Robin war grenzenlos erleichtert, als er sah, dass der Stein unter der Brücke nicht leer war. Jemand saß dort. Sie saß dort. Schmaler Rücken, langes rotes Haar, aber nicht so rot wie Mums, rostrot, um genau zu sein.
„Hallo, Siobhan!“, sagte Robin, als hätte er nie etwas anderes erwartet, als Siobhan unten am Fluss zu sehen an einem ganz gewöhnlichen Samstagnachmittag.
„Hallo, Robin!“ Siobhan hatte sich zu Robin umgedreht, sodass ihre Haare flogen, und Robin merkte wieder, dass sie ein Mädchen war. Und wenn sie lächelte, war sie ein Mädchen, dem sich zwei Grübchen in die Wangen bohrten, und irgendwie machte ihn das froh. Merkwürdig froh. Cathal hatte recht: Robin war voll merkwürdig.
„Hoppla“, sagte Siobhan. Sie beugte sich vor und schaute Robin prüfend ins Gesicht. „Was ist das?“
Robin hatte sein gefärbtes Auge vergessen; außerdem hatte er sich längst daran gewöhnt, die Welt nur noch hälftig zu sehen. „Das ist nichts“, sagte er, „bloß ein Zusammenstoß mit einer Faust.“
„Aha, verstehe.“ Siobhan nickte, als würde sie Robins Worte vom Ohr, wo sie die Worte hörte, hinaufsteigen lassen in den Kopf, wo sie sie verstand. „Die Luft ist ein gefährliches Pflaster. Wenn du nicht von einer Bombe getroffen wirst, musst du dich vor fliegenden Fäusten hüten. Tut es sehr weh?“
„Aber nein.“ Robin schüttelte den Kopf. „Es ist wirklich halb so schlimm und tut überhaupt nicht weh.“
Dabei war das schon wieder eine Lüge, eine aalglatte, so wie letztens, als er behauptet hatte, er müsse unbedingt jetzt gleich nach Hause. Ging es denn gar nicht, sich mit diesem Mädchen zu unterhalten, ohne Dinge zu sagen, die Robin gar nicht sagen wollte? Denn auch wenn es durchaus zutraf, dass sein linkes Auge nicht mehr ganz so wehtat, schmerzte ihn etwas anderes dafür umso mehr: Sein blaues Auge erinnerte Robin daran, dass er sich mit seinem besten Freund gestritten und sogar geprügelt hatte. Und dass sie seitdem nicht mehr miteinander sprachen. Und damit verbunden war die erschreckende Einsicht, dass, wenn es selbst dort nicht klappte, in Frieden miteinander auszukommen, wo man einander mochte, es wohl kaum im Großen gelingen konnte, wo sich die Menschen gegenseitig die Fensterscheiben einschlugen, bloß weil sie auf der anderen Straßenseite wohnten, und die andere Straßenseite meinte das Ende der Welt, weil man protestantisch war oder katholisch. Alles wurde fein säuberlich getrennt. Und dabei war Cathal nicht einmal Protestant, auch kein halber wie Robin. Und Robin mochte Cathal. Immer noch. Sehr sogar. Und das tat weh.
Da war es wieder, sobald Robin an Cathal dachte: der Regen, der in Robin fallen wollte, aber nicht fallen durfte. Nicht jetzt zumindest. Und morgen auch nicht. Am besten nie. Weil Robin die Dinge ab sofort selbst in die Hand nehmen würde. Er würde endlich etwas tun, damit das ganze Durcheinander aufhörte.
„Ich will dir etwas zeigen“, sagte Robin schnell, und er schwenkte den Farbeimer. „Damit es aufhört. Kommst du mit?“
„Was hast du da?“
„Farbe!“ Robin grinste breit und hoffte sehr, Siobhan würde trotz des Dämmerlichts unter der Brücke erkennen, wie wunderbar heldenhaft er sich benahm. „Orange Farbe.“
„Orange Farbe?“
„Ja, Orange. Wie bei Wilhelm von Oranien, dem miesen Verräter. Orange wie bei den Protestanten. Und Orange wie in der irischen Trikolore. Und jetzt werde ich dafür sorgen, dass alles aufhört, wenn du verstehst, was ich meine.“
Siobhan sah nicht aus, als ob sie verstehen würde, was Robin meinte. Trotzdem sprang sie vom Stein. „Einverstanden“, sagte sie. „Wohin gehen wir?“
„Zu mir nach Hause“, sagte Robin. Er freute sich, dass Siobhan mitkam. „Oder zumindest bis vor die Haustür. Gleich wirst du sehen, wie scheußlich es aussieht. Aber bald ist das vorbei!“
Während sie durch die Straßen von Portamena liefen, sprachen sie nicht miteinander. Und sie liefen auch nicht wirklich, Siobhan hüpfte eher an Robins Seite, ein Bein auf dem Gehweg, das andere versenkte sie im Rinnstein. Und Robin dachte, wie überaus verwunderlich es doch war, dass er jetzt hier ging, mit einem Farbtopf in der einen Hand und einem leibhaftigen, hüpfenden Mädchen auf der anderen Seite.
Siobhan hopste und hopste, bis sie plötzlich einen riesengroßen Hopser machte und sich an Robins Arm klammerte. Der Farbeimer wackelte. „Hilfe!“
Im Rinnstein lag eine Plastiktüte.
