Kapitel 18

I n Ordnung, Klasse, heute werden wir etwas wirklich Spaßiges ausprobieren«, verkündete Professor Hudson, während sie den Klassenraum durchquerte und sich ihre schwarzumrandete Brille auf die Nase setzte.

Die Schüler saßen dicht beieinander und freuten sich darauf, etwas Praktisches lernen zu können. Ihr Geschichtsunterricht in diesem Schuljahr war bis dahin nicht sehr spannend gewesen und sie verloren langsam das Interesse daran. Vor allem Ethan, der nur ungern ein Buch aufschlug.

Misses Hudson zog eine Glasschale hervor und stellte sie vor sich auf den Tisch. »Ich möchte, dass jeder Schüler aufsteht – bitte seid dabei ruhig – und jeder einen Namen aus der Schale zieht. Dann kehrt ihr auf eure Plätze zurück.«

Die Schüler stellten sich in einer Reihe auf. Jeder nahm einen Zettel aus der Schale und schaute sich die Namen an. Einige erkannten sie wieder, von anderen hatten sie noch nie gehört. Als alle einen Namen bekommen hatten und auf ihre Plätze zurückkehrt waren, stellte die Lehrperson die Schale zur Seite und lächelte ihren Schülern zu.

»Okay, jetzt kommt die Aufgabe: Ich weiß, dass Lehrbücher und Vorträge wirklich langweilig sein können, also dachte ich mir, dass eine viel interaktivere Herangehensweise an das Fach Geschichte eure Aufmerksamkeit erregen könnte. Heute werden wir ein Spiel spielen. Es ist ähnlich wie Louper, nur ohne Feinde, die besiegt werden müssen oder Schätze, die ihr finden müsst.«

Die Schüler begannen begeistert miteinander zu tuscheln. Izzie sah Luke an und zwinkerte ihm zu, was seine Wangen rot werden ließ.

Misses Hudson hob die Hand, um die Klasse zu beruhigen. »Auf jedem der Zettel steht ein Name. Diese Namen stehen für die Personen, in die ihr euch verwandeln sollt, sobald ich meinen Zauber gesprochen habe. Ihr werdet in der Lage sein, eure neue Umgebung zu erkunden und etwas über die Zeitperiode eures Charakters zu erfahren, während ihr an euren Tischen sitzen bleibt. Hat noch jemand eine Frage?«

Ethan hob langsam seine Hand. »Spielt es eine Rolle, ob ich eine Frau bin?«

Alle lachten und Kathleen sah Ethan mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich glaube, es wird dir guttun.«

Die Professorin grinste und schüttelte den Kopf. »Nein, Ethan, in dieser magischen Welt spielt es keine Rolle, ob du eine Frau bist. Ich verspreche dir, du wirst ein Mann sein, wenn du zurückkommst.«

Ethan brummte: »Besser so.«

Kathleen schmunzelte und sah Emma an. »Ich persönlich würde Ethan gern in einem Kleid sehen. Ich glaube, er wäre eine wunderschöne Frau.«

Ethan streckte ihr die Zunge heraus und schaute wieder zur Lehrerin, die darauf wartete, dass alle zur Ruhe kamen. Sie schwang ihren Zauberstab an den Reihen der Schüler entlang. Blaues und violettes Licht blitzte auf, wirbelte um jeden Stuhl herum und durch jede Person hindurch, um sie alle auf ihren Stühlen festzuhalten.

Kathleen fand sich im Palast der Lichtelfen wieder. Sie schaute sich um, dann an sich herunter und erkannte schnell, dass sie die Lichtelfenkönigin war. Zufrieden schmunzelnd ging sie hinüber zu einem Spiegel. In dem Spiegel erkannte sie die aktuelle Königin von Oriceran mit ihrem wunderschönen Teint. »Daran könnte ich mich definitiv gewöhnen.«

»Ich glaube, das könnte ich auch«, sagte eine Stimme von links.

Kathleen drehte sich um und sah den König der Lichtelfen unbeholfen auf sie zugehen. Sie erkannte, dass es ein anderer Schüler sein musste, aber weil die Stimme natürlich die des Königs war, wusste sie nicht, wer ihrer Mitschüler es war. Er streckte seine Hand aus und verbeugte sich. »Ich heiße Emma.«

Kathleen lachte laut auf. »Wir sind an der gleichen Stelle gelandet. Wie geil ist das denn?«

Für Izzie und Alison waren die Gegebenheiten noch viel spannender. Als sie ihre Augen öffneten, befanden sie sich nicht am gleichen Ort, aber sie waren beide in ähnlichen Situationen. Sie waren Propheten, die die Zukunft vorhersehen konnten, wie diejenigen, die Jahrzehnte zuvor den Beginn des Goldenen Zeitalters und das Ende von Oriceran vorausgesagt hatten.

Izzie sah sich um. Sie befand sich in einer kleinen Kammer und als sie zum Fenster ging, bemerkte sie, dass sie in einem Kemana war, aber irgendwo mit Wachen vor ihrer Tür festsaß.

Für Alison war es ähnlich. Sie konnte die Seelen und die Energie um sich herum sehen und befand sich mitten in einer Prophezeiung, aus der sie nicht herauskam. Die Worte, die sie wie automatisch sprach, klangen, als wäre sie in einem Traum. Sie sprach über das Ende von Oriceran und das stimmte sie traurig.

Die anderen Schüler waren unterschiedliche Kreaturen. Einige waren Anführer der Drachen, während andere sich als tapfere Krieger unter Beweis stellen mussten. Ethan fand sich in den sehr unbequemen Schuhen von einer der ersten Hexen, die von Oriceran zur Erde kamen, wieder. Leider war sie zu einer Zeit gekommen, in der Hexen nicht sehr willkommen waren. Ethan verbrachte die ganze Zeit damit, vor Menschen zu flüchten, die ihn jagten und versuchte seine Magie – oder besser gesagt ihre Magie – einzusetzen, um zu entkommen.

Luke war wahrscheinlich derjenige, der sich am wohlsten fühlte und das nicht nur, weil er Louper spielte und das Phänomen der interaktiven Welten kannte. Er fand sich in einem Wandler-Körper wieder, aber nicht der irgendeines Wandlers. Er war der Anführer der Wandler von vor zwei Jahrzehnten, als dieser ein Heiligtum für die anderen geschaffen hatte. Er wurde Zeuge der schrecklichen Dinge, die die dunklen Familien den Wandlern antaten und auch als der Unterricht vorbei war, konnte er die Wut und den Groll immer noch in seinem Herzen spüren.

Aus der Stille, die herrschte, als sich der Zauber auflöste, war leicht zu erkennen, was für einen Eindruck diese Unterrichtsstunde bei den Schülern hinterlassen hatte.