt parken, in einem Parkhaus, auf einem Feldweg. Es blieb ein Risiko, aber da Slade inzwischen davon ausgehen musste, dass man seine falsche Identität enttarnt hatte und dass auch nach dem Auto gefahndet wurde, würde er geschickt agieren und nichts Leichtsinniges tun. Ganz abgesehen davon konnte es sein, dass er längst irgendwo ein Nummernschild von einem anderen Auto gestohlen hatte und damit herumfuhr, dann hatte die Polizei sowieso keine guten Karten.
Er blickte zur Haustür zurück, aber Mrs. Callaghan war schon wieder im Haus verschwunden. Dann wunderte sie sich hoffentlich nicht darüber, dass er hier noch länger herumstand.
Das Schlimme war, dass Ian Slade so viel kriminelle Energie besaß, dass nahezu alles denkbar war. Er konnte irgendein einsames Ferienhaus an der Südküste aufgebrochen und seine Opfer dorthin gebracht haben, er konnte aber auch Menschen in deren Haus überfallen und womöglich ermordet haben und sich nun in deren Räumen aufhalten, ohne dass irgendjemand etwas ahnte oder mitbekam. Er konnte außer Sascha weitere Kumpels aus dem Heim haben, die ihm nun Unterschlupf gewährten. Da im Heim nicht einmal etwas über eine besondere Freundschaft zwischen ihm und Sascha bekannt gewesen war, brachte es nichts, nach weiteren Freundschaften zu forschen. Alle hatten vor Slade Angst gehabt, und alle hatten daher versucht, sich mit ihm gutzustellen. Wahrscheinlich konnte er auch jetzt noch einstige Kameraden leicht um Gefälligkeiten ersuchen: Sie dürften immer noch Angst vor ihm haben.
Konnte das ein Ansatzpunkt sein? Die Namen ehemaliger Mitinsassen aus dem Heim zu erfragen, deren heutige Adressen ausfindig zu machen, dort nachzuforschen? Umständlich und langwierig, es würde mehr Zeit kosten, als Kate und Sophia zur Verfügung hatten. Zudem hatte Caleb nicht die Befugnis, ein solches Unterfangen in Gang zu setzen. Er könnte nur Helen den Hinweis geben, und sie musste für die Umsetzung bei den Kollegen sorgen. Er griff nach seinem Handy. Er würde ihr Bescheid sagen, aber er hegte wenig Hoffnung, dass dieser Weg zum Erfolg führen würde. Nicht bei so wenig Zeit.
Ihm musste ein Einfall kommen. Ein genialer Einfall.
Kate, was würdest du tun?, fragte er wieder lautlos, während er wartete, dass Helen an ihr Telefon ging. Was würdest du tun?
Helen meldete sich schließlich.
Kate blieb stumm.
3
Sie kauerte auf dem Boden, in einem kleinen Raum, an einem Ort, von dem sie nicht wusste, wo er sich befand. Sie konnte nicht sprechen. Sie konnte nur sehr schwer atmen. Sie hatte einen Strumpf ausziehen müssen, und Ian hatte ihn ihr zusammengeknäult in den Mund geschoben, Klebeband darüber geklebt. Es hatte ihm Spaß gemacht, das war spürbar gewesen.
»Ich mache das immer«, hatte er gesagt. »Den eigenen Socken ins Maul. Möglichst weit nach hinten. Fühlt sich gut an, wie?«
Sie hatte nichts erwidern können. Außerdem kämpfte sie gegen den Brechreiz an. Sie gab nur ein leises gurgelndes Geräusch von sich.
»Es gab so ein paar große Jungs im Heim. Die haben das mit uns kleineren immer so gemacht. Da hatten die einen Riesenspaß. Entweder die haben uns den Kopf in eine Kloschüssel getaucht, und wir mussten das Wasser auflecken. Oder sie haben uns den Socken tief in den Hals gesteckt und uns so ein paar Stunden in irgendeiner Klozelle sitzen gelassen. Die Erzieher haben nichts gemerkt oder wollten nichts merken. Und wehe, einer hätte gepetzt, der wäre seines Lebens nicht mehr froh geworden!« Er hatte Kate angegrinst. »Ich war elf, als ich ins Heim kam. Ich hatte keine so lange Leidenszeit. Ich war dann schnell groß und stark genug. Dann habe ich genau dasselbe mit den anderen gemacht. War cool. Hat echt Spaß gemacht.«
Kate versuchte, ihre Zunge in eine Position zu bringen, die es ermöglichte, den Strumpf ein Stück nach vorne zu schieben. Selbst Millimeter hätten schon ihre Qualen gelindert. Aber ihre Zunge wurde gnadenlos nach unten gedrückt, trocknete unter der Wolle im Handumdrehen aus und fühlte sich pelzig und verdorrt an.
Sie fragte sich, wie lange sie das aushalten würde. Die Antwort war einfach: Solange der Typ vor ihr das wollte. Und solange sie nicht daran erstickte.
»Sascha hat echt gelitten. Der wurde gerade sieben Jahre alt, als er ins Heim kam und war noch dazu extrem dünn und mickrig. Und nicht ganz richtig im Kopf. Mit dem haben die Großen gemacht, was sie wollten. Den haben sie richtig drangsaliert. Wo immer sie ihn sich schnappen konnten. Der hatte angeblich seine kleine Schwester in der Badewanne ertränkt. Nicht dass die Großen nicht selbst genug Dreck am Stecken hatten, wer in der Anstalt dort gelandet ist, war alles andere als ein Engel. Aber sie haben sich trotzdem moralisch aufgespielt. Sascha war der Kindermörder . Er stand ganz unten auf der Leiter.« Er grinste wieder. »Da muss immer einer stehen. Ganz unten. Der kriegt dann alles ab. Die anderen müssen sich überlegen fühlen, und es muss einen Grund geben, dass der da unten steht. Na ja, wer ein einjähriges Kind ertränkt …«
Sie keuchte. Nicht wegen seiner Ausführungen. Sondern weil ihr Brechreiz stärker wurde.
Er hockte vor ihr. Immer wieder dieses penetrante Grinsen auf dem Gesicht. Es war böse. Irr. Krank. Aber zugleich auch sehr schlau. Ian Slade war ein Psychopath, aber Psychopathen waren, wie Kate nur zu gut wusste, keineswegs dumm. Es war nicht anzunehmen, dass er irgendeinen Fehler gemacht hatte – einen Fehler, der dazu führen würde, dass die Polizei das Versteck fand. Er war clever und sehr selbstsicher. Er hatte, das war erkennbar, die Lage absolut im Griff. Selbst in Oliver Walshs Wohnung, als unerwartet zwei Personen vor der Tür gestanden und geklingelt hatten, war ihm die Situation nicht entglitten. Er hatte nicht gewusst, dass es sich um Polizisten handelte, aber er hatte geschossen, bevor irgendetwas aus dem Ruder hatte laufen können. Dann hatte er das Weite gesucht. Kate war nicht ganz klar, warum er sie mitgenommen hatte, anstatt sie auch einfach abzuknallen. Im Grunde stellte sie eine Belastung für ihn dar. Aber vielleicht lag es daran, dass sie sich als Polizistin zu erkennen gegeben hatte. Als er in dem Treppenhaus plötzlich wie ein riesiger Schatten vor ihr aufgetaucht war, schwarz und übergroß, die Helligkeit des kleinen Fensters völlig abdunkelnd, da hatte sie, unbewaffnet zwei Stufen unter ihm stehend, gesagt: »Detective Sergeant Kate Linville, CID Scarborough. Legen Sie sofort Ihre Waffe nieder!«
Er hatte sie völlig perplex angeschaut und wahrscheinlich nur nicht geschossen, weil ihre Unverfrorenheit ihn restlos überrumpelt hatte, aber dann hatte sich dieses Grinsen über seinem Gesicht ausgebreitet, dieses widerwärtige Grinsen, das Kate den letzten Nerv raubte, und er hatte leise gesagt: »Sieh mal an. Eine Polizistin …«
Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er in diesem Moment entschied, sie am Leben zu lassen, zumindest vorläufig. Vielleicht dachte er, eine Polizistin als Geisel könnte ihm noch von Nutzen sein. Oder er fand es einfach toll, eine Polizistin in seiner Gewalt zu haben.
Eine Polizistin zu foltern. Kate wusste, dass das manchen Kriminellen ein geradezu berauschendes Machtgefühl verlieh.
Er hatte sie mit vorgehaltener Pistole gezwungen, in sein Auto zu steigen. Ein schäbiger, uralter Kastenwagen, mit einiger Sicherheit der des unglücklichen Jack Gregory. Kate hatte sich so langsam bewegt, wie sie nur konnte, in der Hoffnung, Zeit zu schinden und den Menschen in den umliegenden Häusern die Möglichkeit zu geben, die Szene zu beobachten und die Polizei zu rufen. Aber es hatte nicht den Anschein, als blicke jemand genau in diesen Minuten hinaus auf die Straße. Auf dem Boden des Laderaums lag eine Matratze. An den Seiten standen große Plastikboxen. Kate erinnerte sich, dass Jack Gregory seinen Transit als Camper genutzt hatte. Wahrscheinlich befanden sich Geschirr und Besteck und andere Gebrauchsutensilien in den Boxen. Leider nutzte ihr das nichts. Slade fesselte sie an Händen und Füßen. Keine Chance, an irgendeinen Gegenstand heranzukommen und ihn als Waffe zu nutzen. Immerhin knebelte er sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sie fragte sich, was er mit ihr vorhatte. Und sie fragte sich, wie es Robert Stewart ging. Er hatte sich nicht mehr bewegt, hatte wie eine große Stoffpuppe gewirkt, die jemand achtlos auf die Treppenstufen geworfen hatte. Sie betete, dass er nur bewusstlos und am Leben war. Sie betete, dass er schnell ärztliche Hilfe bekam.
Sie betete, dass sie selbst das alles irgendwie überstehen würde, aber sie dachte gleichzeitig, dass sie verdammt schlechte Karten hatte.
Nach ihrer Schätzung dauerte die Fahrt knappe zwei Stunden.
Die Nacht war hereingebrochen, als sie endlich anhielten und als er die beiden Türen des Kastenwagens wieder öffnete. Er klebte Kate Paketklebeband vor die Augen und löste ihre Beinfesseln, ehe er sie aufforderte auszusteigen. Im ersten Moment trugen ihre Beine sie kaum. Durch die Fesselung hatte sie in einer verrenkten Haltung ausharren müssen, und ihre Muskeln waren völlig verkrampft. Sie stieß einen Schmerzenslaut aus, aber Ian Slade bohrte ihr ungerührt einen harten Gegenstand zwischen die Schulterblätter – seine Pistole, nahm sie an – und drängte sie vorwärtszugehen.
»Los jetzt! Keine Müdigkeit vorschützen!«
Sie sah gar nichts und bewegte sich in vorsichtigen Trippelschritten voran. Dann machte Ian einen Schritt an ihr vorbei und öffnete eine Tür. Sie gelangten in das Innere eines Hauses. Steinfliesen unter den Füßen. Mit den Ellbogen stieß sie gegen den rauen Putz der Wände. Es roch nicht gut. Irgendwie feucht, etwas modrig. Ein Haus, in dem lange niemand gewohnt hatte. Kates Hoffnung sank. Die ganze Fahrt über hatte sie überlegt, wo das Versteck liegen mochte, Ian Slades Rückzugsort, und nun vermutete sie, dass er in ein leer stehendes Haus eingedrungen war, in Küstennähe vielleicht, und dass auf absehbare Zeit niemand dieses Haus aufsuchen und entdecken würde, was dort vor sich ging. Slade dürfte überprüft haben, ob er sich dort sicher fühlen konnte.
Niemand würde sie finden.
Die Frage war, ob Sascha Walsh den Ort kannte. Er stellte Kates einzigen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont dar, denn Sascha war wahrscheinlich zum Reden zu bringen. Trotzdem blieb da ein nagendes Misstrauen: Ian hatte Sascha nicht mitgenommen. Er hatte ihn in Walshs Wohnung zurückgelassen. Ein unkalkulierbares Risiko, und das sah ihm nicht ähnlich.
Kannte Sascha den Ort nicht? Und war deshalb keine Gefahr für Ian? Und keine Chance für Kate?
Und für Sophia. Kate fragte sich, ob Sophia auch in diesem Haus war. Sie wagte es, die Frage zu stellen. »Halten Sie Sophia Lewis auch hier gefangen? Lebt sie noch?«
Anstatt zu antworten, schlug er ihr so fest ins Gesicht, dass ihr Kopf zur Seite flog und gegen die Wand schlug. Vor Schmerz schossen ihr die Tränen in die Augen.
»Du stellst hier keine Fragen«, zischte er. »Verstanden? Wenn hier einer fragt, dann bin ich das!«
Sie waren dann in den Raum gelangt, in dem sich Kate nun befand, ein enger Raum, wie sie sehen konnte, nachdem Ian ihr den Klebestreifen von den Augen gerissen hatte. So brutal, dass sie das Gefühl hatte, er habe ihr alle Wimpern dabei ausgerissen. Sie konnte einen Klagelaut nicht unterdrücken. Er lachte. »So hat dich noch keiner behandelt, stimmt’s? Wird Zeit, du dumme, kleine Schlampe.«
Es war ein winziges Zimmer, eine Art Abstellkammer. Ein paar leere Regale entlang einer Wand wiesen darauf hin. Das hochgelegene Fenster war mit einem Rollladen verdunkelt. Licht kam von einer Glühbirne, die an der Decke hing. Ian hatte zwar dafür gesorgt, dass Kate nicht wusste, wo sie sich befand, aber er unternahm nicht den geringsten Versuch, seine Identität zu verbergen. Er ließ sie sein Gesicht sehen, er hatte von dem Heim erzählt. Er ging davon aus, dass sie wusste, wer er war, und das schien ihn nicht sonderlich zu beunruhigen.
Was umso beunruhigender für Kate war.
Dann also erfolgte die brutale Knebelung, er zwang sie, einen Socken auszuziehen und stopfte ihn in ihren Mund, dann fesselte er erneut ihre Beine und zog auch die Handfesseln noch einmal enger. In ihren Händen würde schon bald kaum noch Blut zirkulieren. Für den Moment war es aushaltbar, aber Kate wusste, dass ihr diese Art der Fesselung ziemlich bald starke Schmerzen bereiten würde. Im Augenblick war das Würgegefühl schlimmer. Und die Trockenheit, die durch die Wolle im Mund entstand. Kate hatte nicht geahnt, dass man im Mund so schnell derart austrocknen konnte. Und dass dies solche Schmerzen in den Schleimhäuten verursachte.
Zuletzt tastete er ihren ganzen Körper ab, griff in alle Taschen, ließ seine Hände sogar unter ihre Kleidungsstücke wandern, nahm ihren Dienstausweis an sich.
»Muss sein«, erklärte er. »Vorsicht macht sich immer bezahlt. Nicht dass du irgendwo doch noch eine Waffe hast. Oder ein Handy.«
Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es nichts gab, womit Kate ihm hätte gefährlich werden können, hockte er sich ihr gegenüber auf den Boden und berichtete ihr, wie es im Heim gewesen war und wie sehr er und vor allem Sascha gelitten hatten. Dann streichelte er mit fast zärtlichen Bewegungen seine Pistole.
»Die hat mir ein ehemaliger Kumpel aus dem Heim besorgt. Der seit drei Jahren draußen ist. Gute Kontakte sind wichtig, nicht wahr?«, sagte er. »Ich wollte schon immer einen Bullen abknallen. Aber das habe ich ja heute getan. Ich denke, dein Kollege ist tot. Er wirkte ziemlich tot, wie er da auf der Treppe lag. Leider wusste ich nicht, dass es ein Bulle ist, als ich schoss. Das wäre richtig geil gewesen. Aber hinterher ist es auch nicht schlecht!«
Sie hoffte, dass er sich irrte. Dass Robert Stewart überlebte.
»Sascha habe ich auch erledigt. Kopfschuss.« Er seufzte, es klang unecht. »Armer Kerl. Aber es musste sein.«
Sascha tot. Der Schuss auf ihn musste für Kates Wahrnehmung in den Schüssen auf Robert Stewart untergegangen sein. Aber nun hatte sie die Antwort: Sascha hatte das Versteck gekannt, aber er konnte ihr nicht mehr helfen. Ian war kein Risiko eingegangen. Ein toter Mann redete nicht.
