Kapitel 1

A lison hatte es sich auf ihrem Platz im Zug mit ihrem Braille-E-Reader gemütlich gemacht. Schon bald würde sie diesen nicht mehr benötigen, denn Shay hatte während der Sommerferien einen Gnom ausfindig gemacht, der eine Spezialbrille für Alison anfertigen wollte, mit der sie eine fast normale Sehkraft erlangen konnte. Es würde zwar noch eine Weile dauern, aber der Gnom hatte Shay versichert, dass die Brille bis Weihnachten auf Alisons Nase sitzen würde. Er hatte mehr als einmal betont, dass so etwas Besonderes seine Zeit brauchte. »Sehkraft für eine Drow«, hatte er gesagt, »ist keine kleine Leistung.«

Sie hatte Shay dazu gebracht, ihr jedes Detail ihres Treffens mit dem Gnom zu erzählen und wartete bereits gespannt auf die Brille. Sehkraft für eine Drow .

Sie lächelte bei dem Gedanken.

Ich werde in der Lage sein, zu sehen . Der Gnom hatte Shay versichert, dass Alison annähernd normal sehen würde, aber bis sie die Brille das erste Mal aufsetzte, war es unmöglich, es sicher zu wissen. Jedes magische Wesen reagierte anders, wenn es mit der magischen Kraft aus Oriceran in Kontakt kam, die für die Brille notwendig war. Aber bald

Sie strich mit den Fingern über den Bildschirm, der mit jedem Umblättern neue Worte formte. Die Zugfahrt von zu Hause zurück zur Schule dauerte nicht so lange, aber sie hatte in den Sommerferien eine neue Reihe über Trolle und Hexen entdeckt, von der sie vor hatte, möglichst viel zu lesen, bevor sie zur Schule zurückkehrte.

Sie beendete das letzte Kapitel des Buches, lächelte und atmete tief durch. Magie ist real und sie kehrt zurück.

»Nächster Halt: Denver, Colorado«, rief der Ansager über den Lautsprecher, als der Zug mit einem Zischen in den Bahnhof einfuhr.

Alison konnte die Energien der Leute spüren, die auf dem Bahnsteig vor ihrem Fenster standen. Sie mochte es, so viele Energien zu beobachten. Es war ihre Version des p eople-watching . All die Wesen gingen ihrem Tag nach. Dann teilte sich das Meer aus Energie und sie spürte eine große Gruppe mit tiefschwarzer Magie in ihren Seelen durch die Menge treten.

Irgendetwas stimmte da nicht – sie konnte es bis in ihre Knochen spüren. Einen Moment lang war sie sich nicht sicher, ob sie es einfach so hinnehmen oder aussteigen und nachsehen sollte. Ihre Neugierde war einfach zu groß, um zu ignorieren, was dort draußen geschah. Sie schnappte sich ihre Tasche vom Sitz und ließ ihr Tablet hineinfallen, zog ihren Rucksack auf, schnappte sich ihren Koffer aus dem Gepäckfach und verließ den Zug.

Sie hängte sich den Gurt, den sie an ihrem Koffer befestigt hatte, über die Schulter, um sich leichter durch die Menge bewegen zu können. Die Türen schlossen sich hinter ihr und sie hielt inne, als der Zug losrauschte. Plötzlich war sie über ihre impulsive Entscheidung erschrocken. Alison trat näher an die Gruppe heran und schloss die Augen, um sich auf ihre anderen Sinne zu konzentrieren.

»Sie werden uns nicht einmal kommen sehen«, flüsterte eine Hexe.

»Ganz genau. Es ist perfekt«, sagte der Zauberer ihr gegenüber und vergewisserte sich, dass niemand sonst zuhörte.

Alison wartete darauf, dass sie sich in Bewegung setzten. Als sie losmarschierten, öffnete sie ihre Augen, um zu erkennen, wohin sie gingen. Sie hielt ein wenig Abstand und folgte ihnen die Treppe hinauf, in den Starbucks und hinaus auf die Straßen von Denver. Ihr hartes Training mit Shay über den Sommer zahlte sich endlich aus. Sie konnte sich problemlos auf der Straße orientieren.

Die Gruppe bewegte sich langsam vorwärts und Alison blieb etwa einen halben Straßenblock hinter ihnen. Die ganze Zeit über studierte sie ihre Energie und die dunkle Magie, die in ihnen herumwirbelte. Ihre Brust wurde schwer, als sie erkannte, dass die Dunkelheit dem ähnelte, was sie einige Jahre zuvor in ihrem leiblichen Vater gesehen hatte – bösartig, mörderisch und obendrein noch eine Menge Feigheit. Der Gedanke an diese Zeit bereitete ihr Bauchschmerzen.

»Du hättest das Gesicht des Elfen sehen sollen, den ich vor zwei Tagen in die Enge getrieben habe«, berichtete einer der Zauberer stolz. »Er wusste nicht, ob er weglaufen, seine Kräfte einsetzen oder sich in die Hose machen sollte.«

»Mega«, lachte ein anderer. »Dieser Licht-Abschaum denkt, er kann hochmütig herumlaufen, aber sobald man sie konfrontiert, kriegen sie Angst.«

»Genug. Nicht hier draußen«, knurrte der andere Zauberer.

