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„Manchmal bin ich es so leid“ – Regen fällt und hört nicht auf

Als Robin am Nachmittag aus Schwester Basileas Haustür trat, glänzte der Himmel tiefblau. So blau glänzte er, als stünde Robin auf einem Sprungbrett und der Himmel wäre ein Meer aus Möglichkeiten: Nichts war vorbei. Alles stand offen. Keine Tür schlug zu.

Mit einem Mal hatte Robin es sehr eilig. Etwas in ihm gluckerte und blubberte, und wie bei einer Sprudelflasche, die heftig geschüttelt worden war, wollte das Blubbern hinaus. Robin musste Mum sofort berichten von all dem, was er bei Schwester Basilea gehört hatte. Ihr erzählen von der wundersamen Entdeckung, die in ihm geschwungen hatte wie die Saiten einer Harfe.

Robin fing sogar zu rennen an. Noch während er durch das tiefe Blau flitzte und das Getrampel seiner Füße auf dem Asphalt hörte, überlegte er, ob er dieses aufregende Gefühl vielleicht glücklich nennen konnte. Aber sogleich erschien es ihm als ein viel zu großes Wort für das, was er empfand. Glück war scheu. Wie ein Vogel konnte es jederzeit davonflattern, wenn man ihm die Hand hinhielt. Da war es bestimmt besser, Robin erschreckte es nicht und nannte es auch nicht beim Namen. Zumal Namen heikel waren in diesem Land, das hatte die Geschichtsstunde letztens ja eindeutig bewiesen. Namen waren Fallen, und wie Fallen schnappten sie zu, wenn man nicht achtgab. Schnipp, schnapp. Und aus.

Trotzdem hatte sich seit Robins Besuch bei Schwester Basilea etwas in ihm verändert, und dieses Etwas stimmte Robin froh. Ein neuer Gedanke war in sein Gehirn gekrochen und hatte sich dort eingenistet: Niemand brauchte mehr ein Opfer zu bringen. Alle Last der Welt war längst getragen!

„Mum, hör zu. Ich muss dir was sagen!“ Robin platzte in die Küche. Keuchend stützte er sich am Küchentisch auf. Am Küchentisch saß Mum und stierte in ihren haselnussbraunen Tee ohne Milch und ohne Zucker. Sie hatte die Arme aufgestützt und das Kinn in die Hände gelegt, als wären sie eine Schale, und ihr langes rotes Haar, das sie zusätzlich rot färbte, weil es so schön irisch aussah, hing ihr ins Gesicht. Jetzt schaute sie auf und sah Robin an. Ihre Augen waren umrändert wie die Ringe eines Pandabären, aber nicht in Schwarz, sondern in Rot, als hätte sie geweint.

„Ach, Robin“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte wie die Zweige des namenlosen Baumes, wenn er nachts an Robins Fenster schlug. „Manchmal bin ich es so leid.“

Und mit einem Mal war alles fort. Als würden sämtliche Türen der Welt gleichzeitig zugeschlagen. Und das Blubbern, das eben noch in Robin gesprudelt hatte, dass es unbedingt hinausmusste, war auch fort. Und fort war auch der Gedanke, dass sich ab nun alles ändern würde. Wie hatte er sich nur so täuschen können? Robin hätte nie auf Schwester Basilea hören und ihr glauben dürfen, nur weil sie etwas gesagt hatte, das er hatte glauben wollen!

„Wo ist Daddy?“, fragte Robin. Denn wenn er auch schon elf Jahre alt und deshalb beinahe erwachsen war – den Anblick weinender Mütter ertrug er nicht besonders gut. Aber Mum sagte nichts. Das brauchte sie auch nicht. Robin kannte die Antwort auch so. Natürlich saß Big Chief im Ochsenauge; natürlich war er gar nicht da.

Robin rannte in sein Zimmer. Er knallte die Tür hinter sich zu, dass die Bücher auf der Kommode wackelten und näher aneinanderrückten, als fürchteten sie sich. Robin hockte sich auf sein Bett.

Draußen hatte es zu regnen angefangen und der Regen prasselte gegen das Fenster. Der Regen fiel und fiel und fiel. Er würde niemals mehr aufhören. Zumindest tat er so, als ob er niemals mehr aufhören würde.

Der Glaskugeljesus drückte gegen Robins Bein. Robin hatte ihn vergessen. Jetzt fingerte er die Glaskugel aus der Hosentasche und stellte sie auf die Kommode, neben Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten und Das ABC der Tiere. Der Herr Jesus hatte Robin begleitet, ganz wie es abgemacht gewesen war. Er hatte Robin beigestanden bei einem wagemutigen Besuch, für den Robin dringend Unterstützung gebraucht und auch bekommen hatte. Und deshalb wäre es jetzt gewiss angebracht, danke zu sagen. „Danke, sehr verehrter Herr Jesus, dass du mir geholfen hast!“

Dennoch bezweifelte Robin, ob er seinen Besuch bei Schwester Basilea – die bis gestern eine wildfremde alte Dame gewesen war, aber eben begonnen hatte, vertraut zu werden, weil sie mit ihm über Dinge sprach, über die er sonst mit niemanden sprach – noch als Erfolg verbuchen durfte. Auch wenn der Besuch bei Schwester Basilea schön gewesen war. Fast zu schön, um wahr zu sein. Aber genau dort hockte piksend und schmerzhaft der Haken: Robin hatte das Schöne nicht festhalten können.