»Sascha war leider ziemlich unbrauchbar«, sagte Ian. »Er sollte Sophia erledigen, die Frau, die mich in dieses Irrenhaus in Birmingham gebracht hat. Mir sollte man nicht den Mord an einer Frau nachweisen können, bei der ich ein Motiv hätte, sie umzubringen. Umgekehrt bei Sascha genauso. Ich würde seine Leute übernehmen. Wir hatten beide Alibis für den jeweiligen Zeitpunkt, waren in Kneipen mit vielen Menschen. Jemand hätte sich erinnert … Sascha sollte Sophia einfach abknallen, wenn sie morgens aus ihrem Haus kommt. Aber dann wurde mir klar, der trifft sie vermutlich nicht, und dann wird es unnötig kompliziert. Also kam ich auf die Idee mit dem Draht. Ich hatte ihre Gewohnheiten ausgekundschaftet und fand den Plan geradezu genial. Wenn es gut lief, würde sie sich schon bei dem Sturz das Genick brechen, aber sicherheitshalber sollte Sascha ihr dann noch in den Kopf schießen. Sie bot ja ein leichtes Ziel, reglos auf dem Boden liegend. Aber dann bekam er nicht einmal das hin, schoss irgendwo in die Gegend und suchte das Weite.«
Das Leck in Ians Plan. Saschas Sensibilität. Er hatte keinerlei kriminelle Energie in sich.
»Als ich in der Zeitung las, dass Sophia für den Rest ihres Lebens querschnittsgelähmt ist, war ich schwer versucht, es dabei zu belassen«, fuhr Ian fort. »Wie krass ist das denn? Eine bessere Strafe gab es gar nicht für das Miststück. Aber dann wurde mir das Risiko klar. Sie würde wissen, wer dahintersteckte. Und sie würde reden. Jeder Tag war eine Gefahr. Ich musste sie unschädlich machen.«
Er grinste wieder. »Ist mir ja auch gelungen. Mir gelingt immer alles. Ihre Entführung war ein Coup, was? Falsche Papiere einer Krankenpflegeschule waren kein Problem dank meiner Beziehungen. Den Krankentransporter habe ich in einem See versenkt. Nach dem habt ihr wie wild gesucht, stimmt’s? Aber so dumm, dass ich den in meiner Nähe herumstehen lasse, bin ich nicht.«
Er war vollkommen mit sich zufrieden. Aus seiner Sicht hatte er leider jeden Grund dazu.
»Weißt du, Kate«, er hatte sich ihren Namen gemerkt, »die Sache ist wirklich die, dass ich schlauer bin als die meisten Menschen. Ich habe einfach mehr im Kopf. Zum Beispiel in dem blöden Heim … Ich kam zwei Jahre nach Sascha dorthin. Ich wusste ganz schnell, dass dieser arme Junge nichts mit dem Tod seiner Schwester zu tun hatte. Das war einfach klar. Er ist nicht der Typ. Der ertränkt niemanden. Sascha geht nach einem Regenschauer die Straße entlang und sammelt Regenwürmer auf und setzt sie in die Erde. Und er passt auf, wo er hintritt, denn da könnte ja ein Käfer sitzen oder eine Raupe oder was weiß ich. So ein Mensch ist das. Ich wusste, der hat im Leben nicht seine Schwester ertränkt. Aber die Therapeuten und Erzieher und der bescheuerte Direktor, alle glaubten sie es und machten sich Gedanken und Sorgen und … Bullshit! Ich hingegen dachte immer, ihr solltet nicht so viel Energie in den armen Sascha stecken. Sondern lieber in die Frage, wer es denn wirklich getan hat. Ich meine, irgendwer ersäuft ein Baby und läuft straffrei da draußen rum. Wahnsinn, oder?«
Kate konnte nichts erwidern. Die Genugtuung, einfach nur einen würgenden Laut von sich zu geben, wollte sie ihm nicht verschaffen. Außerdem hätte das ihren Brechreiz verstärkt.
»Ich habe es irgendwann aus Sascha herausbekommen. Mir hat er mehr vertraut als den Erwachsenen, deshalb hat er es schließlich erzählt. Seine durchgeknallte Adoptivmutter war es. Und sein Adoptivvater hat den Plan gefasst, das alles dem hirnlosen Sascha in die Schuhe zu schieben. Das Kindermädchen hat mitgemacht. Ich kam dann auf die Idee, dass wir Rache nehmen. Sascha hat zwar mit geplant, aber es war eindeutig so, dass er nicht ernsthaft dahinterstand. Er wollte mir gefallen, und außerdem habe ich ihn beschützt. Es ging ihm besser, solange er mir nach dem Mund redete, die großen Jungs trauten sich nicht mehr an ihn ran, und insgeheim dachte er wahrscheinlich, wir setzen das dann doch nie um. Aber da kannte er Ian Slade schlecht. Ich rede nicht nur so. Ich bin einer, der handelt.«
Er war wieder einmal vollauf mit sich im Reinen. Manchmal war es dieser Grad an Selbstzufriedenheit, der Verbrecher verleitete, Fehler zu machen. Das hatte Kate oft erlebt. Allerdings konnte Ian im Moment nicht mehr viel falsch machen. Er hatte die gesamte Situation unter Kontrolle.
»Ich habe monatelang alle beschattet. Sophia. Oliver. Alice. Xenia. Herausgefunden, wer wo wohnt. Die Lebensgewohnheiten erkundet. War eine ganz schöne Herumfahrerei. Aber irgendwann wusste ich richtig gut Bescheid. Ich bin Xenia nach London gefolgt. Im Zug. Und zurück. Ich wollte sie erst nur ein bisschen verstören, indem ich mich hingesetzt und sie angestarrt habe. Aber dann … irgendwie war es verlockend. Sie einfach abzuknallen.«
Riskant. Er schien gerne mit dem Feuer zu spielen. Vielleicht würde er darüber stolpern.
Er betrachtete sie, als sei sie ein interessantes Objekt auf einem Seziertisch. »Was mache ich mit euch? Mit dir und Sophia?«
Immerhin: Sophia lebte offensichtlich. Möglicherweise befand sie sich im selben Haus. Aber was nützte es? So wild die Gedanken hinter Kates Stirn abliefen, der rettende Einfall wollte nicht kommen. Es gab einfach keinen Ausweg. Sie konnte im Grunde nur auf ihre Kollegen hoffen, und sie ahnte, wie hilflos sich diese gerade fühlten.
»Sophia hat mein Leben zerstört«, sagte Ian. »In so einem Heim zerbricht etwas in dir. Du kannst dir das wahrscheinlich nicht vorstellen. Du bist sicher total behütet aufgewachsen, immer schön beschützt von Mummy und Daddy. Ich habe mir überlegt, dass ich Sophia vergrabe. In einer Kiste. Wie findest du das?«
Jetzt konnte sie nicht anders, als einen Laut von sich geben. Es wurde ein seltsames Geräusch, das nicht im Mindesten dem gerecht wurde, was sie empfand: blankes Entsetzen. Denn so weit glaubte sie ihn bereits in seinem Wesen zu erfassen, um zu wissen, dass er nicht bluffte. Er war brutal, er liebte Grausamkeiten, sie waren sein Lebenselixier. Er war förmlich süchtig danach. Und was Sophia betraf, so kam noch sein persönlicher Hass dazu. Er hasste sie abgrundtief. Typisch für einen Menschen seiner Wesensstruktur, hochgradig narzisstisch, sah er nicht, dass er ganz allein durch sein Verhalten, durch die Entführung eines kleinen Mädchens, mit dem Gesetz in Konflikt geraten und damit im Heim gelandet war. Er schob die Schuld ausschließlich Sophia zu. Und er war rasend vor Wut. Die Wut war in all den Jahren gewachsen, hatte sich gestaut, hatte an Kraft gewonnen. Nun, da es keinen Damm mehr gab, brach sie mit einer Macht hervor, der durch nichts Einhalt zu gebieten war. Selbst wenn Kate hätte sprechen können, sie wusste, es hätte nichts genützt, an irgendeine Moral in Ian Slade zu appellieren. Er hatte keine Moral. Und wenn es doch irgendwo einen Funken gab – was Kate eher bezweifelte –, dann war er unter der Gewalt seines Hasses erloschen.
»Vielleicht«, sagte er langsam, »mache ich mit dir dasselbe. Was meinst du? Dann wird euch niemals irgendjemand finden.«
Er grinste.
Voller Entsetzen erkannte Kate, dass sein Hass auf Polizisten vermutlich so groß war wie sein Hass auf Sophia.
Sie würde sterben, und er würde es so qualvoll wie möglich gestalten.
4
Caleb war unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte, und schließlich überlegte er, dass es Sinn machen könnte, mit Xenia Paget und Oliver Walsh zu sprechen. Vielleicht hatten sie doch noch eine Idee, wo sich Slade mit seinen Opfern verstecken könnte. Auch wieder nur eine vage Hoffnung. Ganz sicher waren sie bereits vernommen worden, offenbar ohne eine bahnbrechende Vermutung geäußert zu haben. Aber Caleb hatte oft erlebt, dass es Sinn machte, Menschen mehrfach zu befragen und dabei auch verschiedene Personen einzusetzen. Das Problem war, dass Leute oft etwas wussten, die Relevanz jedoch nicht erkannten und deshalb wichtige Anhaltspunkte arglos für sich behielten. Eine einzige richtige Frage, auf die richtige Art gestellt, konnte zu völlig neuen Erkenntnissen führen. Sowohl bei den Fragen als auch bei den Antworten spielte oft der Zufall eine entscheidende Rolle.
Also wieder nach Leeds, wo Walsh und Xenia Paget nach Helens Angaben in einem Krankenhaus lagen. Es würde nicht einfach werden, mit Sicherheit hatten sie Polizeischutz. An dem er, Caleb, irgendwie vorbeimusste.
Das Problem würde er lösen, wenn er vor Ort war.
Er fuhr Richtung M1, tief in Gedanken versunken, und schreckte auf, als er plötzlich von einem Polizeiauto überholt wurde, das kurz darauf vor ihm in eine Parkbucht schwenkte, mit dem leuchtenden elektronischen Hinweis in der Heckscheibe, er möge folgen. Caleb fluchte leise. Hatte man schon mitbekommen, dass er unbefugt ermittelte? Hatten die Dales in Bromwich oder Maud Callaghan in Nottingham einen wütenden Anruf beim nächsten Revier getätigt, weil schon wieder jemand bei ihnen aufgetaucht war und dieselben Fragen gestellt hatte, die sie nicht beantworten konnten?
Aber würde man ihm deshalb gleich eine Streife hinterherjagen?
Er fuhr an den Rand. Ein uniformierter Beamter stieg aus dem anderen Fahrzeug aus, trat an Calebs Auto heran. Caleb ließ die Scheibe hinunter.
»Guten Tag, Sir. Tut mir leid, aber Sie sind vorhin deutlich zu schnell durch zwei Dörfer gefahren. Ich würde gerne Ihre Papiere sehen.«
Caleb atmete auf. Bescheuert von ihm natürlich, zu schnell zu fahren, aber immerhin: Es hatte nichts mit seinen Ermittlungen zu tun.
Er reichte Führerschein und Fahrzeugpapiere nach draußen, und zum Abschluss seinen Dienstausweis. Der Beamte nahm sofort Haltung an.
»Oh. Detective Chief Inspector Hale. Ich wusste nicht …«
Caleb winkte ab. »Kein Problem. Ich bin ja offensichtlich zu schnell gefahren.«
»Sir, falls Sie in einer Ermittlung unterwegs sind, dann …«
»Eine Entführung.«
Der Beamte reichte die Papiere zurück, tippte sich kurz an die Mütze. »Alles klar. Nichts, was man weiterverfolgen müsste. Tut mir leid, dass ich Sie gestoppt habe. Man sieht es ja niemandem an, wer er ist.«
Er nickte grüßend, wandte sich dann zum Gehen und stieg wieder in sein Auto.
Caleb starrte hinter ihm her. Irgendetwas erwachte in seinem Hinterkopf, ein Gedanke … Etwas, das dieser Mann gerade gesagt hatte.
Man sieht es ja niemandem an, wer er ist.
Irgendetwas hatte ihn heute gestört. In einer Situation hatte er das Gefühl gehabt, dass ihm etwas seltsam vorkam, aber er hatte es nicht zu fassen gekriegt.
Dieses Ehepaar in West Bromwich. Mr. und Mrs. Dales.
Dales.
Slade.
Dieselben Buchstaben. Nur in einer anderen Reihenfolge. Slade und Dales.
Er sortierte die Informationen, die er hatte: Ian Slade war 2006 in das Heim in Nottingham gekommen. Seine Eltern waren bald darauf weggezogen, niemand wusste, wohin.
Vermutlich hatte es nie eine Suche nach den Slades gegeben. Es stand Menschen frei zu verschwinden, solange sie keine Schulden oder sonstige Verpflichtungen hinterließen. Es hatte niemanden verwundert, dass die Slades das Weite gesucht hatten. Ihr Sohn, selbst noch ein Kind, aber verhaltensauffällig praktisch seit dem ersten Tag seines Lebens, hatte ein kleines Mädchen in seine Gewalt gebracht und – so wie man ihn kannte und einschätzte – Schlimmstes mit ihr vorgehabt. Jetzt saß er in einer berüchtigten Erziehungsanstalt, in der die schlimmsten Fälle des ganzen Landes untergebracht waren. In Bromwich zu leben musste für die Slades einem täglichen Spießrutenlauf geglichen haben.
Doch was, wenn sie zurückgekehrt waren?
Welchen Beweis gab es, dass die Stadt das Haus an Sozialhilfeempfänger weitervermietet hatte? Nach allem, was er wusste, stand dafür nur die Aussage des Ehepaars Dales. Er nahm an, dass niemand das überprüft hatte. Hatte sich überhaupt jemand die Papiere der beiden zeigen lassen? Er jedenfalls nicht. Die Kollegen wahrscheinlich auch nicht. Es war ein routinemäßiges Überprüfen einer Adresse gewesen, niemand hatte ernsthaft geglaubt, dort Hinweise auf Ian Slade zu finden. Nach so vielen Jahren.
Aber wenn es die Eltern waren? Die einfach in ihr altes Haus zurückgekehrt waren? Es erneut gemietet hatten? Oder den ursprünglichen Mietvertrag nie gelöst hatten, was allerdings ein teurer Spaß gewesen wäre, aber man durfte nichts ausschließen.
Hätte sich aber ihre Rückkehr nicht in der Nachbarschaft herumgesprochen? Hatte es eine Nachbarschaftsbefragung gegeben?
Vielleicht zeigten die Dales sich nicht draußen. Vielleicht wurden sie von ihrem Sohn versorgt.
Ian.
War das logisch? Würden die Nachbarn Ian nicht erkennen?
Er war zwölf gewesen, als er fortmusste. Er war jetzt vierundzwanzig. Nein, er mochte nicht ohne Weiteres zu erkennen sein. Bewegte sich vielleicht auch nur im Schutz der Dunkelheit hinein und hinaus. Kaufte Lebensmittel in entfernten Städten ein. Parkte sein Auto um ein paar Straßenecken herum.
Es war denkbar.
Das hieße, Kate befand sich in dem Haus in Bromwich. Und er hatte in der Tür gestanden. Vielleicht nur Schritte von ihr entfernt.
Die Dales waren sehr nervös gewesen. Auch Maud Callaghan hatte irritiert reagiert, als zum zweiten Mal die Polizei aufkreuzte, um sie in derselben Angelegenheit zu befragen wie zuvor, aber sie hatte nicht beunruhigt gewirkt. Die Unruhe der Dales hingegen war greifbar gewesen.
Dales. Slade. Die Namen ließen Caleb nicht mehr los.
Er wählte die Nummer von Helen, betete, dass sie erreichbar war. Zum Glück meldete sie sich sofort.
