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„Sie trösten mich“ – Am Himmel die Sterne

Der alte Mann wurde in der Ferne immer kleiner. Er schrumpfte. Bald war er nicht mehr zu sehen. Der alte Mann hatte recht. Robin sollte nicht so rasch aufgeben, er sollte es noch einmal versuchen. Siobhan suchen. Was vielleicht dasselbe war. Denn wenn sie vorhin nicht unter der Brücke gesessen hatte, so konnte sie doch jetzt dort sitzen. Und war sie nicht ohnehin immer erst am späten Nachmittag aufgetaucht, wenn Robin es sich recht überlegte?

Robin ging zurück zur Brücke und linste hinunter zum Fluss. Auf dem großen Stein saß eine schmale Mädchengestalt, und über ihren Rücken fiel langes Haar. Rostrotes Haar.

Siobhan war wieder da!

Robin kletterte den Hang hinunter.

Siobhan drehte sich um. Sie lächelte. „Hallo, Robin“, sagte sie, „suchst du mich?“

„Ich habe auch über meinen Namen nachgedacht“, sagte Robin, und er wunderte sich, dass er sich nicht wunderte, dass Siobhan hier saß auf seinem Stein, der vielleicht gar nicht sein Stein war, sondern all denen gehörte, die alleine unter einer Brücke sitzen wollten. Oder dort aufeinander warteten. Was vielleicht dasselbe war. „Hockst du eigentlich immer hier?“, fragte er.

„Nur, wenn ich auf dich warte“, sagte Siobhan.

Das war freilich eine Antwort, die so unklar blieb wie keine Antwort. Trotzdem genügte sie Robin. Wie merkwürdig!

Robin beschloss, dass er sich nicht von Siobhan durcheinanderbringen lassen würde, auch wenn sie so eine Art hatte, ihn durcheinanderzubringen und die Gedanken in seinem Kopf verquirlte, als schlüge sie dort mit einem Rührbesen. Er war hergekommen, um mit ihr über gewichtige und tiefe Dinge zu sprechen; davon wollte er sich nicht abbringen lassen.

„Hast du gewusst, dass ein Rotkehlchen auch unter Dornen nisten kann?“, fragte er.

Siobhan warf ihre Haare über die Schulter, dass sie im Dämmerlicht unter der Brücke glitzerten wie ein Wasserfall aus Rost. „Genau wie du“, sagte sie.

Robin räusperte sich. „Selbst wenn es weit weggeflogen ist, findet es zurück nach Hause, weil es den Sternen folgt. Und dem Erdmagnetfeld.“

„Aha, dem Erdmagnetfeld“, sagte Siobhan, „und wem folgst du?“

„Das ist es ja“, seufzte Robin, „ich weiß es nicht.“

„Das ist auch sehr schwer“, gab Siobhan zu. Und einen winzigen Augenblick lang glaubte Robin, dass alles in Ordnung kommen würde, wenn er es nur einfach einmal sein ließe, wie es eben nun mal war. Auch den Schmerz. Und auch die Wut. Und die Angst. Die Angst vor allen Dingen.

Das Durcheinander brauchte nicht anzuhalten, aber vielleicht genügte es, wenn er ihm einmal zu verstehen gab, dass er es sah? Danach konnte das Durcheinander gerne wieder weiterziehen.

„Magst du vielleicht ein bisschen rumlaufen?“, fragte Siobhan plötzlich. „Hier unten ist es ziemlich düster. Und oben leuchten die Sterne!“

„Die Sterne.“ Robin fühlte sich ertappt, als hätte Siobhan ein Geheimnis ausgeplaudert. „Klar können wir spazieren gehen, wenn du möchtest.“

Sie kraxelten den Hang hoch.

„Kennst du dich aus mit Sternen?“, fragte Robin.

„Nein“, sagte Siobhan, „nicht wirklich. Aber die ich kenne, zeige ich dir.“

Inzwischen lag die Uferpromenade verlassen da. Sie durchstreiften den schmalen Kiesweg allein. Plötzlich blieb Siobhan stehen. Sie packte Robin am Ärmel, als wollte sie ihn festhalten, und schob ihren Arm in den Himmel. „Schau!“, sagte sie. „Über dem Turm von Sankt Patrick’s steht der Große Wagen. Er sieht aus wie eine Schubkarre. Mit einer Stange daran!“

Mit Siobhans Hilfe fand Robin das Sternbild. Daneben entdeckten sie den Orion. Mit seinem funkelnden Gürtel aus drei Sternen war es einfach, den Umriss des himmlischen Kriegers ausfindig zu machen. Sogar seinen Speer, den er in die kosmischen Jagdgründe schleuderte, fanden sie.

„Wahrscheinlich hältst du mich für albern, aber die Sterne trösten mich“, sagte Siobhan. „Vielleicht weil sie immer da sind. Selbst wenn ich sie nicht sehe, weil es regnet. So wie jetzt.“ Sie lachte. Tatsächlich hatte es zu tröpfeln angefangen, aber nur leicht. Sie zogen sich die Mützen über die Köpfe und schlenderten zurück zur Brücke. Die Brücke war die Trennlinie. Siobhan würde in die eine Richtung gehen, Robin in die andere. Über die Brücke. Fort von ihr. Aber noch waren sie nicht da.

„Wenn ich traurig bin und in den Himmel schau“, sagte Siobhan, „und ich sehe die Sterne über mir funkeln, dann denke ich manchmal an einen Satz aus der Bibel, den meine Oma mir gesagt hat: Gott zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.“

„Alle Sterne mit Namen?“ Das konnte Robin sich nicht vorstellen. „Es gibt doch viel zu viele Sterne. Wie soll das gehen?“ Siobhan zuckte mit den Achseln. „Das weiß ich nicht. Ich bin ja auch nicht Gott.“

„Mein Dad kennt nur die Plejaden“, sagte Robin.