Alison zog ihre Büchertasche vor ihren Bauch und holte das Armband heraus, das Shay ihr geschenkt hatte. Es war nicht nur hübsch, sondern in einem Kampf auch besonders nützlich – das perfekte Geschenk.

Shay hatte es von demselben Gnom bekommen, der an Alisons Brille arbeitete. Außerdem hatte sie mit Alison den Sommer über geprobt, wie man es benutzte. Das Armband war etwas Besonderes und nicht jeder konnte es tragen. Es war für einen Drow bestimmt.

Sie hatte schnell bemerkt, dass es ihre Fähigkeiten verfeinerte. Es verstärkte die Farben der Energien um sie herum und half ihr, sich auf diese – sowohl hell als auch dunkel – zu konzentrieren, ohne überwältigt zu werden. Es war ein vorübergehender Ersatz, bis die Brille fertig wurde.

Den ganzen Sommer über hatte sie es so oft wie möglich getragen, aber es gab zwei Dinge an dem Armband, die sie enttäuschten. Erstens bekam sie nach einer Weile Kopfschmerzen von den strahlenden Energien und zweitens konnte es nur begrenzt viel Energie speichern.

Shay hatte ihr versprochen, dass sie nach einer Lösung suchen würde, damit wenigstens eines dieser Probleme gelöst werden konnte.

Alison legte das Armband an und scannte die Energien, die die Wesen vor ihr durchströmten. Nicht von dieser Welt. Vielleicht aus Oriceran . Die dunklen Zauberer näherten sich einem Gebäude und Alison hielt inne, als sie durch die Türen gingen. Dann eilte sie hinüber und hockte sich neben ein zerbrochenes Fenster, von wo aus sie das Gespräch der Gruppe belauschen konnte. Sie waren dort drin nicht alleine, sondern trafen sich mit ein paar düsteren Gestalten.

»Das hat ja lange genug gedauert«, knurrte einer der Typen.

»Vergiss nicht, mit wem du sprichst«, entgegnete ein Zauberer.

»Tut mir leid«, brummte er und schaute auf den Boden. »Wir sind einfach nur nervös, bei allem, was hier los ist.«

»Da bin ich mir sicher, aber darum werden wir uns gleich kümmern«, erwiderte der Zauberer und strich mit seinen langen Fingernägeln über die Wange des Menschen. »Ist alles vorbereitet? Ich möchte nicht dort ankommen und vor einer der Familien wie ein Narr dastehen. Das sollte ein Rein-und-Raus sein: vergifte die Wandler und überlasse den Rest der Panik der Menschen. Es werden mindestens fünftausend Leute auf dem Konzert sein und die Band besteht aus Wandlern. Die Menge wird nicht einmal merken, dass es nicht Teil der Show ist, bis die Band anfängt, Kehlen herauszureißen.«

»Warum die Wandler? Habt ihr nicht kläglich versagt, als ihr versucht habt, sie zu euren Marionetten zu machen?«

Der Zauberer richtete seinen Zauberstab auf den Schlägertypen und ein Funkenregen ergoss sich über die Stirn des Mannes. Er jaulte auf und schlug sich auf den Kopf, um sie zu löschen.

Der Zauberer lächelte verschmitzt, während er die kurze Show genoss. »Sie sind nicht das Gleiche wie magische Wesen in Menschengestalt. Wir …« Er klopfte sich stolz auf die Brust. »Wir sind schwieriger zu manipulieren und weniger berechenbar. Wandler sind in ihrem Ursprung dumme Tiere wie übergroße Hunde mit Reißzähnen. Sie können mit ein paar Leckereien oder einem wirklich guten Zauberspruch trainiert werden.«

Der große Mann warf dem Zauberer einen bösen Blick zu. »Es ist für alles gesorgt. Wenn Sie dort ankommen, gehen Sie in den VIP-Bereich. Sprechen Sie mit dem Bodyguard an der Tür und sagen Sie ihm, dass Iman Sie geschickt hat.«

»Ausgezeichnet. Der Plan darf nicht scheitern. Wir brauchen diesen Schub und ich bin diese ganzen Niederlagen leid. Wir müssen endlich einen verdammten Fortschritt machen.«

Alison holte tief Luft, wandte sich vom Fenster ab und drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie konnte nicht zulassen, dass das geschah. Sie waren dabei, nicht nur die Gestaltwandler in Gefahr zu bringen, sondern auch viele Menschen. Alison ballte die Fäuste und nickte, denn sie wusste, dass sie etwas dagegen tun musste. Sie konnte spüren, wie die Energie in ihr pulsierte, fast so, als wüsste ihre Magie, dass es Zeit zum Kämpfen war.

Alison stellte ihre Taschen auf dem Gehweg ab und atmete tief ein, dann trat sie die Tür auf. Diese knallte gegen die Wand, als Alison in den offenen Raum marschierte. Sie konnte die Energie der Anwesenden spüren. Einer der Typen lachte und stemmte die Hände in die Hüften, während die Zauberer aus Gewohnheit ihre Zauberstäbe zogen.

