Als Robin zu Hause ankam, hatte er einen vollen Bauch. Aber sein Kopf brummte weitaus voller. Robin dachte an den Regenbogen und an den Plumpudding. An das, was Schwester Basilea gesagt hatte, und an das, was er gesagt hatte, dachte er auch. Hauptsächlich aber erinnerte er sich an den kleinen gefiederten Sänger, der in der Stechpalmenhecke unter lauter piksenden Zweigen gesessen und aus voller Kehle gesungen hatte, als würde alle Welt ihm lauschen.
Ein Rotkehlchen war das gewesen, genau wie Robin hieß. In seinem Zimmer schlug Robin sofort im Tierlexikon nach. Unter R wie Rotkehlchen. Das ABC der Tiere hatte er schon lange nicht mehr angerührt. Eine dicke Staubschicht bedeckte die Seiten. Robin pustete sie fort.
„Das Rotkehlchen ist ein kleiner Vogel mit großem Kopf und großen Augen“, las er. „Es stammt aus der Familie der Fliegenschnäpper und ist ein überaus begabter Sänger. Das Rotkehlchen kennt zweihundertfünfundsiebzig verschiedene Tonfolgen, die es nach Lust und Laune zusätzlich verändert. Obwohl das Rotkehlchen auf ziemlich dünnen Beinen steht, bekommt es keine kalten Füße, denn es verfügt über einen besonderen Blutkreislauf, der es wärmt. Im Winter plustert es sich außerdem zu seinem doppelten Umfang auf; so friert es nicht. Jedes Rotkehlchen weiß, wo sein Zuhause liegt, weil es eine Art Karte im Kopf trägt. Wenn es fliegt, richtet es sich an den Sternen und dem Erdmagnetfeld aus. Deshalb hat das Rotkehlchen auch wesentlich zur Entdeckung und wissenschaftlichen Anerkennung des Magnetsinns beigetragen.“
Als Robin vom Erdmagnetfeld und den Sternen las, dachte er wieder an die Plejaden, von denen Big Chief ihm erzählt hatte. Noch immer hatte Robin sie nicht entdeckt. Und nun folgte ausgerechnet das Rotkehlchen den Sternen, obwohl es deren Namen gar nicht kannte. Oder kannte es sie vielleicht doch?
Robin las weiter.
„Die alten germanischen und keltischen Volksstämme Europas verehrten das Rotkehlchen. Sie glaubten, das Rotkehlchen würde wegen seiner roten Brust die Sonne tragen und zu den Menschen bringen.“ Das war der letzte Satz, der in Das ABC der Tiere unter R stand. Nach dem Rotkehlchen kamen die Schlangen, weil gemäß dem Alphabet das R auf das S folgte. Nach den Schlangen kamen die Tiger, denn nach dem S stand im Alphabet das T. Tiger und Schlangen interessierten Robin jetzt nicht. Er hatte heute schon genug über Schlangen nachgedacht, als er am Morgen auf dem Marktplatz über die Rinde der Platanen gestaunt hatte.
Robin klappte das Buch zu und sah zum Fenster. Vor dem Fenster stand der kahle Baum, dessen Namen niemand kannte. Aber den Vögeln machte das nichts aus; sie brauchten weder Bestimmungsbücher noch Namen, um auf den Bäumen zu nisten. Andererseits gaben die Vögel den Bäumen vielleicht doch Namen, nur waren es dann Vogelnamen? Und zumindest die Vögel wussten ganz genau, wie der Baum da draußen hieß?
Jedenfalls hockten sie mit zierlichen, von besonderen Blutkreisläufen durchzirkelten Füßen auf kahlen Winterbäumen – Namen hin oder her – und zwitscherten ihre Lieder ohne zu frieren. Und falls es sich bei dem Vogel um ein Rotkehlchen handelte, bestand das Lied aus zweihundertfünfundsiebzig nachgewiesenen, sich fortlaufend verändernden Motiven. Ein Rotkehlchen konnte allerdings auch unter Dornen nisten, das hatte Robin ja gesehen, und manchmal war es eben eine Stechpalmenhecke, in der es sang und sang und sang.
