Da endlich, es war kaum zu glauben, klingelte in der dunklen Diele das Telefon.
„Robin?“, fragte eine heisere Stimme.
Für einen winzigen Augenblick vergaß Robin zu atmen. In der Leitung brauste es, als hätte sich der Golfstrom hineinverirrt.
„Robin?“, fragte die Stimme wieder. Dann räusperte sie sich. Das klang, als verschluckte ein Wal Wasser.
Nun sagte die Stimme, Robin hörte es völlig klar: „Robin, mein Junge, bestimmt hast du mich vermisst. Und auf mich gewartet. Vielleicht hast du mich sogar gesucht.“
Mit einem Mal hockte ein dreister Kloß in Robins Hals. Denn alles, was die Stimme sagte, war wahr.
Vier Atemzüge brauchte Robin, ehe er begriff: Die Stimme gehörte Big Chief. Big Chief rief an. Big Chief sprach mit ihm.
Robin schluckte. Bloß nicht heulen, dachte er. Später vielleicht, aber nicht jetzt.
Obwohl es eindeutig Big Chiefs Stimme war, klang sie doch verändert. Verschwunden war der flatternde Ton, der zwar mit Robin sprach, aber eher so, wie jemand, der Tauben am Marktplatz ein paar Krümel hinstreute – „putt, putt, hier habt ihr was Feines!“ –, nur um sie im nächsten Augenblick fortzuscheuchen, weil sie ihm lästig geworden waren. Verschwunden war auch – und das verblüffte Robin selbst – seine Angst, Big Chief könnte sogleich auflegen und wieder davonlaufen, wenn auch nur aus der Leitung.
Obwohl Big Chief lediglich als Atem und Schallwellen durch das Telefonkabel rauschte, spürte Robin seine Gegenwart wie eine feste Umarmung. Trotzdem umklammerte Robin den Hörer, als befürchtete er, der Golfstrom könnte ihn davonreißen. Im Dämmerlicht der Diele schimmerten die Knöchel seiner Hand in einem nebelhaften Weiß. Heiliger Christophorus und lieber Herr Jesus in der Glaskugel, dachte Robin, Big Chief redet mit mir!
„Robin“, sagte die Stimme, die jetzt eindeutig und ohne jeden Zweifel Big Chiefs Stimme war, „mit Mum und mir ist es nicht gut gelaufen. Wir haben uns gestritten. Uns Vorwürfe gemacht. Da bin ich davongelaufen. Statt ehrlich zu sein. Vielleicht, weil ich müde war und, ja, auch feige. Ich wollte das alles nicht fühlen, denn all das zu fühlen, tut weh. Dafür habe ich sogar dich alleingelassen.“
Eine Pause flutete durch die Leitung. Das Rauschen wurde leiser und in der Stille, die jetzt einsetzte und die nicht beredt war, weil sie den Auftakt barg für etwas Neues, holte Big Chief tief Luft.
„Wir Erwachsenen denken, ihr Kinder versteht so etwas nicht. Aber das stimmt nicht. Wir machen selbst nicht sonderlich beeindruckende Sachen. Vor allem, wenn wir uns streiten, werden wir, ehe wir es uns versehen, selbst wieder zu den kleinen Kindern, die wir einmal waren.“
Big Chief seufzte. Es war, als würde der große Mann am Ende der Leitung mit all seiner Kraft seine Gedanken zusammenfassen. „Robin, bitte glaub mir: Das alles hat nichts mit dir zu tun! Ich habe dich lieb und ich möchte dich gerne wiedersehen. Möchtest du das auch?“
Die Worte brauchten eine Weile, bis sie von Robins Ohr hinauf zu seinem Kopf und von dort hinunter in sein Herz sickerten. Dann aber klappte in ihm alle Widerborstigkeit zusammen wie ein Igel seine Stacheln einzog, wenn er sich sicher fühlte.
Der Knoten in seinem Hals platzte. Nun weinte Robin doch.
„Robin?“, fragte Big Chief erschrocken. „Ist alles in Ordnung bei dir?“
Robin schniefte. Mit dem Handrücken wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. „Klar, ist alles in Ordnung bei mir!“ Und das stimmte ja auch beinahe, wo doch Big Chief endlich angerufen hatte. „Daddy“, flüsterte er, „ich möchte dich auch gerne wiedersehen.“
Draußen war es dunkel. Über den hier wie dort gleich grauen Dächern funkelte der Gürtel des Orions. Mit seiner Lanze zielte der himmlische Krieger nach London, aber – als böte er Versöhnung an – näherte sich von dort der Große Wagen. Eine Ladenfuhre Hoffnung, man musste es so verstehen.
Robin lief zu Schwester Basileas Haus in der Union Street. Als er mit Big Chief gesprochen hatte, war nämlich ein Zettel durch den Türschlitz in die Diele gewandert. Darauf stand in Schwester Basileas fein gestochener Handschrift:
Herzliche Einladung!
Heute Abend
8 p.m.
32, Union Street.
