Dienstag, 6. August
1
Mitternacht war vorbei. Zumindest vermutete sie es. Sie hatte das Gefühl, dass sie seit vielen Stunden unterwegs waren und dass dieses Auto niemals mehr stehen bleiben würde. Ian führte sie nicht zu Sophia. Und natürlich hatte Caleb längst den Anschluss verloren, ihn wahrscheinlich von Anfang an nicht gehabt. Ihr Plan hatte darauf gebaut, dass Ian ahnungslos war, nur dann hätte er funktionieren können. Nachdem er erkannt hatte, was gespielt wurde, hatte er durch einen überbeschleunigten Start und wilde Zickzackfahrten durch das Dorf alles zunichtegemacht.
Kate war auf sich alleine gestellt.
Für den Moment ging es nicht mehr darum, Sophia zu finden. Sondern das eigene Leben zu retten. Ian diente sie vorläufig als lebender Schutzschild. Wenn er sie nicht mehr brauchte, überlebte sie keine zehn Minuten mehr.
Die Matratze, auf der sie mit dem Gesicht nach unten lag, stank schauderhaft. Nach Essensresten, nach Sperma, nach Urin und nach hundert Dingen mehr, die Kate nicht einordnen konnte. Es war ihr erst nach einiger Zeit gelungen, sich auf die Seite zu drehen. Sie roch den Gestank immer noch, aber sie presste wenigstens nicht mehr ihre Nase hinein. Und sie bekam etwas besser Luft. Am liebsten hätte sie sich auf den Rücken gerollt, aber dann hätte sie mit ihrem Gewicht auf ihren gefesselten Händen gelegen, und das hätte den Schmerz der nach hinten gebogenen Schultern ins Unerträgliche gesteigert.
Wenn sie den Kopf etwas anhob, sah sie durch den schmalen Spalt über der Trennwand die Nacht jenseits der Windschutzscheibe, und sie sah die Spitze von Ian Slades Kopf. Ian war auch im Sitzen groß, sein Kopf stieß fast an die Decke. Sie entsann sich seiner breiten Schultern, seiner muskulösen Oberarme. Sie war ihm kräftemäßig nicht einmal ansatzweise gewachsen. Ganz abgesehen davon, dass er eine Waffe hatte.
Überrumpelung wäre die einzige Chance.
Ihre Augen hatten sich rasch an die Dunkelheit hinten im Wagen gewöhnt, und sie konnte zumindest schattenhaft die Behälter ausmachen, die entlang der Kopfseite aufgestellt waren und die sie schon von der ersten Fahrt her kannte. Nach wie vor vermutete Kate, dass der ermordete Jack Gregory darin seine Campingutensilien aufbewahrte: Geschirr, Besteck, Zahnputzsachen, Decken und Handtücher. Am meisten von all diesen Dingen interessierte sie das Besteck. Weil der Mensch mit Gabeln aß und mit Messern. Und auch größere Schneidemesser, für Brot etwa, brauchte. Das hieß, in unmittelbarer Nähe befanden sich Gegenstände, die als Waffen geeignet waren.
Dank ihrer völligen Unbeweglichkeit jedoch waren sie vollkommen unerreichbar für sie.
Wichtig war es jetzt, nicht frühzeitig aufzugeben. Was schwerfiel angesichts all der Dinge, die sie über den Mann wusste, in dessen Gewalt sie sich befand. Er hatte Inspector Stewart über den Haufen geschossen und seinen Komplizen Sascha kaltblütig erledigt, als dieser begann, ein Problem für ihn darzustellen. Er hatte den Studenten, dem dieser schäbige Kastenwagen gehört hatte, umgebracht, weil er ein Auto brauchte. Er hatte Xenia im Zug zu erschießen versucht. Ganz zu schweigen davon, was er mit Sophia …
Ihre wild kreisenden Gedanken verhakten sich plötzlich. Sophia. Irgendetwas war da … irgendetwas im Zusammenhang mit Sophia …
Er hatte sie vergraben. Sie lag in einer Kiste in einem Erdloch. Irgendwo. Wenn Kate das Grauen beiseiteschob, das sie unweigerlich befiel, wenn sie sich Sophias Situation vorstellte, blieb eine pragmatische Frage: Wo war der Spaten?
Sie rollte sich nun doch auf den Rücken, ignorierte den Schmerz. Er hatte ihre Arme grausam nach hinten gezerrt. Ihre Schultern fühlten sich nun an, als würden sie endgültig aus den Gelenken gekugelt.
Zum Glück bekam Slade von allem, was hinten geschah, nichts mit. Dieses Auto hatte einen dermaßen lauten Motor und schepperte und rumpelte überdies bei jeder noch so kleinen Bodenerhebung, dass man sich kaum hätte verständigen können und eigentlich nichts voneinander hörte. Zudem vermutete sie, dass Slade im Rückspiegel nur die völlige Schwärze des Laderaums sehen konnte. Höchstwahrscheinlich nahm er sie nicht einmal als Schatten wahr.
Mit etwas Schwung drehte sie sich so, dass sie auf ihrer linken Seite zu liegen kam und nun die Wand gegenüber der seitlichen Schiebetür im Blick hatte. Die üblichen Plastikbehälter. Und davor er.
Der Spaten.
Sie konnte die Erde riechen, die an der Schaufel klebte. Wohltuend neben dem Gestank, der der Matratze entströmte. Wie an einem noch kühlen, frischen ersten Frühlingstag.
Langsam – es ging in ihrer Lage alles so elend langsam – schob sie sich an die Spatenschaufel heran, dann nahm sie allen Mut zusammen und drehte sich wieder auf den Rücken, rollte dann auf die Seite, auf der sie ursprünglich gelegen hatte. Nun aber so, dass ihre gefesselten Handgelenke direkt an der scharfen Kante der Schaufel lagen.
