Kapitel 12

A lison und Tanner saßen im Mya’s on Main , einem kleinen Restaurant in Charlottesville, das viel netter war als die meisten Orte, an denen die Schüler sonst essen gingen. Sie hatten sich entschieden, ihr Date in der Stadt zu verbringen, anstatt im Kemana, da sie so ihren Mitschülern aus dem Weg gehen konnten und etwas Zeit für sich hatten. Das Lokal war schlicht, aber elegant mit weißen Tischtüchern, Wasserkrügen und leckerem Essen. Es gab alles, was ein wirklich gutes Date ausmachte, einschließlich der Gesellschaft.

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, bei einem Date mit mir allein zu sein.« Tanner lachte und nahm Alisons Hand. »Ich wollte nur irgendwo hin, wo es ruhig und entspannt ist, sodass wir die Chance haben, uns endlich besser kennenzulernen.«

Alison lächelte und schüttelte den Kopf. »Es macht mir überhaupt nichts aus. Es ist sogar schön, sich umzusehen und keine Energie zu sehen, die ich kenne. Außer deine, natürlich. Wir müssen uns wirklich besser kennenlernen. Bei allem, was im letzten Jahr an der Schule passiert ist, waren wir so beschäftigt, dass wir es nie geschafft haben, mal nur zu zweit Zeit zu verbringen.«

Tanner lächelte, als die Kellnerin kam. »Wir fangen mit der Pilzplatte und dem Pimentkäse an.«

»Sehr gute Wahl, der Herr«, antwortete die Kellnerin, lächelte den beiden zu und ging davon.

»Oh là là«, neckte Alison ihn. »Du bestellst also für uns beide.«

»Ich dachte, es wäre einfacher.« Er grinste. »Ich vergesse manchmal, wie eigenständig du bist. Für dich scheint echt nichts ein Problem zu sein.«

»Es macht mir nichts aus.« Alison grinste und drückte seine Hand. »Es ist schön, jemanden zu haben, der sich um mich kümmern will, auch wenn ich selbst auf mich aufpassen kann.«

»Das zweifle ich auch gar nicht an, aber ich werde immer hier sein, um zu versuchen, die Dinge einfacher für dich zu machen«, antwortete Tanner.

»Das ist süß.« Alison schmunzelte. »Also, erzähl mir von dir. Erzähl mir, wie es war, im Waisenhaus aufzuwachsen. Keiner von uns hat Eltern, aber ich war nicht in einem Waisenhaus wie du oder Izzie.«

Tanner holte tief Luft, zuckte mit den Schultern und drückte ihre Hand, als er sich daran erinnerte, dass sie das nicht sehen konnte. »Das Waisenhaus war anders als das, was man aus Filmen kennt. Ich bettelte nicht auf der Straße und ich wurde von keinem der anderen Jungen verprügelt, aber es war oft still und einsam. Wenn ich zurückblicke, habe ich das Gefühl, dass mein Leben in Schwarz und Weiß war und ich nur atmete, um zu überleben, ohne eine wirkliche Vorstellung davon zu haben, was die Zukunft bringen würde. Die anderen Jungen kamen und gingen, sie wurden adoptiert, dann wieder zurückgebracht, Neue kamen dazu und man fragte sich immer, ob man der Nächste war und ob man jemals eine Familie finden würde.«

Alison sah ihn traurig an, drückte seine Hand und beugte sich zu ihm vor. Tanner lachte und schüttelte den Kopf.

»Es war nicht so schlimm, wie meine Erzählung es klingen lässt. Es war nur irgendwie surreal. Als ich in die reale Welt hinauskam und sah, dass die Dinge in Farbe waren, dass es Optionen gab, egal woher ich kam, begann all das zu verblassen und schien fast wie ein anderes Leben.«

Alison lächelte und dachte an Izzie und die wenigen Erinnerungen, die sie an das Waisenhaus hatte, aus dem sie gekommen war. Sie empfand sofort tiefe Dankbarkeit, dass Brownstone sie adoptiert hatte und dass Shay Carson an ihrer Seite war.

