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„Das hätte ich nicht gekonnt“ – Besuch bei einem Heiligen

In Sankt Patrick’s knieten immer noch die Frauen in den Bänken und hauchten ihre Gebete unter die Decke. Mittlerweile war es im Inneren der Kirche fast so kalt geworden wie draußen, und aus den Mündern der Frauen pufften kleine Dampfwölkchen. Jedes Gebet war eine gehauchte Bitte. Und manchmal auch ein Lob.

Robin fand die Nische auf Anhieb. Der heilige Sebastian hatte sich seit Robins letztem Besuch nicht vom Fleck gerührt. Nach wie vor stand er an den Baum gebunden und die Pfeile steckten in seinem hageren Körper. Trotzdem lächelte er.

Robin sah sich verstohlen um, ob ihm jemand zusah. Die Frauen knieten weitab im Kirchenschiff und beachteten ihn nicht. Jetzt oder nie!

„Heiliger Sebastian“, flüsterte Robin, „guten Tag und hallo erst mal. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich meine, ich hoffe, es geht dir den Umständen entsprechend gut. Ich heiße Robin und ich wollte dich was fragen. Wo du dich doch auskennst und weißt, wie das alles geht, damit es aufhört. Weil du es doch gleich zweimal gemacht hast. Ein Opfer bringen, meine ich, und vielleicht auch, wie man ein Held wird. Verrätst du es mir?“

Es war fast eine Rede geworden. Robin lauschte in die Stille, in der aber nur das Murmeln der betenden Frauen zu hören war. Wie das Gesumme und Gebrumme in einem Bienenkorb.

„Bitte!“, fügte er rasch hinzu. Das hatte er vergessen.

Wieder horchte er angespannt, aber der heilige Sebastian schwieg. Stattdessen sagte jemand laut und vernehmlich hinter Robins Rücken: „Das hätte ich nicht gekonnt!“

Robin schnellte herum. Hinter ihm stand eine alte Frau. Runzelig und gebückt, als würde sie in die Erde wachsen. Aber sie lächelte, und während sie lächelte, kräuselten ungezählte Fältchen ihr Gesicht wie Petersilienblätter. „Und gleich zwei Mal“, sagte sie. „Erschießen und erschlagen hat er sich lassen. Nein, ich hätte das nicht gemacht. Aber ich bin ja auch keine Heilige!“

Robin zuckte zusammen. Die Frau, die so überraschend hinter ihm aufgetaucht war, als hätte sie soeben der Kirchenfußboden ausgespuckt, kannte sich offenbar aus mit dem heiligen Sebastian, der nach wie vor milde, aber völlig sprachlos aus seiner Nische herabstrahlte und keine große Hilfe war. „Sie kennen den heiligen Sebastian?“, fragte Robin.

„Natürlich kenne ich ihn“, sagte die Frau und die Petersilienblättchen in ihrem Gesicht knisterten. „Oder vielleicht sollte ich es anders ausdrücken: Wir sind einander bereits begegnet. Aber noch wichtiger, als den heiligen Sebastian zu kennen, ist es, Jesus zu kennen.“

„Dann verstehen Sie etwas von, äh, solchen Dingen?“, fragte Robin.

„Von welchen solchen Dingen?“

„Von Opfern.“ Robin flüsterte es fast.

„Aber nein!“, rief die alte Frau und sie wedelte mit der Hand, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. „Wo denkst du hin? Von Opfern verstehe ich nichts. Du etwa?“

„Ich?“ Robin schüttelte erschrocken den Kopf. „Mit Opfern kenne ich mich nicht aus.“

„Siehst du“, sagte die alte Frau, „da haben wir noch etwas gemeinsam. Wir beide kennen den heiligen Sebastian. Und wir wissen beide nicht, wie das mit den Opfern geht.“ Sie nickte, als wäre sie sehr zufrieden über diese Feststellung. Robin versuchte zu begreifen, was gerade vor sich ging, aber es gelang ihm nicht. Sprach er tatsächlich gerade mit einer alten Frau, der er bis eben nie begegnet war?