Es war aus ihrer Haltung heraus schmerzhaft und mühsam, die Nylonschnur, mit der sie gefesselt war, an der Kante hin- und herzureiben. Es belastete Muskeln, von deren Existenz sie zuvor nichts gewusst hatte. Schon bald taten ihr die Arme und die Schultern so weh, dass sie hätte weinen mögen. Aber sie hielt durch. Wenn sie die Arme frei und den Spaten in die Hände bekäme, hatte sie eine Chance, selbst gegen einen Riesen wie Ian Slade.
Das Nylonseil zerriss genau in dem Moment, als Ian die Straße verließ, der Unebenheit nach zu schließen, in einen Feldweg bog und dort zum Stehen kam.
Kate riss das Klebeband vom Gesicht und zerrte den Strumpf aus ihrem Mund. Sie schnappte nach Luft, versuchte zugleich, keinen Laut zu verursachen. Noch hatte sie ihre Füße nicht befreit und war sehr eingeschränkt bewegungsfähig. Wenn er jetzt nach hinten kam, um nach ihr zu schauen, wäre alles umsonst.
2
Er pinkelte in ein abgeerntetes Getreidefeld und fühlte sich zumindest körperlich erleichtert. Wenn er den Kopf hob, sah er Sterne am Himmel. Eine Augustnacht wie aus dem Bilderbuch. Samtschwarz. Ein bisschen spürte man schon den Herbst.
Er tippte sich an die Stirn. Als ob er nichts Besseres zu tun hätte, als jetzt über den Herbst oder die Farbe eines nächtlichen Himmels nachzudenken.
Die Zeit drängte. Er musste von der Straße. Möglichst, bevor es wieder heller Tag war. Er wurde im ganzen Land gesucht, darauf hätte er gewettet.
Seinem Gefühl nach waren sie vielleicht in Kent. Er kannte sich in England so schlecht aus. Er war zwölf gewesen, als er in das verdammte Heim gekommen war, und dann hatte er bis in seine Zwanziger hinein dort festgesessen. Im Geographieunterricht hatte er gepennt. Er hatte tatsächlich nur rudimentäre Kenntnisse über die Lage einzelner Grafschaften. Aber Kent könnte hinkommen.
Er würde jetzt nach einem einsamen Haus Ausschau halten und dort eindringen, die Bewohner entweder im Schlaf überraschen und ausschalten, oder, was am Ende doch besser wäre, er würde ein leeres Haus finden und sich dort verstecken. Er musste unbedingt schlafen, sonst nickte er über dem Steuer ein. Er musste einen Plan schmieden. Er musste untertauchen. Vorübergehend.
Er stieg wieder ein und ließ den Motor an. Irgendein Cottage … Bei Nacht natürlich nicht wirklich gut auszumachen. Aber auf den Tag durfte er nicht warten. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte zwei Uhr morgens an. Zum Glück wurde es im August nicht mehr so früh hell wie im Mai oder Juni. Aber allzu viel Zeit blieb ihm trotzdem nicht.
Er rollte auf die Landstraße zurück. Sie war so schmal und kurvig, dass ihm niemand entgegenkommen durfte. Wenn er auf einer Straße wie dieser in eine Polizeikontrolle geriet, war er verloren. Er konnte nicht wenden, und er käme an seinem Gegenüber nicht vorbei. Auf den Nebenstrecken waren viele Straßen von dieser Art. Ein Grund mehr, schleunigst ein Versteck zu suchen.
Er fuhr schnell. Zu schnell. Aber egal. Um ihn herum herrschte völlige Einsamkeit.
Er spürte eine latente Panik. Das war gar nicht gut. Die Panik rührte nicht nur aus seiner prekären Situation, sondern auch aus der Erkenntnis, dass er einen riesigen Fehler gemacht hatte, als er zum Haus zurückgefahren war, um Kate zu holen. Er konnte seit Stunden nicht anders, als sich diesen Fehler einzugestehen, und das machte ihn völlig fertig. Denn eigentlich machte er keine Fehler, schon gar keine so blöden. Nicht er! Dass es trotzdem passiert war, nagte an dem Bild, das er von sich hatte. Und an seinem Selbstvertrauen. Und wenn sein Selbstvertrauen erst nachhaltig bröckelte, würde er noch mehr Fehler machen, und dann … Er verbot sich weiterzudenken. Das führte bloß in eine Spirale nach unten.
Leider war das Radio in dieser Schrottkiste kaputt. Sonst hätte er sich wenigstens mit Musik zudröhnen können. Vielleicht wäre es ihm dann besser gegangen. Vielleicht …
Er trat ruckartig auf die Bremse, als ihm plötzlich das Gatter eines Weidezaunes den Weg versperrte. Sein Handy und seine Pistole, beides auf dem Beifahrersitz abgelegt, rutschten in den Fußraum, aber er achtete nicht darauf. Die Straße, in die er zuletzt abgebogen war und die auch gar keine richtige Straße war, endete an einer Weide. So weit er das sehen konnte, ging es jenseits des Gatters nicht weiter – es sei denn, er wollte versuchen, durch sumpfiges Grasland zu rollen, und das wäre so ziemlich das Dümmste, was er tun konnte.
Wütend schlug er mit der Faust auf das Lenkrad. Irgendwie hatte sich einfach alles gegen ihn verschworen. Diese idiotischen Nebenstraßen, diese verdammten englischen Dörfer. Er hatte sich immer gefragt, wie Menschen auf dem Land leben konnten. Nur Kühe und Schafe und verfluchte Weidezäune.
Er sah ein, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde als zu wenden, aber so schmal wie dieser Weg war, bedeutete das, nahezu auf der Stelle zu drehen.
