25

Eine Woche später ruft Sarah an.

Meine Stimme ist ganz taumelig, als ich frage: «O Gott, Sarah, ist was passiert?» Und ich denke an David allein in dieser unterkühlten, großen Wohnung, und ich denke an seine Mutter in der Klinik.

«Nein, es ist nichts passiert, bleib ruhig, Mirjam», sagt Sarah. Sie fragt, ob ich Lust hätte, mit ihr zum großen Essener Trödel zu gehen, am Sonntag, und ich bin so sprachlos vor Erstaunen und Freude, dass ich nur stammeln kann: «Äh, ja, klar ... Mit dir zusammen?» Ich bin überrumpelt. In meinem Mund kleben hundert staubtrockene Motten.

Sarah sagt irritiert: «Mirjam, du musst das nicht tun, das war bloß eine Frage. Ich würde dich nämlich gerne wiedersehen!»

Ich muss Luft holen, muss diese verdammten Motten loswerden, und mein Herz rast einen Zickzack-Kurs. Ich kaue an meiner Unterlippe. Und dann kriege ich mich mit einem Affenzahn wieder ein und rufe entzückt: «Nein, nein, ich will. Ja, ich will unbedingt!»

Ich höre Sarah lachen. Und es ist beschlossen: Am nächsten Sonntag habe ich ein Date. Ein Date mit meiner neuen großen Schwester. Als ich auflege, springe ich wie ein Zicklein durch mein Zimmer und singe in voller Lautstärke: What a wonderful world.

Ja, Sarah wiedersehen, das ist große klasse! Und ich werde sie fragen, wonach sie so gut riecht und wo es diese ausgeflippten Schuhe gibt. Wenn ich mich traue. Denn es steht fest, am nächsten Sonntag (noch vier Tage!) treffe ich Sarah, die neunzehn ist, die schon Auto fährt und Abitur hat und die wie ich ganz scharf auf eine Schwester ist. Aber die ist erst schlappe fünfzehn und manchmal voll plemplem. Und jetzt kriege ich schon im Voraus meine berühmten eierweichen Knie. First-class-drei-Minuten-Eier!

Aber ich bin auch ganz zappelig, ich möchte ihr endlich meine neue Bluse zeigen, die ich mir selber nach einem Idiotenschnitt auf Tante Gretas ausgemusterter Nähmaschine zusammengezimmert habe und auf die ich ungeheuer stolz bin. Sie hat ein Muster wie kostbares chinesisches Porzellan und ist aus einer zerschlissenen Übergardine herausgeschnitten, um all die fadenscheinigen Stellen herum. Lena hat sie von irgendwoher mitgebracht und mir gezeigt, wie einfach es geht – ich habe ihr nicht geglaubt, aber es war einfach. Ich finde, sie ist mir gelungen. Ja, ich bin stolz.

Und jetzt lerne ich gerade, Hosen zu nähen, alles nach den Schnittmustern von Lena, die diese von einer Freundin hat, die nichts weiter tut, als nach diesen beiden Schnitten in Bochum Kleidung in tausend Variationen zu verkaufen, und der Laden brummt. Und: Es ist wirklich und wahrhaftig ein Kinderspiel. Man braucht nichts weiter als einen guten, wenn möglich einzigartigen Stoff, und siehe da: Ein exquisites Kunstwerk ist geboren.

Ich könnte jetzt immerzu Stoffe suchen und gerate fast in einen Rausch. Lena gibt mir den Tipp, auf den Flohmärkten nach alten Gardinen, Bettwäsche, Vorhängen und Tischdecken Acht zu geben. Auch die ganzen altmodischen Kleider dort, die ich niemals tragen würde, sind oft aus ganz wunderbaren Stoffen, die man nur zerschneiden muss. So habe ich nun zwei neue Blusen, beide sehr fernöstlich angehaucht, weil ich den Wagemut hatte, mich an einem Stehkragen zu versuchen, und anderthalb neue Hosen, etwas Haremsdamen-like. Zusammen sehr verwegen, ich würde sie gerne ausprobieren bei meinem Treffen mit Sarah, bisher habe ich mich noch nicht getraut, sie auszuführen ...

Pom pfiff durch die Zähne, als ich meine Nähkunst in unserer Küche vorführte, aber das verunsicherte mich erst recht. Ich stehe immer wieder vor dem Spiegel und finde sie gewagt. Und einfach klasse! Und wollte ich nicht wild sein und gefährlich und so?

