Freitag, 9. August
»Sie kommen zurück«, sagte Xenia. Sie stand am Wohnzimmerfenster von Kates Haus und blickte hinaus in den strahlend sonnigen Tag. »Ich glaube, der Chief Inspector kommt mit rein.«
»Ich mache schnell Kaffee«, sagte Colin. Er schaltete den Kaffeeautomaten in der Küche an. Messy lag ausgestreckt auf den Fliesen. Es war ihr zu heiß draußen.
Colin kehrte ins Wohnzimmer zurück und trat neben Xenia. Kate und Caleb kamen draußen den Gartenweg entlang auf die Haustür zu. Caleb im schwarzen Anzug, Kate in einem schwarzen Kleid, das wie die meisten ihrer Kleidungsstücke ziemlich formlos an ihr herunterhing, viel zu warm für den Sommertag war und sich keiner Moderichtung zuordnen ließ. Colin empfand dies als einen äußerst liebenswerten, weil offensichtlich trotz jeder Anstrengung unveränderbaren Wesenszug von Kate: ihre Unfähigkeit, sich auch nur ansatzweise elegant anzuziehen.
Die beiden kamen von Robert Stewarts Beerdigung. Colin konnte sich vorstellen, wie es in ihnen aussah.
Er ging zur Tür und öffnete sie. »Kommt rein. War es sehr schlimm? Mögt ihr einen Kaffee?«
Beide wirkten verschwitzt und deprimiert.
»Kaffee wäre großartig«, sagte Kate und streifte ihre Schuhe ab. Auf bloßen Füßen ging sie in die Küche. Caleb zog sein Jackett aus und folgte ihr.
Colin stellte zwei große Becher Cappuccino und zwei Gläser Wasser auf den Küchentisch. Xenia brachte eine Schüssel mit frischem Kirsch-Crumble.
»Habe ich vorhin gemacht«, erklärte sie. »Ich dachte, Sie haben vielleicht Hunger.«
Sie und Colin sahen Kate und Caleb an wie besorgte Eltern, die ihren Kindern helfen möchten, aber nicht wissen, wie sie das am besten anstellen sollen.
»Das ist sehr nett, danke, Xenia«, sagte Kate. Ihre angebrochene Nase war geschwollen, die Haut darüber gerötet. Sie sah zu Tode erschöpft aus, und alle wussten, dass das nicht nur mit dem Begräbnis zusammenhing.
Colin berührte vorsichtig Xenias Arm. »Komm, wir lassen die beiden alleine«, meinte er.
Xenia nickte. Sie verließen die Küche und schlossen diskret die Tür hinter sich.
Der Kaffee weckte Lebensgeister, von denen Kate schon geglaubt hatte, sie seien gar nicht mehr vorhanden. Dankbar gab sie sich der belebenden Wirkung des Koffeins hin. Die Beerdigung war so schrecklich gewesen, dass sie kaum gewusst hatte, wie sie sie überstehen sollte, und sie hatte nur deshalb nicht geweint, weil sie dann noch weniger Luft bekommen hätte. Die Vertrautheit der kleinen Küche, der Garten draußen, Messy, die aufgestanden war und um ihre Beine strich – das alles gab ihr etwas Frieden zurück.
Caleb setzte seinen Becher ab. Er hatte eine Spur von weißem Milchschaum über der Oberlippe. »Wohnen die jetzt hier?«, fragte er mit einer Kopfbewegung in Richtung Tür. »Xenia und Colin?«
Kate zuckte mit den Schultern. »Ich bin ganz froh, dass sie gerade da sind. Xenia will auf keinen Fall zu ihrem Mann zurück, aber solange nicht klar ist, was jetzt juristisch auf sie zukommt wegen der Sache mit der Familie Walsh damals, wohnt sie hier. Und Colin hat Urlaub genommen und bleibt offensichtlich auch erst mal.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich glaube, zwischen den beiden bahnt sich etwas an. Zwischen Xenia und Colin. Würde mich freuen.«
»Dann trägt er ihr nicht nach, dass sie ihn in der Wildnis hat sitzen lassen und mit seinem Auto abgehauen ist?«
»Ich glaube nicht. Sie haben viel geredet. Er weiß, dass sie sich in einer Notsituation befand.«
»Schön«, sagte Caleb. Leise fügte er hinzu: »Wenigstens ein Lichtblick, nicht? Am Ende dieser ganzen Tragödie.«
Sie nickte. Sie waren beide noch wie benommen. Robert Stewart zu beerdigen war für Caleb noch schlimmer gewesen als für Kate, er hatte damit Abschied von einer ganzen Epoche, von der vertrauensvollen Zusammenarbeit zweier Männer über zwei Jahrzehnte nehmen müssen. Auch wenn es während der letzten Wochen zu einem Bruch zwischen ihnen gekommen war: Die Erinnerung an die guten Zeiten überwog.
Kate hatte ihren Vorgesetzten verloren. Sie waren nicht besonders gut miteinander zurechtgekommen, und sie hatten einander noch nicht lange gekannt. Aber sie hatte unmittelbar neben ihm gestanden, als er erschossen wurde. Dieses Erlebnis, dieses Bild würde sie nie wieder vergessen können.