Im Handschuhfach gab es eine Taschenlampe, er nahm sie, stieg aus und beleuchtete die Umgebung. Rechts und links des Weges erstreckten sich Kornfelder, die bereits abgeerntet waren. Flache Gräben dienten wohl als Ablauf für Regenwasser, stellten für ihn jedoch das Problem dar: Wenn er über ihren Rand geriet, verloren seine Räder die Bodenhaftung. Die Gräben machten die ihm zur Verfügung stehende Fläche noch kleiner.
Er fluchte lange und ausgiebig, dann stieg er ein und begann das Wendemanöver. Millimeterweise vor und wieder zurück, ganz leicht das Steuer einschlagen, wieder etwas zurück, wieder etwas vor … Die alte Klapperkiste besaß keine Servolenkung, schon bald schmerzten seine Arme. Der bis auf einen Spalt zugebaute Laderaum machte die Sache nicht leichter, da er nur durch die beiden Seitenspiegel etwas sehen konnte; wegen der Dunkelheit sowieso wenig genug. Im Grunde rangierte er rein instinktiv. Vor, zurück, vor, zurück …
Das Auto sackte nach hinten ab.
»Scheiße!«, brüllte er.
Er war anscheinend mit mindestens einem Hinterrad in den verdammten Graben gerutscht. Ein paar Mal gab er sinnlos und wütend Gas, aber außer, dass der Motor wüst aufheulte, passierte nichts. Die blöde Karre hatte Hinterradantrieb, und deshalb war da jetzt überhaupt nichts zu machen.
Er stieg erneut aus. Er schwitzte heftig, nicht nur wegen der Anstrengung des Rangierens, sondern auch aus Wut und Frust und weil ihm die Zeit weglief. Bevor es hell wurde, musste er ein Versteck gefunden haben, und anstatt es zu suchen, hing er jetzt in einem Graben an einer Schafweide. Nicht der Ort, an dem er unmittelbar Angst vor vorüberfahrenden Polizeistreifen hatte, aber es tauchten vielleicht Bauern auf, und die hatten womöglich im Frühstücksfernsehen sein Gesicht gesehen und sein Auto … Wütend trat er gegen einen der Vorderreifen mit den hoffnungslos abgenutzten Profilen. Der ganze Zustand dieses Schrottautos machte die Sache nicht leichter.
Wie sich herausstellte, hing das Auto mit dem rechten Hinterrad im Graben, und die einzige Möglichkeit, die Ian sah, um es wieder flottzukriegen, war die, das Rad irgendwie abzustützen, was bedeutete, er musste Erde und Schotter in den Graben schaufeln und hoffen, dass der Reifen darauf genug Halt fand. Er starrte zum Himmel hinauf. Er war nicht mehr von der samtigen Schwärze wie bei seinem letzten Halt. Er begann, sich langsam in ein sanftes Anthrazitgrau zu verfärben. Die Morgendämmerung war nicht mehr fern.
»Okay, okay, ich muss nachdenken«, sagte er zu sich selbst. Es half jetzt nichts, nur immer wieder in heiligem Zorn gegen die Räder zu treten. Er musste handeln, und das möglichst schnell.
Ihm fiel der Spaten ein, der hinten im Auto lag. Nicht dass er gerade jetzt Lust hatte, diese idiotische Polizistin zu sehen, die ihm letztlich diese ganze Situation eingebrockt hatte, aber zum Glück konnte sie ihn nicht blöd anlabern, denn sonst hätte er für nichts garantiert. Er schob die seitliche Schiebetür auf, die er glücklicherweise einige Wochen zuvor geölt hatte, sie ließ sich ohne Mühe und fast lautlos bewegen. Im Inneren des Wagens war es dunkel, und es stank. Schattenhaft nahm er die Gestalt von Kate wahr. Sie lag auf der Seite, genauso, wie er sie platziert hatte.
Der Spaten hatte seiner Erinnerung nach auf der gegenüberliegenden Seite vor den Plastikbehältern gelegen, aber als er die Stelle nun mit seiner Taschenlampe beleuchtete, konnte er ihn nicht entdecken. Bei seiner rasanten Fahrweise war das eigentlich kein Wunder. Wahrscheinlich war er ganz nach hinten ins Auto gerutscht.
Es half nichts, er musste hineinsteigen. Er kletterte hinauf und robbte auf den Knien zur Rückseite des Wagens, mit der Taschenlampe die Ecken ausleuchtend. Verdammt noch mal, wo war der blöde Spaten geblieben? So ein Ding löste sich nicht in Luft auf, oder?
Als er die Bewegung schräg hinter sich wahrnahm, eher spürte als sah, versuchte er, sich umzudrehen, aber es war schon zu spät. Irgendetwas sauste durch die Luft, im Bruchteil von Sekunden, und gleich darauf spürte er einen furchtbaren Schmerz an der Ferse seines rechten Fußes, so schlimm, dass er brüllte wie ein Stier und gleich darauf meinte, ohnmächtig zu werden. Der Schmerz schoss sein Bein hinauf, breitete sich über seinen Hüften aus, jagte bis in seine Brust, quetschte sein Herz zusammen, seine Lunge, nahm ihm den Atem … Verflucht, was war passiert? Was war passiert?
Der Schmerz lähmte ihn derart, dass er es nur mit größter Mühe schaffte, sich umzudrehen. Die Taschenlampe war ihm aus der Hand gefallen und glühte auf dem Metallboden vor sich hin. Er konnte sehen, dass Kate gerade wieselflink aus dem Auto sprang. Sie hielt den Spaten in der Hand. Er begriff, dass sie ihm mit dem Ding in die Achillessehne geschlagen, diese vermutlich durchtrennt, womöglich sogar den Knochen gespalten hatte. Ihm wurde plötzlich übel, und er erbrach sich in die Ecke. Die Schmerzen hämmerten inzwischen bis in seinen Kopf hinauf. Er meinte, von einer zunehmenden Lähmung befallen zu sein, und bewegte probehalber die Finger zuerst seiner rechten, dann seiner linken Hand. Funktionierte. Er war nicht gelähmt. Die Schmerzen setzten ihn nur total außer Gefecht.