„Was ist mit deinem Auge geschehen, Love?“, fragte die Frau plötzlich. „Ist dir etwas zugestoßen?“

„Etwas zugestoßen?“, murmelte Robin. „Ach, das! Das ist nichts.“ Sie sah ihn an, als würde sie an seiner Antwort zweifeln, aber sie bohrte nicht nach. Gemeinsam schauten sie zum heiligen Sebastian. Robin zählte die Pfeile. Eins, zwei, drei … elf. Elf Pfeile.

„Trotzdem“, versuchte es Robin noch einmal. „Wieso kennen Sie den heiligen Sebastian?“

„Das ist einfach und die Erklärung wird dich enttäuschen, weil sie so einfach ist“, sagte die alte Frau. „Früher bin ich eine Nonne gewesen und habe den heiligen Sebastian oft besucht. Und nicht nur ihn, all die anderen auch. Den Heiligen Florian. Den heiligen Nepomuk. Den heiligen Georg. Den heiligen Patrick. Die heilige Birgitta. Die heilige Katharina. Es gibt ja ziemlich viele Heilige. Aber jetzt komme ich nicht mehr so häufig in die Kirche, jedenfalls nicht jeden Tag. Jetzt bete ich auch daheim.“

Robin wartete, ob sie noch etwas sagen würde. Aber sie sagte nichts. Wieder blickten sie zum heiligen Sebastian, und wieder zählte Robin die Pfeile. Es konnte schließlich sein, dass er sich verzählt hatte, aber es waren immer noch elf. Drei in den Armen, einer im Bauch, sieben in den Beinen – machte insgesamt elf.

„Komm mich doch mal besuchen, Love!“, sagte die alte Frau plötzlich, als wäre es das Nächstliegende, einen wildfremden Jungen zu sich nach Hause einzuladen. Und wildfremd waren sie einander doch, auch wenn sie über Dinge sprachen, über die Robin sonst mit niemandem sprach. „Mir scheint, wir haben uns eine Menge zu erzählen. Aber nicht in dieser Eiseskälte. Hier ist es viel zu ungemütlich.“ Und wie um zu zeigen, dass sie fror, schlang sie die Arme um ihren Körper, der mindestens genauso schmal zu sein schien wie der des heiligen Sebastian, nur ohne Pfeile. „Ich wohne in der Union Street, Nummer 32. Bei mir brennt immer ein Feuerchen im Kamin, und es ist schön warm. Ich koche uns Tee. Und dann unterhalten wir uns. In Wärme. Und in Frieden. Denn Frieden wollen wir doch alle, nicht wahr?“

Darauf wusste Robin keine Antwort, schließlich hatte er sich eben erst mit seinem besten Freund geprügelt. Und zu Hause stritten sie bestimmt auch gerade wieder. Oder vielleicht stritten sie sich auch nicht, weil sie auch nicht länger wussten, wie das alles ging? Zumindest hoffte Robin das.

Robin wollte sagen: „Danke, leider geht das nicht.“

Stattdessen sagte er: „Danke, ich komme gern.“

Robin erschrak; schließlich stand nun fest, dass Cathal recht hatte: Robin war voll merkwürdig. Wie allerdings all das hier voll merkwürdig war. Nie zuvor hatte Robin mit einer alten Frau geredet, geschweige denn, sich mit einer unterhalten. Falls das hier überhaupt als Unterhaltung gelten durfte. Höchstens hatte Robin einmal ein paar Worte mit der alten Mrs Duffy ausgetauscht, aber das zählte nicht, denn es waren nie mehr als zehn, allenfalls fünfzehn Wörter gewesen. Und niemals, nie, nicht hatten sie dabei über Opfer und Heilige gesprochen. Und schon gar nicht war diese alte Frau eine ehemalige Nonne gewesen.

Ging das überhaupt, eine ehemalige Nonne zu sein? Wurde sie denn nicht dafür bestraft? Plötzlich war sich Robin sicher, dass alle Qualen des Himmels und der Hölle hundertfach über ihn hereinbrechen würden, sobald er sie besuchte … Doch die alte Frau, die einmal eine Nonne gewesen war, wirkte nicht im Mindesten beunruhigt.