»Sergeant, wissen Sie zufällig, wie genau die Dales in Bromwich überprüft wurden?«, fragte er ohne Einleitung. »Sind ihre Angaben gegengecheckt worden? Hat es eine Nachbarschaftsbefragung gegeben?«
Helen wirkte überrascht. »Soweit ich weiß, handelte es sich nur um eine kurze Befragung an der Haustür. Warum? Haben sich Ungereimtheiten ergeben? Und wo sind Sie überhaupt gerade?«
»Ich komme gerade von Nottingham. Ich war bei dem früheren Haus der Familie Walsh, davor bei dem der Slades. Hat sich eigentlich niemand über den Namen der Leute dort Gedanken gemacht? Dales
Helen dachte eine Sekunde nach, dann sagte sie überrascht: »Ach!«
»Ist mir auch nicht sofort aufgefallen«, gab Caleb zu. »Wissen Sie, ob sich die Kollegen die Ausweise haben zeigen lassen?«
»Ich weiß es nicht, vermute aber eher, nein. Die beiden waren ja nicht verdächtig, es ging nur darum, den Ort zu sehen und mögliche Hinweise auf den Verbleib des Ehepaars Slade zu erfragen, aber das scheint nichts ergeben zu haben.«
»Die Dales waren extrem nervös. Ungewöhnlich nervös.«
»Sir, denken Sie …?«
»Es könnten die Slades sein, oder? Ian Slades spurlos verschwundene Eltern.«
»Die zurückgekommen sind?«
»Warum nicht?«
»Aber«, sagte Helen, »ihre Nachbarn würden sie erkennen.«
»Die Nachbarn hat niemand gefragt. Zum Teil dürfte sich die Nachbarschaft über die Jahre auch verändert haben. Zudem – vielleicht verlassen die Dales kaum das Haus?«
»Sie müssen einkaufen.«
»Vielleicht macht das Ian für sie.«
Helen schwieg einen Moment, verdaute die Informationen und Gedanken der letzten Minuten.
»Das alles«, meinte sie dann zögernd, »ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Trotzdem ist es im Moment reine Spekulation. Was sollen wir tun? Wenn ich jetzt zum Chef gehe und …«
»Wer leitet denn jetzt die Ermittlungen?«, unterbrach Caleb.
»Der Chief Superintendent selbst.«
Calebs besonderer Freund. Der Mann, der die Suspendierung angeordnet hatte. Caleb konnte sich vorstellen, wie er reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sein alkoholabhängiger ehemaliger Mitarbeiter auf eigene Faust nach Kate Linville suchte und dabei den Dienstausweis benutzte, den er längst hätte abgeben müssen.
Er überlegte kurz. »Hören Sie zu, Sergeant, ich fahre jetzt noch mal zu den Dales. Ich will sehen, ob ich mehr herausfinden kann. Vielleicht könnten Sie inzwischen zu klären versuchen, an wen die Stadt das Haus vermietet hat. Das würde uns erheblich weiterbringen.«
»Das kann ich machen. Aber wollen Sie nicht lieber abwarten, bis ich das überprüft habe? Ehe Sie irgendwelche Schritte unternehmen?« Helen klang beunruhigt und gestresst. Wenn Caleb jetzt Dinge in Bewegung brachte, die sich zum Schluss als nicht zielführend erwiesen, würde das jede Menge Ärger verursachen, und in dem Zusammenhang käme auch ans Tageslicht, dass sie, Helen, ihrem suspendierten ehemaligen Chef zugearbeitet hatte.
Caleb erriet, was sie dachte.
»Ich werde sehr vorsichtig sein. Ich unternehme nichts Konkretes, ehe ich nicht neue Erkenntnisse von Ihnen bekomme. Aber ich will zu dem Haus. Es kann sein, dass die Dales durch ein zweimaliges Erscheinen der Polizei aufgescheucht sind. Falls Kate und Sophia in dem Haus sind, dürfen wir nicht so lange warten, bis man sie weggebracht hat.«
»Ich melde mich, sowie ich Neues in Erfahrung bringen konnte«, versprach Helen und legte auf.
Caleb fuhr weiter. Der Tag klarte auf, blauer Himmel blitzte zwischen den Wolken hervor, die von einem leichten Wind immer weiter auseinandergetrieben wurden. Bis er Bromwich erreicht hatte, strahlte die Sonne. Der Sommer nahm endlich wieder Fahrt auf. Allerdings hatte Caleb in diesem Moment wenig Sinn dafür.
Er hielt gegenüber dem Haus der Dales. Niemand ließ sich blicken. Der verwilderte Garten, die geschlossenen Fenster, die Stille – es wirkte wie ein leeres, verlassenes Haus. So hatte es zuvor allerdings auch ausgesehen, und dennoch waren die Dales daheim gewesen. Diese Menschen führten ein völlig abgeschottetes Leben. Aus gutem Grund?
Er stieg aus. Es war deutlich wärmer geworden. Er zog sein Jackett aus, warf es achtlos auf den Fahrersitz, setzte seine Sonnenbrille auf. Die Vorstellung, dass Kate irgendwo hinter diesen dunklen Fenstern gefangen gehalten wurde, ließ ihn vibrieren. Noch schlimmer jedoch war die Vorstellung, sie könnte bereits fortgeschafft worden sein. Hätte die Zeit ausgereicht? Er war über zwei Stunden unterwegs gewesen. Vermutlich hätte man das schaffen können.
Er überquerte die Straße, betrat den Garten. Er wusste noch nicht, was er sagen würde, wenn er den Dales nun gleich wieder gegenüberstand. Er hoffte auf eine Eingebung. Er hoffte, ihm würde etwas einfallen, weshalb sie ihn ins Haus bitten mussten.
Er musste da rein.
Auf sein Klopfen reagierte niemand. Alles blieb still. Er wartete, klopfte erneut, dann noch einmal. Nichts. Die Dales waren entweder nicht zu Hause, oder sie wollten nicht öffnen.
In langsamen, vorsichtigen Schritten umrundete Caleb das Haus. Der Verfall, den es atmete, deprimierte und erschreckte ihn. Das Dach sah nicht so aus, als hielte es Regengüssen stand, die Fenster, die in von jahrzehntelanger Feuchtigkeit aufgequollenen Rahmen hingen, vermochten im Winter sicher kaum die Kälte auszusperren. An dem Haus war nie etwas gemacht worden, und inzwischen konnte man es eigentlich nur noch abreißen.
Er war auf der Rückseite angekommen. Hier gab es noch ein Stück Garten, der aus hohem, vergilbtem Gras und aus wild wuchernden Brombeerranken bestand. Er endete an einer roten Ziegelmauer, aus der allerdings schon etliche Steine herausgebrochen waren. Hinter der Mauer begann das nächste Grundstück.
Das alles wirkte zwar völlig heruntergekommen, aber zugleich ganz und gar unspektakulär.
Was Caleb jedoch elektrisierte, waren die Fenster auf der Rückseite des Hauses. Sie waren mit Brettern vernagelt.
Weil die Scheiben kaputt oder die Dichtungen zu porös waren? Oder weil man verhindern wollte, dass jemand in die Räume dahinter blicken konnte?
Es wäre ohnehin schwierig. Da das Grundstück leicht abfiel, lagen die Fenster hier hinten höher als vorne. Ein groß gewachsener Mann wie Caleb hätte, auf den Zehenspitzen stehend, knapp hineinspähen können, jeder kleinere Mensch hätte nichts gesehen. Dennoch, jemand hatte hier für eine völlige Abschottung gesorgt. Warum?
Calebs Herz und sein Puls beschleunigten sich. Etwas stimmte hier nicht, da war er sicher. Das Haus wirkte völlig verlassen, aus irgendeinem Grund hatte er nicht den Eindruck, dass die Dales in ihrem Wohnzimmer saßen und einfach nicht reagierten. Sie waren fortgegangen. Nachdem er da gewesen war. Zufall?
Oder brachten sie Kate und Sophia weg?
Alleine konnten sie das kaum bewerkstelligen. Sie waren nicht sehr alt, aber vom Leben abgenutzt, verbraucht. Man sah ihnen an, dass sie sich ungesund ernährten und vermutlich zu wenig bewegten. Abgekämpft und energielos. Sie würden keine querschnittsgelähmte Frau in ein Auto schleppen können. Noch dazu mitten am Tag. Jeder aus der Nachbarschaft hätte zuschauen können.
Trotzdem. Er musste da jetzt rein. Er musste wissen, wer diese Leute waren. Und vielleicht fanden sich Hinweise, dass jemand hier festgehalten worden war.
Probeweise rüttelte Caleb an einem der Holzbretter, die eines der Fenster verschlossen, und hielt es im nächsten Moment in der Hand. Die Befestigung taugte nichts oder hatte sich allmählich abgenutzt. Das Brett war vollkommen morsch. Das Ganze schien nicht erst kürzlich angebracht worden zu sein, was dagegen sprach, dass … Egal.
Er zerrte die anderen Bretter ab und stand vor einem offenen Fenster. Die Glasscheibe war herausgebrochen, ein paar gefährlich gezackte Ränder standen noch. Caleb zog sich am Fensterbrett hoch und kroch, so vorsichtig er konnte, hinein. Er spürte einen scharfen Schmerz an der Schulter und wusste, dass ihn eine der Scherben erwischt hatte. Es tat teuflisch weh, aber er biss die Zähne zusammen. Sprang hinunter auf den Fußboden und stand in einem kleinen Zimmer. Er nahm seine Sonnenbrille ab.
Ein Doppelbett mit sorgfältig glatt gestrichener Tagesdecke darüber. Ein Kleiderschrank, der nicht so aussah, als würde er es noch lange aushalten, dass man seine Türen öffnete, ohne dass er in sich zusammenkrachte. Aus einem Wäschekorb in der Ecke quoll die Schmutzwäsche. Er befand sich höchstwahrscheinlich im Schlafzimmer des Ehepaares Dales.
Die Tür zum Gang stand offen. Caleb spähte ihn entlang. Eine Garderobe an der Wand mit ein paar Mänteln daran. Sonst nichts.
Er war jetzt ziemlich sicher, dass niemand zu Hause war. Er war nicht gerade leise gewesen, als er die Bretterverschalung abgerissen hatte, jeder im Haus hätte es gehört. Aber nichts rührte sich. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.
Vom Flur zweigten drei Türen ab, von denen eine offen stand. Caleb schaute hinein. Eine Wohnküche, unfassbar abgewohnt. Schimmel in den Ecken. Ein altmodischer Gasherd. Ein verrosteter Wasserhahn, der tropfte, wahrscheinlich konnte er gar nicht mehr richtig zugedreht werden. Ein Tisch und zwei Stühle, ein paar Hängeschränke mit Plastikverkleidung. Unter dem Fenster ein durchgesessenes graues Sofa. Ein riesiger Fernseher auf einem Regal. Es roch schlecht in dem Raum, nach vergammeltem Essen und nach Feuchtigkeit.
Die Armut, in der Ian Slade aufgewachsen war, wurde überall in diesem Haus sichtbar. Spürbar. Trotzdem, weder war das eine Entschuldigung noch eine Erklärung für das, was aus ihm geworden war und was sich in ihm schon als kleines Kind abgezeichnet hatte. Viele Menschen wuchsen in schwierigen Verhältnissen auf. Die wenigsten wurden zu Psychopathen.
Caleb verließ die Küche, öffnete nacheinander die beiden anderen Türen, die vom Flur abgingen. Die eine führte in eine Art Rumpelkammer, in die offenbar alles geschoben und gestopft wurde, was gerade nicht gebraucht wurde: Kaputte Möbel, Pappkartons, Plastikplanen, leere Blumentöpfe, zerbrochenes Geschirr. Das Zeug türmte sich bis fast zur Decke. Hier passte definitiv kein Mensch mehr dazwischen.
Hinter der anderen Tür lag das Bad. Es war dunkel, weil das Fenster ebenfalls mit Brettern vernagelt war. Caleb schaltete das Licht ein. Ihm wurde fast schlecht, so viel Schimmel wuchs hier überall. Kein Wunder, das Fenster ließ sich ja nicht mehr öffnen. Es gab eine Badewanne mit einem vergilbten Duschvorhang aus Plastik, eine Toilette, ein kleines Waschbecken mit einem Spiegel darüber, durch dessen Mitte ein Riss lief. Der langhaarige Teppichvorleger auf dem Fußboden vermittelte Caleb den Eindruck, er würde krabbeln, aber vielleicht bildete er sich das nur ein.
Dieses Haus war eine einzige Müllkippe. Ein Gefangenenlager war es augenscheinlich nicht.
Es sei denn, es gab einen Dachboden. Oder einen Keller.
Caleb schaute nach oben und nach unten. Nirgends eine Klappe, weder in der Decke noch auf dem Boden.
Es sah auch nicht so aus, als sei hier jemals jemand eingesperrt gewesen.
Aber er war sicher, verdammt, so sicher! Hier war etwas faul.
Er überlegte, was er als Nächstes tun sollte – es gab so wenig Optionen, genau genommen, sah er praktisch keine –, da vernahm er den Schlüssel in der Haustür. Er stand vor der Badezimmertür im Flur. Mr. und Mrs. Dales kamen herein und starrten ihn entgeistert an. Sie trugen Einkaufstaschen und wirkten abgekämpft und verschwitzt.
Sekundenlang sagte niemand etwas. Dann begann Mrs. Dales zu schreien.
»Einbrecher!«, kreischte sie. »Hilfe! Einbrecher! Oh Gott, Hilfe!«
Ihr Mann schaute etwas genauer hin und erkannte Caleb. »Sie?«, fragte er erstaunt. »Sie sind doch von der Polizei?«
»Ja«, sagte Caleb.
»So geht das nicht«, sagte Mr. Dales. »Sie können hier nicht einfach ins Haus eindringen.«
Seine Frau angelte ein Handy aus der Einkaufstasche. Caleb dachte nicht zum ersten Mal, wie seltsam es war, dass Menschen, ganz gleich wie arm, immer über die neusten Smartphones verfügten, ebenso wie über die größten Fernsehflachbildschirme.
Sie behielt ihn scharf im Auge, während sie hastig eine Nummer eintippte.
»Ja, Dales hier. Bitte kommen Sie ganz schnell. Bei uns ist ein Einbrecher im Haus. Ja, bitte!« Sie nannte ihre Adresse.
»Die Polizei wird gleich hier sein«, sagte sie.
Caleb seufzte. Ihm stand jede Menge Ärger bevor. Und noch etwas ging ihm auf: Er war tatsächlich auf der falschen Fährte. Diese Frau hätte nicht die Polizei gerufen, wäre sie in ein Verbrechen verwickelt.
Seine Intuition, von der er gehofft hatte, sie reiche wenigstens in Ansätzen an die von Kate heran, hatte ihn völlig im Stich gelassen.
5
Draußen genossen die Menschen den inzwischen sonnigen Augusttag, und sie hockte in der seelenlosen Cafeteria des Krankenhauses. Selten zuvor hatte sich Xenia so danach gesehnt, einen Raum zu verlassen und sich unter dem freien Himmel zu bewegen, die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut zu spüren und sich den Geruch des Sommers um die Nase wehen zu lassen. Es wäre so viel besser als die Plastiktische und Plastikstühle in dem großen Raum, in dem es nach irgendeinem warmen Essen roch, das Übelkeit in ihr erzeugte, besser als das Stimmengewirr, das Klappern von Tassen und Tellern und Besteck und als der Anblick der Menschen in Bademänteln, Jogginganzügen und Pantoffeln. Manche zogen Infusionsständer hinter sich her.
Es war deprimierend.
Sie und Oliver saßen einander gegenüber, jeder einen Becher Kaffee vor sich. Xenia hatte sich außerdem einen Schokomuffin geholt, aber nun rührte sie ihn doch nicht an. Sie wollte endlich abnehmen, und am besten sie fing sofort damit an.
Das Krankenhaus hatte einen kleinen Garten, aber weder Oliver noch Xenia waren sicher gewesen, ob sie hinausdurften. Der Polizist, der vor ihren nebeneinanderliegenden Zimmern postiert war und ihnen auch jetzt in die Cafeteria gefolgt war, diente ihrem Schutz, solange sich Ian Slade auf freiem Fuß befand, aber vermutlich sollte er auch verhindern, dass sie sich abzuseilen versuchten. Sie würden sich vor Gericht verantworten müssen. Sie hatten eine Straftat, die Tötung eines kleinen Kindes, zu vertuschen geholfen, und sie hatten einen anderen Menschen, einen geistig eingeschränkten Jungen, zu Unrecht belastet. Das Ganze war fünfzehn Jahre her. Xenia kannte sich mit Verjährungsfristen nicht aus, sie hoffte, dass sich die lange Zeit, die seither vergangen war, irgendwie zu ihren Gunsten auswirken würde. Alice würde die Hauptlast zu tragen haben, nahm sie an, aber natürlich waren sie und Oliver nicht unschuldig. Würde man ihr zugutehalten, dass sie fremd gewesen war in England und zu diesem Zeitpunkt in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitgebern gestanden hatte? Auf jeden Fall brauchte sie einen Anwalt.
