B ist du bereit?« Wyatt holte Henry auf dem Weg zum Sportplatz ein.
»Willst du mich verarschen? Ich habe den ganzen Sommer über und seit Schulbeginn nur trainiert, während die anderen auf Partys waren oder sich die Bäuche mit Pizza und Eis vollgeschlagen haben. Dieses Jahr wird meins sein«, entgegnete Henry. »Ich hoffe, wir spielen heute gegen ein paar der Neulinge, das könnte witzig werden.«
»Lasst die Armen doch in Ruhe. Wisst ihr nicht mehr, wie es ist, neu zu sein?«
»Sei bloß kein Lauch, Luke. Von den älteren Schülern gehänselt zu werden, gehört dazu, wenn man ins Louper-Team will.« Wyatt lachte und klatschte in die Hände, offensichtlich bereit, den jüngeren Schülern die Hölle heiß zu machen.
»Whatever, ich bin hier, um Louper zu spielen und ich will, dass wir dieses Jahr die Meisterschaft gewinnen. Ich weiß nicht, ob ich Zeit haben werde, auf Leuten rumzuhacken, die kleiner und jünger als wir sind.«
»Wir wollen die Meisterschaft genauso wie jeder andere gewinnen«, protestierte Henry.
»Du willst dich doch nur beim Trainer einschleimen«, antwortete Wyatt und rollte mit den Augen.
Luke, der von der Unterhaltung gelangweilt war, lief ein paar Schritte vor, als sie sich dem Feld näherten.
Er stand am Zaun und sah zu, wie ein paar der Mitschüler, die sich für das Team bewarben, auf dem Spielfeld um die Wette eiferten. Trainer Regency ließ sie Runden laufen, während er sie mit magischen Lichtstrahlen bewarf. Er erwartete von ihnen, dass sie auswichen und sich bewegten, wie sie es auch auf einem normalen Spielfeld tun müssten. Leider gab es nur zwei von ihnen, die nicht mit dem Gesicht im Schlamm landeten. Der Trainer war frustriert und der Rest der Mannschaft, der schon angekommen war, stand lachend am Rand.
»In Ordnung, geht auf eure Plätze auf der linken Seite. Mein Assistenztrainer wird euch erklären, was ihr zu tun habt, während sich der Rest des Teams auf das bevorstehende Spiel vorbereitet.«
Coach Regency drehte sich zu den älteren Schülern um und gab ihnen mit einer Geste zu verstehen, dass sie auf die rechte Seite gehen sollten.
»Der Rest von euch, stellt euch hier drüben auf. Unser erstes Spiel findet in zwei Wochen gegen die Seattle Gargoyles statt. Das ist eine weitere magische Privatschule und ihr Team ist nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zu euch Faulpelzen, die ihren Sommer im Urlaub und in der Sonne verbracht haben, hat dieses Team das Trainingscamp besucht und sich auf die kommende Saison vorbereitet. Sie werden euch einen Strich durch die Rechnung machen, wenn ihr euch nicht zusammenreißt und konzentriert.«
Coach Regency blickte auf sein Klemmbrett und reichte dem Assistenztrainer die Geräte, die die Neuen benutzen sollten. Er warf das Klemmbrett zur Seite, räusperte sich und zückte seinen Zauberstab. Er hatte bereits beschlossen, dass er keinen Blödsinn wie im Jahr zuvor akzeptieren würde, nicht, nachdem sie sich so blamiert hatten. Ihre Schule war dafür bekannt, in fast allem die beste zu sein und Louper würde da keine Ausnahme werden – jedenfalls nicht, solange er der Trainer war.