Wie die Nebelschwaden in der Morgensonne war es – verpufft. Wie die Vorfreude auf Spaghetti mit Tomatensoße und dann gab es nur wieder Toastbrot mit Bohnen – weg.

Als Robin begriff, dass die Freude in ihm ausgelöscht worden war, wie jemand einen Fehler ausradierte, wenn er sich verschrieben hatte, spürte er etwas Dunkles in sich wachsen. Wie eine Gewitterwolke, die immer größer und immer bedrohlicher wurde. Als würde der Regen, der gegen die Scheiben klatschte, auch in ihm fallen wollen.

Fallen.

Fallen.

Fallen. Bis der Regen in ihm zu einem See anwuchs. Und zu einem Ozean wurde. Wie der Atlantik. Wie der Pazifik. Wie beide Meere zusammen. Und die Irische See und der Ärmelkanal noch dazu. Bis Robin darin unterging.

Blubb.

Blubb.

Blubb. Ade, du schöne Welt! Auf Nimmerwiedersehen.

ABER NICHT MIT MIR, dachte Robin plötzlich. So einfach lasse ich mich nicht ersaufen!

Denn wenn nicht stimmte, was Schwester Basilea erzählt hatte – dass alles aufhörte, weil Jesus die ganze Last getragen hatte –, musste Robin die Dinge eben selbst in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass alles aufhörte. Und alles meinte: Das ganze Durcheinander; Mum und Dad, die miteinander stritten; die Bordsteine, die nicht zu Ende gemalt worden waren.

Auch wenn Robin sicherlich kein Held war. Jedenfalls keiner wie Patrick Pearse mit all seinen schlauen Reden. Und auch nicht wie der heilige Sebastian, der es gleich zweimal gemacht hatte. („Erschießen und erschlagen hat er sich lassen!“, hatte Schwester Basilea gesagt.) Und schon gar nicht wie der Herr Jesus, der sich ans Kreuz hatte nageln lassen, damit endlich Frieden würde zwischen denen, die nah waren und denen, die fern waren. So erzählte es zumindest Vater Faughan sonntags in der Messe. Nein, Robin war kein Held, zumindest keiner, der gerne litt, weil Robin Schmerzen überhaupt nicht ausstehen konnte. Aber konnte es nicht andere Wege geben, weniger qualvolle, um dennoch etwas zu tun?

Unter Robins Bett stand noch immer der Topf mit der Farbe. Orange Farbe, die eindeutig auf die Bordsteine vor die Haustür gehörte, aber nie dort angekommen war, weil Mum zu früh mit dem Pinseln aufgehört hatte. Weshalb auch all das andere nicht aufgehört hatte: Nach wie vor gehörten sie nicht dazu. Weder zu den einen noch zu den anderen. Weil die Bordsteine vor ihrer Haustür weder in den Farben des Union Jack – Rot, Blau, Weiß – noch in den Farben der irischen Trikolore – Grün, Weiß, Orange – erstrahlten, sondern lediglich aussahen wie ein zerrupfter, von irischen Schafen abgekauter Rasen. So war das.

So sollte es nicht länger bleiben! Ich werde die Bordsteine nun endgültig selbst orange pinseln, weil es niemand sonst macht, entschied Robin. Sein Entschluss stimmte ihn heiter. Die Gewitterwolke in ihm hellte sich auf. Sie färbte sich bläulich. Regentupfenblau. Und Robin kam sich mit einem Mal doch noch etwas heroisch vor, was nur ein anderes Wort für heldenhaft war.

Andererseits ... Andererseits erging es ihm jetzt ein bisschen wie zuvor, ehe er seinen Besuch bei Schwester Basilea angetreten hatte. Auch in diesem Fall wäre ein wenig Unterstützung nicht gänzlich unangebracht, überlegte er. Und da er den Glaskugeljesus nicht noch einmal um seinen Beistand bitten wollte (Robin befürchtete, er hätte das bereits ausgereizt) und weil Robin eben doch nicht ganz so mutig war, wie er es gerne gewesen wäre, aber auch, weil Mum noch immer heulend in der Küche saß und Big Chief trinkend im Ochsenauge am Tresen lehnte, entschied sich Robin, noch vor dem Bordsteinanmalen seinen geheimen Ort aufzusuchen. Um Kraft zu tanken, wie er sich selbst einredete. In Wirklichkeit aber, um nachzusehen, ob sein geheimer Ort nicht rein zufällig auch heute wieder belegt wäre, und zwar nicht von irgendwem, sondern von einem Mädchen mit rostroten Haaren, das dort auf ihn wartete.

Den Farbeimer und einen Pinsel nahm Robin mit.