„Wie wunderbar!“, rief sie, und die Petersilienblätter in ihrem Gesicht kräuselten sich. „Wie wäre es gleich morgen? Tee habe ich immer da. Und Kekse auch.“

Wieder wollte Robin sagen: „Entschuldigung, ich habe mich geirrt.“

Aber er sagte: „Morgen passt es mir gut.“

„Ausgezeichnet“, sagte die alte Frau, „dann sehe ich dich morgen. Und jetzt gehe ich. Sonst zwickt mich nachher noch mein Rheuma. Und das ist kein Spaß. Ich heiße übrigens Schwester Basilea von der Schmerzenspforte. Aber die Schmerzenspforte ist ein Irrtum, auch wenn ich Rheuma und deshalb manchmal Schmerzen habe. Nenn mich einfach Schwester Basilea, wie es alle tun, das reicht.“

„Schwester Basilea“, murmelte Robin, als wollte er sich den Namen einprägen. Und er dachte daran, wie Cathal einmal geglaubt hatte, dass Nordirland ein Irrtum sei, weil er Nordirland mit zwei R nach dem I geschrieben hatte. Laut sagte er: „Ich heiße Robin und nichts weiter.“

„Robin ist ein schöner Name“, sagte Schwester Basilea, „und genügt vollkommen.“ Sie nickte ihm zu. „Auf Wiedersehen, Robin. Ich freue mich auf dich! 32, Union Street. Nicht vergessen!“

Dann schlurfte sie davon und war mit einem Mal verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Aber ein Hauch von Rosenduft hing noch in der Luft. Den hatte sie mitgebracht. Robin hatte sich wohl doch nicht getäuscht, dass er gerade eben mit jemandem geredet hatte.

Als Robin nach Hause kam, saßen seine Eltern tatsächlich noch am Küchentisch. Und der Küchentisch wackelte leider, weil sie sich immer noch – oder wieder – stritten. „Ehrlich, Angus“, schimpfte Mum und ihre roten Haare flatterten, „ich frage mich, wie ich das noch alles aushalten soll. Den ganzen Kummer dieser Welt trage ich auf meinen Schultern. Ich bin schon ganz krumm und verbogen davon!“

Plötzlich entdeckte Mum Robin, der in der Küchentür lehnte. Sie war auch die Erste, der es auffiel. „Was um alles in der Welt ist mit deinem Auge los, Robin?“, rief sie. Und der Satz klang, als würden sich die Fragezeichen dahinter stapeln.

Natürlich hatte Robin gewusst, dass Mum es einmal bemerken würde, auch wenn es ausgesprochen lange gedauert hatte. Trotzdem hatte Robin selbst nicht mehr an Cathals Faustschlag gedacht, seit sich Schwester Basilea zuletzt danach erkundigt hatte.

„Mein Auge? Äh.“ Vermutlich wäre es keine kluge Idee, Mum von seiner Schlägerei zu erzählen, überlegte Robin. Es würde sie kaum beruhigen. Aber lügen wollte Robin auch nicht. „Ich habe mich gestoßen“, murmelte er. Und das stimmte schließlich auch. Denn zweifellos war Robin mit einer Faust zusammengeprallt, einer überaus harten Faust sogar. Auch wenn Robin, noch während er es sagte, bereits wusste, dass Mum ihm das nicht abnehmen würde.

„Was heißt hier: ‚Mich gestoßen‘?“, hakte sie auch sofort nach und ihre Stimme schraubte sich höher. Das verhieß nichts Gutes. Alarmstufe drei. Mindestens.

Big Chief versuchte sogleich, Mum zu bremsen. „Reg dich nicht auf, Alison!“, sagte er. „Das kann schließlich jedem mal passieren.“ Das war natürlich wenig hilfreich.

Und tatsächlich brauste Mum augenblicklich nur noch mehr auf. „Jedem mal passieren?“ Mums Stimme kippte. Ihre Stimme wurde hoch und schrill. „Was glaubst du, was das hier ist? Denkst du, das ist Schminke, die sich der Junge bei Murphy’s gekauft und ins Gesicht geklatscht hat, weil ihm das so großen Spaß macht? Nein, mein Lieber! Was ich hier sehe, ist eindeutig ein blaues Auge. Ein Veilchen. Und zwar ein ziemlich dickes und ein ziemlich blaues Veilchen. Und du sagst: ‚Reg dich nicht auf‘? Und weißt du, warum du das sagen kannst? Weil du tagelang im Ochsenauge sitzt und nichts von all dem mitbekommst, was daheim geschieht …“

„Bitte, Alison“, versuchte es Big Chief noch einmal, „das stimmt nicht.“

Und dann vergaßen sie Robin, weil sie wieder überlegen mussten, wer von ihnen beiden recht hatte. Das passte Robin gut. Er ließ seine Eltern in der Küche sitzen und huschte nach oben ins Bad.