Und das durfte nicht sein. Ausgerechnet jetzt konnte er nicht wimmernd liegen bleiben und warten, bis die Polizei kam und ihn festnahm.
Die Schiebetür ging zu.
Er biss die Zähne zusammen. Die Tränen liefen ihm vor Schmerz über die Wangen, als er auf die Tür zurobbte. Er würde Kate töten. Und wenn es das Letzte war, was er tat in diesem Leben.
Sie war schon so gut wie tot.
3
Kate hatte völlig verkrampfte Beine vom langen Liegen, aber sie ignorierte das Ziehen in ihren Muskeln, sprang aus dem Wagen und zog die Schiebetür hinter sich zu. Sie hielt den Spaten noch in der Hand. Es war eine heikle Situation im Auto gewesen, sie hatte nicht einfach blind losschlagen dürfen, denn die Gefahr, ihn mit der schweren Eisenschaufel tödlich zu verletzen, war groß gewesen. Die Schaufel war geeignet, einem Menschen den Schädel zu spalten, aber sie brauchten Ian lebend, sonst war Sophia verloren. Sie hatte nur Sekunden zur Verfügung gehabt, sie hatte zielsicher treffen müssen, und zwar so, dass Ian unmittelbar außer Gefecht gesetzt wurde. Er musste zumindest für den Moment komplett ausgeschaltet, jedoch nicht tot sein. Das alles in der Enge und im Dämmerlicht des nur schwach von der Taschenlampe beleuchteten Laderaums. Als er hineinstieg, hatte sie geglaubt, ihr Herzschlag müsse sie verraten, so heftig und hämmernd war er, aber Ian hatte nichts wahrgenommen, hatte geleuchtet und gesucht und wie verrückt geschwitzt, das hatte sie riechen können. Sie hatte sich blitzschnell aufgerichtet, auf seine Beine gezielt und zugeschlagen. Sein mörderisches Gebrüll verriet ihr, dass sie getroffen hatte.
Nun stand sie draußen auf einem Feldweg, keuchend wie nach einem Dauerlauf und sah sich um. Sie erfasste die Situation sofort: Der eine Hinterreifen des Kastenwagens hing über einem flachen Graben, das Auto stand quer über dem Weg. Davor ein Gatter. Ian hatte wenden müssen, dabei war das Rad abgerutscht. Sie wusste jetzt, weshalb er nach hinten gekommen war: Er hatte den Spaten gesucht, weil seine einzige Chance, den Wagen zu bewegen, darin bestand, Erde unter das Rad zu schaufeln. Aber auf dem Spaten hatte sie halb gelegen, mit zum Schein hinter dem Rücken gekreuzten Händen, zusammengebundenen Füßen. In Wahrheit frei. Auf ihre Gelegenheit wartend und wissend, dass sie nur eine einzige haben würde, keine zweite.
Ihre Hoffnung, dass der Zündschlüssel steckte, erfüllte sich, wie sie mit einem Blick in den Fahrerraum feststellte, aber das nützte ihr nichts, weil sie nicht losfahren konnte. Ihr Plan war gewesen, sofort zu starten, weil Ian während der Fahrt den Laderaum nicht hätte verlassen können, zumindest nicht ohne sich erheblich zu verletzen. Erst vor dem nächsten Polizeirevier würde sie anhalten.
Aber das würde nun nicht funktionieren.
Sie schaute sich um. Weit und breit nichts. Kein Dorf, kein Gehöft. Felder, Wiesen und Weiden, so weit das Auge reichte. Am Horizont ein Waldstück, das sich schemenhaft aus der zerfließenden Nacht schälte. Die Dämmerung kam jetzt schnell. Irgendwo zwitscherte jubilierend ein Vogel.
Wunderbare Idylle, aber die Nähe von Menschen wäre ihr jetzt gerade deutlich lieber gewesen. Ian würde versuchen, das Auto zu verlassen. Es gab kein Schloss an der Schiebetür.
Kate warf den Spaten ein Stück weit weg, nah genug, dass sie ihn wieder greifen konnte, weil sie ihn womöglich noch brauchte, aber weit genug, dass er nicht in Ians Hände fiel. Sie neigte sich über den Fahrersitz, suchte am Armaturenbrett hektisch nach irgendetwas, das nach einer Zentralverriegelung aussah, aber das Auto war steinalt. Probeweise stellte sie die Zündung ein und drückte auf alles, was eine Verriegelung hätte auslösen können, aber nichts passierte.
Verriegeln funktionierte nicht, wegfahren auch nicht. Ian hatte ein Handy und eine Waffe. Wenn er die beiden Dinge nicht am Körper trug, was sie inständig hoffte, mussten sie sich irgendwo hier vorne befinden.
Kate hatte keine Taschenlampe, und die Dämmerung spendete noch kein Licht. Sie drehte an dem Schalter für die Lampe an der Windschutzscheibe, aber es geschah nichts. Sie sah, dass gar keine Birne eingeschraubt war.
Und dann entdeckte sie, dass im Fußraum des Beifahrersitzes etwas lag. Es war so dunkel dort, dass sie nicht erkennen konnte, was es war, aber es könnte
sich um das Handy handeln. Oder um die Waffe. Oder um beides.
Sie neigte sich erneut über den Fahrersitz und versuchte, den Gegenstand mit dem ausgestreckten Arm zu erreichen. Im nächsten Augenblick spürte sie einen eisenharten Griff um ihren rechten Fußknöchel, und schon wurde sie mit einem so brutalen Ruck zurückgerissen und dabei umgedreht, dass sie mit dem Gesicht gegen das Lenkrad knallte und ihr für einen kurzen Moment schwarz vor den Augen wurde.
