Kapitel 6

D ie Erstklässler eilten in ihren Schlafsälen herum und versuchten, sich für den Unterricht fertig zu machen. Keiner von ihnen wollte zu spät kommen und seinen ersten Schultag mit Nachsitzen beenden. Einige von ihnen waren schlau gewesen und früh aufgestanden. Sie konnten faulenzen, während die anderen wie kopflose Hühner herumrannten. Es war jedes Jahr das Gleiche mit den Erstklässlern. Sie begannen das Jahr in Panik und am Ende des Schuljahres war es den meisten egal, ob sie pünktlich zum Unterricht kamen.

Connor, der Fluraufseher, kam pfeifend die alte Treppe hinunter. Er war aufgeregt und optimistisch, was das neue Jahr anging und lächelte den Schülern fröhlich zu, die auf der Treppe an ihm vorbeigingen. Bei den jüngeren Schülern schaute er morgens immer als Letztes nach dem Rechten, weil er wusste, dass sie am längsten brauchten, um sich zurechtzufinden. Er liebte und hasste den Beginn eines jeden Schuljahres. Die Neuen brachten jedes Jahr neuen Schwung in die alten Flure, wurden aber auch schnell ausschweifend.

»Morgen, Connor«, sagte einer der Oberstufenschüler, als er an ihm vorbeiging und ihm ein High five gab.

»Kamran, Diggah! Bist du bereit für den Zaubertränkeunterricht dieses Jahr?«

Der Junge wirkte entspannt, als er die Treppe hinunterging und zuckte mit den Schultern. »Muss wohl.«

»Na ja, Kopf hoch, wird schon!«

Als Connor die Etage der Erstklässler erreichte, drehte er sich zur Seite, um den Flur hinunterzugehen, blieb aber stehen, als er eine Flüssigkeit sprudeln hörte. Er neigte verwirrt seinen Kopf zur Seite und lauschte. Seine Augen weiteten sich, als das Geräusch von Wasser, das auf Kacheln plätscherte, durch den Korridor hallte. Mehrere Erstklässler rannten vorbei und hinterließen nasse Fußabdrücke auf dem Teppich. Connor presste seine Hand an die Stirn.

»Oh nein, oh nein, oh nein.«

Er konnte nicht glauben, dass er es bereits am ersten Tag mit Scherzkeksen zu tun hatte. In all seinen Jahren an der Schule hatte er schon viele Idioten gesehen, vor allem unter den Oberstufenschülern, aber dass Erstklässler schon am ersten Tag Streiche spielten? Das war kein guter Start in das Schuljahr. Er atmete tief durch. Bis er die Übeltäter gefunden hatte, musste er sich eine bessere Strafe als Nachsitzen überlegen.

Als die Rufe der Erstklässler zunahmen und die Masse an Schülern, die in Richtung Treppe liefen, wuchs, sprintete er los und stieß die Tür zum Gemeinschaftssaal auf. Der Lärm wurde lauter, je näher er den Toiletten kam und als er sah, was passiert war, erschrak er. Am anderen Ende des Raums standen ein paar lachende Erstklässler, die mit den Armen fuchtelten und ihre Zauberstäbe wirkungslos durch die Luft schwangen. Als sie Connor entdeckten, zerstreuten sie sich in verschiedene Richtungen, doch die meisten liefen zur Treppe.

»Nicht so schnell!«, schrie Connor sie an.

Er ging langsam ins Bad und schaute sich das Unheil an. Jemand hatte einen gefrorenen Bienenstich in die Toilette geschmissen und versucht, das Stück Kuchen herunterzuspülen. »Ernsthaft? Kuchen? Wo zur Hölle habt ihr den überhaupt her?«

Connor verfolgte die Magie zurück, um herauszufinden, welcher Energiestrom für den Streich verantwortlich war. Es stellte sich tatsächlich heraus, dass es sich um drei sehr vertraute Energien handelte, die er erst gestern Abend bei der Party kennengelernt hatte. Etwas, das die neuen Schüler noch lernen mussten, war, dass Erwachsene ihnen, wenn es um Magie ging, immer überlegen waren und leicht herausfinden konnten, wer für etwas verantwortlich war. Er krempelte seine Ärmel hoch und zog seinen Zauberstab heraus.