Aber am schlimmsten, am allerschlimmsten war die Tragödie mit Sophia.
Ihr ungewisses Schicksal.
Oder, je nach Sichtweise: ihr nur allzu gewisses Schicksal.
Es war vier Tage her, seit Ian Slade sie aus dem Farmhaus in Nottingham fortgebracht hatte. Ob er sie wirklich lebend vergraben oder zuvor erschossen hatte, wusste niemand. Es wurde fieberhaft nach ihr gesucht. Man hatte die Zeit genommen, die Ian Slade an jenem vergangenen Montag unterwegs gewesen war, hatte ausgerechnet, wie weit er etwa gekommen sein konnte, wenn man Hin- und Rückweg, sein Auto, seine Fahrweise berechnete und auch davon ausging, dass er Zeit gebraucht hatte, Sophia wo und wie auch immer verschwinden zu lassen. Daraus hatte sich ein riesiges Areal ergeben, das nun von Hundertschaften der Polizei mit Spürhunden bei Tag und Nacht abgesucht wurde. Zwischendurch hatte es ein Gewitter mit starkem Regen gegeben, Spuren und Gerüche waren größtenteils zerstört worden. Zudem war jedem klar, dass man sich nur um ein Minimum verrechnet haben oder eine der Komponenten fehlerhaft angenommen haben musste, und schon würde sich ein weiteres gewaltiges Gebiet ergeben, das von der Suche derzeit unberücksichtigt blieb. Aber irgendwo mussten sie die Grenze ziehen. Bei alldem wusste niemand, ob Sophia Lewis überhaupt noch lebte. Mit jeder Stunde, die verstrich, wurde die Situation kritischer. Hatte sie, wo auch immer sie sich befand, die Chance, irgendwie Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen? Es war Slade zuzutrauen, dass er durch entsprechende Vorrichtungen ihren Leidensweg in die Länge zu ziehen versuchte.
Daher gab es noch eine Spur Hoffnung, und niemand war bereit, diese Frau jetzt schon aufzugeben.
Ganz Großbritannien nahm Anteil an ihrem Schicksal. Die Medien berichteten ununterbrochen von der Geschichte. Sophia Lewis hatte sogar Boris Johnson und seine »Leave«-Kampagne aus den Schlagzeilen gedrängt. Darin lag die Chance: Das ganze Land suchte mit. Jeder Waldspaziergänger, jeder Wanderer, jeder Hundebesitzer hielt unterwegs die Augen offen. Es gab Hunderte von Meldungen, Menschen, die besonders zum Tatzeitpunkt innerhalb des in Frage kommenden Gebietes etwas Verdächtiges beobachtet hatten, vor allem Hinweise auf den Kastenwagen, der in einsamen Gegenden zufällig gesehen worden war. Jeder Spur wurde sofort nachgegangen.
Kate rührte einen zweiten Löffel Zucker in ihren restlichen Kaffee. Nicht gesund, aber die Süße tat ihr gut.
»Kate«, sagte Caleb.
Sie blickte auf, beunruhigt von der Dringlichkeit in seiner Stimme. »Ja?«
»Ich höre auf.«
»Sie hören auf? Wie meinen Sie das?«
Er spielte mit seinem Kaffeelöffel herum. Er sah gequält aus, jedoch auch entschlossen. »Ich meine, dass ich ja die ganze Zeit über vorhatte, in meinen Beruf zurückzukehren, irgendwie. Ich hing komplett in den Seilen, das wissen Sie ja, aber im Hinterkopf war das für mich immer eine Übergangsphase. Eine furchtbare Zeit, aus der ich herausfinden und dann wieder als Detective Chief Inspector arbeiten würde.«
Sie musterte ihn erschrocken. »Und das ist nicht mehr so?«
»Nein. Jayden White, der mir letztlich zum Verhängnis geworden ist, aber auch das Schicksal von Sophia Lewis haben mir gezeigt: Wenn ich in diesem Beruf bleibe, schaffe ich es niemals aus der Sucht heraus. Nie. Ich ertrage Geschehnisse dieser Art nicht mehr, wahrscheinlich habe ich sie nie ertragen. Es hat einen Grund, dass ich trinke. Der Grund ist die ständige Konfrontation mit dem Schlechten auf der Welt. Mit den menschlichen Abgründen. Und die Erkenntnis, wie machtlos wir letztlich dagegen sind.«
»Wir sind nicht immer machtlos.«
»Aber oft, Kate. Für mich: zu oft.«
»Aber was wollen Sie denn dann machen?«
»Keine Ahnung. Das werde ich sehen.«
Sie lehnte sich zurück. Sie hatte ein Gespür für aussichtslose Situationen, und im Moment begriff sie: Calebs Entschluss war unwiderruflich. Er würde davon nicht mehr abweichen.
»Ich bin Ihretwegen nach Scarborough gekommen«, sagte sie.
