4. William Pitts Krieg

Der lange Schatten des Admirals Byng

»Seit den Tagen Marlborougs hatte es nicht mehr eine so bedeutende Persönlichkeit wie ihn gegeben. Von seinem Büro in der Cleveland Road plante und gewann Pitt einen Krieg, der von Indien im Osten bis Amerika im Westen ausgefochten wurde. Der Ausgang des gesamten Kampfes hing vollkommen von der Energie dieses einsamen Mannes ab. Alle Macht, die Finanzen, die Verwaltung des Staates und das Militärwesen hatte er in seiner Hand gebündelt. Niemanden duldete er auf Augenhöhe und seine gesamte Position hing allein vom Erfolg im Felde ab. Zahlreiche Feinde stellten sich gegen ihn, doch im Kabinett tolerierte er weder Einwände noch Ratschläge. Er unternahm nie den Versuch, Ratschläge zu erteilen oder einen Ausgleich zu suchen, und scheute sich auch nicht, in die Ressorts von Newcastle und des Schatzkanzlers einzugreifen. Aber er besaß ein untrügliches Auge für die Auswahl jener Männer, die seine Pläne ausführen sollten. Er beseitigte unfähige Generale und ersetzte sie durch jüngere Kandidaten, auf die er sich ganz verlassen konnte: Wolfe, Amherst, Conway, Howe, Keppel und Rodney. So gewann er den Krieg.«

Geschichte der englisch sprechenden Völker Winston Spencer Churchill1

Alles, was Großbritannien seit Beginn dieses Krieges unternommen habe, sei ausnahmslos zum Nachteil ausgeschlagen und scheine unter einem Verhängnis zu stehen, schrieb nach einer Kabinettssitzung am 6. Oktober 1757 ein völlig entmutigter 1. Lord der Admiralität, George Anson, an seinen Schwiegervater, Philip Yorke, Lord von Hardwicke.2 Der Krieg in den nordamerikanischen Kolonien und zur See schien beinahe schon verloren. Seit Braddocks Niederlage am Monongahela hatte das Vereinigte Königreich im Kampf gegen Frankreich eine beispiellose Kette von Rückschlägen hinnehmen müssen. Dem Fall von Menorca im Juni 1756 war wenige Wochen später der Verlust von Fort Oswego gefolgt und in Indien hatte der zuständige Befehlshaber der East-India-Companie unter demütigenden Umständen Kalkutta dem Newab von Bengalen überlassen müssen.3

Auch das bald zu Ende gehende Jahr schien keinen Umschwung mehr zu bringen. In Norddeutschland war es dem Herzog von Cumberland an der Spitze eines hannoverisch-hessischen Observationskorps nicht gelungen, die französische Armee unter dem Herzog von Richelieu an der Besetzung Hannovers zu hindern. Im September 1757 hatten sich der Eroberer von Menorca und der Sieger von Culloden in der umstrittenen Konvention von Kloster Zeven darauf geeinigt, dass der Großteil des Kurfürstentums bis zur Elbe vorläufig unter französische Besatzung fallen sollte. Das neue Londoner Kabinett unter William Pitt und dem Herzog von Newcastle, von Georg II. bisher ängstlich aus seiner Deutschlandpolitik herausgehalten, war über die Vereinbarung entsetzt. In Wahrheit bedeutete Kloster Zeven eine Kapitulation, die selbst der König seinem bis dahin so bevorzugten Sohn nicht verzeihen konnte.4 Die deutschen Untertanen ihrer britischen Majestät waren durch den »schändlichen Waffenstillstand« praktisch verpflichtet worden, die Armee des Erzfeindes für die Dauer des Krieges zu unterhalten. Einzig Cumberlands kurz darauf erfolgte Demission und sein Rückzug ins Privatleben ließen sich auf der Habenseite einer im Übrigen ernüchternden britischen Bilanz des Jahres 1757 verbuchen. Denn der Weggang des bulligen Herzogs, eines erklärten Rivalen Pitts, stärkte immerhin dessen politische Position am Hof von St. James.

