Kapitel 4

N ach dem Abendessen gingen alle nach oben, um sich für die Willkommensfeier umzuziehen. Die Tische und Stühle im Saal wurden weggeräumt und an der Decke entstand ein Nachthimmel, der alles in ein sanftes Licht tauchte. Die meisten Schüler trugen schicke Kleidung für die Party. Die Erstklässler hatten jedoch keine Ahnung, was sie anziehen sollten und erschienen völlig overdressed in bodenlangen Kleidern und Smokings. Unsicher standen sie in eine Ecke gedrängt und beobachteten, wie die älteren Schüler sich durch den Raum bewegten und lautstark miteinander unterhielten.

Izzies Gruppe kam kurz nach den Erstklässlern an. Luke und Izzie standen an der Seite, Hand in Hand und beobachteten ihre Mitschüler. Ethan, der neben ihnen verweilte, machte kleine Zaubertricks, um Jennifer zu beeindrucken.

»Siehst du? Sie verwandelt sich in eine Rose und du kannst sie sogar riechen«, sagte Ethan und hielt eine magische Rose in seiner Handfläche.

»Cool«, sagte Jennifer, nicht wirklich beeindruckt. »Weißt du, wer Rosen liebt? Mein Pferd, das zuhause bei meinen Eltern ist. Ihr Name ist Rosalie. Ich habe sie so genannt, weil sie, als sie noch ein Fohlen war, sich immer in den Rosenbüschen verheddert hat. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr damals Dornen aus den armen Nüstern pflücken musste.«

Ethan versuchte zu lächeln und nickte, aber er war leicht enttäuscht. Er schloss seine Hand und ließ die Rose verschwinden. Grübelnd biss er sich auf die Unterlippe und sah sich einen Moment lang um, bevor er seinen Zauberstab herausnahm und ein winziges Pony in seiner Hand erschuf. Er ließ es um sie herumschweben, dann holte er es zurück in seine Handfläche, wo er es in einer Rauchwolke verschwinden ließ.

»Das sieht genauso aus wie mein Pferd …«

Als der Rest der Gruppe ankam, durchquerten sie den Raum und begrüßten verschiedene Leute, einschließlich der anwesenden Professoren. Sie mieden Scarlett, die gerade einen Monolog über die Last der Verantwortung hielt.

»Es ist anstrengend, aber gleichzeitig so befriedigend«, erklärte Scarlett mit einem Hauch von Drama.

Sie tat so, als hätte sie tatsächlich schon etwas getan, obwohl erst zwölf Stunden des ersten Tages vergangen waren und der Unterricht noch nicht einmal begonnen hatte. Kathleen rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf, dann sah sie Emma an und verzog das Gesicht. Emma kicherte und winkte Alison und Izzie von der anderen Seite des Raumes aus zu. Izzie lächelte und winkte zurück, bevor sie sich wieder an Alison wandte.

»Mein Sommer war besser als sonst«, sagte Izzie, die mit ihrer besten Freundin die Ereignisse der Ferien Revue passieren ließ. »Du konntest mich besuchen, ich konnte Luke sehen und Misses Berens war so ziemlich die ganze Zeit unterwegs, sodass ich mein eigenes Ding machen durfte. Ich habe das Schulgelände weiter erkundet und gemerkt, wie viel Zeug hier ist, von dem ich gar nichts wusste. Das ist alles aus der Zeit, als die Schule noch keine Schule war. Schließlich ist dieses Gebäude schon uralt.«

»Das ist cool.« Alison lächelte. »Das musst du mir später alles zeigen. Was ist mit deinen Träumen? Wie läuft’s mit denen?«

Izzie seufzte und lehnte sich gegen die Wand. »Ich weiß nicht. Bruchstücke anderer Erinnerungen sind zu mir zurückgekommen. Das Problem ist, dass keine von ihnen wirklich einen Sinn ergibt. Wie diese eine verschwommene Erinnerung, die ich immer und immer wieder habe. Ich laufe durch die Straßen einer Stadt, aber es gibt keine Wolkenkratzer. Alle Gebäude sind nicht höher als vielleicht sechs oder sieben Stockwerke. Dann gehe ich auf diese riesige Wiese mit zwei Denkmälern auf jeder Seite hinaus. Ich habe keine Ahnung, was dort los ist. Ich…«

Izzie verstummte und blickte zur Eingangstür, durch die Tanner eingetreten war. Sie stieß Alison mit dem Ellbogen in die Seite.