Aber was Robin jetzt hörte, waren kein Gesang und auch kein Lied, obwohl er es sicherlich längst in mehr als zweihundertfünfundsiebzig fortlaufenden Variationen vernommen hatte. Es waren die Stimmen seiner Eltern, die sich in der Küche unterhielten. Erst klangen ihre Stimmen gedämpft. Bald tönten sie lauter. Und lauter. Offenbar war Big Chief von seinem Sonntagmorgen-großen-Rausch-Ausschlafen aufgewacht, und nun besprachen er und Mum den Ernst der Lage. Wobei Ernst der Lage hieß, dass weder genug Big Chief noch genug Geld im Haus waren – fand Mum. Weil Big Chief zu oft ins Ochsenauge ging und das Geld gleich mitnahm – auch das fand Mum. Weshalb folglich beide, Big Chief und das Geld, zu Hause fehlten. Das sagte Mum. Neu war das alles nicht. Gleich würde Mum Big Chief verbieten, ins Ochsenauge zu gehen, und dann würde er es erst recht tun. Weil das Ochsenauge Big Chiefs Magnet blieb, wie die Sterne für das Rotkehlchen. Unaufhaltsam – als wäre Big Chief ein aus dem Nest gefallener Vogel – wurde er davon angezogen.
Es dauerte wirklich nicht besonders lange und Robin hörte die Haustür zuschlagen.
Big Chief war fort.
Ausgeflogen ins Ochsenauge.
Und in der beredten Stille, die daraufhin einsetzte, brummten die Fragen in Robins Kopf nur umso dringlicher.
„Wie geht es dir?“, hatte Schwester Basilea wissen wollen. Robin hatte darauf keine Antwort gewusst. Wie sollte das auch sein, da Robin gar nicht wissen wollte, wie es ihm ging? Nichts erschien ihm unheimlicher, als in sich hineinzuhorchen und dabei womöglich etwas zu entdecken, das er nicht entdecken wollte. Etwas, das ihm nicht gefiel. Denn auch wenn Schwester Basilea behauptet hatte – sie hatte es beteuert –, es sei nicht schlimm, verletzlich zu sein, das Rotkehlchen sei es schließlich auch und singe dennoch und blabla, ließ es sich nicht von der Hand weisen, dass Robin KEIN Vogel war, auch wenn er wie ein Vogel hieß. Nein. Nein. Nein. Robin war nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher, schlaksiger elfjähriger Junge mit einer äußerst dünnen Haut. So dünn war seine Haut, dass sie jederzeit aufreißen konnte, wenn er hinfiel. Dann blutete es und das tat weh. Und das wollte Robin nicht.
Wenn er allerdings, freilich nur ganz sachte, doch ein kleines bisschen in sich hineinfühlte, merkte Robin, dass auch er von etwas angezogen wurde wie die Vögel von den Sternen und Big Chief vom Ochsenauge. Nur waren es weder das Ochsenauge noch die Sterne, die Robin lockten, sondern der geheime Ort. Und auch nicht der geheime Ort, um genau und ehrlich zu sein, sondern ein Mädchen. Und auch nicht irgendein Mädchen, um genau und ehrlich zu sein, sondern ein Mädchen mit rotem Haar, aber nicht so rot wie Mums, eher rot wie Rost. Und wenn Robin jetzt noch ein winziges bisschen tiefer in sich hineinhorchte, dann spürte er zudem, wie sehr er sich wünschte, Siobhan würde wirklich dort unter der Brücke auf dem Stein sitzen und auf ihn warten. Auch wenn dies vermutlich bar jeder Vernunft war und jenseits jeglicher Wahrscheinlichkeit lag und sicherlich in Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten einginge, falls es dennoch zuträfe.
Die Sache verhielt sich jedoch so: Plötzlich, beim Lesen, war Robin etwas klar geworden, und das wollte er Siobhan unbedingt mitteilen. Denn nun verstand er, dass auch sein Name etwas bedeutete. Und womöglich enthielt sein Name sogar eine Botschaft, so wie man einen Wegweiser aufstellte, damit die Leute wussten, wo es langging. Auch wenn Robin diese Botschaft noch nicht hatte entschlüsseln können. Aber Siobhan konnte es bestimmt.
Robin schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter und an der Küchentür vorbei. Er wusste, dass Mum jetzt am wackeligen Küchentisch saß. Das Kinn hatte sie in ihre Hände gefaltet und sie starrte in den haselnussbraunen Tee mit Augen, die nichts fassten, weil sie nach anderen Dingen Ausschau hielten. Das wollte Robin nicht sehen. Aber Siobhan sehen wollte er schon.
Doch als er zu dem geheimen Ort unter der Brücke kam, traf genau das ein, was er befürchtet hatte: Der große Stein war leer. Siobhan war nicht gekommen.