Mit dem Rückzug des hannoverisch-hessischen Observationskorps zur Nordseeküste stieg schließlich auch die Gefahr, dass Preußen, Großbritanniens einziger Verbündeter auf dem Kontinent und von den Armeen gleich dreier feindlicher Großmächte umstellt, aus dem Krieg ausscheiden könnte. Dass der König bereits Kontakte mit Frankreich zu knüpfen versuchte, war London nicht verborgen geblieben. Doch Pitt schien Friedrichs wachsende Not erstaunlich kaltzulassen. Zu einer Entsendung britischer Truppen nach Deutschland konnte er sich mit Rücksicht auf seine starke Anhängerschaft in Torykreisen nicht entschließen und auch Friedrichs wiederholt durch Botschafter Mitchell übermittelte Bitte, eine britische Flotte in die Ostsee zu entsenden, lehnte er aus verschiedenen Motiven ab. Der wohl nicht unwichtigste Grund war, dass Anson vorerst kein einziges bemanntes Schiff entbehren konnte.

In Nordamerika hatte im August 1757 der Verlust von Fort William Henry an der Südspitze des Lake George den Franzosen den Weg nach Albany und nach New York geöffnet. Entsetzen und Wut verbreitete zudem die Nachricht über die Grausamkeiten, welche die mit den Franzosen verbündeten Indianer an den abziehenden Briten verübt haben sollen. Die »Untaten der Wilden« legten die nordamerikanischen Kolonisten wie auch die Öffentlichkeit in Großbritannien den Siegern zur Last, auch wenn der französische Befehlshaber Louis Joseph de Montcalm mit Nachdruck noch versucht hatte, das Schlimmste zu verhindern.5

Einzig der Fall von Louisbourg hätte den Verlust von Fort William Henry wettmachen können, doch der von vielen Hoffnungen begleitete britische Angriff auf die beherrschende Festung im St.-Lorenz-Golf hatte wegen der starken französischen Flotte im Hafen von Louisbourg frühzeitig abgebrochen werden müssen. Ein Sturm, der Ende September 1757 sechs der neun britischen Linienschiffe vor der Küste von Kap Breton stark beschädigte und eines der Schiffe sogar zerstörte, komplettierte das Desaster.6 Die Liste der britischen Rückschläge war damit aber noch nicht komplett.

Anson ahnte an diesem Nachmittag, da er in niedergedrückter Stimmung an Hardwicke schrieb, nicht, dass kaum 24 Stunden später Admiral Sir Edward Hawkes Flotte mit einer weiteren Hiobsbotschaft in den Hafen von Spithead einlaufen würde. Die mit so vielen Erwartungen verknüpfte Expedition gegen das französische Marinedepot von Rochefort war ohne den ernsthaften Versuch einer Landung abgebrochen worden. Nicht einer der 8000 mitgeführten Soldaten hatte sich die Füße nassgemacht. Dieses Mal waren jedoch nicht die Admirale für den Fehlschlag verantwortlich, sondern die Befehlshaber der britischen Landungstruppen, die mit einer Unzahl übertriebener Bedenken eine entschiedene Aktion gegen den bedeutenden Kriegshafen in der Biskaya vereitelt hatten.7 Erstmals schienen Großbritannien in einem Krieg mutige und entschlossene Befehlshaber zu fehlen. Es war bezeichnend, dass Georg II. sich mit dem jungen Ferdinand von Braunschweig einen preußischen General als Nachfolger für den gescheiterten Herzog von Cumberland ausleihen musste.

Die Öffentlichkeit tobte, als immer mehr Einzelheiten des gescheiterten Unternehmens vor Rochefort die Runde machten und Agentenmeldungen sogar bestätigten, dass die Stadt tatsächlich nur von knapp 4000 schlecht ausgebildeten Milizionären besetzt gewesen war. In den Straßen Londons sprach man offen von Verrat.8 Einmal mehr fühlten sich die Briten an den unglückseligen Byng erinnert, dessen kaum schwerwiegendere Versäumnisse ihn im März vor ein Peleton gebracht hatten. Anders als den hingerichteten Admiral schützte jetzt aber die verantwortlichen Generale ein dichtes Netzwerk bester Beziehungen, und der Herzog von Newcastle erregte sich darüber, dass diese Männer, anstatt vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden, sich in der Oper hinter dem Stuhl des Königs versammeln durften.9 Vor allem William Pitt sah sich durch den Fehlschlag des Unternehmens, für das er sich so stark gemacht hatte, zutiefst desavouiert und war in seinem Zorn kaum zu bremsen.10

