S olltet ihr nicht auf dem Weg zum Unterricht sein?«, fragte Scarlett mit einem Anflug von Überlegenheit, als sie auf eine Gruppe von Erstklässlern zuging, die Notizen verglichen und lachten.
»Ja, Ma’am«, sagte einer der Schüler, bevor er schnell davoneilte.
Scarlett schüttelte den Kopf, rollte mit den Augen und sah wieder zu ihren Freunden, die ihr wie Groupies folgten. »Seht ihr? Man muss für Ordnung sorgen, sonst hat man die ganze Zeit nur Probleme mit diesen kleinen Kindern, die herumlaufen und tun, was sie wollen.«
Sie entdeckte eine Gruppe von Mittelstufenschülern, die in der Ecke leise tuschelten und tippte einer von ihnen auf die Schulter.
»Also, was haben wir denn hier? Es sieht so aus, als hätte hier jemand ein Geheimnis.«
Das Mädchen faltete ein Stück Papier zusammen und steckte es trotzig in ihre Tasche.
»Nichts, Scarlett. Wir waren nur auf dem Weg zum Unterricht.«
Scarlett rümpfte die Nase. »Gut, wenn du mich nicht in dein Geheimnis einweihen willst, dann rechne einfach damit, dass ich nicht so schnell lockerlasse.«
Scarlett war zwar die Schülersprecherin, aber sie schien zu denken, dass ihr dieses Amt die Erlaubnis gab, Leute herumzukommandieren und sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Als sie und ihre Truppe zur nächsten Stunde gingen, redete sie ununterbrochen und ihr Gefolge hing an ihren Lippen und lauschte jedem Wort.
»Was wir natürlich auf jeden Fall machen müssen, ist, bessere Snackautomaten hier aufzustellen. Niemand möchte seinen Nachmittag damit verbringen, Leute um sich zu haben, die gerade Kartoffelchips mit Sauerrahm und Zwiebeln gegessen haben.«
Die Gruppe murmelte vor sich hin und nickte zustimmend, auch wenn sie nicht einverstanden waren.
»Und die Unterrichtsstunden müssen kürzer sein. Manchmal langweile ich mich so sehr, dass ich überlege, einfach zu gehen. Das ist Zeitverschwendung, meiner Meinung nach. Wir könnten im Kemana sein und sehen, wie das wirkliche Leben und die magische Welt aussehen, anstatt dumme Zaubersprüche zu lernen, die wir nie benutzen werden.«
Sie blieb stehen und wandte sich der Gruppe zu.
»Und passend zu diesem Thema: Wir brauchen unbedingt mehr Eingänge zum Kemana. Dieser eine kontrollierte Zugang ist absolut lächerlich. Die Schulleitung nennt es unsere Frei- zeit, aber sie ist nicht wirklich frei. Es ist nur so frei, wie sie es wollen.«
Am anderen Ende des Flurs lehnte Direktorin Berens an der Tür und wippte mit dem Fuß, während sie Scarletts Worten lauschte. Sie hob eine Augenbraue, als ihr klar wurde, dass Scarlett keine Ahnung hatte, was ihre Aufgaben als Schülersprecherin waren.
»Scarlett! Ich möchte dich in meinem Büro sehen, bitte«, rief sie der Schülerin zu.
Scarlett zuckte leicht zusammen, als sie verstand, dass Misses Berens die ganze Zeit zugehört hatte. Sie lächelte und nickte den anderen zu, dann eilte sie in Richtung des Büros. Scarlett war still, als sie die Tür schloss und faltete ihre Hände vor sich, als die Direktorin hinter ihrem Schreibtisch Platz nahm.
»Scarlett, ich habe mir bei mehreren Gelegenheiten angehört, was du über die sogenannten wichtigen Dinge gesagt hast, die an der Schule geändert werden müssen. Ich denke, dass du vielleicht nicht ganz verstehst, was eine Schülersprecherin ausmacht … und was nicht. Du musst dich auf das Wohlergehen der Schüler konzentrieren, nicht darauf, welche Snacks sie essen oder was sie in ihrer Freizeit machen. Deine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die gesamte Schülerschaft ein angenehmes und erfolgreiches Schuljahr hat. Darüber hinaus …«
Misses Berens stand auf und ging zum Fenster hinüber, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie blickte zu den Schülern im Innenhof hinaus.