»Ich habe während der Ferien gründlich nachgedacht und beschlossen, dass wir dieses Jahr gleich mit einem Wettkampf starten, wie er auch während eines Turniers stattfinden könnte. Wenn ihr diesen erfolgreich beendet, sehe ich tatsächlich eine Chance für uns, dieses Jahr etwas zu gewinnen. Wenn nicht, üben wir weiter, bei Wind und Wetter, Tag und Nacht, damit ihr mich nicht wieder blamiert, wenn wir gegen andere Schulen spielen. Unser erstes Spielfeld wird ein dichter Wald sein und ihr werdet allen möglichen Kreaturen begegnen, einschließlich Drachen und wilden Tieren. Außerdem wird es Sümpfe, sich bewegende Bäume, fliegende Harpyien und viele andere Albträume geben. Ihr habt keine Zeit zum Angst haben und Erkunden der Gegend, ich weiß, es ist nur Training, aber ich beobachte euch alle genau, also gebt hundertzehn Prozent. Niemand hat einen Platz im Startteam sicher und ich habe kein Problem damit, euch durch einen der Neulinge zu ersetzen.«
Einige der Spieler sahen sich besorgt an. Einerseits verstanden sie den Trainer, andererseits wollten sie nicht glauben, dass es so weit kommen würde. Die meisten von ihnen richteten sich merklich auf und wirkten aufmerksamer – mit Ausnahme von Henry und Wyatt, die sich für unantastbar hielten, egal was sie taten. Glücklicherweise gaben beide immer ihr Bestes, wenn sie spielten und obwohl Coach Regency ihre Einstellung nicht mochte, wusste er, dass sie zu den besten Spielern gehörten.
»Okay, Jungs, seid ihr bereit?«
Coach Regency wirbelte seinen Zauberstab über dem Kopf, ohne auf eine Antwort zu warten. Der helle Strahl aus grünem Licht schoss in den Himmel und breitete sich dann über den Schülern aus. Die Spieler schlossen ihre Augen und warteten darauf, dass die Magie anfing zu wirken. Als sie sie wieder öffneten, befanden sie sich an dem Ort, den der Trainer angekündigt hatte: einem dunklen, dichten Wald, aus dessen Sümpfen Dampf aufstieg. Aus dem Dickicht waren kreischende Tierschreie zu hören.
»Okay, wir haben keine Zeit zum Trödeln. Wir müssen vollen Einsatz zeigen. Wir spielen Rot gegen Blau und ihr habt mich und Luke in eurem Team«, verkündete Henry und nickte Luke zu. »Dieses Jahr werden wir statt drei Gruppen nur zwei bilden, um eine andere Taktik auszuprobieren. Ich werde die eine Gruppe anführen und Luke die andere.«
Die Jungs schauten auf ihre roten Trikots hinunter, als entweder ein L oder ein H auf der Vorderseite erschien.
»Die Jungs mit dem L werden offensichtlich mir folgen«, sagte Luke und sah Henry an, der überrascht war, dass Luke die Kontrolle übernahm. »Der Rest von euch wird Henry folgen. Meine Gruppe geht nach Osten und bahnt sich einen Weg durch den Wald, während Henrys Gruppe nach Westen aufbrechen wird. Wir werden eine Runde drehen und uns am Waldrand treffen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dort entweder ein Hinweis oder der Schatz auf uns wartet.«
Henry nickte. »Denkt daran, wir spielen als Team. Wenn ihr seht, dass jemand in Schwierigkeiten steckt, müsst ihr versuchen, ihm zu helfen, auch wenn das bedeutet, dass ihr aus dem Spiel geworfen werdet. Wir gewinnen oder verlieren nur zusammen. Es gibt hier keine Einzelspieler.«
Die Jungs legten ihre Hände in die Mitte und riefen ihren Schlachtruf, bevor sie sich in ihre Gruppen aufteilten. Lukes Team folgte seinem Anführer ins Dickicht, sie duckten sich, während sie aufmerksam durch den Wald schlichen. Über ihnen hörten sie das Kreischen einer Harpyie, die über das Blätterdach flog, um nach den Spielern Ausschau zu halten. Luke erreichte einen Bereich, in dem einige Bäume umgestürzt waren und er hob seine Hand, um das Team zu stoppen.
»Seht ihr die Ansammlung von Bäumen in der Mitte? Sie sind lebendig und ich meine nicht nur wie ein normaler Baum. Wenn man ihnen zu nahe kommt, packen und ziehen sie einen runter zwischen ihre Wurzeln. Passt mal auf!«
Lukas schnappte sich einen Stock und warf ihn so fest, wie er konnte in die Lichtung, wo er einen der Bäume traf. Die Augen der Spieler wurden groß, als der Baum den Stock mit einem Knurren packte. Lukas hockte sich wieder hin und sah die anderen an.