Genau in diesen Tagen hatte aber die Nachricht von Friedrichs spektakulärem Sieg bei Rossbach für einen deutlichen Stimmungsumschwung in Großbritannien gesorgt. Wenigstens der Verbündete schien noch siegen zu können. Plötzlich feierte man überall im Lande den so zäh kämpfenden Preußenkönig als neuen protestantischen Helden11 und Pitt hatte jetzt im Unterhaus keine Mühe mehr, für das kommende Kriegsjahr ein Budget von 10,5 Mio. Pfund durchzusetzen. Der Betrag lag um ein Drittel höher als die Aufwendungen für 1757 und übertraf die französischen Möglichkeiten der Kriegsfinanzierung bei Weitem. Großbritannien war nun unter Pitt mehr denn je bereit, in einen langen Krieg einzutreten, den der Gegner kaum durchhalten konnte. Wie sehr Frankreich schon jetzt am finanziellen Abgrund stand, konnte man auf der anderen Seite des Kanals nur ahnen. Der Versuch der Versailler Regierung, nach 1749 eine zweite Kriegssteuer in Höhe von fünf Prozent auf Einkommen und Eigentum einzuführen (Vingtième) war Ende 1756 am Widerstand des Pariser Parlaments gescheitert. Zwar hatte der darüber empörte König die umstrittene Steuer trotzdem vom Kabinett beschließen lassen, aber ihre gewaltsame Eintreibung brachte längst nicht die erhofften Resultate.12 Die Regierung versuchte, mit kurzfristigen Wechseln über die Runden zu kommen, erschütterte damit aber das Vertrauen der Finanzmärkte in seine Zahlungsfähigkeit erst recht.

Ein überraschender Lichtblick im trüben Londoner Herbst waren die im September 1757 aus Indien eintreffenden Nachrichten. Gewöhnlich hinkten sie ein halbes Jahr hinter den Ereignissen her und so erfuhr man erst jetzt, dass schon im Januar 1757 ein britisches Expeditionskorps von nicht mehr als 700 Mann, gestützt auf eine Flotte von vier Linienschiffen, genügt hatte, die Stadt Kalkutta zurückzuerobern und gleich dazu auch Chandernagore, den nördlich davon im Gangesdelta gelegenen Stützpunkt der Franzosen. Der Held der Stunde war der 33-jährige Robert Clive. Der Sohn eines Gelegenheitsrechtsanwalts aus der Grafschaft Shrophshire war 1743 als Sekretär der Company nach Indien gegangen, hatte sich aber bald darauf schon in einem militärischen Kommando bewährt und war seither Soldat geblieben. Clive schien die idealen Eigenschaften eines britischen Offiziers und Befehlshabers zu verkörpern. Er besaß Selbstbewusstsein, Mut und hatte in der Schlacht bei Plassey am 23. Juni 1757 gegen das weit überlegene Heer des Naweb von Bengalen jenes kalkulierte Draufgängertum gezeigt, das es Großbritannien immer wieder ermöglichen sollte, mit wenigen Männern weite Räume unter seine Kontrolle zu bringen.13 Die Nachricht von Clives Sieg bei Plassey traf schließlich im Februar 1758 in London ein, zur selben Zeit, als auch aus Nordwestdeutschland erste Erfolgsmeldungen die Öffentlichkeit zuversichtlicher stimmten. Unter der Führung Ferdinands von Braunschweig hatte die hannoverischhessische Observationsarmee, die auf Betreiben Pitts inzwischen ganz in britischem Sold stand, völlig überraschend eine Offensive gegen die weit verstreut in ihren Winterlagern stehenden Franzosen begonnen. Bis Mitte März war der düpierte Gegner über die Weser zurückgedrängt und nur zwei Wochen später befand sich die französische Armee nach dem Verlust von Minden bereits in vollem Rückzug auf den Rhein. Die lang erhoffte Wende des Krieges schien nun endlich in Sicht. In Schlesien bereitete sich Friedrichs Armee darauf vor, die Festung Olmütz zu belagern und damit auch Wien zu bedrohen, in Westfalen stand die Armee des Ferdinands von Braunschweig bereits kurz vor dem Rheinübergang, während in Nordamerika zwei Armeen zusammengezogen wurden, um Louisbourg und Fort Ticonderoga am Champlainsee einzunehmen.