»So, so, so. Seht mal, wen haben wir denn da – ein kleines Mädchen. Was machst du denn hier? Bist du gekommen, um alle zu retten?« Er lachte laut, bis ihm einer der Zauberer in den Bauch boxte.

»Sie ist kein kleines Mädchen. Sie ist eine Drow!«

Sofort richteten die Magier ihre Zauberstäbe auf sie, woraufhin Alison ihre Arme zur Seite warf und eine dunkle Decke über der Gruppe beschwor. Sie konnte ihre Energien immer noch spüren, aber ihre Gegner konnten sie nicht mehr sehen. Sie stolperten umher, während sie darauf warteten, dass sich die Dunkelheit lichtete. Doch stattdessen ließ Alison ihrer Magie freien Lauf und sandte Lichtstrahlen aus, die ihre Gegner trafen und einhüllten. Als sich die Dunkelheit verzog, standen nur noch die dunklen Zauberer in der Mitte des Raums und schauten sich erstaunt nach ihren menschlichen Handlangern um, die ausgeknockt in einer Ecke lagen.

»Wir werden nicht zulassen, dass eine junge Drow uns zum Narren hält!« Der Anführer der Gruppe war wütend und fuchtelte mit seinem Zauberstab in der Luft, sodass mehrere dunkle Pfeile auf Alison zuflogen.

Sie spürte die dunkle Magie auf sie zukommen und sprang zur Seite, um den Pfeilen auszuweichen, dann hob sie die Hand zum Mund und blies über ihre Handfläche. Kleine Teilchen funkelnder, blauer Magie flossen von ihren Lippen über ihre Fingerspitzen und schossen in Richtung der Zauberer. Sie glitzerten und schimmerten wie ein Meer aus unzähligen Feen und leuchteten so hell, dass die Zauberer vorübergehend geblendet wurden.

Alison würde dafür sorgen, dass sie weder den Gestaltwandlern noch sonst jemandem Schaden zufügen würden.

»Sie glauben, Sie können in meine Welt kommen und den unschuldigen Leuten hier schaden? Da wäre ich mir nicht so sicher.«

Sie hob ihre Arme und riss sie mit einem Schwung hinunter, wodurch sie einen Energieblitz erzeugte, der die Zauberer gegen die Wand hinter ihnen schleuderte und dann ihre fallen gelassenen Zauberstäbe quer durch den Raum riss. Alison klatschte in die Hände und die Zauberer fielen gestapelt zu Boden.

Mit ihrer Magie konnte sie die Bewegungen des Anführers kontrollieren. Ohne eigenen Willen ging er auf sie zu. Seine Augen waren weit aufgerissen und er war unfähig zu sprechen.

»Nimm das Seil«, befahl Alison, sie wusste, dass er nicht widersprechen konnte. »Und jetzt fessle die Anderen und dich aneinander.«

Der Zauberer tat wie ihm geheißen und band sie alle zusammen.

»Ihr alle, streckt eure Arme aus und schiebt die Ärmel eurer Roben hoch«, sagte sie und hinterlegte ihre Anweisungen mit einem Sprühregen aus glühenden Funken. »Hebt eure Arme hoch, höher.«

Sie taten genau das, was ihnen gesagt wurde, zogen ihre Ärmel hoch und enthüllten ihre Unterarme. Alisons Augen leuchteten und ihr silbernes Haar schimmerte, als sie mit ihrer Hand über die Arme strich und jeden Zauberer mit einem Totenkopf brandmarkte. Als sie fertig war, brach sie ihre Zauberstäbe in zwei Hälften und warf die Teile zur Seite.

Sie drehte sich zum Gehen um.

»Lassen Sie die Wandler in Ruhe oder ich finde Sie wieder, nur um mich mit Ihnen auseinanderzusetzen. Das nächste Mal werde ich nicht so nett sein.«

Sie wusste, dass es nicht genau das war, was Brownstone getan hätte. Ihr Vater hätte dafür gesorgt, dass die Bösewichte definitiv nicht noch einmal aufstehen würden. Aber Alison klammerte sich immer noch an dem Gedanken fest, dass die Dunkelheit zurückgedrängt werden konnte. Das würde die Zeit beweisen müssen.

Alison ging mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Gebäude und fuhr mit den Fingern über die Uhr, die Brownstone ihr zu Beginn des Sommers geschenkt hatte.

»Verdammt!«

Ihr wurde klar, dass es nur noch einen Zug gab, den sie zur Schule nehmen konnte. Sie schnappte sich ihr Gepäck und folgte der magischen Energie, durch die Rückwand des Starbucks und die Treppen hinunter auf den Bahnsteig, gerade als der Zug einfuhr. Als sie einen Sitzplatz fand, legte sie ihre Taschen neben sich ab und versuchte, tief Luft zu holen.

Sie war eine ganz normale Schülerin, die versuchte, pünktlich zur Schule zu kommen, nur hatte sie jetzt ein Geheimnis.