»Ich fühle mich, als hätte ich mit Dad und Shay den Waisenkind-Jackpot geknackt. Besser hätte es nicht kommen können, das darf ich nie vergessen.«

»Nun, wie auch immer du hierhergekommen bist, ich bin froh, dass wir den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen können.« Tanner sah sie verlegen an und hob ihre Hand an seine Lippen.

»Ich auch. Du warst definitiv eine Überraschung, aber eine, die ich nie wieder hergeben würde.«

* * *

Die Nachtluft war klar und die Sterne funkelten hell am Himmel. Es war kühl, fast schon kalt, obwohl es noch nicht spät war. Alison und Tanner waren mehr als glücklich. Hand in Hand machten sie einen Spaziergang durch die Stille von Charlottesville. Sie hatten nicht viel Zeit für sich allein und wollten diesen Moment unbedingt genießen.

»Ich bin gespannt auf das erste Louper-Spiel«, sagte Alison und drückte Tanners Hand, während sie vor sich hin schlenderten.

»Ich auch. Hoffentlich ist es nicht wieder gegen diese Tyrannen vom letzten Jahr.«

»Die waren echt vollkommen daneben.«

Jason Parker und einige seiner dunklen Zaubererfreunde kamen lachend aus einem kleinen Restaurant. Jason blieb stehen und sah Alison und Tanner mit einem Grinsen an. »Oh, seht mal, wen wir hier haben! Tanner, der Waisenjunge. Sieht aus, als würdet ihr einen schönen, romantischen Spaziergang machen.«

»Ach, hau doch ab«, antwortete Tanner, verdrehtedie Augen und zog Alison näher an sich heran.

Jason und seine Freunde lachten. »Hi, Alison. Du siehst heute Abend wunderschön aus. Schade, dass deine Begleitung es nicht tut.«

»Verpiss dich, Jason«, erwiderte Alison und schüttelte den Kopf, während sie seine dunkle Energie betrachtete. »Deine Eifersucht kannst du dir sparen.«

»Ja, klar.« Jason lachte und sah leicht verlegen aus.

»Lass sie in Ruhe«, sagte Tanner zornig und trat zwischen die beiden.

Jason sah ihn an, dann wieder zu seinen Freunden. »Der große Held denkt, er kann uns Kommandos geben. Sorry, aber wir sind nicht dein kleiner, hündischer Freund, Luke.«

Alison nahm einen tiefen Atemzug und hielt die Luft einen Moment lang an, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Sie hatte langsam wirklich genug von Jason und Leuten wie ihm. Sie waren dabei, ihr den Abend zu verderben. Mit jedem Gedanken wurde sie wütender, bis sie schließlich Tanners Hand fallen ließ und ihre vor sich ausstreckte.

»Alison …«, rief Tanner nervös, aber es war zu spät.

»Aaaaaaah«, schrie Jason, als Alison ihn in die Luft hob, schüttelte und ihn auf die Wiese schleuderte.

Er fiel zu Boden und zappelte noch ein wenig, während er schockiert zu Alison aufsah. Seine Freunde zerstreuten sich in verschiedene Richtungen, während Alison auf Jason zuging und beobachtete, wie die Verlegenheit und Wut in ihm herumwirbelte.

»Okay, okay.« Er hob die Hände. »Das ist zwar absolut gegen die Regeln, aber es sieht so aus, als hätte es sonst niemand gesehen.«

»Lass meine Freunde und mich in Ruhe, Jason«, knurrte Alison.

Jason schaute hin und her, aber es war immer noch niemand da. Selbst seine Freunde waren weg. Er richtete sich auf und klopfte den Schmutz von seinem Hintern, dann stieß er einen tiefen Seufzer aus und drehte sich wieder zu Alison um.

»Hör mal, ich … ich wollte niemanden verärgern«, sagte er leise.

»Ist das eine Entschuldigung?«, spottete Tanner.

Jason warf einen wütenden Blick zu Tanner und dann wieder zu Alison, aber er gab auf, als er Alisons Entschlossenheit erkannte.

»Es tut mir leid«, sagte er zähneknirschend.