»Jemand, den du die ganze Zeit gesucht hast, ist gerade durch die Türen gekommen.«

Alison blickte durch den Saal in Richtung der Türen, wo sie Tanners vertraute Energie entdeckte. Sie atmete tief aus und spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Den ganzen Tag hatte sie auf diesen Moment gewartet und sich inzwischen schon Sorgen gemacht, dass ihm etwas zugestoßen war. Seine Energie war so beruhigend wie immer, nur dass sie dieses Mal von Strömen der Aufregung durchzogen war, als er auf sie zuging. Seine Aufregung machte sie glücklich und ihre Wangen wurden rot. Plötzlich war all die Angst und Nervosität verschwunden und sie konnte nicht anders, als sich an die tollen Gespräche zu erinnern, die sie während der gesamten Videochats, SMS und nächtlichen Telefonate geführt hatten, als Brownstone und Shay weg waren.

»Da ist ja die Person, auf die ich mich den ganzen Tag gefreut habe«, sagte Tanner und ergriff Alisons Hände.

»Ich dachte schon, du hättest dich entschieden, dieses Jahr nicht mehr zu kommen«, scherzte Alison.

Tanner drückte ihre Hände und lachte. »Nun, ich habe darüber nachgedacht, aber es gibt dieses Mädchen hier, die kriege ich einfach nicht aus dem Kopf.«

»Ach ja?« Alison kicherte. »Jemand, den ich kenne?«

Tanner zog sie an sich und umarmte sie fest, dankbar, dass sie sich wieder berühren konnten. Alison lehnte ihr Gesicht an seine warme Brust und atmete tief ein. Er hob ihren Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er sich dem Rest der Gruppe zuwandte.

»Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe«, sagte er seufzend. »Zuerst sollte mich mein Betreuer abholen, der mich zum Bahnhof bringen wollte, aber das ging schief. Dann sollten mich die Leute, bei denen ich wohnte, zum Portal bringen, aber die steckten im Verkehr fest und konnten nicht rechtzeitig kommen. Also meldete sich die Direktorin nach etwa fünf Stunden bei mir, weil sie sich Sorgen machte, dass ich nicht da war und holte mich schließlich eigenständig zurück.«

»Oh«, antwortete Alison und runzelte die Stirn. »Ich wusste gar nicht, dass die Direktorin weg war.«

»War sie auch nicht. Sie öffnete ein Portal zu meinem Wohnzimmer und zog mich hindurch.« Er lachte. »Zum Glück hat sie sich an mich erinnert. Ich dachte schon, ich müsste per Anhalter fahren.«

Alison lächelte und drückte ihn fest an sich. »Du bist ziemlich süß. Jemand hätte dich schon aufgesammelt.«

»Ich weiß nicht. Zumindest hatte ich einen sehr ereignisreichen Sommer. Ich habe die ganze Zeit mit anderen magischen Waisenkindern gearbeitet. Es war ziemlich cool und sie haben mir eine komplett neue Perspektive auf das Leben gegeben.«

»Hoffentlich nicht so neu.« Alison lächelte.