»Die haben Glück, dass ich sie nicht zwinge, den Kuchen zu essen«, brummte er, während er seinen Zauberstab schwenkte und ihn aus der Kloschüssel herausholte.

Er ließ das Stück auf den Boden fallen, wodurch es bis an die Wand spritzte, dann beschwor er einen starken Energiestrahl, um das Wasser, das immer noch aus der Toilette herausfloss, wieder in die Rohre zu drücken. Er betätigte den silbernen Griff, um zu spülen und beendete damit die Überflutung. Connor atmete tief durch, strich mit den Händen über seine Hose und sah auf die nassen Sohlen seiner Schuhe hinunter.

»Also, es sind alle weggelaufen? Ich schätze, dann muss ich den Täter wohl ausfindig machen.«

Unten fand er die Erstklässler vor dem Speisesaal aufgereiht. Sie hatten versucht, sich zum Frühstück durchzudrängeln, aber die Oberstufenschüler hatten sie hinausgescheucht, damit sie zuerst Platz nehmen konnten. So musste Connor nicht den ganzen Speisesaal nach ihnen absuchen.

»Ihr wisst schon, dass Essen nicht in die Toilette gehört«, sagte er streng und ging die Reihe der Erstklässler auf und ab. »In Ordnung, es ist Zeit, mir zu sagen, wer für das Chaos oben verantwortlich ist?«

Die Schüler sahen einander an und schließlich hob jeder von ihnen die Hand. Jeder Einzelne von ihnen übernahm Verantwortung. Connor bewunderte das, besonders am ersten Schultag, an dem die meisten noch keine Freunde gefunden hatten. Er nickte und rieb seine Hände aneinander, dann zeigte er auf die Treppe.

»In Ordnung. Wenn ihr alle die Verantwortung übernehmen wollt, dann müsst ihr das gemeinsam aufräumen, bevor ihr frühstückt.« Die Jungs stöhnten, wandten sich aber den Stufen zu. »Keine Sorge, Jungs, ich hebe euch ein paar Cornflakes auf. Oh, und willkommen in der Schule der grundlegenden Magie

* * *

Alison und Izzie marschierten mit ihren Freunden im Schlepptau zu ihrer ersten Unterrichtstunde. Es war Dunkle Magie 3.0 bei Professor Powell und sie alle waren ein wenig nervös, was sie erwarten würde. Der Professor war ein großartiger Lehrer, aber es war kein Geheimnis, dass er ein wenig ruppig war. Außerdem war dunkle Magie in letzter Zeit ein heikles Thema gewesen, mit all den Attacken auf die Gestaltwandler und den dunklen Familien, die an die Schule kamen. Es war definitiv nicht jedermanns Lieblingsfach.

»Meinst du, er wird darüber reden, was letztes Jahr passiert ist?«, fragte Izzie.

Alison zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Aber ich habe wirklich keine Lust auf den Unterricht. Warum muss dieses Fach nur so wichtig sein? Ich meine, ich habe in letzter Zeit viel dunkle Magie in der Energie der Leute herumschweben sehen, besonders in diesem Sommer und erst kürzlich auf der Zugfahrt zur Schule, aber es war wirklich nicht toll. Ja ja, ich weiß. Trotzdem muss man wissen, wie man sich verteidigen kann

Izzie sah Alison an und hob eine Augenbraue, neugierig darauf, was auf der Zugfahrt passiert war. Sie wusste, dass Alison Energien und Seelen sehen konnte, was bedeutete, dass sie die Dunkelheit schneller als alle anderen erkannte und es machte sie ein wenig nervös, dass Alison so viel davon sah. Bis vor Kurzem waren diejenigen, die sich mit dunkler Magie beschäftigten, im Schatten der Gesellschaft geblieben, so wie sie es in den letzten zwanzig Jahren getan hatten. Doch jetzt hatte sie etwas geweckt, etwas, das alle nervös machte. Ihr war aufgefallen, dass Luke jedes Mal, wenn er ein Getränk in die Hand nahm, zuerst daran schnupperte. Er wollte anscheinend sichergehen, dass er kein Gift mehr trinken würde. Izzie hasste es, dass er so leben musste … dass überhaupt jemand von ihnen so leben musste.