Hochachtungsvoll,
Schwester Basilea
PS: Bitte bringe deine Mutter mit!
Dienstags aber kam Mum spät. Sie putzte bei den Carmichaels, belegte die Sandwiches mit Gurkenpaste und Thunfisch, half, den Tee zu kochen und die kleine Beatrice ins Bett zu bringen.
Robin hatte Mum Schwester Basileas Zettel auf den wackeligen Küchentisch gelegt und dazugekritzelt:
Ich würde mich sooo freuen, wenn du kämst!
Love,
Robin.
Doch jetzt, als die erste frische Luft der Nacht in seine Lungen strömte, war Robin froh, diesen Augenblick für sich allein zu haben. Darum beeilte er sich auch nicht. Er lief ganz langsam, fast bummelte er, vorbei an der Königlichen Polizeiwache von Portamena, wo ihm kein Polizist unerwartet aus dem Schatten der Mauer entgegentrat, und weiter über den Marktplatz, an dem die Platanen ihre Äste in den Himmel streckten. Und der Nordwestwind – aus dieser Richtung wehte er oft abends um acht – streichelte sein heißes Gesicht, in dem bereits die Zuversicht glühte:
Eines Tages wird Big Chief heimkommen. Groß und breit wird er den schweren Reisekoffer in die dunkle Diele stellen, die Arme ausbreiten und Robin wird hineinlaufen. Big Chief wird seinen Jungen in die Luft schwenken und erst absetzen, wenn alle Luft aus Robin herausgequetscht ist. Dann wird Big Chief sagen, mit einer Stimme, die poltert wie ein Güterzug, der in der Ferne vorbeidonnert: „Hier bin ich also wieder!“
Aus dem kleinen, von Efeu umrankten Fenster fiel ein gelbes Lichterviereck auf die Straße. Wieder bemerkte Robin, dass die Bordsteine vor Schwester Basileas Haus weder orange noch grün noch rot noch blau, sondern einzig weiß gepinselt waren. Nichts als Weiß wie die Farbe des Friedens. Im Prisma der Regentropfen und der Tränen, die ein Mensch weinte, brachen sich die Farben. Aber bei Schwester Basilea waren alle wieder aufgehoben.
Leises Lachen purzelte aus der Tür. Robin schlug den Messinglöwen gegen das Holz und lauschte den Schritten, die ihm entgegenschlurften. Wenig später klappte die Tür auf. „Hallo, Love!“, rief Schwester Basilea. „Wie schön, dich zu sehen! Wir warten schon auf dich!“
Das Strahlen in Schwester Basileas Gesicht, in dem sich die Lachfältchen kräuselten wie Petersilienblätter, glühte heute noch kräftiger als sonst. Robin streifte die Schuhe von den Füßen. Durch die wollenen Socken spürte er wieder die Wärme der Felle, die Schwester Basilea auf die Holzdielen gebreitet hatte.
Im Kamin loderte eine kleine, entschlossene Flamme. Und auf dem Teppich davor – es war kaum zu fassen – hockten, einträchtig und tuschelnd, Siobhan und Cathal und lachten Robin entgegen. Natürlich, dachte Robin, jetzt fiel es ihm ein: Hatte Siobhan nicht erzählt von der Freundin ihrer Oma, „die auch eine alte Frau ist und furchtbar weise“? Die Freundin von Siobhans Oma war niemand anderes als Schwester Basilea!
Im grünen Ohrensessel aber saß, fast verschlungen von den gewaltigen Seitenrändern – Mum. Als hätte sie fliegen können und sich von den Carmichaels davongeschlichen und hierher gezaubert. In ihrer Hand hielt sie eine Tasse mit Tee, und in dem Tee schwamm eindeutig Milch, denn Mums Assam schimmerte nicht haselnussbraun, sondern grau wie der Stein, auf dem Robin Siobhan zum ersten Mal gesehen hatte.
Mum zwinkerte Robin zu und in ihren Augen funkelte der Schalk. „Robin, Darling“, sagte sie, „schön, dass du da bist! Ich bin auch schon da und all das nur, weil diese kluge Frau“ – und sie wies auf Schwester Basilea – „herausgefunden hat, wo ich am Dienstagabend wirbele. Da hat sie mich angerufen und ich bin, hastdunichtgesehen, sogleich hierher gesaust!“
Das erklärte manches und blieb dennoch höchst verwunderlich und gar zu sonderbar. Doch gerade als Robin nachhaken wollte, ertönte, laut und kehlig, ein tiefes „Hi!“ – und das war Hugh.
Zwischen seinen Pranken hielt der Polizist ebenfalls eine Tasse aus hauchdünnem Porzellan und er winkte Robin zu mit einem Keks, in dem die Schokoladenstückchen saßen, als wären sie ein lachendes Gesicht.
Es ist ein Wunder, dachte Robin, ein echtes, wahrhaftiges und obendrein vollkommen unverhofftes Wunder, und ich stecke mittendrin und wundere mich.
