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„Das hast du sicher schon vermisst?“ – Fast zu viele, wenn auch schöne Überraschungen

Der kürzeste Weg zum Fluss führte eindeutig an der Königlichen Polizeiwache von Portamena vorbei.

Robin holte ganz tief Luft und wechselte die Straßenseite nicht. Wie hatte er die hohen Mauern mit den klobigen Wachtürmen je für eine Ritterburg halten können? An ihnen war rein gar nichts ritterlich, auch wenn die Polizeiwache durchaus einer Festung glich. Aber es war eine Festung aus Angst. Jeder Stein, aus dem sie erbaut worden war, erzählte davon, dass die Menschen noch nicht gelernt hatten, der Liebe zu vertrauen.

„Suchst du das?“

Aus dem Dunkel der Mauer war eine vertraute Gestalt getreten. Hugh wirkte hünenhaft wie ein Riese, wie der heilige Christophorus. Doch in seinen Händen hielt er nicht das Jesuskind, in seinen Händen hielt er … Robin stockte der Atem. Es war nicht zu fassen: Das steinerne Herz war wieder da! Hugh hatte es gefunden.

„Das hast du sicher schon vermisst, nicht wahr?“

Der Polizist, der Hugh hieß und Rotkehlchen mochte und sich mit Nonnen unterhielt, auch wenn es ehemalige Nonnen waren, grinste breit. Robin wusste nicht, was er sagen sollte. Dann fiel es ihm ein: „Danke!“

„Ich habe doch vorhin schon gesagt, dass ich dir einen schönen Abend wünsche!“ Hugh rieb sich die Hände am Gürtel, in dem nach wie vor seine Dienstwaffe steckte. Eine Walther PP. Und der Schlagstock. „Vielleicht ist er jetzt noch schöner geworden!“

„Woher wussten Sie, dass der Stein …?“

„Hast du ihn dir nicht angesehen?“, fragte Hugh.

„Doch, schon“, sagte Robin, „aber …“ Er nahm den Stein, der ein steinernes Herz war, aus Hughs Hand. Wieder spürte er, wie glatt er war.

„Dreh ihn doch mal um!“, sagte Hugh.

Und wirklich: Auf der Rückseite leuchteten, hauchdünn, als gehörten sie zur Maserung des Steins, fünf Buchstaben. Ein R, ein O, ein B, ein I, ein N. Damals, als Robin den Stein immer wieder abgetastet hatte, musste er sie im Dunkeln übersehen haben. Dennoch stand es unverkennbar da: ROBIN.

„Das bist doch du!“, sagte der Polizist und strahlte über das ganze Gesicht. „Robin, nicht wahr?“

Robin nickte.

„Na, also.“ Hugh lächelte zufrieden. „Manchmal sind die Dinge gar nicht so merkwürdig, wie sie uns vorkommen.“

„Nein“, murmelte Robin, „das sind sie wohl nicht.“ Aber dass der Polizist jetzt mit der flachen Hand an seine Mütze tippte, als er Robin Auf Wiedersehen sagte, war doch sehr merkwürdig. Denn Polizisten verabschiedeten niemanden mit der Hand an der Mütze, allenfalls ehemalige Nonnen und ihre Vorgesetzten und deshalb sicher auch die Königin von England, falls sie hier einmal vorbeistolzieren sollte. Aber niemals grüßten sie auf diese Weise einen Jungen, der elf Jahre alt und obendrein protestolisch, katholtantisch war.

Aber dann hatte es schon einige merkwürdige Dinge unter der Sonne gegeben (und sicher auch im Regen). Hundert mindestens (oder neunundneunzig, denn die Hummel zählte nicht wirklich dazu). Aber vielleicht war das Merkwürdigste, das sich je ereignet hatte und trotzdem nicht in Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten auftauchte, die Tatsache, dass Robin soeben vor der Königlichen Polizeiwache von Portamena stand und sich mit einem Polizisten unterhielt, als wäre es das Alltäglichste auf der Welt. Als wäre Hugh ein Freund.

„Danke!“, sagte Robin noch einmal.

„Das habe ich gerne gemacht“, sagte Hugh, „ist doch selbstverständlich. Oder etwa nicht?“

Und dann rannte Robin los. Er rannte zum geheimen Ort, der nicht länger ein geheimer war, weil jemand dort auf Robin wartete.

Keuchend kam Robin wenig später bei der Brücke an und dort spähten sie schon zu ihm herauf, alle beide, Cathal und Siobhan, als warteten sie tatsächlich nur auf ihn. Und genau so war es wohl auch, obgleich Robin es kaum glauben konnte.

Ohne groß nachzudenken – denn das hätte es nur schwieriger gemacht –, schlitterte Robin die Böschung hinunter und landete vor Cathal und Siobhan.

Robin wollte alles erklären. Unverzüglich. Auf der Stelle. Warum er so lange fortgeblieben war. Und dass bei Cathal daheim ein Brief für ihn lag, damit endlich Frieden würde – zwischen ihnen beiden und am besten überall. Und natürlich wollte Robin UNBEDINGT ERFAHREN, warum die beiden hier am Flussufer standen, Cathal und Siobhan zusammen, als hätten sie einander seit eh und je gekannt.

Aber Siobhan war schneller.

„Lass dich ansehen“, sagte sie und sie musterte Robin, als wäre sein Gesicht eine Landkarte, in der sie nach einer bestimmten Stelle suchte. Plötzlich schmunzelte sie und die Grübchen in ihren Wangen bohrten sich tief. „Cathal!“, rief sie. „Schau dir das bloß an! Robin sieht gar nicht mehr aus wie ein Farbkasten!“

„In der Tat“, sagte Cathal, nachdem er Robin ebenfalls eindringlich betrachtet hatte, „da bin ich aber froh, dass ich dir keinen bleibenden Schaden verpasst habe, obwohl du immer noch voll merkwürdig bist.“

„Stimmt“, sagte Robin, „zumindest habe ich keinen Schaden, den man sehen kann!“

Da blickten sie einer zum anderen und hin und her und wieder zurück. Und dann begannen sie zu lachen, alle drei gleichzeitig, und sie lachten und lachten und lachten, alle drei.

„Wie habt ihr euch kennengelernt?“, fragte Robin, als er wieder Luft holen konnte.

„Das ist ein Geheimnis“, sagte Cathal, „und du erfährst es nicht!“ Aber dann grinste er. „Ich bin dir nachgeschlichen, du Blödmann! Hast du gedacht, ich lass dich allein, wenn du zu irgendwelchen geheimnisvollen Orten unter irgendwelchen Brücken schleichst, wo du dir weiß Gott was antun könntest?“

„Ich …“, sagte Robin. „Ich wollte doch nur … Es tut mir leid. Es ist alles fürchterlich durcheinandergeraten.“

„Schschhh, ist schon gut!“, sagte Siobhan und sie nahm Robin in den Arm. Einfach so. Und Cathal stand daneben und klopfte Robin auf die Schulter. „Hey, Mann“, brummte er, „du bist voll merkwürdig. Aber das macht nichts.“