Als sie die Klasse betraten, machte sich der Professor nicht die Mühe, aufzuschauen. Er saß an seinem Pult und las mürrisch einen Zettel. Die Mädchen setzten sich nebeneinander in die zweite Reihe, die Jungen dahinter. Selbst Ethan, der normalerweise zu allem zu spät kam, war pünktlich zu Mister Powells Unterricht erschienen. Er wollte den Zorn des Lehrers nicht direkt auf sich lenken. Sobald die Glocke läutete, legte der Lehrer seine Hände auf das Pult und stand auf. Die Schüler waren bereits still und warteten.

»Brian Lenders! Komm nach vorn, Junge. Lass mich nicht warten!«

Der Junge sprang von seinem Sitz auf und lief zum Pult, nervös hielt er seinen Zauberstab in der Hand. Er wusste, dass der Professor gerne gleich am Anfang der Stunde ein praktisches Beispiel an einem armen Schüler ausprobierte. Xander Powell, der noch müder aussah als sonst, nickte ihm zu. Die Klasse saß gespannt an ihren Tischen und fragte sich, was wohl als Nächstes passieren würde.

»Extendia Bracchium! «, rief Professor Powell und sprach einen einfachen dunklen Zauber, der die Arme des Jungen bis zum Boden wachsen ließ.

Der Junge, der seinen Zauberstab immer noch umklammerte, schrie einen Gegenzauber. »Blockade …äh …Extendus

Dieser traf den Zauber von Mister Powell und spaltete die Magie in zwei Hälften. Eine Hälfte flog durch das Klassenzimmer und schlug neben der Tür in die Wand ein. Zischend floss die Magie auf den Boden, während die andere Hälfte den Jungen am Arm traf. Sein rechter Arm verlängerte sich, bis seine Fingerspitzen über den Boden schleiften. Die Augen des Jungen wurden groß, als er versuchte, seinen Arm zu heben. Er war so schwer, dass er es nicht schaffte. Professor Powell wedelte mit seinem Zauberstab und ein Nebel aus weißer Magie umkreiste Brians Arm, bis dieser auf die normale Länge zurück geschrumpft war.

»Unvollständige Sprüche werden dich verstümmeln oder schlimmer noch, töten. Du musst dich auf einen Zauber festlegen

Er nickte dem Jungen zu, der zu seinem Platz zurückging. Dann rief er ein paar weitere Schüler auf, an denen er harmlose dunkle Zauber demonstrierte. Sie waren alle nervös und hatten so viel Angst vor dem Professor, dass jeder von ihnen gleich reagierte – sie stotterten einen Gegenzauber und bekamen die Hälfte des Zaubers ab. Der Lehrer hatte allerdings recht. Schon die Hälfte eines sehr ernsten Zaubers konnte sie verstümmeln oder töten, also mussten sie daran arbeiten, weniger nervös und besser vorbereitet zu sein, denn der Professor war nichts im Vergleich zu den Gefahren, die draußen lauerten.

»Alison, komm nach vorn.«

Alison stand Mister Powell gegenüber und beobachtete die Emotionen, die durch seine Seele floss. Sobald er mit dem Zauberstab ausholte, sah sie die bedrohliche Energie. Sie hob schnell ihre Hände und blockte seinen Angriff instinktiv, was ihn überraschte und zurückstieß. Er richtete sein Hemd und nickte.

»Gut gemacht, Alison.« Alison wusste, dass er beeindruckt war, auch wenn alle anderen nur den finsteren Blick sahen, der sein Gesicht nie verließ.

Die anderen Schüler murrten. Sie waren neidisch, dass Alison eine Drow war und so leicht mit dem Professor auf Augenhöhe agieren konnte. Izzie war es leid, diesen Neid zu sehen. Alison war etwas Besonderes und das sollte als etwas Positives angesehen werden sollte, anstatt sie zur Zielscheibe von Witzen und Beleidigungen zu machen. Sie formte mehrere erbsengroße Feuerbällen und verbarg ihr Lächeln, als ihre Mitschüler von ihren Sitzen aufsprangen. Sie wusste, dass es ein sehr langes Jahr werden würde.