Kapitel 15

W illst du dir mit mir ein Eis aus dem Speisesaal holen?«, fragte Emma Izzie, während sie sich ihren Kapuzenpulli überzog.

Izzie lächelte und schnappte sich ihr Buch vom Bett. »Ich kann leider nicht. Heute ist das Vorsprechen für Die Schöne und das Biest und ich will nicht zu spät kommen. Ich habe gehört, es kommen noch viel mehr Leute zum Vorsprechen als letztes Jahr.«

»Oh, das hatte ich völlig vergessen. Ja, das ist sicher ein beliebtes Stück. Hals- und Beinbruch!«

Izzie winkte Emma zu, als sie den Schlafsaal verließ und den Flur hinunterging. Vor ihr waren mehrere Mädchen, die ebenfalls zum Vorsprechen in die Aula liefen und aufgeregt diskutierten, was ihre Traumrollen im Stück waren. Izzie hatte keine Vorliebe. Sie hoffte nur, dass sie sich in diesem Stück genauso gut präsentieren würde wie in Der Zauberer von Oz , egal welche Rolle sie spielen durfte.

Einige der Mädchen vor ihr kicherten und johlten, als sie durch den Eingang zur Turnhalle schauten. »Vielleicht sollte ich meinen Freund auch zum Louper spielen überreden – diese Muskeln!«, kommentierte eine von ihnen.

Izzie hob eine Augenbraue und lugte neugierig durch die Tür der Turnhalle, um zu sehen, über wen sie sprachen. Sie errötete, als sie erkannte, was sie meinten. Das gesamte Louper-Team trainierte drinnen, hob Gewichte und machte Hürdenläufe, um so viel Kraft und Beweglichkeit für die bevorstehenden Spiele zu erlangen, wie sie konnten.

Als Izzie den Raum durchsuchte, sah sie, wie Luke eine der großen Hanteln absetzte. Schweißperlen schimmerten auf seiner Stirn und er schaute fokussiert. Sie berührte ihre warmen Wangen und kicherte leise, damit er nicht bemerkte, dass sie spionierte. Er war entschlossen, so stark und schnell zu werden, wie nur möglich, da sich alle Attribute eines Spielers, physisch und mental, auf das Spiel übertrugen.

Izzie beobachtete ihn ein paar Minuten lang und konnte gar nicht wegschauen, so fasziniert war sie. Als jedoch jemand hinter ihr auf dem Flur kicherte, erinnerte sie sich daran, dass sie sich besser auf den Weg machen sollte, bevor sie das Vorsprechen verpasste.

Izzie schlich sich in den hinteren Teil der Aula. Scarlett und ihre Gang standen schon vorne, probten ihren Text und wärmten sich auf. Sie schaute Izzie an, grinste und warf sich die Haare über die Schulter.

»Schau an, das kleine Waisenkind Dorothy ist da.« Sie kicherte. »Viel Glück.«

Obwohl Scarlett gehässig war, hatte Izzie das Gefühl, dass sie es trotz des Tonfalls ernst meinte und die Sticheleien nur Show waren. Sie würde Scarlett alles zutrauen, aber sie hatte im Jahr zuvor ihr wahres Ich gesehen – und das war wirklich loyal gewesen.

»Hey«, flüsterte Kathleen, als Izzie neben ihr Platz nahm.

»Hey. Ich wusste nicht, dass du hier sein würdest«, antwortete Izzie.

Aya setzte sich neben Kathleen. »Wir konnten uns die Chance nicht entgehen lassen, mitzuspielen. Es sah letztes Jahr einfach nach zu viel Spaß aus.«

»Das war es auch.« Izzie lächelte.

Professor Fowler führte wieder einmal Regie und kletterte auf die Bühne. Sie trug eine weite, lila Hose, einen engen roten Rollkragenpullover und eine handgestrickte Weste, auf deren Rücken das Wort Regisseurin gestickt war. Ihr krauses, knallrotes Haar war locker nach hinten gebunden und sie trug die gleiche Baskenmütze wie im Jahr zuvor. Sie räusperte sich und hielt ihre Hand hoch.

»Ein weiteres Jahr, ein weiteres erstaunliches Bühnenstück«, begann sie dramatisch. »So viele neue Gesichter hier. Ich spüre, dass es ein gutes Jahr wird.«

Die Lehrerin nahm ihr Klemmbrett in die Hand, blätterte durch die Seiten, fuhr mit dem Finger eine der Seiten hinunter und hielt bei einem Namen kurz inne. »Fangen wir an, ja? Die Erste, die zum Vorsprechen antritt, ist Mary Beth Livingston.«

Mary Beth, eine Schülerin aus der Mittelstufe mit blonden Locken, die auf ihrem Kopf aufgetürmt waren, stand nervös auf. Sie betrat die Bühne und wartete darauf, dass die Professorin herunterkam, um im Publikum Platz zu nehmen. Die Lichter flackerten, bis sie gedimmt wurden. Mary Beth räusperte sich und begann ihre Szene. Sie hatte sich für die Entführung des Vaters entschieden.