»Wie konnte es eigentlich passieren, dass Sie einen Mann geheiratet haben, mit dem Sie jetzt so unglücklich sind?«, fragte Oliver.
Sie hatte ihm an diesem Morgen im Krankenhaus davon erzählt. Als sie langsam die Gänge auf und ab gewandert waren. Sie versteckte sich nicht mehr hinter der biederen, ordentlichen Fassade des beschaulichen Lebens im Reihenhaus in Bramhope. Sie hatte ihm gesagt, wie unglücklich sie war. Wozu sollte sie jetzt noch den Schein wahren, wozu etwas vorgaukeln?
Sie erinnerte sich mit Grauen an die Zeit nach Lenas Tod. Sie hatte auf keinen Fall zurück nach Russland gewollt. Und sie hatte ständig in der Angst gelebt, von der Polizei aufgegriffen zu werden. Ihr Visum lief ab, und sie wusste, dass sie eigentlich fortmusste. Zudem hatte sie Angst, dass das, was geschehen war, ans Tageslicht kommen und dass sie mit zur Verantwortung gezogen werden würde. Monatelang versteckte sie sich zitternd in Hauseingängen oder Hofeinfahrten, wenn sie auch nur in der Ferne einen Polizisten oder ein Polizeiauto sah. Über ein Jahr lang hielt sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, meist servierte sie in Pubs oder spülte Geschirr oder putzte Toiletten. Sie wohnte in unfassbar billigen, heruntergekommenen Zimmern, deren einziger Vorteil darin bestand, dass die Vermieter es mit den Papieren nicht so genau nahmen. Sie blieb nie länger als acht bis zehn Wochen an einem Ort. Sie war Teil eines monströsen Verbrechens. Sie durfte nicht auffallen.
Sie entfernte sich immer weiter von Nottingham und landete schließlich in Leeds, einer Stadt, von der sie vorher nichts gehört hatte, die ihr aber endlich weit genug entfernt erschien vom Ort des schrecklichen Geschehens. Es war Winter, der zweite Winter nach Lenas Tod, und sie fand Arbeit als Aushilfskraft in der Küche eines Altenheims, aber sie fand kein Zimmer – keines, in dem sie riskieren konnte, mit abgelaufenem Visum einzuchecken. In ihrer Verzweiflung kroch sie schließlich im Kellergeschoss eines leer stehenden Neubaus unter, ein eiskaltes, feuchtes Gebäude, in dem es nach frischem Mörtel roch und die Türen noch keine Klinken besaßen und nur angelehnt waren. Im Grunde kein Ort, an dem man im Februar leben konnte, aber sie hatte wenigstens ein Dach über dem Kopf und war geschützt, als dann auch noch starker Schneefall einsetzte. Auf einem kleinen Gaskocher machte sie sich Konserven warm und hüllte sich dabei in ihren Schlafsack, den sie sich trotz ihrer knappen Kasse geleistet hatte, denn ohne ihn wäre sie erfroren.
»Jacob fand mich dort eines Morgens vor«, berichtete sie. »Er arbeitet ja für eine Hausverwaltungsfirma und hatte diesen Gebäudekomplex zugeteilt bekommen. Er kam mit ein paar Leuten von der Baugesellschaft, um eine gemeinsame Inspektion durchzuführen. Ich lag dort in meinem Schlafsack und sah ganz schön verwahrlost aus. Die hielten mich für einen Drogenjunkie. Jacob rettete mich in diesem Moment, denn die anderen wollten die Polizei holen. Er wiegelte das ab und sagte, er werde sich um mich kümmern. Er nahm mich mit nach Hause, gab mir zu essen und zu trinken, ich konnte heiß duschen und meine Klamotten waschen.« Sie hielt inne. »Damals dachte ich noch, das Blatt habe sich endlich zu meinen Gunsten gewendet.«
»Aber er machte das alles nicht aus reiner Nächstenliebe«, mutmaßte Oliver.
Sie schüttelte den Kopf. »Er war schon lange auf der Suche nach einer Frau. Ohne Erfolg, weil es keine bei ihm aushielt. Da kam eine, der er in der Not helfen konnte und die deshalb dankbar sein musste, wie gerufen. Und ich war dumm genug …«
»Ja?«
»Er gab sich zu Anfang einigermaßen umgänglich, und in einem Moment der Schwäche erzählte ich ihm alles.«
»Alles?«, fragte Oliver entsetzt. »Von Alice? Von Lena? Von Sascha? Und von mir?«
Sie nickte. Sie starrte in ihre Kaffeetasse, dachte an den kalten Tag in Jacobs Wohnzimmer zurück, an ihre Verzweiflung, ihre Schuldgefühle, ihre Angst.
»Ich glaube, ich musste es einfach jemandem erzählen. Ich bin fast erstickt daran. Ich konnte es alleine nicht mehr tragen.«
»Ja«, sagte Oliver, »ich verstehe das.« Er selbst hatte immerhin Alice gehabt. Ihre Ehe war an alldem zerbrochen, aber sie hatten eine ganze Weile noch zumindest immer wieder über die Geschehnisse reden können. Xenia war völlig alleine gewesen.
»Ich hoffte auf seinen Trost. Darauf, dass er mein Gewissen ein wenig erleichtern würde. Ich brauchte jemanden, der mir sagte, dass ich für das alles nichts konnte und dass ich nicht anders hätte handeln können, als ich gehandelt habe. Ich kannte Jacob nicht gut genug, um zu wissen, dass er die völlig falsche Person für ein solches Geständnis ist. Jacob freut sich, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er je im Leben jemandem Trost gespendet hat.«
»Und Ihnen natürlich auch nicht.«
»Nein. Im Gegenteil, er bauschte das alles noch richtig auf. Erzählte mir geradezu wollüstig, was alles mit mir passieren würde, wenn das rauskäme. Nach seinen Schilderungen stand ich dicht davor, den Rest meines Lebens in irgendeinem Kellerverlies im Tower von London zu verbringen. Andererseits war mir natürlich klar, dass er im Kern recht hatte: Ungeschoren würde ich nicht davonkommen. Ganz und gar nicht.«
Oliver sah sie aus traurigen Augen an. »Wir hätten Sie da nie mit hineinziehen dürfen.«
Nein, dachte Xenia, und einen Moment lang spürte sie große Wut auf den verstörten, unglücklichen Mann, der da vor ihr saß.
»Das alles hätte nicht passieren dürfen«, sagte sie. »Alice hätte sich ihrer Schuld stellen müssen. Es wäre der einzige richtige Weg gewesen.«
»Sie hätte das Gefängnis nicht überlebt.«
»So hat Sascha nicht überlebt.«
Oliver schwieg. Was hätte er sagen sollen? Es gab keine Rechtfertigung für sein Verhalten.
»Auf jeden Fall«, fuhr Xenia sachlich fort, »zeigte Jacob von dem Moment an, da er Bescheid wusste, sein wahres Gesicht. Er hatte mich jetzt in der Hand. Er drohte unverhohlen damit, zur Polizei zu gehen, wenn ich nicht täte, was er sagte. Auf diese Weise erpresste er die Heirat. Er erpresste mein Ausharren in seinem Haus. Ich lebte wie eine unbezahlte Angestellte. Ich putzte und kochte und kümmerte mich um den Garten. Er kommandierte und befahl und meckerte an allem herum. Besonders an mir. Er nannte mich hässlich und fett. Er erklärte, ich sei eine völlige Versagerin, die von Glück reden konnte, dass sie ihn gefunden hatte. Irgendwann war ich so weit, das selbst auch zu glauben. Ich fühlte mich elend und minderwertig. Oft hatte ich das Gefühl, diesen Mann keinen einzigen Tag mehr zu ertragen. Aber was hätte ich tun sollen? Er wäre sofort zur Polizei gegangen.«
»Wer weiß«, meinte Oliver, »von irgendeinem Zeitpunkt an hatte er sich wahrscheinlich selbst strafbar gemacht. Er wusste von der Geschichte, und auch er meldete sie über Jahre nicht …«
»Er hätte immer behaupten können, es gerade erst erfahren zu haben. Sein Wort gegen meines. Es war zu riskant. Ich wagte es nicht.«
»Jetzt können Sie ihn verlassen«, sagte Oliver.
»Ja«, sagte Xenia. »Seltsam, oder? Vielleicht muss ich ins Gefängnis. Aber ich habe mich schon lange nicht mehr so befreit gefühlt wie jetzt.«
Oliver nahm einen Schluck von seinem Kaffee. »Mir geht es noch nicht so. Die Sache ist nicht zu Ende. Diese Polizistin, die entführt wurde …«
Es war ein grauenhafter Gedanke. Sie hatten Ian Slade erlebt, sie konnten sich vorstellen, was Kate bevorstand. Zwar trugen sie keine Schuld an Ians Rachefeldzug. Aber die Geschichten hatten sich vermischt, und es lag in ihrer Verantwortung, dass Sascha in die Fänge eines Psychopathen geraten und zu dessen Werkzeug geworden war. Durch ihr Verschulden hatte er seine Kindheit und Jugend in einer Einrichtung verbringen müssen, in der man Typen wie Ian Slade traf. Das alte Problem mit Gefängnissen, Erziehungsheimen und Ähnlichem: Mancher geriet überhaupt dort erst in den Sog des Bösen.
Sascha hatte es das Leben gekostet. An ihm waren sie alle schuldig geworden, und sie würden es nicht mehr gutmachen können.
Zwei Polizisten hatten mit ihnen geredet. Es ging darum, ein mögliches Versteck ausfindig zu machen, wo sich Ian mit seinen Opfern aufhalten könnte. Sie hatten sich die Köpfe zerbrochen. Es fiel ihnen nichts ein.
»Ich schätze, morgen können wir das Krankenhaus verlassen«, sagte Oliver. »Ich frage mich, ob sie uns nach Hause gehen lassen.«
»Ich denke nicht, dass sie an eine Fluchtgefahr glauben«, meinte Xenia. »Das Problem ist nur, ich habe kein Zuhause. Nie im Leben, nie, gehe ich zu Jacob zurück.«
»Komisch, dass er sich nicht blicken lässt.«
»Er kommt an unserem Bewacher nicht vorbei«, sagte Xenia und machte eine Kopfbewegung hin zu dem Polizisten, der etwas gelangweilt an der Wand neben der Tür lehnte. »Ich habe gesagt, dass ich ihn nicht sehen will.«
»Verstehe. Wollen Sie mit zu mir kommen?«
»Das ist nett, danke.« Sie überlegte. »Aber falls ich mich frei bewegen kann, werde ich als Erstes Colin Blair aufsuchen. Der Mann, dessen Auto ich genommen hatte. Ich muss das mit ihm klären. Unbedingt.«
»Okay. Meine Tür ist offen, wenn Sie mich brauchen.«
Sie lächelte schwach. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich das Leben ein wenig verheißungsvoll an. Trotz der juristischen Konsequenzen, die noch auf sie zukamen. Sie übernahm endlich die Verantwortung für ihre Tat, und das würde sie befreien.
Aber eines blieb: Kate Linville. Ihr ungewisses Schicksal.
Kehrte Kate nicht zurück, würde sich Xenia niemals frei fühlen.
6
»Der Chief Superintendent tobt«, sagte Helen bekümmert. »Es wäre vielleicht gut, wenn Sie herkämen und ihm alles erklären würden.«
Caleb ahnte, dass das vielleicht wirklich gut wäre und seine berufliche Zukunft retten könnte, aber dennoch war es genau das, was er nicht tun würde. Nach einem Gespräch mit dem Chef könnte er keinesfalls fortfahren, nach Kate zu suchen, das wäre beruflicher Selbstmord, aber er wusste, dass er es nicht aushalten würde, daheim zu sitzen und nichts zu tun. Allerdings war es möglicherweise noch unvernünftiger, sich totzustellen. Auf seinem Handy waren etliche Anrufe des Superintendenten aufgelaufen, die er nicht angenommen hatte. Am besten, er suchte sich gleich einen Job als Nachtwächter oder Türsteher.
»Sergeant, ich bleibe hier dran«, erklärte er. Der Satz war nicht ohne Komik. Woran , bitte schön, wollte er bleiben? Er hatte nichts, absolut gar nichts in den Händen.
»Sir, die erneuten Befragungen von Oliver Walsh und Xenia Paget haben leider nichts gebracht. Und meine Überprüfung bei der Stadtverwaltung Bromwich hat ergeben, dass die Stadt das ehemalige Haus der Familie Slade tatsächlich an die Dales weitervermietet hat. Das hat alles seine Richtigkeit.«
»Ich weiß«, sagte Caleb müde. Er starrte zum Autofenster hinaus. Der Tag wurde immer strahlender und sonniger, seine Gemütsverfassung hingegen immer trüber. Er parkte vor einem Pub in einem Dorf, das er nicht kannte. Er hatte geplant, hier eine Kleinigkeit zu essen, aber tatsächlich hatte er keinen Appetit und war stattdessen im Wagen sitzen geblieben, um mit Helen zu telefonieren. Die Polizei, die Mrs. Dales herbeigerufen hatte, hatte auf seine Bitte die Ausweise des Ehepaares kontrolliert, die sich als korrekt herausstellten. Die Leute waren die, die sie behaupteten zu sein. Nicht die verschollenen Eltern eines gefährlichen Psychopathen, die in dessen Machenschaften verstrickt waren. Die Szene in dem verkommenen Haus war peinlich und schrecklich gewesen. Caleb hatte sich der eintreffenden Streife gegenüber als Chief Inspector zu erkennen gegeben, aber natürlich war ganz schnell allen klar gewesen, dass er sich gerade auf einer völlig falschen Fährte befand und dass er widerrechtlich in ein fremdes Haus eingebrochen war. Caleb machte Gefahr im Verzug geltend, aber angesichts der Tatsache, dass man es offenkundig mit einem harmlosen Ehepaar zu tun hatte, das nicht im Entferntesten wusste, worum es überhaupt ging, wirkte das wenig überzeugend. Man hatte ihn seiner Wege ziehen lassen, er war ein hoher Beamter, aber offenbar war inzwischen bereits Meldung an die nächsthöhere Stelle ergangen.
Es war wie immer in solchen Fällen: Hätten sich Kate und Sophia in dem Haus aufgehalten, wäre Calebs Verhalten immer noch vorschriftswidrig gewesen, aber außer ein paar vorsichtigen Ermahnungen hätte er nichts gehört. Im Gegenteil, ihm wäre dann der Ruhm zuteilgeworden, den entscheidenden Ermittlungsschritt getan zu haben. So jedoch hatte er sich tief in den Schlamassel manövriert. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt und verloren.
»Es gibt jedoch Neuigkeiten aus Cornwall«, fuhr Helen fort. »Ich habe mit einer Polizistin in Camborne gesprochen. Alice Walsh, die seit ihrer Scheidung übrigens wieder ihren Geburtsnamen trägt und Alice Coleman heißt, ist seit dem 24. Juli vermisst gemeldet.«
»Ach!« Caleb setzte sich aufrechter hin. »Was wissen Sie noch darüber?«
»Alice Coleman wohnt seit der Scheidung von Oliver Walsh in Redruth. Ihre Lebensgefährtin hat sie vermisst gemeldet, weil sie zu einem Seminar nach Bodmin aufgebrochen war, dort aber nie angekommen ist. Kinder haben ihr Auto am Rand einer Landstraße nahe Taunton gesehen und die Polizei geholt. Das Auto war unverschlossen, der Zündschlüssel steckte. Gepäck und Handtasche waren verschwunden. Von Alice Coleman fehlt seitdem jede Spur.«
»Das sieht nicht gut aus«, murmelte Caleb. »Es ist klar, dass Alice Coleman auf Slades Liste steht. Die Hoffnung war, dass man sie noch würde beschützen können, aber …«
»Sie war möglicherweise das erste Opfer«, sagte Helen. »Ohne dass eine Verbindung hergestellt werden konnte.«
»Weil wir bis vor zwei Tagen nicht wussten, womit wir es zu tun haben. Verdammt. Die Frage ist, ob sie auch entführt wurde.«
»Dann würde Slade bereits drei Frauen gefangen halten«, sagte Helen.
»Sie kann auch tot irgendwo in einem Gebüsch liegen.«
»Das halte ich für wahrscheinlicher«, meinte Helen.