Hatte Mum eben gesagt, sein Auge sei blau? Tatsächlich guckte Robin im Badezimmerspiegel ein Robin entgegen mit einem linken Auge, das inzwischen reichlich blau geworden war. Mit ein bisschen Gelb vermengt ergab das eine hübsche Mischung. Jedenfalls war es einmal etwas anderes als immerzu nur Orange oder Grün.

Wie zuvor, ehe Robin den heiligen Sebastian um Rat gefragt hatte, weil der es schließlich wissen musste, setzte sich Robin in seinem Zimmer aufs Bett und starrte auf die Tapete. Auf der Tapete rankten zarte Blümlein auf schlanken Blumenstängeln. Eine verschwenderische Blütenpracht, die aber nicht wuchs.

Es war Zeit, Rückschau zu halten – etwas, das die Erwachsenen Bilanz ziehen nannten. Man musste es ehrlich und schonungslos tun und das Auf-die-Tapete-starren half dabei.

Mit den Fragen stand es erstens so: Robin war nur spärlich – um nicht zu sagen, gar nicht – weitergekommen, seit er angefangen hatte, Antworten darauf zu suchen. Mit Opfern kannte er sich immer noch nicht aus. Der heilige Sebastian war keine Hilfe gewesen, er hatte vielmehr zu alledem geschwiegen. Und was Robin selbst tun konnte, damit es aufhörte, wusste er ebenfalls nicht.

Zweitens aber waren mit einem Mal so viele neue und unbekannte Menschen in Robins Leben geplumpst, dass es Robin schwindelte, sobald er daran dachte. Wenn er die vielen neuen Leute aufzählte, ergaben sie fast eine Liste:

Ein Polizist hatte mit Robin gesprochen (obwohl Robin niemals mit ihm hatte sprechen wollen) und sich vorgestellt. Und nun wusste dieser Mann auch noch, dass Robin Robin hieß.

Plötzlich war der geheime Ort unter der Brücke belegt gewesen und obendrein mit einem Mädchen mit rostroten Haaren. Und wenn das Mädchen lachte, bohrten sich Grübchen in ihre Wangen.

Und als hätte all das nicht schon ausgereicht, hatte eine ehemalige Nonne, die behauptete, ihr Name sei ein Irrtum, Robin zu sich nach Hause eingeladen. Und er hatte auch noch „Ja, gerne!“ gesagt.

Als Robin an Schwester Basileas Einladung dachte, fing sein Herz heftig zu klopfen an. Und wie damals, als er Siobhan getroffen und sein Herz ebenso wild gebummert hatte, ärgerte es ihn.

Was mache ich nur, dachte er. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie Besuche bei ehemaligen Nonnen gehen! Musste man nicht etwas mitbringen, wenn man eine Einladung erhielt, weil auch Mum immer sagte, man dürfe nie mit leeren Händen kommen, wenn sie jemanden besuchten?

Vielleicht, überlegte Robin, konnte Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten weiterhelfen? Schließlich war es nie um eine Schlauheit verlegen. Und Schlauheiten hatte Robin jetzt fraglos bitter nötig.

Robin zog das Buch von der Kommode. Er schlug es knapp hinter der Mitte auf. „Die Inuit haben kein Wort für Kopfschmerzen“, las Robin. Dann las er den Satz ein zweites Mal. Denn das war in der Tat merkwürdig. Sehr merkwürdig. Robin hatte schon oft in dem Buch geblättert, bestimmt schon über hundert Mal, und immer hatten ihn die Sätze überrascht. Aber dieser Satz überraschte ihn nicht. Es erschien ihm völlig klar, dass die Inuit kein Wort für Kopfschmerzen kannten. Sie brauchten keins, weil sich Robins Mutter bereits den Kopf über alles zerbrach. Allen Kummer dieser Erde trug sie auf ihren Schultern. Das hatte sie zu Big Chief gesagt und sie sagte es immer wieder. Da blieben den Inuit-Müttern weder Lasten zum Tragen noch Kopfschmerzen zum Begrübeln übrig.