Großbritannien profitierte mehr und mehr davon, dass sich die Kräfteverhältnisse zur See im Verlauf des letzten Jahres eindeutig zu seinen Gunsten geändert hatten. Während die französische Marine auf den im Herbst aus Louisbourg zurückkehrenden 19 Linienschiffen den Ausfall von mehr als 4500 Seeleuten zu verkraften hatte, die an Typhus oder an Skorbut gestorben waren, hatte die britische Marine unter Ansons Leitung ihre dreijährige Schwächephase zu Beginn des Jahres 1758 endlich überwunden. Die Admiralität konnte zu dieser Zeit 82 große Linienschiffe sowie 24 kleinere mit je 50 Kanonen aufbieten, hinzu kamen 120 Fregatten. Als Besatzung standen inzwischen fast 70.000 Seeleute zur Verfügung, die vielfach aus der Handelsmarine stammten, wo man sie jetzt aufgrund eines neuen Gesetzes durch ausländische Matrosen ersetzen konnte. Anson scheute bei der Lösung des Mannschaftsproblems auch vor dosierter Gewalt nicht zurück, indem er für eine effektive Organisation der gefürchteten Pressgangs sorgte. Auch wenn die beeindruckende britische Flottenmacht in vielfältigen Aufgaben weltweit gebunden war,14 stellten die 25 einsatzbereiten Linienschiffe in den französischen Häfen kaum noch eine Herausforderung für die britischen Inseln dar. Der chronische Mangel an Geld und Seeleuten hatte bewirkt, dass die französische Flotte im Vergleich zum Kriegsbeginn auf ein Drittel ihres Bestandes geschrumpft war. Mit einiger Not konnte Frankreich die Versorgung seiner nordamerikanischen Kolonien mit Getreide und Kriegsbedarf vorläufig aufrechterhalten, doch der französische Überseehandel war schon im Verlauf des zurückliegenden Jahres beinahe zusammengebrochen. Die Zahl der Schiffe in französischen Häfen sank gegenüber den Vorkriegswerten um mehr als 40 Prozent.15 Ende 1757 befanden sich bereits 10.000 französische Seeleute in britischer Gefangenschaft, bis Kriegsende sollte sich dieser Aderlass noch auf mehr als 30.000 Mann erhöhen.16

Dass der langjährige und überaus effektive Marineminister Frankreichs, Jean Baptiste Machault d’Arnouville, zu dessen beeindruckender Bilanz der rasante Ausbau der französischen Flotte nach dem Aachener Frieden zählte, im Februar 1757 auf Druck der Pompadour vom König entlassen worden war, stärkte nicht gerade Versailles Position im atlantischen Seekrieg.

Auf der Gegenseite war es Pitt nach dem Abgang des Herzogs von Cumberland gelungen, seinen Einfluss auf die Ernennung britischer Befehlshaber erheblich auszuweiten. Als neuer Oberbefehlshaber der Streitkräfte Ihrer Majestät garantierte der 77-jährige Feldmarschall Sir John Ligonier, ein vor 60 Jahren nach Irland geflohener Hugenotte und Mitglied der renommierten Royal Society, dass gegen den Willen Pitts kein Offizier mehr mit einem hohen Kommando betraut wurde. Dies betraf vor allem die Befehlsstruktur in Nordamerika, wo General James Abercrombie den glücklosen Lord Laudon als Oberbefehlshaber ablösen sollte. Entscheidend für Pitt war allerdings nicht der Umstand, dass John Campell, der 4. Lord von Laudon, nur eine mäßige militärische Performance aufzuweisen hatte und überdies ein Vertrauter des Herzogs von Cumberland war. Vielmehr sollte der Wechsel auch eine neue Politik gegenüber den Neuengland-Staaten glaubwürdig machen. Für eine große Offensive gegen Kanada musste das militärische Engagement der Kolonisten erheblich gesteigert werden, und das war nicht mit den brachialen Methoden Cumberlands oder Braddocks zu erreichen. Pitt war daher nicht nur um konziliantere Töne gegenüber den Kolonisten bemüht. In einem Brief an alle britischen Gouverneure teilte er die Abberufung Laudons mit und stellte klar, dass zukünftig Offiziere der Staatsmilizen bis zum Dienstgrad eines Oberst den entsprechenden Dienstgraden der britischen Armee gleichgestellt sein sollten. Im selben Schreiben versprach er außerdem, dass sämtliche Milizverbände dieselbe Ausstattung an Gewehren, Munition, Zelten und vor allem Artillerie erhalten sollten wie die regulären britischen Regimenter.17 Die erhoffte Wirkung blieb nicht aus. Als Pitts Schreiben im März 1758 im Parlament von Massachusetts vorgelesen wurde, erhob sich frenetischer Jubel und die Abgeordneten bewilligten statt der 2000 Milizionäre, die Laudon zuvor vergebens gefordert hatte, nun sogar die dreifache Zahl. Die Reaktion in den übrigen Kolonien fiel ähnlich aus, sodass in wenigen Wochen mehr als 20.000 Männer unter Waffen standen.18