„Die Plejaden?“ Siobhan klang erstaunt. „Von denen habe ich noch nie etwas gehört. Zeigst du sie mir?“

Jetzt musste Robin passen. „Du findest sie nur, wenn du sie suchst, aber du darfst nicht drängeln“, sagte er. Er wusste, dass es merkwürdig klang. „Frag nicht, was das bedeutet!“, sagte er schnell. „Ich habe nämlich selbst keine Ahnung.“

Aber Siobhan fragte nicht und sie sagte auch nichts mehr. Noch einmal sahen sie hinauf zu den Sternen, die über ihnen glitzerten. Dann wurden ihnen die Köpfe schwer und die Nacken steif und ihre Gesichter feucht vom Nieselregen.

„Mein Daddy hat mir nie so was erzählt“, fing Siobhan plötzlich wieder an, als sie langsam weitergingen und die Brücke immer näher rückte. „Tatsache ist, dass ich meinen Dad gar nicht kenne, weil er schon weg war, ehe ich geboren wurde.“

„Wie weg?“, fragte Robin. Und er dachte: Ist er gestorben? Oder sitzt er im Gefängnis? Als ob es in Nordirland nur diese zwei Möglichkeiten gäbe, dass ein Vater verschwinden konnte!

Aber Siobhan antwortete Robin nicht, als hätte er die Frage nie gestellt. „Ich wohne alleine mit meiner Mutter und meiner Großmutter. Und das meiste, das ich weiß, weiß ich von ihr. Oder von Omas Freundin, die auch eine alte Frau ist und furchtbar schlau.“

Sie waren bei der Brücke angekommen. Über ihnen, zwischen all den Sternen, leuchtete ein halber Mond, eine buttergelbe Sichel. Gleich geht sie; dann ist es zu spät!

„Hör mal“, sagte Robin. Er räusperte sich. „Als ich neulich die Bordsteine anpinseln wollte. In Orange. Das war … Na ja.“ Robin schluckte. Er hatte nicht gewusst, wie schwer es sein konnte, etwas von sich zu erzählen. „Das war natürlich eine Schnapsidee.“

Robin hätte gerne noch mehr gesagt, zum Beispiel warum er die Bordsteine hatte anpinseln wollen. Und wieso er es letztlich doch nicht gemacht hatte. Und dass er es deswegen für eine Schnapsidee hielt, weil er ihr längst recht gab: Man musste aufhören, damit etwas Neues anfangen konnte.

Trotzdem wusste Robin immer noch nicht, wie das mit dem Aufhören ging. Und wie er es Siobhan erklären sollte, wusste er auch nicht. Als wären auf der ganzen Welt keine Worte vorhanden für das, was er ihr mitteilen wollte.

„Ich …“, versuchte es Robin, und dann klappte er den Mund wieder zu. Siobhan sah ihn ruhig an und der Mond über ihnen hielt still, als würde er lauschen. Robin holte Luft, es klang wie ein Seufzer. „Als du mich vor ein paar Wochen gefragt hast, wie es mir geht und ob mein Auge wehtut, habe ich gelogen. Ich habe gesagt, es tue überhaupt nicht weh. In Wirklichkeit habe ich keine Ahnung, wie es mir geht. Ich weiß nicht einmal, wie ich dir sagen soll, dass ich es nicht weiß.“

Jetzt wird sie lachen, dachte Robin. Mich auslachen. Stattdessen kramte Siobhan etwas aus ihrer Hosentasche und hielt es Robin hin. In ihrer Handfläche schimmerte, blässlich weiß wie Milch, die jemand verschüttet hatte, ein flacher Stein. „Den schenke ich dir“, sagte Siobhan. „Ich habe ihn am Fluss gefunden unter der Brücke, du weißt schon wo, und sofort an dich gedacht.“

Der Stein fühlte sich weich an, als hätte ihn das Wasser im Fluss glatt geschliffen, wie es alle Kiesel im Fluss glatt schliff, und er trug eindeutig die Form eines Herzens.

„Danke!“ Robin fiel immer noch nichts Geistreicheres ein, keine tiefgründigen, weltbewegenden Sätze. Aber Siobhan schien es nicht zu stören und da betrübte es ihn auch nicht mehr.

„You are welcome!“, sagte Siobhan. „Gern geschehen!“

Sie grinsten einander an.

Dann verabschiedeten sie sich.

Diesmal machten sie es stilvoller. Statt „Na dann!“ sagten sie: „Bye, bye und auf bald!“

Als Robin ans Ende der Brücke gelangt war, fiel es ihm ein wie ein jäher Schmerz, ein Schreck: Wieder hatte er versäumt, Siobhan zu fragen, wie er sie finden konnte!

Robin drehte sich ruckartig um.

Siobhan stand noch immer an der Stelle, an der sie einander Auf Wiedersehen gesagt hatten. Als hätte sie auf ihn gewartet.

„Wo wohnst du?“ Robin rief es durch die Dunkelheit und der Schall schob die Worte in Wellen über die Brücke. Drüben hob Siobhan die Arme und malte Kreise in die Luft. Offenbar hatte sie ihn nicht verstanden.

Robin legte die Hände vor den Mund und formte einen Trichter: „WO FINDE ICH DICH?“

Diesmal antwortete Siobhan, aber nun war es Robin, der nicht wusste, ob er richtig gehört hatte. „Du findest mich, wenn du mich suchst. Aber du darfst nicht drängeln!“

Hatte sie das wirklich gerufen?

Oder hatte Robin es bloß hören wollen?