Beide schwiegen bedrückt. Alice Coleman war eine Frau, die ihr Baby getötet hatte, aber sowohl Caleb als auch Helen war klar, dass sie keine von niederen Beweggründen getriebene Mörderin war. Sondern eine Frau, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtgekommen war, die der andauernden Überforderung nervlich nicht mehr hatte standhalten können. Eine Tat im Affekt, unter größtem seelischem Stress und in Verzweiflung ausgeführt. Sie hatte es nicht verdient, von einem Mann wie Ian Slade deshalb hingerichtet zu werden.
»Okay«, sagte Caleb schließlich, »er ist uns immer einen Schritt voraus. Slade. Er hat definitiv die Nase vorn.«
»Was haben Sie jetzt vor, Sir?«, fragte Helen.
»Ich weiß es nicht«, sagte Caleb müde. Er hatte sich selten so hilflos gefühlt. Für ein paar Stunden war er wie elektrisiert gewesen, aber das hatte in einem riesigen Fauxpas geendet. Jetzt fragte er sich, wie er so dämlich hatte sein können: Als ob Ian Slade ausgerechnet sein einstiges Elternhaus als Versteck aussuchen würde. Dafür war er zu schlau, zu gerissen, zu vorsichtig.
Er merkte, wie elend er sich fühlte, und beschloss, nun doch irgendetwas zu essen. Vielleicht kurbelten ein paar Kalorien sein Gehirn an.
»Ich gehe schnell etwas essen«, sagte er. »Ich bin ständig erreichbar. Lassen Sie es mich wissen, wenn es etwas Neues gibt?«
Helen zögerte, sagte dann aber: »Ja. Mach ich.«
Er wusste, was er ihr abverlangte. »Danke. Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß. Ich werde Ihnen das nicht vergessen, Sergeant.«
In dem darauffolgenden Schweigen schwang deutlich mit, was Helen dachte: Dass Caleb zumindest beruflich nie wieder in einer Position sein würde, sich erkenntlich zu zeigen für das, was sie jetzt tat.
Sie beendeten das Telefonat, und Caleb stieg aus dem Auto. Trotz der Wärme zog er sein Jackett an, sein Hemd war blutig an der Schulter, wo er sich an den Glasscherben des Fensters im Haus der Dales’ geschnitten hatte. Er atmete den Geruch von frisch gemähtem Gras. Ein wunderschöner Augusttag.
Ein Tag, der jede Sekunde den Tod für Kate bringen konnte.
Das Pub hatte zur Rückseite hin einen kleinen Garten, und Caleb setzte sich an einen Tisch unter einem Baum. Außer ihm war nur ein junges Paar anwesend, das sich an den Händen hielt und nichts und niemanden ringsum bemerkte. Und ein älterer Mann, der einen Kaffee trank und den Observer las.
Caleb studierte die Speisekarte, bestellte dann ein Stück Quiche, einen grünen Salat und ein Mineralwasser. Er versuchte sich ein wenig zu entspannen, den Frieden und die Wärme des Tages auf sich wirken zu lassen. Er wusste, dass krampfhaftes Grübeln meist zu nichts führte. Das Laufenlassen der Gedanken allerdings in diesem Fall auch nicht. Weil es nichts, nichts gab, woran sich die Gedanken festhalten konnten.
Sein Handy piepte. Eine Nachricht von Helen. Er griff danach wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, aber was er las, ließ seine Hoffnung wieder in sich zusammenfallen.
Nichts Neues, Chef, leider. Nur die Vermisstenmeldung von Alice Coleman. Dachte, die interessiert Sie vielleicht. Bringt meiner Ansicht nach aber keine neuen Erkenntnisse.
Es folgten Alice Colemans Daten, sodann eine kurze Wiedergabe dessen, was ihre Lebensgefährtin auf der Polizeiwache berichtet hatte. Der Bericht des Beamten, der zu dem Auto gerufen worden war, das leer und unverschlossen am Rande einer Landstraße in Somerset gestanden hatte.
Nichts, was Caleb nicht schon wusste.
Zuletzt folgte eine Fotografie von Alice Coleman. Sie stand an einem Strand, vermutlich in Cornwall. Ihre Haare waren vom Wind zerzaust. Sie lächelte, aber es wirkte bemüht. Sie sah aus wie eine tieftraurige Frau, die sich anstrengt, auf einem Bild ein wenig freundlich zu wirken.
Caleb starrte das Foto an.
»Das gibt’s doch nicht«, sagte er. Das junge Paar blickte ihn irritiert an.
Er sprang auf.
7
Sie hatte Schmerzen und Fieber, Hunger und Durst. Das wunderte sie. Früher, wenn sie krank gewesen war und Fieber gehabt hatte, war Essen undenkbar gewesen. Aber da war sie nicht so ausgehungert gewesen. Das war vermutlich der Grund. Inzwischen war sie überzeugt, dass Ian vorhatte, sie einfach verhungern zu lassen. Damit konnte er Erfolg haben. Vielleicht erledigte sie auch vorher schon eine Sepsis.
Ihr war klar, dass sie nicht sterben wollte. Obwohl sie ziemlich sicher war, dass sie sich vermutlich nie wieder im Leben würde bewegen können und dass sie ein Leben in völliger Bewegungslosigkeit irgendwann vielleicht nicht mehr wollen würde. Dann konnte sie erneut über den Tod nachdenken. Über einen selbstbestimmten Tod.
Sicher war sie jedoch: Sie wollte nicht so sterben. Nicht in diesem Zimmer. Nicht in diesem Haus. Nicht langsam und qualvoll.
Und nicht, weil Ian Slade es wollte.
Tatsache war, dass sie schlechte Karten hatte.
Auf jeden Fall durfte sie nicht mehr weinen. Sie hatte festgestellt, dass Weinen sie schwächte. Ob es ihr allerdings etwas brachte, nicht zu weinen, wusste sie nicht.
Realistisch betrachtet gab es keine Strategie, die ihr wirklich half.
Sie vernahm Schritte, die sich der Tür ihres Zimmers näherten, und unwillkürlich spannte sie ihre Muskeln an. Zumindest die, die sich noch anspannen ließen, was zumindest einige waren.
Die Tür ging auf. Dahinter brannte Licht, das war allerdings immer der Fall, wie sie beobachtet hatte, auch am Tag.
Ein dunkler Flur ohne Fenster. Eine von vielen Erkenntnissen, die ihr nicht weiterhalfen.
Die große, massige Gestalt von Ian Slade neigte sich über sie. Sophia zwang sich, ihn anzublicken, obwohl sie unwillkürlich die Augen hatte schließen wollen.
Er grinste. »Hallo, Sophia. Wie geht es dir?«
Fick dich, hätte sie gerne entgegnet. Aber nach wie vor konnte sie nicht sprechen.
»Du hast sicher Hunger und Durst«, sagte er, eine schlecht gespielte Besorgnis in der Stimme. Er setzte eine Tasse mit Wasser an ihre Lippen. Sie hätte sie ihm ins Gesicht schleudern mögen, aber dazu hätte sie fähig sein müssen, sich zu bewegen, und zudem wäre es unklug gewesen. Sie war dabei, völlig zu dehydrieren. Sie konnte es sich nicht leisten, Wasser zu verschwenden.
Er ließ sie eine Weile trinken, dann fütterte er sie mit pürierten Kartoffeln und Gemüse. Salzig und kräftigend, sie spürte es sofort. Aber es gab kaum etwas, was sie so verabscheute, wie sich von ihm füttern zu lassen wie ein Kleinkind. Bohrender Hunger und Vernunft ließen sie kooperieren.
»Sonst scheint alles okay zu sein«, meinte er, nachdem der Teller leer war.
Nichts war okay, aber wie hätte sie es ihm erklären sollen? Und sich von ihm den Katheter wechseln zu lassen … Sie zweifelte, ob er das konnte. Und bei dem Gedanken an seine Hände zwischen ihren Beinen hätte sie sich übergeben mögen.
Er berührte kurz ihre Wange. »Du fühlst dich ziemlich heiß an. Hast du Fieber?«
Wann kapierte er, dass sie seine Fragen nicht beantworten konnte? Aber vielleicht ging es ihm darum sowieso nicht.
»Irgendetwas hast du dir eingefangen«, sagte er. »Du glühst wirklich. Ich werde dir eine Paracetamol geben. Damit du länger durchhältst.«
Paracetamol und länger durchhalten klang aus Ians Mund nicht nach etwas, das Mut machte. Eher im Gegenteil.
»Obwohl«, fügte er hinzu, »du dir wahrscheinlich wünschen wirst, dass es schneller geht.« Er grinste.
Wovon redest du, Arschloch?
Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Die Polizei ist dicht an mir dran. Ich muss dich wegschaffen. So leid es mir tut.«
Komm, spuck aus. Die Angst würgte in ihrem Hals.
Slade neigte sich tiefer über sie. »Ich vergrabe dich, mein Schatz. Niemand wird dich jemals finden.«
Du tötest mich und vergräbst mich dann?
Er konnte nicht hören, was sie dachte, aber vermutlich ahnte er es.
»Ich habe lange überlegt, wie ich dich vernichten soll«, sagte er lächelnd. »Mir ist einfach nichts eingefallen. Ich meine, wer macht sich schon gerne an einem Stück Dreck die Finger schmutzig?« Sein Lächeln war sanft wie das eines Engels, was zusammen mit der dunklen Leere in seinen Augen grauenhafter aussah als alles, was sich Sophia vorstellen konnte. »Und was wäre die gerechte Strafe dafür, dass man ein Kind von seiner Familie getrennt und dafür gesorgt hat, dass es in einer der schlimmsten Anstalten Großbritanniens aufwachsen muss? Ich meine, das ist echt schwierig.«
Irgendwie verstand sie in diesem Moment, was er vorhatte. Ihr stockte der Atem. Trotz des Fiebers wurde ihr plötzlich kalt. Nicht einmal er … nicht einmal er konnte so etwas tun.
»Eine komfortable Kiste«, sagte er. »Und ein schönes Loch in der Erde. Es wird kalt sein und dunkel, Sophia. So wie meine Jugend war. Kalt und dunkel und ohne Hoffnung.«
Sie atmete immer noch nicht.
»Niemand wird dich finden. Es ist sehr einsam dort. Sehr, sehr einsam. Ich glaube nicht, dass Wanderer dort vorbeikommen. Wenn doch … Du kannst ja leider nicht schreien.«
Sie starrte ihn an.
Er lachte. »Mach nicht so ein Gesicht! Hast du ernsthaft geglaubt, du kommst einfach so davon? Nach allem, was du mir angetan hast? Wusstest du nicht, dass man immer bezahlt? Immer?«
Er schob beide Arme unter sie und hob sie hoch. »Lass uns gehen«, sagte er.
In ihrem Kopf formte sich der Schrei.
Ein Schrei der Angst, der Verzweiflung, des Schmerzes. Er war lauter als jeder Schrei, den Sophia je gehört hatte.
Und doch war er lautlos.
8
Der Augustabend war noch hell, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dämmerung kam. Der Spaziergang in der Wärme war anstrengend gewesen, aber besser, als immer nur die Wände anzustarren.
Und sich zu fragen, ob man das Richtige tat.
Es hatte sich zu Beginn richtig angefühlt, aber jetzt tat es das nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Und es lief auch alles anders als geplant. Nichts von dem, was ihr versprochen worden war, hatte sich erfüllt. Stattdessen diese arme gelähmte Frau, die hilflos in dem kleinen hinteren Zimmer lag und dringend medizinische Hilfe gebraucht hätte. Und nun auch noch die Polizistin … Welche Rolle spielte sie, warum hatte Ian sie entführt und verschleppt? Und warum tauchte Sascha nicht mehr auf?
Wenige Schritte vor der Haustür blieb sie stehen, strich sich die Haare aus der Stirn. Die Frage war, ob sie aussteigen sollte. Einfach verschwinden. Die Polizei rufen? Für immer, sie ahnte es, von Ian Slades Rache verfolgt zu werden.
Sie hatte Angst.
Sie kramte den Haustürschlüssel aus der Tasche ihrer Jeans.
Im selben Moment packten zwei Arme sie von hinten, hielten ihre Taille und ihren Hals fest umklammert, und eine Männerstimme sagte an ihrem Ohr: »Wagen Sie nicht zu schreien! Kein Laut!«
Tatsächlich war sie viel zu erschrocken. Sie gab nicht den geringsten Mucks von sich.
»Mrs. Coleman? Mrs. Callaghan? Oder soll ich sagen: Mrs. Walsh? Wie werden Sie denn am liebsten genannt?«
Sie rührte sich nicht.
Ihr Angreifer bog ihr die Finger auseinander, mit denen sie wie in einem Klammergriff den Schlüssel festhielt. Er nahm ihr den Schlüssel ab. Sie leistete nicht den geringsten Widerstand.
Sein Griff lockerte sich, er drehte sie zu sich um.
»Oh«, sagte sie überrascht. Der Polizist, der am Mittag da gewesen war. Sie erinnerte sich nicht an seinen Namen. Aber es war das zweite Mal innerhalb von knapp drei Tagen, dass die Polizei hier vorstellig wurde, und als sie das Ian später erzählt hatte, war er wütend geworden. »Verfluchte Scheiße. Das wird zu heiß hier. Wir müssen so schnell wie möglich weg.«
»Was wird aus den Gefangenen?«, hatte sie zu fragen gewagt und war sich dabei vorgekommen wie in einem schlechten Film. Gefangene … Sie hatte nie gedacht, dass es Gefangene geben würde.
»Da habe ich schon einen Plan. Den brauchst du nicht zu kennen. Ich erledige das alles.«
Und jetzt war der Polizist zurückgekehrt.
Sie empfand Erleichterung.
»Detective Chief Inspector Caleb Hale«, stellte er sich noch einmal vor. »Sie erinnern sich?«
Sie nickte. »Ja.«
»Sie sind Alice Coleman. Ehemals Walsh. Ich habe Sie auf dem Bild erkannt, mit dem Ihre Lebensgefährtin nach Ihnen sucht.«
Sie seufzte. Abstreiten hatte keinen Sinn, und warum hätte sie das auch tun sollen? Es war ohnehin alles am Ende, und das war gut so.
»Wird Sophia Lewis in diesem Haus festgehalten? Und Kate Linville?«
»Ja. Sophia Lewis. Und eine Polizistin. Ich weiß nicht, wie sie heißt.«
»Wo ist Ian Slade im Moment?«
»Ich weiß es nicht.«
»Könnte er im Haus sein?«
»Ja. Ich war zwei Stunden lang spazieren. Ich weiß wirklich nicht, wo er ist.«
»Er ist immer noch bewaffnet, nehme ich an?«
»Ja.«
»Okay. Sie bleiben draußen. Am besten jenseits des Grundstücks und so, dass Sie durch einen Baum oder ein Gebüsch geschützt sind. Verstanden?«
»Ja.«
Sie verließ den Garten, zog sich hinter eine Baumgruppe zurück. Beobachtete, wie Caleb Hale die Haustür aufschloss und schließlich im Inneren des Hauses verschwand. Sie betete, dass Ian nicht da sein möge. Dieser Hale hätte keine Chance gegen ihn. Nicht gegen seine Waffe.
Und wahrscheinlich auch nicht gegen seine absolute Skrupellosigkeit.
Normalerweise wäre das der Moment gewesen, Verstärkung anzufordern, aber Caleb konnte sich nicht aus der Deckung wagen – nicht nach alldem, was er an diesem Tag bereits angerichtet hatte. Wahrscheinlich wäre es ihm sowieso nicht bewilligt worden. Den Chief Superintendenten hätte der Schlag getroffen, wenn er auf diese Weise erfuhr, dass Caleb unverdrossen weiterermittelte.
Er tastete sich durch alle Räume des glücklicherweise nur eingeschossigen Hauses. Wohnzimmer, zwei kleine Zimmer, jeweils mit einer Schlafcouch, das Bad, ein weiteres Zimmer … In einem der hinteren Zimmer stieß er auf eine Rolltrage, wie sie für Krankentransporte benutzt wurde. Sie war leer.
Eine Stimme sagte ihm, dass Ian Slade tatsächlich nicht da war und dass es kein gutes Zeichen für Sophia Lewis’ Schicksal war, dass dieses Rollbett, auf dem sie nach ihrer Entführung gelegen hatte, leer war. Er kam an der Küche vorbei, öffnete die nächste Tür, hielt sich vorsichtig in der Deckung der Wand.