Mit den jungen Generalen Jeffrey Amherst, James Wolfe und John Forbes betraten drei weitere Persönlichkeiten den nordamerikanischen Kriegsschauplatz, die dort schon in Kürze spektakuläre Erfolge erzielen sollten. Pitts Strategie in Nordamerika war keinesfalls neu und vielleicht nicht einmal zweckmäßig. Er wollte Kanada erobern, aber solange eine große französische Armee in Deutschland stand und jederzeit Hannover bedrohen konnte, war damit nichts gewonnen. Die Regierung Pitt brauchte jedoch unbedingt einen Erfolg, und der war aufgrund der günstigen Kräfteverhältnisse vorerst nur in Nordamerika zu erzielen.

Nach dem britischen Plan, den Pitt auch nach Laudons Ablösung nicht geändert hatte, sollten die Franzosen im Sommer an mehreren Abschnitten möglichst gleichzeitig angegriffen werden, um so ihre Streitkräfte zu zersplittern. Während am Hudson etwa 15.000 Mann unter dem Befehl von General Abercrombie bereitstanden, um auf Fort Ticonderoga zu marschieren, sammelten sich in Halifax weitere 14.000 Mann zum Angriff auf Louisbourg. Fielen beide Festungen früh genug in britische Hand, so könnten Abercrombie und Amherst die Franzosen noch im Herbst in ihrem kanadischen Kerngebiet in die Zange nehmen.

Die beste Nachricht seit Jahren – Der Fall von Louisbourg

Im Laufe des Frühjahrs hatte die britische Flotte unter dem Kommando von Admiral Edward Boscawen 23 Linienschiffe in den Häfen von Halifax, Boston und New York versammelt. Damit besaß sie erstmals ein deutliches Übergewicht zu den Franzosen, die mit vier Linienschiffen und vier Fregatten nur noch einen Bruchteil ihrer im Vorjahr aufgebotenen Flottenmacht nach Louisbourg hatten durchbringen können.19 Das große Unternehmen, für dessen Gelingen sich Pitt in jeder Weise eingesetzt hatte, begann am 28. Mai 1758. Noch während des Auslaufens der Flotte aus dem Hafen von Halifax war der soeben aus Europa eintreffende Befehlshaber des Unternehmens, Generalmajor Amherst, an Bord eines der absegelnden Schiffe umgestiegen. Der 42-jährige Offizier galt als Protege Ligoniers und hatte zuvor in Deutschland die Versorgung der hessischen Truppen geleitet. Louisbourg war sein erstes großes Feldkommando. Amhersts Belagerungskorps von 14.000 Mann war die größte Streitmacht, die Großbritannien bisher in Nordamerika aufgeboten hatte. Sie bestand größtenteils aus britischen Regimentern, aus dem schottischen Hochland stammten zwei Bataillone, deren Angehörige eine Dekade zuvor noch als Jakobiten gegen die britische Regierung gekämpft hatten. Pitt hatte persönlich alle Bedenken hinsichtlich ihrer Loyalität vom Tisch gewischt und ihre Anwerbung befohlen. Die Angehörigen des 48. Infanterieregiments wiederum hatten seit dem Debakel am Monongahela noch eine Rechnung mit den Franzosen offen. Amhersts erste und wohl wichtigste Maßnahme bestand darin, sich für eine Landung möglichst nahe bei Louisbourg zu entscheiden. Der soeben erst eingetroffene General entschied sich für einen Abschnitt etwa drei Kilometer westlich der Festung, den die Franzosen La Cormorandière nannten und dessen durch eine Reihe schroffer Felsen beherrschter Strand nicht gerade einladend auf die Ankömmlinge wirkte. Als die Briten nach zwei Tagen angespannten Abwartens in stürmischer See und Nebel am 8. Juni endlich in ihre Landungsboote steigen konnten, erwartete sie ein gut verschanzter Gegner. Die Franzosen hatten ihre Zeit genutzt und den gesamten Strand mit gefällten Bäumen beinahe unpassierbar gemacht. General James Wolfe, der das Landeskorps befehligte, hatte mit heftigem Widerstand gerechnet, doch das im Moment der Landung von allen Seiten einsetzende mörderische Feuer der etwa 1000 Verteidiger, übertraf alles, was der 31-jährige Offizier bisher erlebt hatte. Die Boote hatten nach dem ersten Schock bereits wieder abgelegt, als Wolfe gemeldet wurde, dass eine kleine britische Gruppe abseits der Hauptlandungszone an einem in die See ragenden felsigen Zipfel hatte Fuß fassen können. Kurz entschlossen dirigierte er die Masse seiner Truppen um und weitete die gegen französische Sicht geschützte Landungsstelle aus. Nach zweistündigem Kampf mussten die Franzosen erkennen, dass der britische Brückenkopf nicht mehr zu beseitigen war, und zogen sich aus Furcht, von der Festung abgeschnitten zu werden, teilweise fluchtartig zurück.20