Er nickte. »Ich weiß. Wir hatten uns das ganz anders gedacht. Aber Sie müssen trotzdem bleiben, Kate.«
»Das ist keineswegs sicher, das wissen Sie ja.« Kate war für den Moment beurlaubt, was nicht dasselbe war wie suspendiert, aber sie hatte um diesen Urlaub nicht gebeten. Ein sehr wütender Chief Superintendent hatte ihr nahegelegt, sich nach den Strapazen
– er hatte das Wort ziemlich zynisch ausgesprochen – für mindestens zehn Tage zu erholen
. Dann werde man weitersehen. Es war klar, dass Kates und Calebs eigenmächtiges Vorgehen, das noch dazu in ein Desaster geführt hatte, Konsequenzen nach sich ziehen würde. Der Chief Superintendent hatte von einem kompletten Versagen
gesprochen und angedeutet, für Sophia Lewis wäre die ganze Geschichte gut ausgegangen, hätte Kate nach ihrer Befreiung durch Caleb – eine Tat, für die Caleb bislang keinerlei Lob ausgesprochen worden war – Kollegen verständigt und Ian Slade nach dessen Rückkehr in Alice Walshs Haus festnehmen lassen. Kate wusste, dass er falschlag. Sie wusste, dass Ian niemals das Versteck preisgegeben hätte und dass die einzige Chance genau in dem Plan bestanden hatte, den sie und Caleb hatten durchführen wollen. Dass er so dramatisch schiefgegangen war, änderte an dieser Tatsache nichts.
»Er wird Sie nicht suspendieren, Kate«, sagte Caleb. »Er muss sich jetzt aufplustern, aber Sie werden mit einer Verwarnung davonkommen. So viele gute Leute haben die nicht. Ich bin weg. Robert Stewart ist tot. Der Chef kann es sich nicht leisten, dass Sie jetzt auch noch verschwinden. Sie müssen sich in den nächsten Jahren vorsichtig verhalten, aber dann ist die Sache durch.«
Die nächsten Jahre …
Das klang nach einer schrecklich langen Zeit. Nach einer trostlosen Zeit: ohne ihn.
»Aber ich wollte mit Ihnen
arbeiten!«
»Ich kann nicht mehr, Kate«, sagte er leise. »Ich habe versagt. Auf der ganzen Linie.«
»Nein!«
»Doch. Ich habe bei Jayden White Fehler gemacht. Und jetzt wieder. Ich hätte Sie nicht als Lockvogel einsetzen dürfen. Ich hätte diese ganze wahnsinnige Idee unterbinden müssen. Slade ist tot. Sophia Lewis verloren. Wir hätten ihn festnehmen und verhören müssen.«
Genau das, was der Superintendent auch meinte. Und trotzdem war es falsch.
»Wir hatten Gründe, dass wir es nicht getan haben. Caleb, wir haben uns das doch nicht leicht gemacht. Wir waren überzeugt, dass er nicht reden würde. Ich bin noch immer davon überzeugt: Er hätte nicht geredet. In acht Wochen vielleicht. Er hätte uns mit Wonne zu ihrer Leiche geschickt. Vorher hätte er nichts gesagt.«
»Wie können Sie so sicher sein?«
»Ich befand mich in seiner Gewalt. Ich war in seiner nächsten Nähe. Noch nie habe ich das Böse, das Kranke, das Perverse so unverfälscht gespürt. Er hätte nicht geredet. Ich würde einen Eid darauf schwören.«
»Okay«, sagte Caleb, »okay.« Er sah aus, als sei er innerlich zerbrochen. Sie hätte gerne ihren Arm ausgestreckt und seine Wange berührt, aber sie wagte es nicht.
»Das Allerschlimmste ist«, sagte Caleb, »dass Sie dabei hätten sterben können, Kate. Das ist der Gedanke, den ich nicht mehr loswerde. Dass wir Ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.«
Sie nickte. Gerade auch dafür, für die Missachtung der wichtigsten Grundregel, würden sie noch jede Menge Ärger bekommen.
»Mir ist klar geworden …«, setzte er an, sprach dann nicht weiter und sagte stattdessen plötzlich: »Gehen Sie nicht weg, Kate. Bitte. Was immer sein wird, gehen Sie nicht weg.«
»Weggehen? Aus Scarborough?«
»Aus meinem Leben. Von mir. Ich möchte nicht, dass Sie weggehen.«
»Ich gehe nicht weg«, sagte Kate.
»Versprechen Sie mir das?«
»Das verspreche ich Ihnen.«
Sie schauten hinaus in den leuchtenden Sommertag. Sie dachten beide an Sophia. Daran, wie lange es dauern würde, bis sie sich diese bittere Niederlage vergeben konnten, wenn Sophia nicht lebend gefunden wurde.
Kate dachte an den Begriff, den Caleb benutzt hatte: Machtlosigkeit.
Ihn drückte das Wort zu Boden. In Kate ließ es Widerstandskräfte wachsen. Selbst in einem Moment wie diesem.
Sie wagte es jetzt doch. Sie griff über den Tisch nach seiner Hand. Sie fühlte sich eiskalt und schwer an.
Sie saßen einfach da und hielten einander fest. Es gab nichts sonst, was sie tun konnten.
Für diesen Tag, für diese Stunden musste es reichen.