Und sah Kate.
Sie kauerte, im Licht einer einsam von der Decke baumelnden Glühbirne, in einer Ecke, an Händen und Füßen gefesselt und mit einem breiten Streifen dunkelbraunen Paketklebeband über dem Gesicht. Sie gab würgende, keuchende Laute von sich, als sie seiner ansichtig wurde.
Er war mit einem Satz neben ihr. Er wusste, dass er ihr wehtat, aber sie schien dem Ersticken nahe, und so riss er das Klebeband mit einem einzigen kräftigen Ruck von ihrem Gesicht. Vor Schmerz schossen ihr die Tränen in die Augen. Er zog ihr einen dicken Socken aus dem Mund. Ihn schauderte, sie musste furchtbar gelitten haben.
»Wasser«, brachte sie mühsam hervor.
»Gleich.« Mithilfe seines Taschenmessers durchschnitt er die Nylonschnüre, mit denen der Dreckskerl sie gefesselt hatte. Caleb sah ihre blau angelaufenen Hände, und die Wut stieg nahezu unkontrolliert in ihm auf. Der Typ war ein Scheißsadist, und er konnte sich warm anziehen, wenn er ihm, Caleb, in die Hände fiel.
Er ließ Kate einen Moment alleine, lief in die Küche und sah ein paar Plastikflaschen mit Wasser auf dem Fensterbrett stehen. Er nahm eine davon und kehrte zurück. Kate trank wie eine Verdurstende. Dann sagte sie, mit einer Stimme, die immer noch fremd klang: »Wo ist Sophia Lewis?«
»Weg. Ich schätze aber, sie war hier. Der Rollwagen aus dem Krankentransporter steht ein Zimmer weiter.«
Kate sprang auf, aber ihre Beine knickten sofort unter ihr weg. Ihre Blutzirkulation war zu lange gestört gewesen. Caleb fing sie auf. Er hielt sie in seinen Armen und konnte spüren, wie versucht sie war, dort zu bleiben, von ihm gehalten, die Augen geschlossen. Sie war so fertig, so kaputt. So am Ende ihrer Kräfte.
Aber Kate wäre nicht Kate gewesen, hätte sie in einer Situation wie dieser nachgegeben. Es war nicht der Moment, sich auszuruhen.
Sie löste sich von ihm, kam wackelig und zittrig auf eigenen Füßen zu stehen. »Er hat gedroht, sie zu vergraben. Lebendig. Dasselbe hat er mit mir vor.«
»Was?« Caleb starrte sie an. »Und Sie meinen, er ist jetzt schon dabei, sie …?«
»Es ist gut möglich.«
Ein Geräusch an der Zimmertür ließ beide zusammenzucken. Alice stand dort, mit aschfahlem Gesicht.
»Er ist nicht hier, oder?« fragte sie. »Aber er wird wiederkommen.«
»Alice Walsh«, erklärte Caleb. »Oder vielmehr, Alice Coleman, wie sie jetzt heißt.«
»Alice Walsh«, wiederholte Kate.
»Ich nehme an, das hier ist immer noch Ihr Haus?«, fragte Caleb. »Das Haus, in dem Sie damals mit Ihrer Familie wohnten?«
Alice nickte. »Ich habe es nie verkauft. Ich war aber auch nie mehr hier. Bis vor knapp zwei Wochen.«
»Warum, um alles in der Welt«, fragte Kate, »machen Sie gemeinsame Sache mit Ian Slade?«
Es war nicht der Zeitpunkt, Dinge zu klären. Aber sie verstand es nicht, verstand nicht, wie irgendjemand … mit diesem Irren …
»Sascha meldete sich bei mir«, erklärte Alice. »Nach seiner Entlassung im vergangenen Jahr. Ich hatte Kontakt mit ihm gehalten über die Jahre, er hatte meine Handynummer. Ich hatte meiner Lebensgefährtin von alldem nichts erzählt, sie wusste nichts von Sascha, nichts von Lena. Und ich wusste auch nicht, wie ich es ihr hätte erklären sollen.«
»Das verlassene Auto in Somerset …«, sagte Caleb, und Alice nickte. »Mein Ausbruch. Ich habe mich sehr lange gequält, aber schließlich entschieden, dass ich ein neues Leben möchte. Ein Leben mit Sascha. Ich hatte etwas gutzumachen.«
Caleb wusste nicht viel über Alice Coleman, aber was er wusste, passte zu diesem Verhalten. Sie war kein böser Mensch, obwohl es eigenartig klang, dies über eine Kindsmörderin zu sagen. Aber sie war sich und ihren Stimmungen und Emotionen, ihren Ängsten und Paniken vollständig ausgeliefert. Ihre inneren Dramen beherrschten sie bis hin zur grausamen Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Dem Problem, ihrer Lebensgefährtin unangenehme Tatsachen aus ihrem Leben erklären zu müssen, entzog sie sich, indem sie einfach abtauchte. Weg war und nicht einmal darauf achtete, dass das stehen gelassene Auto schlimmste Befürchtungen heraufbeschwor: Gedanken an ein Verbrechen. Die schlaflosen Nächte, die Tränen der Frau, mit der sie einmal gelebt hatte, interessierten sie nicht, sie realisierte vermutlich nicht einmal, dass die andere durch die Hölle gehen würde. Im Grunde sah Alice nur sich. Immer nur sich. Auch als sie entschied, sich mit Sascha zusammenzutun, um etwas gutzumachen. Im Grunde war es nur ein weiterer Versuch, sich selbst zu therapieren.
»Verabredungsgemäß wurde ich an diesem Weg in der Nähe von Taunton von einem Freund von Sascha abgeholt. Ian Slade. Er gefiel mir nicht, ganz und gar nicht, aber zu diesem Zeitpunkt hatten die Dinge bereits eine Eigendynamik entwickelt.« Sie zuckte hilflos mit den Schultern. Es war klar, was passiert war: Sie war plötzlich in die Racheorgie des Ian Slade hineingeraten, und ganz schnell hatte sie nicht mehr gewusst, wie sie den Absprung finden sollte.
»Als er anfing, seine Opfer hier bei Ihnen zu deponieren«, sagte Caleb, der bewusst eine zynische Ausdrucksweise wählte, »die querschnittsgelähmte Frau, dann Kate, eine Polizistin … Da hatten Sie immer noch nicht das Gefühl, dass es besser wäre, zur Polizei zu gehen?«
»Ich hatte Angst«, sagte Alice schlicht, und tatsächlich konnte ihr das Caleb nicht einmal wirklich verdenken. Vor Ian Slade keine Angst zu haben wäre geradezu fahrlässig gewesen. Aus gehetzt flackernden Augen blickte sie sich um. »Er kann jeden Moment wieder hier sein. Oh Gott, ich mache mir solche Sorgen um Sascha!«
Caleb entschied, dass dies nicht der Moment war, ihr zu sagen, dass Sascha tot war – erschossen von dem Mann, den er als Freund bezeichnet und wahrscheinlich wirklich als solchen empfunden hatte. Aber wenn Alice jetzt zusammenbrach, würde es alles nur noch mehr verkomplizieren.
So drückte er nur kurz ihren Arm – in einer aufmunternden Geste, die beides sein konnte: Hoffnung wie Trost.
»Sollten wir Verstärkung anfordern?«, fragte Kate. »Ich kann das jederzeit machen, ich …« Sie schluckte den Rest des Satzes hinunter. Ich bin im Dienst, hatte sie sagen wollen.
»Ich bräuchte nur Ihr Handy, Caleb«, sagte sie stattdessen.
»Das Problem ist …«, sagte Caleb.
Sie verstand sofort, was er meinte. »Wenn er zurückkommt und hier wartet die Polizei auf ihn – sagt er uns dann, wo Sophia ist?«
»Ich würde dafür nicht die Hand ins Feuer legen«, sagte Caleb. »Selbst wenn ihm das bei der Festsetzung seines Strafmaßes positiv angerechnet werden würde.«
»Ob das noch einen Unterschied macht?« Kate sah ihn ängstlich an. »Hat DI Stewart überlebt?«
»Nein«, sagte Caleb.
Kate stöhnte auf. Sie hatte ihre Probleme mit Stewart gehabt, aber ihn tot zu wissen, einfach abgeknallt auf der Treppe eines Mehrfamilienhauses in Leeds, war unerträglich. Hinzu kam, Ian hatte damit, zusätzlich zu dem mutmaßlichen Mord an Jack Gregory und dem Mord an dem Fahrer des Krankentransporters, einen Polizistenmord auf dem Gewissen. Und Sascha hatte er auch getötet … Er würde so oder so für sehr lange Zeit ins Gefängnis gehen. Das machte ihn unter Umständen wenig verhandlungsbereit.
»Aber vielleicht wäre er trotzdem zu einem Deal bereit«, meinte Caleb, als habe er ihre Gedanken gelesen, »Strafmilderung, wenn er das Versteck von Sophia Lewis preisgibt.«
»Wir müssen uns beeilen«, sagte Alice angstvoll drängend.
Caleb und Kate sahen einander an.
»Zu riskant«, sagte Kate.
Ian war irre. Mitzuerleben, wie sämtliche Ermittler um ihn herum fast wahnsinnig wurden, weil er ihnen nicht sagte, wo er Sophia vergraben hatte, würde ihn so befriedigen, dass er dafür sogar länger ins Gefängnis gehen würde. Zumal er vermutlich sowieso mit einer lebenslangen Sicherheitsverwahrung rechnen musste.
»Jetzt tut doch etwas«, stöhnte Alice. Sie blickte sich ständig voller Angst um, als erwarte sie, ihn jeden Moment hinter sich aufzutauchen.
»Es gibt nur einen Weg«, sagte Kate.
Caleb verstand sofort, was sie meinte. »Nein. Kommt nicht in Frage.«
»Er will dasselbe mit mir machen. Wenn Sie uns folgen …«
»Er kann einen völlig anderen Ort wählen.«
»Das Risiko müssen wir eingehen.«
»Zum Teufel, nein«, sagte Caleb. »Das birgt viel zu viele Risiken. Was, wenn ich sein Auto aus den Augen verliere? Wenn er mich bemerkt und abhängt. Das ist ausgeschlossen, Kate.«
»Sehen Sie eine andere Möglichkeit? Um Sophia zu retten?«
Er schwieg.
»Uns läuft die Zeit weg«, drängte Kate. Sie standen schon viel zu lang in dem Haus herum. Jeden Moment konnte Ian auftauchen.
»Wo steht eigentlich Ihr Auto, Caleb?«
»Ein Stück entfernt. Er wird es nicht sehen, wenn er zurückkommt.«
»Ich habe es auch nicht gesehen«, sagte Alice.
»Wenn ich euch verliere …«, setzte Caleb erneut an, aber Kate machte eine fuchtelnde Handbewegung. »Sie kennen die Richtung, in die wir fahren. Das Kennzeichen habe ich mir gemerkt, als ich in Leeds einsteigen musste, ich schreibe es Ihnen auf. Dann setzen Sie den gesamten Polizeiapparat der Region in Bewegung.«
Er sah sie an. »Es kann trotzdem schiefgehen, Kate.«
»Ich weiß«, sagte sie.
»Worüber wir hier gerade sprechen«, sagte Caleb, »ist Wahnsinn, und es ist gegen jede Vorschrift, das wissen Sie?«
»Dass Sie hier überhaupt stehen, Caleb, ist schon gegen jede Vorschrift.«
»Ich habe nicht mehr viel zu verlieren.«
»Wenn wir jetzt die Kollegen rufen«, sagte Kate, »spricht Slade kein Wort mehr. Jede Wette. Und auf mich als Lockvogel lassen sich die nicht ein. Entweder wir agieren jetzt eigenmächtig, und zwar schnell, oder Sophia ist verloren. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.«
»Okay«, sagte Caleb. »Sie haben Ihr Handy nicht mehr, Kate?«
»Nein. Das habe ich in Walshs Haus verloren.«
»Dann bekommen Sie mein Handy. Sie müssen in der Lage sein, Kontakt aufzunehmen, und wir müssen Sie orten können.«
»Und Sie?«
»Ich habe ein Prepaidhandy«, sagte Alice, »das können Sie nutzen.«
»Ich habe ein Scheißgefühl«, sagte Caleb.
»Los jetzt«, sagte Kate. »Was wir alle definitiv nicht haben, ist Zeit!«
9
Ian Slade hatte die unbestimmte Ahnung, dass etwas nicht stimmte, aber außer seinem Instinkt, der diffuse Warnungen sendete, gab es keinen Hinweis.
Alles war still im Haus. Alice war nirgends zu sehen, was aber nicht ungewöhnlich war. Sie unternahm ständig lange, einsame Spaziergänge. Sie hatte sich alles ganz anders gedacht, und es war offensichtlich, wie sie die Umstände immer mehr verstörten. Erst Sophia, dann Kate. Alice hatte nicht kapiert, was eigentlich vor sich ging, aber natürlich inzwischen gemerkt, dass sie dabei war, sich in eine ganz ungute Geschichte zu verstricken. Ein paar Mal hatte Ian überlegt, ob es besser wäre, sie auszuschalten. Sie stand ohnehin auf seiner Vergeltungsliste. Stellte sie zudem ein Risiko dar? Sie war starr vor Angst. Angst vor ihm. Um sich und um Sascha. Er glaubte nicht, dass sie irgendetwas unternehmen würde, aber er hatte ihr nie völlig vertraut. Die Frau war nicht berechenbar. Schwer depressiv. Ziemlich durchgeknallt. Er war nicht zimperlich, aber er fand es krass, das eigene Kind in der Badewanne zu ertränken. Und was sie mit Sascha gemacht hatte, war auch ein starkes Stück. Wobei da wohl ihr Mann, dieser Kotzbrocken, die treibende Kraft gewesen war. Aber man machte mit, oder man machte nicht mit. Und Alice hatte sich nicht widersetzt. Sie hatte zugesehen, wie man Sascha wegbrachte. Gott, hatte diese Frau viel Scheiße in ihrem Leben angerichtet.
Letztlich hatte er sie Sascha zuliebe nicht eliminiert. Zumindest bislang noch nicht. Aus irgendeinem Grund hing Sascha an ihr, und solange er ihn brauchen konnte, wollte er nicht riskieren, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt oder gänzlich durchdrehte. Tatsächlich war Alice dann auch von Nutzen gewesen, als die Polizei in ihrem Haus aufkreuzte – womit Ian gerechnet hatte, nachdem klar war, dass Saschas und seine Identität und ihre Verbindung aufgeflogen waren. Er hatte Alice einen anderen Namen und ein paar wesentliche Fragmente glaubwürdiger Lebensumstände eingetrichtert – geschieden, alleinerziehend, die Kinder im Ferienlager, verbittert, einsam –, und Alice hatte das gut rübergebracht. Was wohl auch daran lag, dass etliche der Attribute tatsächlich auf sie passten: Sie war einsam und verbittert. Total frustriert.
Wäre Ian an ihrer Stelle auch gewesen.
Er hatte Sascha erschossen, weil der sonst das Versteck hätte auffliegen lassen. Ihm war klar, dass Alice in dem Moment die Seiten wechseln würde, da sie davon erfuhr. Kein Problem, sie vorher zu erledigen, aber es kam hinzu, dass die Polizei inzwischen zweimal hier gewesen war, und beim zweiten Mal war er hellhörig geworden. Was ahnten die? Waren sie schon dabei, die Puzzlestücke zusammenzusetzen? Ihm blieb keine Zeit mehr. Die beiden Frauen mussten fortgeschafft werden, er selbst musste zusehen, dass er außer Landes kam. Sophia Lewis einen qualvollen Tod zu bescheren war ihm eine Herzensangelegenheit gewesen – und fast vier Fuß unter der Erde in einem gottverlassenen Waldstück lebendig in einer Holzkiste zu liegen war verdammt qualvoll –, aber Kate Linville hatte ihm im Prinzip nichts getan. Na ja, sie hatte gegen ihn ermittelt, aber das war nun mal ihr Job. Obwohl Polizist in seinen Augen kein Beruf, sondern ein Charakterfehler war.