Der Kommandant von Louisbourg und Gouverneur von Île Royal, Augustin de Drucourt, wusste, dass nach der erfolgreichen Landung der Briten der Fall der Festung nur noch eine Frage der Zeit war. Den Zeitpunkt der Kapitulation so lange wie möglich hinauszuzögern, ohne schließlich ein gewaltsames Eindringen des Gegners durch eine Bresche zu riskieren, war nach den militärischen Gepflogenheiten seiner Zeit die oberste Pflicht eines Festungskommandanten. Je länger Drucourt die Übergabe von Louisbourg hinauszögerte und je länger er mit seinen knapp 4000 Männern einer dreifachen britischen Übermacht Widerstand leistete, desto unwahrscheinlicher würde ein gegnerischer Angriff auf Quebec noch in diesem Jahr sein.

Louisbourg lag auf der westlichen von zwei Halbinseln, die den Eingang zu einer etwa zwei Kilometer langen und sich nach Norden ziehenden Bucht flankierten. In der 800 Meter breiten Zufahrt lagen einige kleine Inseln, auf deren größter die Franzosen eine schwere Batterie postiert hatten. Im Zusammenwirken mit drei anderen Batterien beherrschte sie den gesamten Raum der Bucht, die zugleich auch den französischen Linienschiffen als Hafen diente. Ein erfolgreicher Sturm auf die Festung selbst war erst möglich, wenn diese äußeren französischen Batterien von der Landseite her ausgeschaltet waren. Die brisante Aufgabe fiel erneut an General James Wolfe. Vier Tage nach der Landung der Briten in der Bucht von La Cormorandière setzte er sich an der Spitze eines Detachements von 1200 Mann in Marsch, um in einem weiten Bogen um die Bucht zunächst die französische Batterie auf der östlichen Halbinsel, die von den Briten Lighthouse-Batterie genannt wurden, zu nehmen. Innerhalb von nur einer Woche hatten Wolfes Männer ihren schwierigen Auftrag erfüllt. Seit dem 19. Juni dominierten britische Geschütze die Bucht und zwangen die französischen Schiffe, sich vor die Kaimauern der Festung zurückzuziehen. Durch etliche Überläufer wussten die Briten, dass die Stimmung unter den Truppen in der Festung, darunter auch viele Söldner aus deutschen Staaten und der Schweiz, von Anfang an gedrückt war. Immerhin verlieh die starke Befestigungslinie, die nach dem Beispiel des großen Vauban mit drei Bastionen, breitem Graben und Glacis Louisbourg auf der Landseite schützte, den Verteidigern in den ersten Wochen den nötigen Rückhalt. Die Angreifer waren zu einem förmlichen Belagerungsverfahren mit Annäherungs- und Parallelgräben gezwungen. Mitte Juli aber waren die Briten mit ihren Geschützen so nah an die Festung herangerückt, dass die Lage in der Festung mit jedem Tag kritischer wurde. Fast 1000 Granaten schlugen jetzt täglich in der Festung ein und die Löschtrupps der Franzosen konnten kaum noch ihrer Aufgabe gerecht werden. Ein Glückstreffer der Briten auf der Entrepreneur, der am 21. Juli das 64-Kanonen-Schiff und noch zwei benachbarte Schiffe in Brand setzte, leitete das Ende der Festung ein.