Robin blätterte weiter. Aber heute hielt Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten offenbar keine Merkwürdigkeiten für ihn bereit. „Der Atlantik ist salziger als der Pazifik“, las Robin als Nächstes. Auch das wunderte ihn nicht. Denn alle Tränen, die die Menschen in Nordirland weinten, tropften ungebremst in den Atlantik. Das lag daran, dass Nordirland mitten im Atlantik lag, sanft umspült vom Golfstrom, der es freilich auch nicht wärmer machte, obwohl das viele schlaue Wissenschaftler behaupteten.

Auch der nächste Satz war nicht merkwürdiger: „Ein Durchschnittsmensch erzeugt in seinem Leben etwa vierzehntausend Liter Schweiß.“ Kein Wunder, schwitzte ein Mensch so viel, dachte Robin. Wenn einem andauernd Polizisten wie aus dem Nichts über den Weg stolperten, geheime Steine plötzlich von fremden Mädchen belegt waren, man sich mit seinem besten Freund prügelte und ehemalige Nonnen Einladungen verteilten, als hätte man einander immer schon gekannt, blieb einem gar nichts anderes übrig, als ins Schwitzen zu geraten!

Aber dann entdeckte Robin einen Satz, der ihn doch noch staunen ließ. Eine echte Merkwürdigkeit war das, und zwar eine von der Sorte, bei der sich Robin umgehend wünschte, sie möge bitte, bitte auch auf Nordirland zutreffen: „Indianer führten nur bei schönem Wetter Krieg“, las Robin. „Regen hätte den Leim, den sie für Pfeile und Bogen benutzten, aufgelöst.“ Sofort dachte Robin an den heiligen Sebastian und die elf Pfeile, die in seinem Körper steckten. Hätte der heilige Sebastian in Nordirland gelebt und die Nordiren würden wie die Indianer mit Pfeil und Bogen kämpfen, wäre es wohl nie so weit gekommen und der brave Mann wäre womöglich immer noch am Leben. Wie überhaupt in ganz Nordirland augenblicklich Frieden oder doch zumindest Waffenstillstand herrschen würde, wenn sie hier mit Pfeil und Bogen aufeinander losgingen, statt ihre selbst gebastelten Semtex-Bomben unter die Motorhauben von geparkten Autos zu kleben. Denn in Nordirland schien selten die Sonne. Immerzu regnete es, ein Blick aus dem Fenster, an das soeben wieder der Regen klatschte, bewies es doch. Dann aber wäre all der viele Regen auf wundersame Weise auf einmal mehr als wunderbar, denn es gäbe kaum mehr einen Tag, der sich zum Kriegführen eignete!

Robin klappte das Buch zu und blickte aus dem Regentropfenfenster, an das der namenlose Baum mit seinen dürren Zweigen schlug. Ein namenloser Baum, der inzwischen vom Nordwestwind und vom Regen reichlich kahl gefegt worden war. Ein Baum ohne Namen. Und mit sehr, sehr wenig Grün.

Mit sehr, sehr wenig Grün? Wo kein Grün ist, kann man doch welches besorgen, dachte Robin. Und plötzlich wusste er, was er Schwester Basilea schenken würde: Es musste etwas Lebendiges sein, etwas, das wuchs oder blühte, eine Pflanze oder eine Blume. Natürlich!

Hatte nicht auch Big Chief gesagt: „Das dürfen wir nicht vergessen“, ehe er Mum eine Nelke gekauft hatte? Weil sich Frauen immer über Blumen freuten, wie er ebenfalls behauptet hatte.

Zwar wusste Robin noch nicht, was für eine Blume er Schwester Basilea schenken würde. Aber eines war ihm jetzt schon völlig klar: Die Blume durfte weder einzig grün aussehen noch durfte sie rein in Orange blühen. Keine Farben der Republik Irland und keine Farben Großbritanniens, nein. Weil es endlich aufhören musste mit den Farben. Und am besten fing Robin gleich morgen damit an – beim Blumenkauf.