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„Den hast du vergessen“ – Ein Schuh fliegt durch die Nacht

Der Stein fühlte sich nicht nur wunderbar an, er passte auch hervorragend in Robins Hosentasche. Denn da das Geld darin inzwischen fort war – ausgegeben für orange Abtönfarbe und eine weiße Rose – und der Glaskugeljesus wieder in Robins Zimmer auf der Kommode stand, gehörte die Tasche dem steinernen Herzen allein. Fraglos gebührte ihm daheim ein Ehrenplatz.

Robin würde den Stein auf die Kommode legen neben Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten, Das ABC der Tiere und den Herrn Jesus in der Glaskugel. Und er würde zu dem Herrn Jesus in der Glaskugel sagen: „Schau, den Stein habe ich geschenkt bekommen! Von Siobhan.“ Und dann würde er den Herrn Jesus fragen, ob nicht auch das ein Opfer sein konnte, aber eins, das ohne Blutvergießen auskam und die Leute fröhlich machte. Denn Siobhan hatte Robin gezeigt, wie es ging.

Und da dachte Robin, dass auch er es versuchen und sich mit Cathal versöhnen sollte, am besten gleich morgen früh, wenn die Woche wieder anrollte mit ihrer üblichen Reihenfolge aus Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter und so fort. Und es störte ihn nicht einmal, dass auf diese Weise er es sein würde, der mit dem Aufhören anfing.

Der Gedanke entzückte Robin. Er stimmte ihn froh – und übermütig. Und übermütig bedeutete, dass Robin beschloss, unverzüglich heimzugehen, also: schnurstracks vorbeigestapft an der Königlichen Polizeiwache von Portamena, ohne im großen Bogen auf die andere Straßenseite zu wechseln. Mit einem Stein, der von Siobhan kam und einem Herzen glich, war das schließlich nichts weiter als ein Klacks, ein Kinderspiel gewissermaßen.

Trotzdem blieb Robin immer wieder stehen. Er kramte Siobhans Stein aus der Tasche und betastete ihn. Er fühlte die feine Delle oben, die glatten Wölbungen der Seiten, die winzige Spitze unten. Und während Robin in einem fort anhielt, den Stein aus der Tasche zog, ihn betastete, einsteckte und weiterging, kam er, ohne jeden Zwischenfall und ohne von einem Polizisten überrascht zu werden, an der Königlichen Polizeiwache vorbei und zu Hause an.

„Hallo, Mum! Hallo, Dad! Ich bin wieder da!“

Im dunklen Flur blieb es still, niemand antwortete, wie es überhaupt auffallend ruhig war im ganzen Haus.

Robin linste in die Küche. Mum lehnte am Spülstein. In der Hand hielt sie einen Becher mit Tee. Haselnussbrauner Tee. Assam ohne Milch und ohne Zucker. Ihr gegenüber stand Big Chief am wackeligen Küchentisch. Er umklammerte die Tischkanten, als versuchte er, nicht allzu sehr zu wackeln, und dabei war es doch der Küchentisch, der immerzu wackelte, und deshalb wackelten nun beide. Offenbar war auch Big Chief gerade erst nach Hause gekommen, denn er trug noch seine Jacke, und sicherlich kam er vom Ochsenauge, denn seine Jacke stank nach erkaltetem Zigarettenqualm.

Deshalb war alles wie immer. Und dann auch wieder nicht.

Denn während Robin in die Küche lugte, sagte Mum etwas, das Robin sie schon oft hatte sagen hören. Aber jedes Mal hatte ihre Stimme dabei laut und schrill geklungen.

Jetzt klang sie leise und gefasst.

„Ich ertrage es nicht länger“, sagte Mum, „ich ertrage es nicht länger mit dir.“ Sie sagte es vollkommen ruhig, als würde sie sagen: „Heute regnet es.“ Und damit war es eine Feststellung. Und das „mit dir“ sagte sie besonders deutlich, weil es darauf ankam: Sie ertrug es nicht länger mit Big Chief, der ihr Mann und Robins Vater war.

Mum stellte ihren Becher neben die Spüle. Sie sah Big Chief an, ohne mit der Wimper zu zucken, und sie sagte, ohne laut zu werden dabei: „Und das Beste wäre, du würdest jetzt gehen. Egal wohin. Auch ins Ochsenauge. Aber komm, bitte schön, nicht wieder.“

Danach herrschte eine fürchterliche Stille.

Die Stille war nicht beredt, sondern laut.

Die Uhr an der Wand tickte. Tick, tack, tock. Der Wasserkessel rauschte. Sch, sch, sch. Robins Herz klopfte. Bumm, bumm, bumm. Das Radio knisterte. Knister, knister, knister. Alles tickte, rauschte, klopfte und knisterte gleichzeitig, und alles tickte, rauschte, klopfte und knisterte ohrenbetäubend laut. Ticktacktock. Schschschsch. Bummbummbumm. Knisterknisterknister.

„Gut“, sagte Big Chief, „dann gehe ich. Ich muss nur noch meine Sachen packen. Wenn du erlaubst.“ Big Chief schwankte an Robin vorbei die Treppe hoch. Er sah Robin nicht an.

Robin hörte, wie Big Chief im Schlafzimmer den großen Reisekoffer vom Schrank zurrte. Der große Reisekoffer hatte schon viele Jahre auf dem Schrank gelegen und darauf gewartet, dass jemand mit ihm verreiste. Das geschah fast nie. Die letzte große Fahrt war Mums und Dads Hochzeitsreise gewesen. Damals hatte es Robin noch nicht gegeben und er wusste nur davon, weil seine Eltern es ihm erzählt hatten. Wie in einer Märchenstunde, die jetzt vorüber war.