Nur vier Tage später drang im Schutz der Nacht zum 25. Juli eine Flottille britischer Ruderboote, zusätzlich begünstigt durch starken Nebel, in den Hafen ein. Die mit Äxten, Enterhaken und Pistolen bewaffneten Kommandos steckten die Prudent in Brand und zogen die Bienfaisant, das letzte Schiff der französischen Flotte in Louisbourg, aus dem Hafen.21 Jederzeit konnten jetzt britische Schiffe bis an die Kaimauern heranfahren, um sie mit ihren Breitseiten zusammenzuschießen. Kommandant Drucourt verblieben dagegen nur noch drei oder vier einsatzfähige Geschütze in der Stadt. Mehr als die Hälfte der Verteidiger waren tot oder verwundet. Die Verluste auf britischer Seite waren dagegen angesichts des Erfolges mit 195 Toten und 363 Verwundeten bemerkenswert gering.

Eine Alternative zur sofortigen Kapitulation bestand nicht mehr. Am 26. Juli bot Drucourt den Briten die Übergabe von Louisbourg an. Amhersts Bedingungen waren außergewöhnlich hart. Noch voller Erbitterung über das grausame Schicksal ihrer Landsleute nach dem Fall von Fort William Henry verweigerten die Sieger den Franzosen die Ehre eines freien Abzugs mit Waffen und Fahnen. Drucourt musste akzeptieren, dass alle Verteidiger der Festung als Kriegsgefangene nach Großbritannien gebracht würden.22 Am 27. Juli 1758 zogen die Briten gegen Mittag unter den Klängen des Grenadiermarsches in die verwüstete Stadt ein und die Franzosen legten ihre Waffen nieder. Die etwa 8000 Bewohner der Festung, Männer, Frauen und Kinder, teilten das traurige Schicksal der Acadier und wurden nach Frankreich deportiert.23 Kapitän William Amherst, der jüngere Bruder des britischen Befehlshabers, erhielt den ehrenvollen Auftrag, die Nachricht vom Sieg nach London zu überbringen, das er in einer Rekordzeit von nur drei Wochen erreichte. Sonst kein Freund von Herzlichkeiten versicherte ihm Pitt unter Umarmungen, dass er der willkommenste Kurier sei, den das Königreich seit Jahrzehnten empfangen habe.24 Erst wenige Tage zuvor war die Nachricht von General Abercrombies Niederlage vor Ticonderoga bekannt geworden, wo die Briten trotz einer vierfachen Überlegenheit sich als unfähig erwiesen hatten, die Franzosen aus ihren Stellungen zu vertreiben. Besonders schmerzlich für Pitt war, dass zu den fast 2000 Toten auf britisch-amerikanischer Seite auch seine große Hoffnung, Brigadegeneral George Augustus Howe, zählte.