»… ist dein Erfolg genauso wichtig. Du musst dich auf deine Noten und deine College-Bewerbungen konzentrieren, du bist schließlich in der Abschlussklasse. Als kluge und talentierte junge Dame mit einer natürlichen Fähigkeit, Menschen zu führen, hast du gute Chancen auf eine fantastische Zukunft. Du solltest deine Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft nutzen und nicht, wie du es bisher getan hast. Ich möchte sehen, dass du dein Potenzial ausschöpfst und ich verspreche dir, dass du dann mit einem guten Ruf von der Schule gehen wirst.«
»Ja, Direktorin«, sagte Scarlett und senkte den Kopf. Sie wusste, dass das, was die Direktorin sagte, wahr war, aber sie wollte es nicht zugeben.
»Gut«, erwiderte diese und wandte sich mit einem Lächeln an sie. »Ich freue mich darauf, zu sehen, was du aus diesem Jahr und dieser Rolle machen wirst.«
* * *
Am Ende des Tages liefen die Schüler überall in der Schule herum. Einige gingen in die Bibliothek, andere zogen sich in ihre Schlafsäle zurück und eine große Gruppe machte sich auf den Weg, um einer der vielen AGs beizutreten. In einem der Klassenzimmer traf sich die Schülerfirma. Alle freuten sich zu zeigen, woran sie den Sommer über gearbeitet hatten und wollten darüber sprechen, welche Projekte für das Jahr geplant waren.
»Also«, begann eines der Mädchen, als sie an der Reihe war, »eines der zeitaufwändigsten Dinge am Morgen ist für mich das Auftragen meines Make-ups. Es ist schon vorgekommen, dass es über eine Stunde gedauert hat, um alles aufzutragen, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Leute sich hier morgens in den Bädern tummeln. Also habe ich diesen Sommer eine Maschine entwickelt, die einem hilft, das Make-up jedes Mal perfekt und schnell aufzutragen.«
Das Mädchen schaltete die Maschine ein, die leise summte und hell leuchtete. Sie band ihr Haar in einem Pferdeschwanz zurück und räusperte sich, dann lehnte sie sich über die Maschine.
»Alles, was man tun muss, ist die Einstellung für das Make-up zu wählen, das man haben möchten. Jeder Modus ist auf die Person, die das Gerät kauft, ihre Hautfarbe und so weiter abgestimmt. Man drückt diesen Knopf und lehnt das Kinn und die Stirn an die sehr komfortable Polsterung an der Vorderseite. Dann …«
Das Mädchen legte ihren Kopf gegen die Maschine und schloss die Augen, während es im Inneren klirrte und tickte. Etwa drei Minuten später ertönte eine leise Glocke und das Mädchen setzte sich wieder auf, um ihr perfekt aufgetragenes Make-up zu zeigen. Das Einzige, was die anderen bemängeln konnten, war, dass ihr Rouge ein wenig zu hell war.
»Voila! Ein perfekt geschminktes Gesicht innerhalb von drei Minuten. Denkt nur an all die Dinge, die man in dieser zusätzlichen Stunde erledigen könnte. Natürlich muss man noch ein bisschen daran herumtüfteln – man will ja nicht wie eine Porzellanpuppe mit knallroten Wangen aus dem Haus gehen – aber alles in allem funktioniert es sehr gut. Man kann auch jede Art von Make-up verwenden, die man möchte.«
Manche klatschten begeistert, andere rollten mit den Augen, weil sie keinen Bedarf für eine solche Maschine hatten. Ein Junge trat vor und winkte ab.