»Ich mach dich tot!«, keuchte Ian Slade. »Ich mach dich tot!«
Sie war wieder hellwach. Sie hatte den Eindruck, dass ihre Nase gebrochen sein könnte, aber für den Moment war das ihr geringstes Problem. Sie lag auf dem Rücken auf dem Fahrersitz, ihre Beine ragten aus dem Auto, eines davon wurde von Ian Slade festgehalten. Er stand wie ein gewaltiger Turm über ihr. Im fahlen grauen Licht des erwachenden Morgens konnte sie sehen, dass sein Gesicht schweißüberströmt und kalkweiß war. Er stand mit seiner linken Körperseite tief eingeknickt da, offenbar trug sie sein ganzes Gewicht, da sein verletztes Bein außer Gefecht war. Er musste halb irre sein vor Schmerz, aber er hatte es geschafft, den Laderaum zu verlassen und sie zu überwältigen, und sie sah in seinen Augen, dass er es tun würde, er würde sie jetzt umbringen, und wenn er sie mit seinen bloßen Händen erwürgte.
Sie versuchte, ihr Bein loszureißen, aber er hielt es eisern umklammert. Er hätte sich längst auf sie gestürzt, aber seine Verletzung bedeutete ein ernsthaftes Handicap, er schwankte und biss die Zähne zusammen. Kate winkelte ihr freies Bein an und trat ihn dann mit so viel Kraft, wie sie in ihrer ungünstigen Position aufbringen konnte, gegen die Hüfte. Einen Schrank wie ihn hätte das normalerweise kaum beeindruckt, aber er schwankte und verlagerte unwillkürlich sein Gewicht für einen Moment auf den verletzten Fuß. Er brüllte ohrenbetäubend, der Schmerz musste unerträglich sein. Gleichzeitig lockerte sich sein Griff um Kates Fuß. Sie entriss ihm ihr Bein, zog sich blitzschnell auf den Beifahrersitz zurück, griff in den Fußraum unter sich, schnappte sich die Pistole und richtete sich auf. Sie kauerte nun auf dem Sitz, Ian stand draußen. In seinen Augen flackerte der Wahnsinn. Der Wahnsinn des Schmerzes, der Wahnsinn der Wut.
»Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte Kate. Sie hielt die entsicherte Waffe auf ihn gerichtet. »Keine Bewegung!«
Er taxierte sie lauernd. Er vermutete, dass sie ihn nicht erschießen würde, aber da sie sich in akuter Lebensgefahr befand, konnte er nicht sicher sein. Er wartete auf den Moment, ihr die Pistole entreißen zu können. Sie konnte ihm das ansehen. Ergeben würde er sich nicht, um keinen Preis.
Und dann machte er plötzlich einen Satz nach vorne, und sie zögerte keine Sekunde mehr und schoss.
Er brach vor dem Auto zusammen, versuchte noch, sich am Türrahmen festzuhalten, rutschte jedoch ab und blieb auf dem Weg liegen. Er murmelte etwas, was Kate nicht verstand. Die Waffe noch immer entsichert, kroch sie vorsichtig über den Fahrersitz auf ihn zu. Sie sah, dass sich seine Hose am Oberschenkel dunkel färbte. Sie hatte ihn ins Bein getroffen, was bedeutete, er würde nicht sofort sterben, aber er brauchte schnell ärztliche Hilfe, sonst konnte er verbluten.
Er hielt die Augen geschlossen und atmete flach. Kate nahm nicht an, dass von ihm noch eine Gefahr drohte, aber sie behielt ihn im Blick und die Waffe auf ihn gerichtet, während sie nach dem Handy tastete. Sie fand es. Garantiert mit Prepaidkarte.
Sie tippte Calebs Nummer ein, hoffte, dass sich sein Handy inzwischen wieder in seinem Besitz befand. Er war sofort am Apparat. »Ja?«
»Caleb? Hier ist Kate!«
»Kate?« Er schrie ihren Namen. »Kate?«
»Ja. Ich bin es.«
»Um Gottes willen, wo sind Sie? Wir suchen landesweit nach euch. Sind Sie in Ordnung?«
»Ja.« Ihre Nase schmerzte, und sie bekam etwas schlecht Luft, aber das schien ihr nicht unbedingt erwähnenswert. »Alles o. k. mit mir. Aber ich weiß nicht, wo wir sind.«
»Was ist mit Slade?«
»Der liegt angeschossen neben seinem Auto. Caleb, er braucht dringend und schnell einen Arzt. Er verliert sehr viel Blut.«
»Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, wo ihr sein könntet?«
Sie blickte durch die Windschutzscheibe. Es war ein gutes Stück heller geworden, aber das half ihr nicht. Wiesen, Felder, Weiden. Wald.
»Die Gegend ist ziemlich flach«, sagte sie, »daher würde ich vermuten, wir sind nicht nach Norden gefahren. Wir müssten von der Fahrzeit her sonst schon tief in Schottland sein. Da ist es bergiger.«
»Nicht überall«, sagte Caleb.
»Ich würde Kent oder Sussex vermuten. Caleb, ich kann hier nicht weg. Das Auto ist halb in einen Graben gerutscht.«
»Können Sie es da irgendwie rauskriegen?«
»Ich weiß nicht …« Sie sah zu dem Spaten hin, den sie ins Feld geworfen hatte. »Ja, vielleicht. Aber keine Chance, Ian Slade ins Auto zu schaffen. Ich kann ihn mit Sicherheit alleine nicht bewegen. Ich müsste ihn hier liegen lassen und …«
»Keine gute Idee. Sie müssen sich um ihn kümmern. Er muss überleben.«
»Ich weiß. Ich rede mit ihm.« Sie nahm das Handy von ihrem Ohr. »Ian? Ian, hören Sie mich?«
Er blinzelte mit einem Auge. Gott sei Dank. Er war so weiß im Gesicht, dass sie einen Moment lang schon gedacht hatte, er sei tot.