Jetzt aber löste die Meldung vom Fall der Festung im ganzen Land ekstatischen Jubel aus. Nach drei Jahren voller Rückschläge war Louisbourg der erste echte britische Sieg und niemand mochte daran zweifeln, dass weitere Siege folgen würden. Die französische Flut wich zurück. Noch während überall im Vereinigten Königreich die Freudenfeuer brannten und in honorigen Reden eine Flut von Toasts ausgesprochen wurde, hatte sich in Nordamerika eine kampfstarke Abteilung von 3000 Kolonisten unter dem Befehl des Oberstleutnants John Bradstreet auf den 100 Kilometer langen Weg zum Ontariosee gemacht. Der 44-jährige Bradstreet war der Sohn eines britischen Leutnants und einer Kanadierin, der schon an der ersten Eroberung von Louisbourg im Jahre 1745 teilgenommen hatte und es in 20 Jahren im 51. Infanterieregiment zum Hauptmann gebracht hatte. Seine Beförderung zum Oberstleutnant durch den Gouverneur von Massachusetts hatte Lord Laudon noch im Dezember 1757 bestätigt.25 Bradstreets lang gehegte Idee eines Angriffs auf Fort Frontenac fand nach dem Rückschlag von Ticonderoga endlich Gehör. Ambercrombie brauchte dringend einen Erfolg und das Risiko war überschaubar. Das Unternehmen stand unter äußerster Geheimhaltung, denn Fort Frontenac am Nordufer des Ontariosees war einer der wichtigsten Stützpunkte der Franzosen in Kanada. Von hier aus versorgten sie eine ganze Reihe anderer Forts im Bereich der großen Seen mit Handelsware und Nachschub. Bradstreet setzte darauf, dass die Besatzung von Frontenac zugunsten der Verteidigung Ticonderogas reduziert worden war und dass der Gegner kaum mit einem so kühnen Angriff ins Herz des französischen Kanadas gerechnet hatte. Am 22. August erreichte Bradstreets kleine Streitmacht nach einem Marsch von drei Wochen an der Stelle des zerstörten Forts Oswego das Südufer des Ontariosees. Zu seiner Erleichterung ließ sich die gefürchtete französische Flotte während der nächsten drei Tage nicht blicken, und so befahl er am 25. August, die mitgeführten 220 Boote zu Wasser zu lassen. Bradstreets Flottille steuerte die Stelle an, wo der See in den St.-Lorenz-Strom übergeht, und ließ etwa anderthalb Kilometer unterhalb des Forts die Boote an Land setzen. Frontenac war eine beeindruckende Festung mit vier steinernen Bastionen, jede fast vier Meter hoch, aber von ihren 60 Kanonen konnte jetzt kaum ein Fünftel bemannt werden. Ihr Befehlshaber, der 63-jährige Major Pierre-Jacques Payen de Noyan, hatte nur 110 Männer zur Verfügung. Durch indianische Späher war er schon seit Tagen über die Ankunft der Briten informiert, fürchtete aber, dass die sofort angeforderten Verstärkungen aus Montreal nicht mehr rechtzeitig eintreffen würden.

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Belagerung und Eroberung der französischen Festung Louisbourg
(Nova Scotia) durch die Engländer unter General J. Amherst u. Admiral
E. Boscawen, 26. Juli 1758.

Als die Briten am 26. August ungehindert ihre vier Zwölfpfünder und vier Mörser kaum 150 Meter oberhalb des Forts in Stellung brachten, war das Schicksal von Frontenac besiegelt. Die Mauern der Bastionen hielten den britischen Zwölfpfündern nicht lange stand. Nach einem 24-stündigen Bombardement kapitulierte de Noyan am Abend des 27. August. Unter einer energischeren Führung hätte sich das Fort vielleicht bis zum Eintreffen der Verstärkungen nur vier Tage später halten lassen. Die Franzosen durften im Austausch gegen eine gleiche Zahl von britischen Gefangenen nach Montreal abziehen, anschließend plünderten Bradstreets Männer das mit riesigen Mengen von Vorräten und Waren versehende Fort und sprengten seine Bastionen vor ihrem Abzug. Die aus neun Kanonenbooten bestehende französische Flotte wurde versenkt. Die mitgeführte Beute hatte einen Wert von 35.000 Pfund, die Bradstreet zu gleichen Teilen an seine Leute weitergab.26 Sein erfolgreiches Unternehmen auf dem Ontariosee hatte kaum weniger strategische Bedeutung als der Fall von Louisbourg. Etliche Indianerstämme sahen nach dem Fall von Frontenac die Zeit gekommen, auf die Seite der Briten zu wechseln. Ein noch kühneres Unternehmen schien jetzt möglich und Bradstreet setzte sich nach seiner Rückkehr entschieden dafür ein. Mit einem Angriff auf Fort Niagara ließe sich die gesamte Position der Franzosen an den Großen Seen erschüttern. Die Tage der französischen Herrschaft am St. Lorenz schienen Ende 1758 gezählt. Am 21. November erreichte eine britisch-amerikanische Kolonne unter Brigadegeneral John Forbes den Monogahela. Daraufhin sprengte die französische Besatzung Fort Duquesne und zog sich auf Fort Machault zurück.27 Braddocks Niederlage war damit zwar nicht vergolten, aber im Ergebnis neutralisiert. An der Stelle des alten französischen Forts errichteten die Briten eine neue Befestigung und nannten sie Fort Pitt. Später entstand an derselben Stelle die Stadt Pittsbourg.