Denn nun kramte Big Chief seine Sachen aus dem Schrank. Seine Pullover. Seine Hosen. Ein paar Socken. Den Pyjama. Big Chief besaß nicht viele Kleidungsstücke. So dauerte es auch nicht besonders lange und er kam die Treppe wieder hinuntergewankt. In der Hand hielt er den großen Reisekoffer. Es war kein herrenloser Koffer, vor dem sich Robin oder sonst wer hätte fürchten müssen, weil er möglicherweise eine Bombe enthielt. Es war ein ganz normaler Koffer – wie jeder andere Koffer auch, den man für eine Reise brauchte. Vermutlich hatte Big Chief noch seinen Rasierapparat hineingelegt, wie es Männer nun mal taten, wenn sie verreisten.

Big Chief ging langsam, aber auch sehr zielstrebig. Er schlurfte durch den Flur an der Küche vorbei bis zur Haustür.

In der Küche stand Mum und kehrte ihnen den Rücken zu. Mum sah zum Fenster hinaus, doch weil es draußen dunkel war, blickte ihr nur ihr eigenes Spiegelbild entgegen.

An der Haustür drehte sich Big Chief um.

„Deine Mutter hat recht, Robin“, murmelte er, „du siehst ja, dass es nicht geht. Weil ich katholisch bin und deine Mum ist … nun, sie ist anders. Deshalb geht es nicht. Jedenfalls nicht für uns.“

„Wie anders?“, fragte Robin. Aber darauf gab Big Chief keine Antwort; vielleicht wusste er selbst keine.

Der Flur war eng. Big Chief war groß. An den Wänden hingen eine Menge gerahmter Fotos. Schon oft war Big Chief an den Fotos hängen geblieben und hätte sie bestimmt zu Boden gefegt, hätte Mum nicht ihre Rahmen zentimetertief in die Wand genagelt.

Auf den Fotos lachten die Gesichter von der Oma und dem Opa, die katholisch waren. Daneben hingen die Fotos von der Oma und dem Opa, die protestantisch waren. Dazwischen hingen die Fotos von Robin, der ein Gemisch aus beidem war, protestolisch, katholtantisch. Robin, als er sein erstes Rad bekommen hatte. Robin mit einem Pflaster über dem Knie und einem breiten Grinsen auf den Lippen. Robin bei seiner Erstkommunion mit Kerze, Gesangbuch und Rosenkranz. Und mittendrin, als würde es von all den anderen Fotos umarmt, hing ein Foto von Robin, als er noch ein Baby gewesen war. Auf dem Foto hielt Big Chief Robin im Arm und Big Chiefs staunender Blick verriet, wie wenig er es glauben konnte, dass dieses federleichte Bündel sein Sohn sein sollte. Und über Big Chiefs Schultern blickte eine junge Frau mit roten Haaren, die selbst auf dem ausgeblichenen Foto aussahen, als wären sie rot gefärbt. Und die junge Frau lächelte in die Kamera, als könnte sie alles tragen – die ganze Last der Welt und ganz bestimmt diesen Mann und den kleinen Jungen in seinen Armen, der auch ihr Sohn war.

Doch auch das gehörte jetzt zur Vergangenheit.

Im engen, dunklen Flur wirkte Big Chief nicht mehr so besonders groß und stark, sondern eher klein und wie erschlagen von den vielen Bildern und den Wänden links und rechts. Vor allem, weil er nun die Schultern hängen ließ und den Kopf einzog. Dort stand ein großer Mann, der sich duckte. Einer, der aufgab. Und davonlief.

„Eines Tages wirst du es verstehen“, murmelte Big Chief, „wenn du größer bist.“

Dann ging er. Er ging durch die Haustür, wie er immer durch die Haustür gegangen, aber wieder zurückgekommen war, und die Haustür fiel hinter ihm zu mit einem hässlich lauten Knall – als wollte sie alle daran erinnern, dass Big Chief nun wirklich fort war.

Offenbar gab es doch mehr als zwei Möglichkeiten, wie ein Vater in Nordirland verschwinden konnte: Er konnte einfach weggehen, so wie Big Chief soeben weggegangen war.

Big Chief hatte seinen Koffer genommen und zuvor hatte er den Koffer gepackt. Die Polizei würde Big Chiefs Koffer nicht in die Luft sprengen, weil der Koffer nicht herrenlos herumstehen und den Leuten Angst einjagen würde. Denn Big Chief achtete auf seinen Koffer, schließlich brauchte er die Zahnbürste und den Rasierapparat und die frischen Socken für den neuen Tag.

Plötzlich drehte sich Mum um und stürmte die Treppe hoch.

Robin hörte sie durchs Schlafzimmer trampeln. Wenig später schlug oben krachend das Fenster auf.

„Den hast du vergessen!“, brüllte Mum. „Deinen blöden Turnschuh hast du einfach liegen lassen!“

Und durch die Nacht segelte, glitzernd hell wie eine Sternschnuppe, ein weißer Turnschuh. Er purzelte auf Mums Schafswiesenbürgersteig, überschlug sich dort zweimal, dreimal, kullerte dann in den Rinnstein, wo sich Big Chief danach bückte, ihn aufhob und mitnahm, wohin, wusste keiner.

Es war Big Chiefs linker Turnschuh, den rechten hatte er sicherlich eingepackt. Denn einschuhig würde selbst Big Chief nicht davonlaufen. Das konnte sich Robin jedenfalls nicht vorstellen.