»Ian, Sie brauchen dringend einen Arzt. Sie verbluten. Sagen Sie mir bitte, wo wir sind. Wie hieß das letzte Dorf, durch das wir gekommen sind?«
Er öffnete jetzt beide Augen und sah sie an. Er zog die Oberlippe ein Stück hoch, was wohl ein verächtliches Grinsen sein sollte. Leck mich doch,
sagte dieses Grinsen.
Dann schloss er die Augen wieder.
»Kate?«, fragte Caleb.
Sie presste das Handy wieder an ihr Ohr. »Südengland, ich bin mir ziemlich sicher. Irgendwo in der totalen Wildnis.«
Sie hörte ihn seufzen. »Wir versuchen, euch zu orten. Wir haben die ganze Zeit über verzweifelt versucht, Slades Handynummer herauszufinden, aber wir konnten keinen Empfänger ausfindig machen, der je von ihm angerufen wurde. Aber okay, ich habe jetzt die Nummer hier im Display. Meinen Sie, Sie schaffen es, ihn am Leben zu halten?«
»Ich tue alles.«
»Wir beeilen uns.«
Das Gespräch war beendet. Vorsichtig kletterte Kate aus dem Wagen, gewärtig, dass Slade jeden Moment wieder nach ihrem Bein greifen würde. Allerdings sah er nicht so aus, als habe er noch die Kraft für einen Angriff. Sein Atem ging noch flacher, und seine Gesichtsfarbe wechselte in ein blasses Grau. Der Blutfleck auf seinem Oberschenkel hatte sich bis zum Knie hinunter und auf dem Boden ringsum ausgebreitet. Er verlor viel zu schnell viel zu viel Blut.
Beim Anblick seines rechten Fußes musste Kate würgen. Der Fuß schien nur noch an einer letzten Sehne zu hängen. Sie hatte ihm mit dem Spaten fast den Knöchel durchgehackt. Wie hoch dort der Blutverlust war, konnte sie nicht erkennen. Was sie aber sah, auch ohne ein Arzt zu sein: dass Ian Slade nicht mehr viel Zeit blieb. Ohne schnelle Hilfe hatte er keine Chance.
Sie stieg in den Laderaum, wühlte in den Kisten und fand ein kleines Handtuch, das sie mit hinausnahm. Sie kniete neben Ian nieder, legte das Handtuch zu einem Quadrat zusammengefaltet auf die Schussverletzung und drückte mit aller Kraft dagegen. Es war die effizienteste Methode, eine Blutung zu stoppen. Bei diesen Mengen jedoch … Es schien nicht aufhören zu wollen. Wahrscheinlich hatte die Kugel eine Hauptschlagader getroffen.
»Slade, bitte. Sie schaffen das nicht. Sagen Sie mir, wo wir sind.«
Er reagierte nicht.
»Sagen Sie mir, wo Sophia ist. Bitte!«
Erneut keinerlei Regung.
Sie nahm das Handtuch von der Wunde, da es ohnehin nichts half, und band damit das Bein oberhalb der Wunde ab. Würde wahrscheinlich auch nicht helfen, aber etwas anderes fiel ihr jetzt nicht mehr ein. Sie holte die Wasserflasche, die Ian in der Fahrertür verstaut hatte, und flößte ihm etwas Wasser ein. Er trank mühsam. Er atmete mühsam. Es sah schlecht aus.
Sie nahm selbst ein paar Schlucke Wasser, griff das Handy und die Pistole. »Ich bin gleich zurück«, sagte sie. Es war fraglich, ob er sie hörte.
Kate rannte die schmale Straße entlang, die eher ein schlecht asphaltierter Feldweg war. Es gab noch die Chance, dass sie an eine etwas größere Straße gelangte, auf der vielleicht ein Auto entlangkam. Oder sie entdeckte irgendwo ein Ortsschild, einen Wegweiser, irgendetwas. Sie lief, so schnell sie konnte, obwohl ihre Nase zuschwoll und sie schlecht Luft bekam.
Am Ende des Weges traf sie auf eine Landstraße, sehr schmal, aber sie verband zweifellos Ortschaften miteinander. Kate entschied sich, nach links zu gehen, aber sie hätte auch eine Münze werfen können: Es konnte richtig oder falsch sein. Es war nicht zu überblicken.
Sie lief die Straße entlang, rannte zwischendurch immer wieder und dachte gerade darüber nach, ob es besser sei, umzukehren und es in der entgegengesetzten Richtung zu versuchen, als sie in der Ferne tatsächlich ein Auto kommen sah. Rasch schob sie die Pistole unter ihr T-Shirt, das voll blutiger Flecken war. Es war schon fraglich, ob jemand überhaupt anhielt, weil eine abgekämpfte und inzwischen ziemlich abgerissen aussehende Frau in den ersten Morgenstunden des Tages in tiefster Einsamkeit an einem Straßenrand stand und winkte, aber garantiert tat es niemand, wenn diese Frau dann auch noch mit einer Schusswaffe herumfuchtelte.
Der Wagen kam näher. Ein blauer Fiat. Am Steuer eine Frau. Hoffentlich besaß sie den Mut anzuhalten. Kate wünschte, sie besäße noch ihren Dienstausweis. Er hätte sie vertrauenerweckender erscheinen lassen.
Das Auto wurde langsamer. Kate winkte heftig. Der Wagen hielt. Die Frau ließ die Scheibe ein kleines Stück hinunter und sah Kate misstrauisch an. »Was ist passiert?«
»Ich hatte einen Unfall«, sagte Kate. »Ein ganzes Stück die Straße hinauf.«
»Sie bluten!«, sagte die Frau.