Eine leere Plastiktüte, um genau zu sein. Als Siobhan das bemerkte, ließ sie Robins Arm zu seinem Bedauern wieder los. „Ach, du meine Güte!“, schnaufte Siobhan. Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, als wollte sie sich bestrafen. „Da habe ich mich aber erschrocken und dabei ist es nichts weiter als eine dumme, herrenlose Plastiktüte – und auch noch leer! Und ich bin glatt drauf reingefallen.“ Sie lachte. Dann hopste sie weiter, als wäre nichts geschehen. Weder ihr riesengroßer Hopser noch ihr Robinfestklammern.
„Erschrickst du auch immer so, wenn du was im Rinnstein liegen siehst? Eine herrenlose Tasche? Oder einen Koffer? Oder eben eine Tüte?“
Robin verstand Siobhans Frage nicht. „Natürlich erschrecke ich da“, sagte er, „das ist doch normal!“
Und er wollte hinzufügen: „Aber ich erschrecke mich nicht vor Plastiktüten und erst recht nicht, wenn sie leer sind!“ Aber das sagte er nicht; es hätte Siobhan vielleicht beleidigt.
Herrenlose Koffer durfte es nämlich nicht geben in Nordirland; das war völlig klar und jedermann einsichtig. Herrenlose Koffer gehörten schnellstmöglich von der Straße entfernt. Es konnte schließlich sein, dass in dem Koffer eine Bombe steckte. Und normalerweise enthielten Koffer, die einfach auf der Straße herumstanden, auch wirklich eine Bombe. Eine tickende Bombe, die jederzeit hochgehen konnte.
„Aber hör mal“, sagte Siobhan, und sie hörte zu hopsen auf und sah Robin streng an. „Das ist nicht normal, wenn wir vor jedem Koffer zittern, weil er eine Bombe enthalten könnte. Normal ist es, wenn in einem Koffer Kleidung steckt. Eine Zahnbürste. Ein Buch. Ein Rasierapparat, wenn es ein Mann ist, der verreist, weil Männer einen Rasierapparat brauchen, wenn sie verreisen. Eine Bombe in einem Koffer ist alles andere als normal und dass wir vor jedem leeren Koffer zittern, auch. Ich würde sogar sagen, es ist das Gegenteil von normal.“
So hatte Robin das bislang nicht gesehen. Dieses Mädchen übte eine eigenartige Wirkung auf ihn aus. Sie brachte Robin auf Gedanken, die er nie zuvor gedacht hatte – und vielleicht auch gar nicht denken wollte – und bewirkte, dass er die Dinge von einer anderen Seite betrachtete. Anders eben.
Das wollte Robin nicht. Und schon gar nicht jetzt, da er gerade dabei war, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Damit alles aufhörte. Darum war er sehr erleichtert, als sie vor ihrer Haustür ankamen. Robin zeigte auf Mums halb fertig angepinselten Bürgersteig. Über die Bordsteine liefen unregelmäßige Streifen in breitem Grün. Mums zerrupfte Schafweide. „Siehst du, wie furchtbar es ausschaut?“ Robin flüsterte es beinahe. Siobhan sagte nichts. Sie stand still da und betrachtete Mums Werk.
„Aber gleich hört es auf“, sagte Robin, der Siobhans Schweigen nicht länger ertrug. Siobhans eindringliches Betrachten, als wären Mums Pinselstriche ein Kunstwerk, beunruhigte ihn. „Du wirst sehen, dass ich es ändern kann.“
Robin öffnete den Farbtopf. Er tunkte den Pinsel ein. Schon holte er aus und wollte die grünen Streifen mit orangenen vervollständigen, ganz wie es sich gehörte, als …
„Nein!“
Siobhans Schrei zerschnitt die Luft wie ein Messer. Robin hielt den Pinsel an. „Mach es nicht!“, rief Siobhan. „Wenn du willst, dass es aufhört, musst du selbst mit dem Aufhören anfangen!“
Robin ließ den Pinsel sinken.
Was Siobhan sagte, leuchtete ihm ein, wenn auch mehr mit dem Kopf als mit dem Bauch. Robin verstand, was sie meinte. Aber es gefiel ihm nicht. Es gefiel ihm ganz und gar nicht. Wie es ihn auch störte, dass der Bürgersteig vor ihrer Haustür noch immer aussah, wie er nun mal aussah – so unverschämt und grenzenlos unvollkommen.
„Weißt du“, sagte Siobhan und sie warf ihre roten Haare über die Schultern, „ich finde euren Bürgersteig eigentlich sehr hübsch.“ Und sie sagte „sehr“ sehr betont. Seeeehr hübsch, als würde sie das Wort mit vielen E aussprechen. „Er ist originell. Anders als alle anderen. Wenn du verstehst, was ich meine!“ Und wie sie das sagte, mit einem Mund, bei dem sich links und rechts die Grübchen in die Wangen gruben, und mit einem verschmitzten Funkeln in den Augen, glaubte ihr Robin sogar.
Auch wenn alles ganz anders gekommen war, als Robin sich das vorgestellt hatte. Vor allen Dingen war er selbst von dem Helden, den er hatte spielen wollen, meilenweit entfernt, als er nun vor dem unfertigen Bürgersteig stand wie einer, dem man im vollen Lauf einen Stock zwischen die Beine geworfen hatte. Mit einem Farbeimer in der einen Hand und einem Pinsel in der anderen. Und vom Pinsel tropfte die Farbe. Lauter orangene Tupfen, die sich über Mums Grün verteilten, als wären es vom Wind verpustete Blütenblätter.