Fast war er versucht gewesen, sie einfach gefesselt und geknebelt, wie sie war, bei Alice zurückzulassen und kein Risiko mehr einzugehen: Wer wusste, ob Alice nicht inzwischen gekippt war, vielleicht sollte er einfach schnellstmöglich das Weite suchen, nachdem er Sophia vergraben hatte. Aber dann dachte er, dass es sinnvoll sein könnte, eine Geisel mitzunehmen. Eine Polizistin in seiner Gewalt würde ihm eine Menge Freiraum verschaffen. Ihre Kollegen würden nicht einfach das Feuer auf ihn eröffnen können, sollten sie ihn plötzlich schnappen. Er würde freien Abzug fordern, andernfalls drohen, Kate eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Sein Plan war, mit ihr zusammen Frankreich zu erreichen, sich von dort irgendwie auf den Balkan durchzuschlagen. Dort unterzutauchen stellte er sich ziemlich einfach vor. Kate würde er dann ausschalten. Ihr Pech. Sie hätte schließlich auch etwas Anständiges lernen können.
Wenn er nur nicht dieses dumme Gefühl hätte. Dieses verdammte Gefühl einer nicht fassbaren Bedrohung.
Er durchquerte das Haus vorsichtig, ständig auf der Hut, schaute in jeden Raum. Alice war tatsächlich nicht da. Die Haustür war abgeschlossen gewesen. Blöde Schlampe. Sie hätte daran denken können, dass er auch einmal etwas essen musste. Wäre ihr ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie ihn mit einer fertigen Mahlzeit erwartet hätte? Aber in der Küche stand nichts auf dem Herd, es roch auch nicht so, als ob jemand etwas gekocht hätte. Vermutlich hatte sie nicht einmal eingekauft, sodass es auch kein Brot und Käse oder etwas in dieser Art gab. Wovon lebte sie selbst eigentlich? Sie war klapperdürr. Zu ihrer verqueren Form der Selbstbestrafung gehörte es vermutlich, dass sie absichtlich bis auf die Knochen abmagerte.
Vollkommen gestört.
Kate kauerte in genau der Position, in der er sie zurückgelassen hatte, in dem kleinen Zimmer neben der Küche. Er musste grinsen, als er ihre verrenkten Glieder sah. Er hatte die Schnüre ganz schön eng gezogen. Sie musste ziemliche Schmerzen leiden. Am meisten quälte sie sicher der Socken in ihrem Mund.
Er riss Kate den Klebestreifen vom Gesicht und puhlte den Socken aus ihrer Mundhöhle. Mann, wer trug denn auch Wollsocken im August? Typisch für eine derart uneitle Frau, wie es diese Kate war. Braune, bequeme Halbschuhe. Und Wollsocken.
»Wasser«, keuchte Kate.
»Später«, sagte Ian. »Wir müssen jetzt erst mal sehen, dass wir hier wegkommen.«
Mit einem Taschenmesser durchschnitt er ihre Fußfesseln. »So. Damit du laufen kannst.«
»Können Sie bitte meine Hände losbinden? Ich habe kein Gefühl mehr in den Fingern.«
»Tut mir leid. Zu gefährlich.« Er würde den Teufel tun, ihre Arme zu befreien. Zwar war er bewaffnet und sie nicht, aber als Polizistin war sie möglicherweise in Nahkampftechniken ausgebildet und würde es schaffen, ihn zu überwältigen. Er musste auf der Hut sein. Sie war zäh und klug. Niemals würde sie sich widerstandslos ihrem Schicksal fügen.
Es würde nicht so einfach sein wie mit der völlig bewegungsunfähigen Sophia.
»Steh auf«, befahl er.
Schwankend kam sie auf die Füße. Es dauerte einige Augenblicke, ehe sie stehen konnte.
»Kann ich bitte Wasser haben?«, wiederholte sie.
»Wenn wir im Auto sind. Los jetzt.«
Er wollte weg, nichts wie weg. Ungeduldig packte er ihren Arm und zerrte sie den Flur entlang. Durch die lange Bewegungslosigkeit war sie noch immer total ungelenk und wäre zweimal fast gefallen.
»Ich kann nicht richtig laufen.«
»Stell dich nicht so an! Verdammt noch mal, denkst du, ich habe ewig Zeit?«
»Kommt Sophia Lewis auch mit?«
Er grinste. »Die ist schon weg.«
»Wo ist sie?«
»Hab ich dir gesagt.«
Sie blieb stehen. »Das haben Sie nicht getan!«
»Klar habe ich das getan. Ich tue immer, was ich sage.«
»Mr. Slade, Sie machen sich in höchstem Maße strafbar, das wissen Sie. Egal, was Sie bisher getan haben, das hier hat noch eine andere Dimension. Wenn Sie mir jetzt sagen, wo Sophia ist, wenn Sie aufgeben, dann werde ich mich beim Staatsanwalt …«
»Halt’s Maul! Was für ein Scheißdeal soll das sein? Zwei Jahre weniger Knast, oder wie?« Er brachte sein Gesicht ganz nah an ihres und registrierte mit Befriedigung, dass sie leicht zurückzuckte. »Ich geh überhaupt nicht in den Knast, merk dir das. Wir beide, du und ich, wir verlassen England. Ich werde mich auf dem Kontinent in Luft auflösen. Und du bist mein verdammter Schutzschild, falls auf dem Weg dahin deine Kollegen irgendwelchen Ärger machen. So läuft das, und deshalb hör auf, mich mit deinem Scheißgeschwätz zu nerven.«
»Mr. Slade, wenn Sie Sophia wirklich vergraben haben …«
»Du kannst Gift drauf nehmen, dass ich das getan habe.«
»Hören Sie, ein so monströses Verbrechen bringt Sie für den Rest Ihres Lebens ins Gefängnis. Ich biete Ihnen an, dass Sie England verlassen können, ohne dass jemand Sie an der Grenze festhalten wird, wenn Sie mir jetzt sagen, wo Sophia ist.«
»Ich bin doch nicht geisteskrank. Natürlich nehmen die mich an der Grenze fest!«
»Es wird entsprechende Anweisungen geben, Sie nicht aufzuhalten.«
Er grinste. Gott, war die Alte bescheuert. Und was noch schlimmer war: Sie hielt auch ihn für völlig hirnamputiert.
»Ganz ehrlich, Kate Linville «, er sprach ihren Namen geziert und verächtlich aus. »So ein hohes Tier sind Sie nicht. Ich kenne mich ein bisschen aus. Detective Sergeant. Sie können mir so etwas gar nicht versprechen, Ihre Vorgesetzten machen Hackfleisch aus Ihnen und heben das sofort wieder auf. Ganz abgesehen davon: Ich habe keine Lust, die Schlampe Sophia zu retten. Nicht die geringste Lust. Sie bekommt, was sie verdient. Daran ändere ich nichts.«
»Man wird Sie jagen. Und man wird Sie finden.«
»Was du nicht sagst, Sergeant!«
»Mr. Slade … Ian …«
»Mr. Slade … Ian …« , äffte er sie mit hoher, gekünstelter Stimme nach. »Halt den Mund, oder ich erschieße dich auf der Stelle. Jetzt und hier. Kapiert?«
Sie öffnete den Mund, setzte zu einer Erwiderung an, und er dachte gerade, dass es das Beste wäre, ihr erneut den Socken in den Rachen zu schieben, anders war diese penetrante Polizistin offenbar nicht ruhigzustellen, da hörte er ein Brummen.
Ein Vibrationsgeräusch.
Er erstarrte.
Am Körper dieser verdammten Frau brummte etwas, und er hatte sich überzeugt, dass sie kein Handy hatte. Aber das Brummen war ein Handy.
Seine Intuition trog ihn eben nie. Er hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte.
10
Er hörte den Motor des Autos, und dann schoss der verrostete Ford Transit schon die holprige Straße hinunter und hinterließ eine Staubwolke. Caleb war in hochgespannter Aufmerksamkeit gewesen, trotzdem zuckte er jetzt zusammen, wie kalt erwischt vom Gang der Ereignisse.
Wieso raste Ian Slade, als sei der Teufel hinter ihm her?
»Was hat der denn?«, fragte auch Alice, die auf dem Beifahrersitz kauerte.
»Sie steigen jetzt aus und verbarrikadieren sich im Haus«, befahl Caleb. »Wie besprochen. Schnell!«
Was immer passierte, er wollte Alice keinesfalls in der Schusslinie haben.
Alice sprang aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Caleb startete sofort. Er hatte Ians Auto bereits aus den Augen verloren, was für den Moment in Ordnung war, weil Ian ihn keinesfalls im Rückspiegel zwischen den Büschen hätte hervorkommen sehen sollen. Er wusste, dass Slade als Nächstes die Hauptstraße des Dorfes nehmen musste, einen anderen vernünftigen Weg gab es nicht, um auf die Landstraße Richtung Nottingham zu gelangen – von der aus er allerdings dann in alle möglichen Himmelsrichtungen abbiegen konnte. Bis dahin musste Caleb Sichtkontakt haben. Sein Plan war, sich im Dorf hinter ihn zu setzen. Slade konnte dann nicht mehr wissen, woher er gekommen war, er hatte ihn nie zuvor gesehen, es war relativ sicher, dass er nicht misstrauisch werden würde. Wenn der Begriff sicher im Zusammenhang mit dieser ganzen Aktion überhaupt angebracht war. Im Grunde war es vollkommen verrückt, was sie gerade taten. Wenn Caleb daran dachte, dass in dem Auto, das an ihm vorbeigeschossen war, Kate lag, an Händen und Füßen gefesselt und wehrlos in den Händen eines Psychopathen, der Menschen ermordete, wie sie ihm gerade in die Quere kamen, brach ihm der Schweiß aus. Er hätte sich nicht darauf einlassen dürfen, das wurde ihm mit jeder Sekunde klarer, aber für diese Erkenntnis war es jetzt zu spät. Er verstand Kates unbedingten Willen, Sophia Lewis zu retten, und, ja, wahrscheinlich hatte sie recht, und für Sophia gab es keinen anderen Weg als den, den sie gerade zu gehen versuchten. Aber eine Rettung durfte keine Gefahr für einen anderen Menschen darstellen, das gehörte zum Einmaleins der Polizeiarbeit. Und das Risiko, das Kate gerade einging, war zu groß.
Viel zu groß.
Er hatte die Dorfstraße erreicht, die schnurgerade durch den kleinen Ort führte. Stumm und leer lag sie vor ihm. Rechts und links parkten ein paar Autos. Eine träge Ruhe lag über der Szenerie. August und Ferien. Nicht einmal Pendler, die von der Arbeit zurückkamen, waren zu sehen. Wo zum Teufel war Slade geblieben? Er durfte hier nicht allzu schnell fahren, wollte er nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er müsste ihn noch sehen.
»Verdammt«, fluchte Caleb.
Er fuhr weiter, mit erhöhter Geschwindigkeit. Warum war Slade vorhin so gerast? Er musste sich doch in Sicherheit wiegen, warum also sollte er es riskieren, einer Streife aufzufallen, indem er ein irres Tempo vorlegte? Fast, als habe er gezielt etwaige Verfolger abhängen wollen … Aber er konnte es nicht wissen. Er konnte es, verflucht noch mal, nicht wissen!
Caleb hatte Kate exakt wieder so gefesselt, wie er sie vorgefunden hatte. Es hatte ihm selbst körperliche Schmerzen bereitet, sie wie ein Paket zusammenzuschnüren und zu wissen, wie qualvoll sich diese Fesselung schon nach kurzer Zeit für sie anfühlen würde. Aber sie hatte darauf beharrt.
»Wenn er merkt, dass irgendetwas anders ist als vorher, ist alles umsonst.«
Sie hatte den grässlichen Socken wieder in den Mund genommen, und Caleb hatte Klebeband darüber gepappt, sie hatten die Wasserflasche weggeräumt und alles wieder so hergestellt, wie es gewesen war. Die ganze Zeit über hatte Caleb den Instinkt gespürt, der ihm sagte, er solle das Unternehmen abbrechen. Aber Kate hatte eine Entschlossenheit ausgestrahlt, die es unmöglich machte, sie von dem eingeschlagenen Weg abzubringen.
Zuvor hatten sie Calebs Handy lautlos gestellt und an ihrem Körper versteckt. Kurz hatten sie beratschlagt, ob es besser wäre, es völlig auszuschalten. Kate hätte es im Zweifel wieder einschalten und den Pin eingeben müssen. Sie hatten sich dagegen entschieden, weil dieser gesamte Vorgang in einer kritischen Situation zu lange dauern konnte. Kate hatte das Handy in ihre Unterhose geschoben.
»Da verirrt er sich hoffentlich nicht hin«, sagte sie.
Caleb seufzte. »Das alles ist …«
»Unumgänglich«, sagte Kate.
Caleb zog das Taschenmesser hervor, mit dem er vorher Kates Fesseln durchschnitten hatte. »Hier. Das nehmen Sie bitte. Nicht dass es besonders hilfreich wäre gegenüber einem mit einer Schusswaffe ausgestatteten Mann, aber es ist besser als nichts.«
»Aber wohin damit?«
Schließlich hatte es Kate in einen ihrer Schuhe gesteckt. Es drückte ziemlich, aber vermutlich würde sie nicht viel laufen müssen.
Sie hatte ein Handy und ein Taschenmesser. Caleb fand, selbst beides zusammen konnte man nur als unzulänglich bezeichnen.
Nun fuhr er die verdammte Dorfstraße entlang und sah keine Spur von dem schäbigen Kastenwagen und verstand einfach nicht, wie das sein konnte. Warum war Ian vorhin dermaßen schnell gestartet? Und warum hatte er dieses verrückte Tempo offenbar beibehalten? Denn sonst müsste er zu sehen sein. Caleb konnte weit genug geradeaus blicken. Er müsste ihn sehen.
Sein Handy piepte, genauer gesagt: das Handy von Alice. Er konnte seine eigene Nummer im Display sehen. Sie hatten sie zuvor gespeichert, damit er sofort wusste, wenn Kate anrief.
Er riss das Handy geradezu an sein Ohr. »Kate?«
»Nein, ich bin es, Alice.«
»Alice?« Wie konnte das denn sein?
»Das Handy lag hier im Haus. Im Flur. Daneben das Messer.«
»Was?«
»Er muss beides gefunden haben.«
»Das gibt’s doch nicht, er hat sie erneut durchsucht?« Caleb fühlte sich plötzlich fast überwältigt von Panik, ein Gefühl, das er kaum je im Leben gehabt hatte. Er war niemand, der leicht in Panik geriet. Aber jetzt …
»Hier wird ein Anruf angezeigt«, sagte Alice. »Vor etwa zwanzig Minuten.«
»Das Ding ist auf lautlos.«
»Der Vibrationsalarm ist nicht ausgeschaltet«, sagte Alice. »Ich habe es eben überprüft.«
»Mist! Wieso haben wir daran nicht gedacht? Wieso hat er das gehört?«
»Weil man Vibration hören kann, wenn es ringsum sehr still ist«, sagte Alice. Sie klang verzweifelt.
»Verdammt, deshalb ist er so gerast. Er wusste, hier ist jemand. Er hat es darauf angelegt, uns abzuhängen.« Caleb schlug mit der Faust auf das Lenkrad. »Und er hat es geschafft.« Er fuhr an den Rand der Landstraße und hielt an. Es brachte nichts, hier weiterzufahren, Ian war nicht hier. Es war der Weg gewesen, den er logischerweise eingeschlagen hätte, wenn er sich in Sicherheit gewähnt hätte. So jedoch nahm Caleb an, dass er von der Hauptstraße im Dorf bereits nach rechts oder links in die Siedlungen abgebogen war und dann über eine Nebenstraße oder vielleicht sogar über einen Feldweg das Weite gesucht hatte. Er war über alle Berge. In irgendeine der vier Himmelsrichtungen, und Caleb hatte keine Ahnung, in welche.
Ihm war zum Heulen zumute. Und das kannte er noch weniger als Panik.
Reiß dich zusammen, Caleb, befahl er sich, reiß dich zusammen, alles andere macht es nur schlimmer.
»Wer ist der Anrufer? Können Sie das sehen? Steht da ein Name?«
»Nein. Aber es ist eine Nachricht auf der Mailbox.«
»Können Sie die abrufen und mir vorspielen?« Nicht, dass es wahrscheinlich einen Sinn machte.
Alice brauchte ein paar Augenblicke, um sich mit dem fremden Handy vertraut zu machen, dann vernahm Caleb eine ihm fremde Stimme von seiner Mailbox.
»Hallo, Inspector Hale. Wir haben heute früh telefoniert. Kamil Abrowsky hier.«
Caleb stöhnte auf. Der Therapeut. Dem wahrscheinlich irgendetwas eingefallen war und der im falschesten Moment angerufen hatte.