»Mein Begleiter ist verletzt. Ich habe ihn notdürftig verarztet. Ich muss Polizei und Sanitäter herbeirufen, aber ich weiß nicht, wo ich bin.«
»Sie wissen nicht, wo Sie sind?«
»Er ist gefahren, ich habe geschlafen. Ich weiß nicht, wie der letzte Ort hieß, durch den wir gekommen sind.«
»Also, der nächste Ort ist Charing. Etwa vier Meilen von hier. Wir sind hier auf einer Landstraße, die ziemlich parallel zur M20, Richtung Folkestone verläuft.«
»Oh, vielen Dank. Dann weiß ich Bescheid.«
»Okay«, sagte die Frau. Sie betrachtete stirnrunzelnd Kates blutverschmiertes T-Shirt. Ihr war das alles mehr als suspekt.
»Könnten Sie mich vielleicht noch mitnehmen bis zurück zur Unfallstelle?«, fragte Kate.
Statt zu antworten, schloss die Frau ihr Fenster, gab Gas und fuhr eilig weiter. Kate konnte es ihr nicht verdenken. Sie selbst warnte andere Menschen immer wieder eindringlich davor, Fremde im Auto mitzunehmen.
Während sie zurücklief, rief sie Caleb erneut an und gab ihm die Angaben weiter, die sie nun hatte.
»Wir brauchen vor allem so schnell wie möglich einen Notarzt«, keuchte sie im Rennen. »Es geht Slade wirklich schlecht. Ohne Hilfe überlebt er die nächste Stunde nicht.«
»Der Notarzt wird hier von den Kollegen schon losgeschickt«, sagte Caleb. »Können Sie bis dahin etwas für ihn tun?«
»Ich habe das Bein abgebunden, aber …« Es fiel ihr schwer zu atmen, während sie gleichzeitig rannte, telefonierte und ihre Nase unaufhaltsam zuschwoll. »Beeilt euch!«, stieß sie nur noch hervor, dann schaltete sie das Handy aus und rannte weiter, so schnell sie konnte.
Als sie in den Weg einbog, der zu dem Gatter führte, empfand sie die Szenerie vor ihren Augen als gespenstisch: der heraufdämmernde Sommermorgen, der rötlich verfärbte Horizont, die zwitschernden Vögel. Schafe spazierten gemächlich auf der Weide herum, bei Nacht hatte man sie gar nicht gesehen.
Im Vordergrund der quer stehende Kastenwagen. Davor der verletzte Mann auf dem Boden liegend.
Der Mann, der als einziger Mensch auf der Welt wusste, wo sich Sophia Lewis in diesen Minuten befand.
Sie sank, um Atem ringend, neben ihm auf die Knie. Angstvoll tastete sie nach seinem Puls. Er war kaum spürbar, ebenso wie der Herzschlag. Der Blutverlust war unvermindert weitergegangen. In Ian Slade war nur noch ein Hauch von Leben. Sie begriff, dass er es nicht schaffen würde, bis die Hilfe kam.
Sie berührte sein Gesicht. »Ian! Ian, können Sie mich hören?«
Seine Augenlider flatterten.
»Ian! Bitte!«
Tatsächlich öffnete er die Augen. Sein Blick war verschwommen. Der Mann lag im Sterben. Kate spürte ein trockenes Schluchzen in ihrer Kehle aufsteigen. Sie dachte an Sophia. Sie hätte schreien mögen vor Verzweiflung.
»Ian, hören Sie mir zu, Sie sind in ein paar Minuten tot. Der Notarzt kommt, aber er wird nicht rechtzeitig hier sein. Verstehen Sie?«
Ian gab einen undeutlichen Laut von sich, aber Kate konnte nichts verstehen.
»Ian, sagen Sie mir, wo Sophia ist. Gehen Sie nicht mit dieser Schuld von der Welt. Vielleicht müssen Sie sich dafür verantworten.«
Sie nahm nicht an, dass Ian Slade an Gott glaubte, aber auch Menschen, die das nicht taten, machten sich manchmal Gedanken, was wohl jenseits der Schwelle wartete, die man mit dem letzten Schritt überquerte.
»Ian, gehen Sie nicht so. Bitte. Sagen Sie mir, wo sie ist.«
Er sah sie an. Sein Blick war etwas klarer geworden. Er verzog den Mund zu etwas, das einem Grinsen glich.
Dann fiel sein Kopf zur Seite.
Ian Slade starb.
In all den Jahren hatte ich Sascha zweimal in dem Heim in Birmingham besucht. Ich ging nicht gerne dorthin, wegen meiner Schuldgefühle, aber ganze zwei Mal raffte ich mich auf. Beim ersten Besuch war er zwölf Jahre alt, beim zweiten fünfzehn.
Es ging ihm nicht gut, das konnte ich sehen. Er war immer … seltsam gewesen, aber doch auch fröhlich, besonders in der letzten Zeit mit Xenia. Nun war er wie in sich zusammengesunken. Blass und spitz, eingeschüchtert, verstört. Ich sah ein paar von den Typen, mit denen er dort zusammenlebte, und ich konnte mir denken, dass sie ihm das Leben nicht leicht machten. Er war der Typ Mensch, der mit grausamer Sicherheit immer und überall zum Opfer wurde, und je härter die Umgebung, desto härter sein Opferdasein.
Er berichtete mir, dass Alice ihm manchmal Briefe schrieb. Mich verwunderte das. Ich hatte immer den Eindruck gehabt, dass Alice sich bereits in der Zeit daheim von ihm abgewandt hatte, dass sie ja gerade über die Schwierigkeiten, die er in unser Leben gebracht hatte, am Ende gestürzt war. Jetzt nahm sie offenbar eine Beziehung wieder auf, vor der sie die ganze Zeit zuvor nur noch geflohen war.