* * *

Tanner legte seine Hände auf Alisons Schultern. »Komm schon.«

»Er hat mich einfach so wütend gemacht.« Alison knetete ihre Hände und starrte auf die Stelle, an der Jason gesessen hatte. Dieser war inzwischen davongeeilt.

Tanner nickte und ließ seine Hand an ihrem Arm hinuntergleiten, wo er ihr Handgelenk umfasste. »Ich weiß, aber lassen wir ihn nicht alles ruinieren. Komm, wir gehen ins Kemana.«

Alison drehte ihren Kopf in Richtung Tanners Energie und lächelte. »Du hast recht, lass uns dieses Date genießen.«

Die beiden machten sich auf den Weg zur Bushaltestelle und saßen dicht an dicht am Fenster, von wo aus sie beobachteten, wie die Felder vorbeizogen. Als sie an der Schule ankamen, machten sie sich auf den Weg zum Eingang des Kemanas und gingen die Treppe hinunter in die unterirdische Stadt. Keiner von ihnen wollte sich in diesem Moment dem Alltag stellen. Sie genossen ihr Date zu sehr, um sich darüber Gedanken zu machen.

»Es ist eine andere Art von Wesen in Ruby Falls«, bemerkte Tanner und genoss es, wie fest Alison seine Hand hielt.

»Ich kann den Unterschied in den Energien sehen, aber es gibt nicht so viele dunkle Gestalten, wie ich erwartet habe. Es sind einfach mehr Leute, die es entweder eilig haben oder aufgeregt sind, unterwegs zu sein.«

»Warum holen wir uns nicht einen Kaffee und beobachten einfach die Leute? Oder besser gesagt ihre Energien?« Tanner lächelte und küsste Alison auf die Stirn.

Sie betraten das fast leere Café und bestellten zwei Kakaos mit extra Schlagsahne. Alison folgte Tanners Energie zu den Sitzplätzen vor dem Café und setzte sich ihm gegenüber. Sie beobachtete die Energien um sie herum, von den Feen mit ihren winzigen, glitzernden Funken bis zu den großen Kilomea mit ihrer halb-dunklen und halb-hellen Energie.

Tanner liebte es hier unten. Ruby Falls hatte so viele verschiedene Läden mit so interessanten Dingen und dann waren da noch all die verschiedenen magischen Wesen. Er konnte sich an keine Zeit in seinem Leben erinnern, in der er sich an einem Ort so wohlgefühlt hatte.

»Es ist schön, unter unseren Gleichgesinnten zu sein. Versteh mich nicht falsch, ich liebe die Menschen. Ich meine, ich bin mit ihnen aufgewachsen, aber ich fühle mich unter magischen Wesen wohler«, flüsterte Tanner.

»Weißt du, nachdem ich die meiste Zeit meines Lebens in der Menschenwelt gelebt habe – ich meine, bis vor Kurzem wusste ich nicht mal, dass meine Mutter eine Drow-Prinzessin war – muss ich dir zustimmen. Wenn ich aus irgendeinem Grund meine Magie hier unten einsetzen müsste, würde niemand mit der Wimper zucken und ich würde keinen internationalen Zwischenfall verursachen.«

Tanner nippte an seinem Kakao und räusperte sich. »Ja, deine Fähigkeiten – sie sind definitiv nachrichtenwürdig. Bist du vielleicht sogar mächtiger geworden? Im Unterricht bist du sogar besser als Peter oder Kathleen. Du zeigst es den Leuten aber nicht. Ich glaube, das gefällt mir an dir am besten.«

Alison lächelte und leckte etwas Schlagsahne von ihrem Finger. »Ich bin einfach keine Angeberin. Als Drow muss ich mit meiner Magie vorsichtig sein. Leider kenne ich keine andere Drow, die mir sagen kann, was richtig oder falsch ist. Ich muss es irgendwie selbst herausfinden.«