Überall, wo Izzie hinschaute, sah sie Schüler, die aßen, tranken und sich nach einem langen Sommer viel zu berichten hatten. Es war Izzies Lieblingszeit in der Schule – der Moment, in dem alle merkten, wie sehr sie sich gegenseitig vermisst hatten. Auch die anderen Freundesgruppen hatten in der Schule ihre Familien gefunden. Es war eine Kameradschaft, von der sich Izzie nicht erinnern konnte, sie irgendwo anders in ihrem Leben gespürt zu haben. Doch noch während Tanner von seiner Ankunft berichtete, flog die Eingangstür auf und erregte die Aufmerksamkeit aller.

Ein großer, dunkelhaariger Zauberer trat hindurch und zog seinen Koffer hinter sich her. »Sieht aus, als wäre ich hier richtig.«

»Sheesh. Da kommt Ärger«, flüsterte Peter zu Ethan.

Der Typ durchquerte den Speisesaal, schüttelte jedem auf seinem Weg die Hand und stellte sich vor. Emma sah Kathleen an und hob eine Augenbraue. Kathleen rollte mit den Augen. Ihre beste Freundin kicherte amüsiert. Sie wartete immer noch auf den Tag, an dem Kathleen einmal wirklich überrascht, schockiert oder aufgeregt war.

»Ich heiße Jason Parker«, sagte er, schüttelte Tanner die Hand und sah die anderen mit einem Nicken an. »Ich komme aus Chicago.«

Luke flüsterte Izzie ins Ohr: »Weißt du, wer das ist?«

Izzie schüttelte den Kopf.

»Er ist sehr reich und gehört zu einer sehr alten, sehr bekannten dunklen Zaubererfamilie. Ich wusste schon, dass er kommt. Mein Vater hat es von Freunden gehört. Er kommt von einer privaten Zauberschule in Chicago, die ihn rausgeschmissen hat. Ich habe keine Ahnung, warum, aber wahrscheinlich hat es etwas mit dunkler Magie zu tun.«

Jason schaute auf das Papier in seiner Hand hinunter und wieder hoch zu den anderen Jungs. »Moment, seid ihr Peter, Ethan, Luke und Tanner?«

Ethan nickte. »Das sind wir.«

»Nice. Sieht aus, als hätte ich meine neuen Mitbewohner gefunden.«

Die Jungs unterhielten sich noch ein wenig und versuchten sich aneinander zu gewöhnen. Alison studierte neugierig seine Energie. Sie war anders als alles, was sie bisher gesehen hatte. Sie bemerkte die dunkle Ader, aber sie spürte auch eine Verspieltheit, sowie Leichtigkeit und eine Mischung verschiedener anderer Dinge. Obwohl er versuchte, sich ganz groß und cool zu präsentieren, schien tatsächlich mehr in ihm zu stecken, als er zugeben wollte.

Jason räusperte sich und wandte sich an Alison, wobei er sofort seinen Charme einsetzte. »Hi. Ich weiß nicht, wie ich dieses schöne silberne Haar nicht schon früher bemerkten konnte. Ich bin Jason.«

Alison schmunzelte und schüttelte seine Hand, als sie spürte, dass er sie ihr hinhielt. »Alison.«

»Nun, Alison, falls du es nicht bemerkt hast, ich bin neu an der Schule. Vielleicht könntest du mich herumführen.«

Tanner nahm sofort Alisons Hand und stand aufrechter als sonst, während er seinen Oberkörper anspannte. Es kostete Alison viel Kraft, nicht zu lachen, als sie die Ströme von Eifersucht und Irritation sah, die durch Tanners Energie wirbelten. Einerseits war es niedlich, aber andererseits wollte sie nicht, dass er einen Feind in Jason sah. Die Energie dieses Kerls zeigte, dass er etwas an sich hatte, das sich gut in ihre Gruppe einfügen würde. Trotzdem war sie immer noch zögerlich, denn sie wusste, dass seine dunkle, wirbelnde Energie etwas Furchtbares an einen Ort bringen konnte, an dem sie nur Licht sehen wollte. Es würde sich mit der Zeit zeigen müssen, wozu er in der Lage war.