»Bitte, nehmt mich. Nehmt nicht ihn«, weinte sie.

Die meisten Schüler schauten still zu, nur Scarlett und ihre Freundinnen flüsterten in der ersten Reihe. Mary Beth tänzelte über die Bühne und sank zu Boden, wo sie ihre Knie an die Brust drückte, als würde sie weggesperrt werden. Nach ein paar Sekunden beendete sie dort die Szene und stand auf, um ihre Gesangseinlage zu absolvieren. Sie war okay, aber hatte niemanden von den Socken gehauen.

Professor Fowler stand auf und lächelte. »Danke sehr. Als Nächstes haben wir Eleanor Heady.«

»Sie ist in der Oberstufe und wollte immer vorsprechen, hat es aber nicht getan, weil Scarlett ihr Angst gemacht hat«, flüsterte Kathleen Izzie zu.

»Warum dann dieses Jahr?«, fragte Izzie neugierig.

»Wegen dir und deinem Mut! Dass du dich gegen Scarlett behauptet und letztes Jahr die Hauptrolle gespielt hast, hat viele beeindruckt.«

Izzie hob die Augenbrauen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Mädchen. Sie tanzte auf der Bühne herum und sang mit allem, was sie hatte. Ihre Stimme erfüllte das ganze Theater. Sie war gut. Nicht perfekt, aber definitiv gut genug, um sie als Konkurrentin zu sehen. Izzie wünschte sich, sie hätte sich schon vor Jahren getraut. Vielleicht wäre sie mit der Übung sogar besser als Scarlett gewesen.

Die Professorin stand auf, als Eleanor fertig war und lächelte strahlend. »Sehr schön. Danke, Eleanor. Als Nächstes ist Izzie dran, unser Star vom letzten Jahr.«

Kathleen quietschte und tätschelte ihr Bein. »Viel Glück.«

Izzie schritt leise den Gang hinunter und ignorierte die Blicke von Scarlett und ihren Freunden, während sie auf die Bühne kletterte und sich aufrichtete. »Ich werde mit Die Schöne und das Biest beginnen.«

Misses Fowler nickte.

Izzie schluckte und schaute hinauf in die hellen Lichter.

»Märchen schreibt die Zeit

Immer wieder wahr … «

Izzie sang sich die Seele aus dem Leib und am Ende des Liedes standen die anderen Schüler auf und applaudierten beeindruckt. Sie war fantastisch und doch hoffte sie wirklich, dass ihre Freunde sie übertrumpfen würden. Sie erwartet nicht, erneut die Hauptrolle zu spielen, sie wollte einfach nur dabei sein.

Professor Fowler wartete, bis sich alle beruhigt hatten, stand dann selbst auf und klatschte. »Das war wunderschön, Izzie. Ich danke dir. Als Nächstes ist Scarlett dran.«

Als Izzie die Treppe hinunterkam, stakste Scarlett ihr entgegen und zwinkerte ihr verschmitzt zu. Izzie schmunzelte und ging zurück zu ihrem Platz. Sie lächelte Kathleen und Aya aufgeregt zu, als Scarlett mit ihrem Vorsprechen begann. Die Oberstufenschülerin war entschlossen, dieses Jahr die Hauptrolle zu bekommen. Sie wählte die Eröffnungsszene, in der Belle sang, während sie durch das Dorf ging und Izzie musste zugeben, dass Scarlett ihre Sache wirklich gut machte.

Sie schritt verträumt über die Bühne, ein Buch an die Brust gepresst.

»Hier trifft sie ihren Prinzen

Doch noch weiß sie’s nicht, entdeckt’s erst in Kapitel drei. «

Kathleen beugte sich zu Izzie hinüber. »Wow. Sieht aus, als hätte die gute Hexe letztes Jahr positiv auf sie abgefärbt.«

Izzie kicherte, lehnte sich in ihrem Sitz zurück und beobachtete Scarlett, bis diese fertig war. Sie war wirklich beeindruckend gut. Als Kathleen die Bühne betrat, wurde Izzie erneut klar, dass sie es mit einigen harten Brocken zu tun hatte. So langsam ahnte sie, warum sich Aya lieber in der Lichttechnik engagieren wollte, anstatt ebenfalls vorzusprechen. Außerdem wusste Izzie, dass Aya unbedingt in der Nähe von Peter sein wollte, auch wenn sie es nicht zugeben würde.

In diesem Jahr waren eine Menge ihrer Freunde am Stück beteiligt, auch David, der wieder mit Peter an der Beleuchtung arbeitete. Er war ein sehr begabter Lichtelf und wusste, wie er das Licht perfekt einsetzen konnte, damit das Stück ein echter Erfolg wurde. Er war in Scarlett verknallt, aber wie so viele andere Leute hatte sie ihn noch nicht einmal bemerkt.

Kathleen setzte sich wieder auf ihren Stuhl und lächelte Izzie an. »Das wird ein verdammt gutes Stück werden.«

Izzie konnte nur zustimmen.