»Ich habe nachgedacht, und mir ist etwas eingefallen«, fuhr Abrowsky fort. »Sascha hatte ein paar Mal erwähnt, dass seiner Mutter noch immer das Haus in der Gegend von Nottingham gehört. Er hatte ja nach einigen Jahren wieder regelmäßig Kontakt mit seiner Mutter und hoffte immer, sie werde eines Tages dort mit ihm leben. Ich weiß nicht, ob Sie das voranbringt? Aber Sie hatten ja gefragt, ob es einen Ort gibt, an den sich Slade und Sascha vielleicht zurückgezogen haben könnten?« Er schwieg einen Moment. »Also, vielleicht hilft Ihnen das ja«, schloss er dann. »Auf Wiederhören.«
»Idiot!«, sagte Caleb wütend. »Wenn ihm das heute Morgen eingefallen wäre, hätten wir wahrscheinlich beide retten können. Sophia wäre noch da gewesen.«
Es brachte nichts, sich zu ärgern. Vorwärts schauen. Retten, was zu retten war. Wenn es diese Chance noch gab.
Er beendete die Verbindung. Er hatte keine Lust, nun noch irgendeinen Kommentar von Alice zu alldem zu hören. Sie hatte lange genug mit Ian Slade gemeinsame Sache gemacht. Spätestens, als er Sophia Lewis anschleppte, hätte sie zur Polizei gehen müssen, Angst hin oder her.
Was hatte Kate gesagt? Sie haben das Autokennzeichen und die ungefähre Gegend. Wenn etwas schiefläuft, müssen Sie eben den gesamten Polizeiapparat in Bewegung setzen.
Es war etwas schiefgelaufen. Gründlich.
Er wählte Helens Nummer. Zum Glück meldete sie sich schnell. Er begann, diese Frau zu lieben. Ohne sie würde schon lange gar nichts mehr gehen.
»Helen, ich brauche dringend Ihre Hilfe«, begann er, »hören Sie genau zu. Folgendes ist passiert …«
11
Er war zuerst mit einem völlig überhöhten Tempo gefahren, und jede Kurve hatte sich geradezu lebensgefährlich angefühlt, aber inzwischen fuhr er zwar nicht gerade langsam, aber doch mit einer relativ normalen Geschwindigkeit. Er musste unbedingt vermeiden, einer Streife aufzufallen. Allerdings hätte die Begegnung mit einem Polizeiauto vermutlich so oder so das Ende bedeutet – inzwischen dürfte seine Nummer bekannt sein, jeder Polizist des Landes hatte Anweisung, ihn zu stoppen oder sich zumindest an seine Fersen zu heften. Er hatte eine Geisel hinten im Wagen liegen. Seine einzige Trumpfkarte.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ihm gelungen, die Polizisten, die mit Sicherheit um das Haus herum positioniert gewesen waren, abzuhängen. Er hatte nicht die Hauptstraße aus dem Dorf hinaus genommen, sondern er war durch Seitengassen gejagt und hatte schließlich über einen Schotterweg das Dorf verlassen. Niemand war ihm gefolgt.
Als das Handy vibriert hatte, war er erstarrt, dann hatte er sich blitzschnell in alle Richtungen des Zimmers gedreht, die entsicherte Pistole in der Hand, bereit, auf jeden Polizisten zu schießen, der sich zeigte. Aber dann war ihm klar geworden, was es bedeutete, dass er Kate nach wie vor geknebelt und gefesselt angetroffen hatte. Mit Sicherheit lauerte die Polizei in der Nähe, aber sie würden sich nicht zeigen. Sie wollten Sophia Lewis lebend finden. Er sollte sie dorthin bringen, was bedeutete, sie würden ihn verfolgen, aber sie mussten dabei vorsichtig sein, damit ihm nichts auffiel. Er würde einen Raketenstart hinlegen müssen … Er hoffte, dass sie nicht überall im Dorf und an sämtlichen Ausfahrtstraßen positioniert waren. Wobei es eigentlich nur eine einzige richtige Straße gab, ansonsten Feld- und Kieswege, die zwischen Kuhweiden und Feldern entlangführten.
Er bereute es, zurückgekommen zu sein. Er hatte dieses leise Unbehagen gespürt, und nun begriff er, dass er darauf hätte hören sollen. Er hatte schon immer ein gut funktionierendes inneres Radarsystem gehabt, und es hatte sich noch jedes Mal als Fehler erwiesen, es zu ignorieren.
Aber nun war es so. Nun musste er sehen, wie er aus der Situation wieder herauskam. Er hatte keine Lust, in den Knast zu gehen. Ums Verrecken nicht!
Er hatte Kates Körper mit einer Grobheit abgetastet, die sie mehr als einmal einen Schmerzenslaut ausstoßen ließ, und er hatte das Handy wahrhaftig in ihrer Unterhose gefunden. Er hätte große Lust gehabt, ihr dafür irgendeinen richtig schlimmen Schmerz zuzufügen, aber die Zeit drängte. Vielleicht ergab sich später noch die Gelegenheit, sie für diese Heimtücke bezahlen zu lassen.
»Wie viele Bullen sind hier um das Haus herum versteckt?«, fragte er.
»Hier ist niemand«, sagte sie. Sie hatte die Dreistigkeit, selbst angesichts einer klaren Beweislage das Offensichtliche noch abzustreiten. Als Antwort darauf schlug er ihr ins Gesicht, sodass ihr Kopf wie ein Tennisball zur Seite fiel und sie aufschrie. Leider konnte er nicht all seine Kraft zusammennehmen. Dann wäre sie bewusstlos gewesen, und das hätte alles verkompliziert.
In ihrem rechten Schuh fand er ein Taschenmesser. Wütend schleuderte er es auf den Boden. Die hatten geglaubt, die hatten wirklich geglaubt, ihn austricksen zu können.
Er begann, sich jetzt, da sie durch die sternenklare Augustnacht fuhren, etwas sicherer zu fühlen. Kate lag hinten im Wagen, gefesselt und erneut mit Socken im Mund, auf der Matratze, die der unglückliche Jack Gregory für seine Campingreisen dort hineingelegt hatte und die inzwischen ziemlich undefinierbar stank. Nach allerlei Körperflüssigkeiten, vor allem nach Sophia Lewis’ Angstschweiß. Sie hatte gewusst, was sie erwartete, als er mit ihr zu ihrer letzten Fahrt aufgebrochen war. Sie war vor Angst halb wahnsinnig gewesen, ihre Augen hatten es verraten. Aber ihn konnte sie nicht erweichen. Er hatte immer gewusst, dass sie es gewesen war, die ihn damals verpfiffen hatte. Ihre verdammte allabendliche Joggingrunde hatte sie an der leer stehenden Garage vorbeigeführt, in der er wunderbare Dinge mit dem kleinen Mädchen hätte anstellen können, das dumm genug gewesen war, mit ihm gemeinsam den Garten seiner Eltern zu verlassen. Er hatte Sophias Gesicht gesehen, als sie in die Garage gestarrt hatte. Dann war sie um ihr Leben gerannt und hatte wahrscheinlich gehofft, er habe sie nicht erkannt. Ihm war gleich klar gewesen, dass sie die Bullen holen würde.
Nach seiner Entlassung aus dem Heim hatte er ziemlich mühsam ihre Adresse herausgefunden. Nervös, wie sie wohl all die Jahre hindurch gewesen war, hatte sie sich in keinem Wohnverzeichnis registrieren lassen. Aber über frühere Bekannte aus West Bromwich hatte er erfahren, dass sie in Manchester an einer Schule unterrichtete, und dann hatte er die Schulen abgeklappert, bis er sie endlich gefunden hatte. Er hatte ihr einen anonymen Brief geschrieben, der verkündete, dass er, Ian Slade, wieder auf freiem Fuß war. Sehr amüsant zu beobachten, dass sie bald daraufhin wegzog und an einer anderen Schule neu anheuerte. Hatte Riesenangst, das dumme Stück, und das zu Recht. Da, wo sie jetzt lag, konnte sie in aller Ruhe über die Fehler nachdenken, die sie gemacht hatte. Genau genommen war es nur ein einziger Fehler: Sie hätte ihn nicht verpfeifen dürfen damals.
Vor ihm lag die dunkle, stille Landstraße. Sie fuhren in Richtung südöstliche Küste, aber nur auf Nebenstrecken. Immer wieder wechselte er auf andere Straßen. Fast nie kam ihm ein anderes Auto entgegen. Im Rückspiegel keine Lichter, schon seit über einer Stunde nicht. Niemandem war es gelungen, an ihm dranzubleiben. Herrlich! Denen ging der Arsch auf Grundeis, da war er sicher. Er hatte die Kollegin in seinem Auto, den Lockvogel, aber anstatt dass er in die Falle getappt war, saß nun sie richtig tief in der Patsche. Derjenige, der diesen idiotischen Plan geschmiedet hatte, würde in der Luft zerrissen werden. Zu schön, diese Vorstellung. Ian hätte am liebsten zu pfeifen begonnen, so gut und siegessicher fühlte er sich. Ihm war eben nicht beizukommen. Er hatte alles so verdammt clever angefangen. Sie alle auszuspionieren: Sophia. Xenia. Oliver. Alice. Es war nicht einfach gewesen, aber er war hartnäckig, er war schlau, er hatte eine großartige Kombinationsgabe. Er hatte irgendwann gewusst, wo sie wohnten, wie sie lebten. Möglich war ihm das natürlich nur gewesen, weil er sich frühzeitig das Auto organisiert hatte, eines, in dem er auch wohnen konnte und total beweglich war. Der arme Kerl, Jack Gregory, der ihn mitgenommen hatte, als er sich am Straßenrand aufgestellt und den Daumen rausgehalten hatte, wann immer sich ein Kleinlaster, ein Campingbus oder ein Kastenwagen näherte. Gregory hatte angehalten und ihn einsteigen lassen. Ian fand den uralten Ford Transit nicht gerade erstklassig, aber besser als nichts. Immerhin hatte er hinterher festgestellt, dass er bereits zum Camper umfunktioniert war: mit einer Matratze, einem Gaskocher, Geschirr und Besteck … Gregorys hatte er sich an einem einsamen Rastplatz in den Yorkshire Dales entledigt, ein sauberer Schnitt durch die Kehle, und ihn sodann in eine steile Felsenschlucht gekippt. Unwahrscheinlich, dass ihn jemals jemand dort fand.
Der Transit war ihm und Sascha ein gutes Zuhause gewesen, bis Sascha Alice überredet hatte, mit ihm gemeinsam in das Haus bei Nottingham einzuziehen. Das war deutlich komfortabler und größer. Allerdings hatten damit dann auch die Probleme begonnen: Er hatte Alice misstraut, und das Haus hatte er immer als eine Falle empfunden. Als die es sich letztlich auch erwiesen hatte. Hätte, korrigierte er sich in den Konjunktiv. Wäre er nicht schlauer gewesen als sie alle.
Obwohl, wenn er ehrlich war, wäre er ihnen fast ins Netz gegangen. Gerettet hatte ihn das Handy. Also ein Zufall.
Das Pfeifen, das er hatte anstimmen wollen, erstarb ihm auf den Lippen. Es war verdammt knapp gewesen. Er durfte nicht leichtsinnig werden. Er war noch lange nicht in Sicherheit.
Die Frage war, was er als Nächstes tun würde. Seinen ursprünglichen Plan, mit Kate als Geisel auf den Kontinent zu fliehen, hatte er nicht aufgegeben, aber die Situation hatte sich deutlich zugespitzt. Jedes Passagierschiff, das von irgendeinem Hafen Englands aus in den Stunden des nächsten und übernächsten Tages ablegen würde, wäre mit Polizei besetzt. Ebenso die Abfertigung am Eurotunnel in Dover. Das konnte sogar Wochen anhalten, denn sie würden nun alles daransetzen, Kate zu befreien. Sie würden ihn nicht erschießen, da sie ihn lebend brauchten, wollten sie noch irgendeine Chance haben, das Versteck von Sophia Lewis zu erfahren. Das alles gab ihm eine gewisse Sicherheit, aber nur, was seine körperliche Unversehrtheit anging. Sie wollten ihn festnehmen, und es konnte ihnen gelingen. Da machte er sich nichts vor. Trotz seiner Geisel. Er war alleine, und irgendwann würden seine Kräfte nachlassen. Noch trug ihn das Adrenalin in seinem Körper, aber er hatte schon viel zu lange nicht mehr geschlafen, und er würde keine vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden mehr durchhalten. Wenn er einschliefe, hatten sie ihn.
Durch den Rückspiegel spähte er in den hinteren Teil des Wagens. Es gab eine Trennwand, die bis knapp unter die Decke reichte, einen zwei Handbreit starken Spalt jedoch freiließ. Man konnte im Grunde nichts erkennen, zumal es hinten keine Fenster gab, durch die etwas Licht hineingekommen wäre – was allerdings jetzt in der Nacht auch nur wenig gebracht hätte. Aber obwohl er die Lage dadurch nicht im Blick hatte, machte er sich keine Sorgen. Kate war gut verschnürt und lag wie ein hingeworfenes, bewegungsloses Bündel auf der Matratze. Wegen der Knebelung konnte sie nicht reden, aber er wäre jede Wette eingegangen, dass sie wach war. Hellwach.
Sicher dachte sie verzweifelt über eine Möglichkeit nach zu entkommen. Dass er sie nicht zu Sophia führen würde, hatte er ihr gesagt, jetzt ging es für sie darum, sich selbst zu retten.
Was ihr nicht gelingen konnte. Armes Ding.
»Ich denke, wir verschieben unseren Trip nach Frankreich«, sagte er. Er drehte den Kopf halb nach hinten und sprach sehr laut, damit sie ihn verstand. Der alte Kastenwagen rumpelte entsetzlich, seine Geräusche übertönten alles. »Wir haben alle Zeit der Welt, nicht wahr?«
Die hatten sie natürlich nicht, vor allem, weil sie kein Geld hatten. Andererseits war er findig in solchen Dingen.
»Mir schwebt irgendein Ferienhaus vor. In Südengland. Was hältst du von Cornwall? Nette Gegend. Ich habe ja Alice dort ausfindig gemacht. Hat mir gefallen.«
Sie erwiderte nichts. Wie auch.
»Am besten wäre ein Rentnerehepaar«, fuhr er fort. »In dem Haus. Die haben Vorräte, Bargeld und eine EC-Karte. Und sind leicht und schnell ruhigzustellen. Man kann sie im Keller einsperren. Man kann ihnen aber auch einfach das Licht ausblasen. Muss ich sehen. Wird sich ergeben.«
Es war nicht so einfach, wie er es darstellte. Auch alte Leute waren meist irgendwie vernetzt. Hatten Kinder und Enkel, Nachbarn, Freunde. Die Zeit, jemanden zu suchen, der völlig einsam im Leben stand, hatte er nicht. Er hatte sich in Oliver Walshs Wohnung ein paar Geldscheine aus einer Schublade geklaut, aber sehr weit kamen sie damit nicht. Es konnte auch gefährlich sein, in einen Supermarkt zu gehen, Tankstellen anzufahren … Er schaute vorsichtshalber gleich auf die Benzinanzeige. Viertel voll. Ewig reichte das auch nicht mehr.
Er merkte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Gerade hatte er sich unbesiegbar gefühlt, aber kaum dachte er genauer über seine Lage nach, wurde ihm klar, wie wenig Grund er hatte, euphorisch zu sein. Er hätte nicht zurückfahren dürfen. Er hätte Sophia loswerden und dann so schnell wie möglich das Weite suchen müssen. Der Plan, mit Kate ein Schutzschild zu haben, war nicht dumm gewesen, aber er hatte ihn nicht wirklich zu Ende gedacht und vor allem hatte er bei diesem ganzen Manöver viel zu viel Zeit verloren. Jetzt hing er auf der Insel fest – in einem Auto, nach dem überall gefahndet wurde, mit einem Gesicht, das am nächsten Tag wahrscheinlich in jeder Zeitung abgebildet sein dürfte und längst im Internet kursierte. Mit einer entführten Polizistin im Laderaum …
Nicht die Nerven verlieren, befahl er sich. Dir fällt etwas ein. Dir fällt immer etwas ein.
Er spähte erneut nach hinten. Dunkelheit. Er wünschte, er könnte sie atmen hören. Er wusste nicht, warum, aber es hätte ihn beruhigt.