»Genug von diesem Mädchenkram. Wir haben ein paar richtige Erfindungen zu zeigen. Wir haben doch schon das ganze letzte Jahr darüber gesprochen, dass wir Roboter bauen wollen, oder? Ich meine, wer will denn keine Roboter bauen?«
Viele der Anwesenden waren mit den Aussagen nicht einverstanden, aber sie gaben klein bei und holten ihre eigenen Roboter heraus. Die meisten von ihnen konnten nicht viel. Sie liefen herum, hoben Dinge auf und machten plumpe Witze, die die Jungen in ihre Systeme programmiert hatten.
»Das ist so 2010«, sagte eines der Mädchen. »In Japan haben sie schon Roboter als persönliche Assistenten.«
Eines der anderen Mädchen nickte. »Ja und sie können Kinder unterrichten, sodass sie nicht zur Schule müssen. Ich fürchte, ihr Jungs seid nicht up to date.«
»Wir stehen erst am Anfang«, verteidigte sich einer. »Gib uns etwas Zeit und wir werden diese andere Technologie übertrumpfen.«
»Aha«, sagte das Mädchen, kicherte und rollte mit den Augen. »Nur damit du es weißt, eine Maschine wie meine ist eigentlich auch ein Roboter. Sie macht alles, was ich von einem Make-up-Roboter erwarten würde.«
Bevor die Gruppe anfangen konnte zu streiten, stand Grace auf und hob ihre Hand. »Okay, okay. Beruhigt euch alle. Ich möchte euch zeigen, was ich mir diesen Sommer ausgedacht habe. Mein Vater besitzt einen 3D-Drucker, aber der kann nur kleinere Dinge wie Schilder und Schüsseln herstellen. Wenn man ihn richtig einstellen würde, könnte man auch ein Auto bauen, aber ich wollte etwas Größeres – etwas, das Dinge baut, die effektiv und kostengünstig für die Öffentlichkeit sind. Ich habe diesen 3D-Drucker entwickelt, der Häuser bauen kann.«
Alle schauten fasziniert zu, während Grace Knöpfe auf ihrem 3D-Drucker drückte und die notwendigen Bestandteilte für ein Haus produzierte. Es gab kleine Teile wie Schrauben, Bolzen und Muttern und größere, wie Türen, Fenster und die Wände des Gebäudes. Sie hatte es für die Präsentation verkleinert, da sie wusste, dass sie in der Schule kein Haus in voller Größe bauen konnte, also entschied sie sich stattdessen, ein anderthalb Meter hohes Puppenhaus zu bauen.
»Also, das ist natürlich kleiner als ein richtiges Haus. Ich habe es mit Absicht so gebaut. Es würde mir nicht viel nützen, ein echtes Haus im Schulgebäude zu bauen und ich konnte die Erlaubnis der Direktorin nicht bekommen, eines auf dem Gelände zu bauen, bis die Maschine als absolut sicher bestätigt wurde. Also beschloss ich stattdessen, dieses Puppenhaus zu erschaffen, um zu zeigen, was dieser 3D-Drucker alles kann.«
Alle versammelten sich um sie herum, während sie die Teile zusammensetzte, die Böden festschraubte und die Wände mit den Kleinteilen befestigte, die ausgedruckt worden waren. Als sie etwa zur Hälfte fertig war, hielt sie inne und sah die anderen an.
»Mein Ziel ist es, im Frühjahr am nationalen Erfinderwettbewerb teilzunehmen. Ich habe meine Erfindung mitgebracht, weil ich möchte, dass ihr mir helft, die Fehler zu beheben. Sobald wir zeigen können, dass es einwandfrei in Miniaturgröße funktioniert, wird uns die Direktorin erlauben, ein Modell in voller Größe auf dem Gelände zu bauen. Das Material ist nicht giftig und kann entweder nach Belieben eingefärbt oder nach dem Zusammenbau bemalt werden. Was haltet ihr davon?«
Einen Moment lang zögerten alle, zu baff von dem, was sie sahen, um wirklich etwas zu sagen, aber nach ein paar Augenblicken brachen sie in Applaus aus, der Grace mit purem Stolz erfüllte. Sie wollte ihr Ziel, den Wettbewerb zu gewinnen, unbedingt erreichen.