Tanner betrachtete die anderen magischen Wesen, die die Straße auf und ab gingen. Er starrte einige Sekunden lang einen Kilomea an und beobachtete, wie er mit seinen großen Füßen vorbeitrampelte, sein Gesicht von Falten durchzogen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein muss, all diese Kräfte zu haben, aber nicht wirklich zu wissen, wie man mit ihnen umgehen muss. Meine sind ziemlich eindeutig, aber deine … die stehen in keinem Buch, wirklich nicht.«

Alison nickte. »Ich weiß. Ich habe inzwischen so ziemlich jedes Buch in der Bibliothek gelesen und nur sehr wenige Informationen gefunden.«

Tanner holte tief Luft, starrte Alison an und dachte darüber nach, wie schön sie war. »Ich habe während meines Urlaubs selbst ein paar Nachforschungen angestellt, da ich dir helfen wollte, aber du hast recht. Es gibt nicht viele Informationen. Doch du schaffst das, ich kenne niemanden, der so stark ist wie du.«

Alison kicherte und ihre Wangen wurden rot. »Danke, obwohl ich vielleicht nicht so sympathisch bin, wenn ich aus Versehen jemanden in die Luft jage oder von einem Gebäude fallen lasse.«

Tanner lachte. »Erinnere mich daran, in Zukunft nicht mehr mit dir auf hohe Gebäude zu klettern.«

Sie lachten beide, lehnten sich in ihren Stühlen zurück und genossen ihre gemeinsame Zeit. Das Kemana erwies sich als der perfekte Ort, um ihr Date zu beenden und weder Alison noch Tanner dachten auch nur im Geringsten an Jason und das, was in der Stadt passiert war. Tanner hatte allerdings recht. Alisons Kräfte waren stark und sie begann gerade erst, eine Ahnung davon zu bekommen, wie stark genau sie waren.

* * *

»Ich hoffe, du hattest Spaß«, sagte Tanner, als die beiden die Stufen zurück in die Schule hinaufgingen.

Alison nickte und lächelte. »Das war wahrscheinlich der beste Tag, den ich in meiner bisherigen Zeit hier hatte. Der Kakao war auch mega.«

Tanner musste lachen. »Das werde ich mir merken müssen. Bringe bei jedem Date mit Alison Kakao mit, damit sie Spaß hat. Alles klar.«

Er ging neben Alison die Treppe zum dritten Stock hinauf und den Flur hinunter. Sie hielten Händchen, waren aber leise, da sie wussten, dass es wahrscheinlich Leute gab, die versuchten, zu schlafen oder zu lernen. Als sie die Tür erreichten, konnten sie die Mädchen drinnen kichern hören. Alison drehte sich zu Tanner um, hielt seine beiden Hände fest gedrückt vor sich und atmete tief durch.

»Nun, hier ist unser Date zu Ende. Zumindest für heute.«

Tanner erwiderte den Druck ihrer Hände. »Danke, dass du mit mir ausgegangen bist und mich besser kennenlernen wolltest. Wir müssen das regelmäßiger machen.«

Alison nickte und schmunzelte über das Gelächter ihrer Freundinnen. »Das stimmt. Ich liebe meine Freunde, aber die Zeit allein war definitiv wichtig.«

Sie standen einen Moment lang schweigend da, bis Tanner seine Hand an ihre Wange legte und seine Lippen sanft auf ihre presste. Alison stellte sich auf die Zehenspitzen und schloss die Augen. Sie spürte die Energie, die zwischen ihnen floss. So verblieben sie für einen Moment, bis Tanner sich löste, lächelte und mit seiner Hand ein letztes Mal über ihre Wange strich.

Er küsste sie auf die Stirn und flüsterte: »Gute Nacht. Ich sehe dich morgen früh.«

Alison nickte. Schmetterlinge flatterten durch ihren Bauch und ihre Brust. Sie beobachtete grinsend, wie seine Energie den Flur hinunterging und um die Ecke bog. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Tür und ließ den Moment Revue passieren. Sie war nicht bereit, ihn gehen zu lassen.

Alison war überglücklich über den Kuss und darüber, dass sie Tanner an ihrer Seite hatte. Sie konnte sich an keine andere Zeit in ihrem Leben erinnern, in der sie sich so wohlgefühlt hatte.