„Setz dich, Robin“, sagte Schwester Basilea. „Magst du Tee?“
Und ehe Robin antworten konnte, hatte sie ihm aus der dickbauchigen Kanne mit dem Blümchenmuster Tee eingeschenkt und Milch und Zucker hinterdreingekippt. Aber Tee mit Milch und Zucker schmeckte Robin ja, auch wenn Mum stets etwas anderes behauptet hatte. Und er dachte, dass sich die Dinge tatsächlich ändern konnten, so wie sich sein Geschmack verändert hatte und der von Mum offenbar gleich mit dazu. Es war überaus erstaunlich und beeindruckte ihn sehr.
Das Feuer im Kamin knisterte. Die Torfscheite purzelten knackend zusammen. Die Stimmen seiner Freunde raunten und flüsterten. Robin wurde müde. Seine Augen klappten zu, und noch während er versuchte, den anderen zuzuhören, schlief er ein.
Robin träumte.
Nordirland war ein Dampfer, der in die Nacht glitt. Wo der Dampfer erschien, wurde die Nacht hell und fing an zu glühen, denn Hunderte von Fähnchen flatterten an Deck. Sie leuchteten in allen Farben, in Grün und Weiß und Orange und Rot und Blau, am meisten aber in Weiß. Siobhan und Cathal, Hugh und Mum, Big Chief und Schwester Basilea standen an Deck und plauderten miteinander. Der heilige Christophorus tupfte dem heiligen Sebastian die Wunden sauber und der heilige Sebastian erklärte: „Ein drittes Mal mache ich das nicht.“ Robin hörte es. Es beruhigte ihn und stimmte ihn froh, zum Zerplatzen froh. Schwester Basilea winkte mit ihrer schmalen Hand einem unsichtbaren Ufer zu und ein kleiner Vogel mit rotem Bauch und großen Augen flatterte trillernd über der Reling auf und ab. Wie das Meer hob und senkte er sich, ein leiser, unaufhörlicher Atem. Der Dampfer tutete und ganz Großbritannien und Irland atmeten erleichtert auf: „Nordirland ist da. Es kommt. Wir haben fast zu lange darauf gewartet!“
Als Mum Robin weckte und sie miteinander durch die menschenleeren Straßen liefen, glitzerten am Himmel über ihnen die Sterne.
„Schau“, sagte Mum. Sie blieb stehen und schob den Arm in den Himmel, der über ihnen funkelte. „Wenn du vom Gürtel des Orions weiter hinaufsiehst, entdeckst du die Plejaden. Es ist ein flackernder Pulk von Abertausend Sternen. Du findest sie nur, wenn du sie suchst, aber du …“
„… darfst nicht drängeln“, sagte Robin.
Er legte den Kopf in den Nacken. Und da endlich sah er die Sieben Schwestern, von denen es hieß, sie hätten den Seefahrern vor langer Zeit den Weg durch ungewisses Gewässer gezeigt.
Und sie dachten beide, Mum und Robin, gleichzeitig, aber jeder für sich, wie ungemein tröstlich es war, dass es die Sterne gab. Denn sie erzählten von dem Einen, der alle Sterne beim Namen nannte und alle Menschen liebte.
Sie sahen hinauf in den Himmel und sie standen ganz still.
„Was machen wir, wenn Big Chief wiederkommt?“, flüsterte Robin.
„Dann sagen wir Hallo zu ihm!“, sagte Mum. „Und trinken Tee. Mit Milch und mit Zucker. Und dann weinen wir über die Gräben, die wir zwischen uns aufgerissen haben, obwohl es jeder gut machen wollte. Und wir erzählen uns von der Angst, die wir spüren, wenn wir uns zeigen, wie wir sind.“
Die Plejaden glitzerten, als wären sie ein Schatz aus Gold. Robin fand sie wunderschön, aber er durfte sie nicht anstarren. Wenn er sie anstarrte, verschwanden die Plejaden und Robin sah nur noch das Dunkle des Nachthimmels ringsum. Und vielleicht war es das, was Big Chief mit „du darfst nicht drängeln“ gemeint hatte? Erst wenn Robin aufhörte und lockerließ, konnte etwas Neues beginnen.
„Morgen gehen wir zu Murphy’s und kaufen weiße Farbe“, sagte Mum, „und dann malen wir unsere Bordsteine fertig. Aber nur in Weiß. Und jetzt gehen wir heim, denn es ist Zeit zum Schlafengehen.“
Also gingen sie heim, denn es war Zeit zum Schlafengehen.
Ehe sich Robin in seinem Bett zusammenrollte, sah er zum Herrn Jesus. Der Herr Jesus stand in der Glaskugel auf der Kommode und hielt die Arme ausgebreitet.
Jesus sah zu Robin.
„Danke“, murmelte Robin. Er war furchtbar müde, er gähnte.
„Gern geschehen!“, sagte der Herr Jesus.
„Wird jetzt alles gut werden?“, fragte Robin.
„Besser als heute geht es nicht“, sagte der Herr Jesus. „Aber morgen machen wir weiter.“