Aber vielleicht fiel es ihr leichter aus der Ferne. Ohne die täglichen Einschränkungen. Und ohne die Bürde der Verantwortung tragen zu müssen.
Und vielleicht hatte sie auch bloß ein schlechtes Gewissen. Wie ich. Am Ende noch schlimmer.
Als ich Sascha drei Jahre später erneut besuchte und mir ein fünfzehnjähriger, immer noch zu kleiner, zu dünner, zu blasser Junge gegenüberstand, konnte ich zumindest feststellen, dass er etwas entspannter wirkte. Ich hoffte, dass er nicht mehr so sehr drangsaliert wurde, wobei ich mir aber nicht erklären konnte, wieso, denn er war zwar etwas gewachsen, aber er sah noch immer mickrig aus und nicht so, als habe er irgendeinem Angriff – verbaler oder körperlicher Natur – auch nur das Geringste entgegenzusetzen. Nach wie vor das klassische Opfer.
Ich fragte ihn, wie es ihm gehe, und er sagte, es sei alles besser geworden.
»Hast du Freunde gefunden?«, wollte ich hoffnungsvoll wissen.
Er zögerte.
»Ich habe jemanden, der auf mich aufpasst«, sagte er dann.
»Auf dich aufpasst?«
Er nickte. »Die anderen dürfen mir nichts tun. Sonst kriegen sie Ärger mit ihm.«
Das klang allerdings nicht nach einer klassischen Freundschaft, und etwas beklommen fragte ich mich, was es mit diesem Beschützer-Verhältnis auf sich haben mochte. Beschützer beschützen nicht immer aus uneigennützigen Gründen. Was sprang für den anderen dabei heraus?
»Stell ihn mir doch mal vor«, sagte ich, betont unbekümmert.
Sascha wurde sofort etwas unruhig. »Ich muss schauen, ob … er Zeit hat
… Er …«
Der Rest verlor sich in unverständlichem Gemurmel.
Mir war klar, dass Sascha auf seinen Beschützer angewiesen war. Dass er aber auch Angst vor ihm hatte.
»Weshalb ist dein … Bekannter denn hier?«, fragte ich. Man landete ja nicht in diesem Heim, weil man da draußen als ein netter, normaler Typ aufgefallen war.
»Er hat ein Kind entführt.«
»Ein Kind entführt?«, fragte ich erschrocken. »Aber er muss doch selbst fast noch ein Kind sein?«
»Er war zwölf. Da hat er ein Kind entführt.«
»Und was hat er mit dem Kind angestellt?«
Sascha zuckte mit den Schultern. »Nichts. Er wurde geschnappt.«
»Okay.«
Wir schauten einander an. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass Saschas Mitinsasse tatsächlich ein Kind entführt hatte, während Sascha ja nichts verbrochen hatte. Er kam hier mit Frühkriminellen zusammen, ohne selbst kriminell zu sein.
Wir hätten das nicht tun dürfen. Aber was hätten wir machen sollen?
Ich lernte jenen Kumpanen an diesem Tag nicht kennen. Er zeigte sich uns nicht, und Sascha war zu schüchtern, um auf die Suche nach ihm zu gehen. Vielleicht ahnte er auch, dass mir dieser Junge nicht gefallen würde.
Wir verließen das Heim am Nachmittag, weil ich Sascha zu einem Eis einladen wollte. Als er mir gegenüber im Café saß und hingebungsvoll und tatsächlich mit einem Ausdruck von Glück auf dem zarten Gesicht sein Zitroneneis in ganz kleinen Portionen aß, um länger etwas davon zu haben, wallte plötzlich ein Gefühl der Zuneigung zu ihm in mir auf, und für einen Moment bekam ich fast keine Luft, so erstickend lastete die Schuld auf mir. Er war ein sanftes und gutherziges Geschöpf. Er musste sich in einer Umgebung behaupten, für die er nicht im Geringsten angelegt war. Er musste sich einem dubiosen Beschützer unterwerfen, weil er anders nicht überleben konnte.
Und das alles ohne irgendeine eigene Schuld.
In einer spontanen Geste legte ich meine Hand auf seine. Er ließ den Eislöffel sinken und sah mich fragend an. »Ja?«
»Es tut mir leid, Sascha«, sagte ich leise, »wie alles gekommen ist.«
Er lächelte leicht. Es war ein herzzerreißend trauriges Lächeln.
»Ich weiß«, sagte er, »aber das muss dir nicht leidtun. Ich mache das für Alice.«
Mir fiel meinerseits der Löffel fast aus der Hand. Ich weiß nicht, was genau ich geglaubt hatte. Was Sascha betraf, dachte ich ja Gedanken nie ganz zu Ende, weil alles immer nur quälend war, aber ich war irgendwie davon ausgegangen, dass er schon glaubte, er habe den Tod seiner kleinen Schwester verursacht. Oder dass er zumindest meinte, wir hätten recht, auch wenn er es verdrängt hatte … Er war erst sieben Jahre alt und deutlich entwicklungsverzögert gewesen. Ich hatte wohl zumindest gehofft, dass in seinem Kopf ein unklares, verschwommenes Bild vorherrschte, was jene Zeit und jenes Ereignis anging.
»Für Alice?«, wiederholte ich, kaum hörbar.
»Ja«, sagte er.
»Damit sie nicht ins Gefängnis muss.«
Er wusste es. Er hatte es begriffen. Er mochte anders sein als wir, aber er war kein Dummkopf. Er hatte immer genau gewusst, was passiert war. Wahrscheinlich auch in dem Moment, da er gegenüber Jugendamt und Polizei alles zugegeben hatte.
Er liebte Alice. Und in seiner Liebe zeigte er eine Größe und Opferbereitschaft, die alles übertraf, wozu Alice oder ich oder irgendjemand, den ich kannte, fähig waren.
Ich besuchte ihn nie wieder.
Ich ertrug es nicht.