»Wir gehen rechts an den Bäumen vorbei, aber haltet die Augen offen. Hier draußen gibt es noch viele andere Gestalten, die angreifen könnten.«
Das Team bewegte sich leise an den Bäumen vorbei und war mucksmäuschenstill, bis sie außer Reichweite waren. In ihrem Versuch, die Bedrohung zu umgehen, bemerkten sie jedoch die große Gruppe von Raubkatzen nicht, die links von ihnen in einem dichten Gebüsch hockte. Gerade als das letzte Teammitglied an den Bäumen vorbei war, hörte Luke einen Schrei und drehte sich um. Er sah, wie die Katzen die Hälfte seiner Leute attackierten.
»Runter! Benutzt eure Magie!«
Einige der Spieler zogen ihre Zauberstäbe, während andere ihre Elfenmagie einsetzten, um strömende Bänder aus weißem Licht zu beschwören. Das Licht schlängelte sich um und durch die Gruppe von Raubkatzen und warf sie zu Boden. Sie hatten Probleme, die Tiere unter Kontrolle zu bringen, aber einem von ihnen gelang es mit einem Schwenk seines Zauberstabs, dass die Biester bewusstlos liegen blieben.
Die übrigen Teammitglieder stolperten schwer atmend und kopfschüttelnd zu Luke zurück.
»Die Hälfte von uns ist jetzt schon raus«, beschwerte sich einer der Jungs.
»So ist das Spiel. Wir machen weiter«, antwortete Luke genervt.
Die Gruppe wanderte weiter und wurde mit verschiedenen, gefährlichen Wesen konfrontiert, die sie aber ohne weitere Verluste besiegten. Als sie Henry erreichten, konnten sie jedoch sehen, dass seine Gruppe nicht so viel Glück gehabt hatte.
»Ich habe nur noch zwei Jungs«, sagte Henry zu Luke. »Wir wurden von Harpyien angegriffen, etwa zehn Minuten nach Beginn des Spiels.«
Luke nickte. »Same. Bei uns hat es nicht viel länger gedauert. Aber ich kann die Magie des Schatzes schon spüren. Er muss gleich da drüben liegen. Los gehts, schnappen wir ihn uns und verschwinden von hier.«
Henry wies den Rest der Jungs an, auf die Lichtung zu gehen. Ohne nachzudenken, rannten einige der Jungs los, nur um unmittelbar danach in den Sümpfen zu versinken, die sie umgaben. Es dauerte nicht lange, bis ihre Köpfe komplett untergetaucht waren.
Luke hielt Henry zurück, dann hob er einen langen, dicken Baumstamm auf und warf ihn quer über das Moor. Henry nickte, klopfte ihm auf die Schulter und balancierte über das Holz hinüber. Einer nach dem anderen überquerten die Jungen das Moor, während sie auf die blubbernde Todesfalle hinunterschauten. Als sie es geschafft hatten, klatschten sie sich gegenseitig ab, in der Erwartung am Schatz angelangt zu sein.
»Eine Sache scheint ihr vergessen zu haben«, rief Wyatt aus der Mitte der Lichtung. Luke und Henry drehten sich um. »Ihr seid nicht die einzigen, die dieses Spiel gewinnen wollen. In diesem Fall sieht es so aus, als wären wir einfach das bessere Team gewesen.«
Henry knurrte und stürmte über die Lichtung, aber Wyatt lachte nur und berührte mit seiner Hand den Schatz. Als Henry dort ankam, fand er sich plötzlich auf dem leeren Spielfeld wieder, während Wyatt von Ohr zu Ohr strahlend dastand und die Trophäe in der Hand hielt. Wyatt hatte als einziger seines Teams überlebt, aber er hatte seinen scharfen Verstand und die Navigationsfähigkeiten, die er sich während des Sommers angeeignet hatte, genutzt, um den Schatz vor ihnen zu finden.
»Na, wenigstens waren wir nah dran.« Luke lachte und beobachtete Wyatts Siegestanz.
»Ja, wenigstens sind wir nicht die«, sagte einer der anderen Jungs und blickte zu den Neuen auf der anderen Seite des Feldes herüber.
»So wie es aussieht, probieren sie die neueste Technik aus«, lachte Luke.
Die Neuen standen mit ihren Schutzbrillen inmitten eines Maislabyrinths, durch das sie sich vorkämpfen mussten, um den Weg zum Schatz zu finden. Zu ihrem Pech trafen sie immer wieder auf Kleinkinder, die nach ihnen traten und schrien, wütende Eltern, tödlich Hornissen und Mäuse – die schlimmste Kombination, die sie sich vorstellen konnten. Für alle anderen sahen sie einfach wie ein Haufen stümperhafter Idioten aus.