Am Sonntag bin ich aufgeregt, ich breche meinen Kajalstift ab und könnte heulen, als ich keinen Anspitzer finde, ich nehme das kleine Küchenmesser, schneide in meinen Finger, renne nach einem Pflaster, tröpfle mir Blut auf meine neue Bluse und könnte mich auf den Boden schmeißen und mit den Fäusten auf die Dielen hämmern, ich wasche und reibe, ich fluche, ich verschmiere den Lidstrich immer wieder, meine Sandalen passen nicht zu dieser neuen Hose, welche Schuhe passen überhaupt zu so was, auf keinen Fall Turnschuhe, ich föhne die nasse Bluse trocken, ich seufze dabei ganze Wagenladungen voll und verglühe aus Versehen meine gerade sprießenden Brustknospen, ich finde Lenas silbrigen, bestickten Schühchen, die eine fast gebogene Spitze haben, Gott sei Dank nur fast, die aber zur Hose passen. Oder? O Gott, und wenn nicht? Dann sterbe ich.

Nein, natürlich sterbe ich nicht, ich bin nur völlig überdreht, mein Date macht mich total kirre, ich bin so aufgeregt, dass ich richtig zittrige Hände habe und mir fast den Saft über die Hose kippe. Ja, das wär’s dann gewesen, ich wäre ins Bett zurückgekrochen, und meine neue Schwester hätte die Erkenntnis getroffen, dass sie einer durchgeknallten Fünfzehnjährigen die Schwesternschaft angeboten hatte, was sie nun als großen Fehler bitter bereuen würde.

So weit zu mir. So weit zu dem Beginn dieses einzigartigen Sonntags.

Die Sonne scheint, vor dem Spiegel finde ich mich richtig gut, als ich endlich trotz aller Hindernisse fertig bin. Pom und Lena können kein Urteil abgeben, sie sind ausgeflogen. Auf der Straße pfeift ein Radfahrer hinter mir her, da er aber plemplem aussieht, weiß ich nicht, ob das gut ist oder eher nicht. Der Busfahrer grinst und mustert mich ungläubig. Ich könnte mich auf der Stelle vor seine Räder werfen, ha, das gäbe eine Menge Scherereien! Das hätte er dann davon.

Ich verkrieche mich auf der hintersten Sitzbank, und als drei Jungs in meinem Alter einsteigen, setze ich blitzschnell meine Tarnkappe auf, die aber nichts taugt, da sie glotzen und glotzen und den Mund nicht mehr zukriegen. Als sie eine Haltestelle weiter wieder aussteigen, dreht sich einer noch mal zu mir um und sagt: «Echt krass, Süße, echt! Willste meine Telefonnummer?» Die beiden andern blöken. Und alle drei winken mir zu und lachen. Sie lachen!

Der Busfahrer schaut immer wieder im Spiegel zu mir nach hinten, und sein Gesicht sieht amüsiert aus. Amüsiert hasse ich! Als eine alte Dame zusteigt, setzt sie sich, ohne zu zögern, neben mich, obwohl so gut wie alle Sitze frei sind, sie schaut mich immer wieder von der Seite an, dann traut sie sich und fragt: «Wo kriegt man denn so was? Bestimmt in Düsseldorf?»

«Nein», murmle ich, «nein, das hab ich selber, ich meine, das ist ein ganz alter Stoff ...»

Schluck, ich möchte hier raus, ich will nach Hause, ich will unter meine Bettdecke, ich will wieder meine Jeans und mein T-Shirt, ich will Lady auf dem Bauch haben, ich will ...

Da nimmt sie meine Hand und sagt: «Mutig, mein Kind. Aber es hat Stil! Und: Es steht Ihnen. Also, das könnte nicht jede tragen, aber Ihnen steht es ... War das mal eine Übergardine?»

Sie nimmt ein bisschen von dem Stoff meiner Bluse zwischen Daumen und Zeigefinger und reibt ihn. «Ja», sagt sie, «früher haben sie noch Qualität hergestellt, ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte mal einen Laden. Mitten in Dortmund. Ist lange her. Aber alles beste Ware. Alles hatte den Pfiff, Sie wissen schon. Aber dann wurde es den meisten zu teuer, wer hatte denn noch Geld?»

Sie schweigt lange. Ich kriege wieder Luft, ich atme durch, sollen doch die Kerle grinsen, welcher Kerl hat schon Ahnung von Stoffen, welcher Kerl hat schon Stil? Keiner! Sie haben keinen Pfiff, aber blöd pfeifen, ja, das können sie.

Sie hat mir gerade das Leben gerettet, ich drücke ihre Hand und flüstere: «Danke!»

Dann kommt der Bahnhof, und ich muss mich beeilen, damit ich den Zug bekomme. Die alte Dame winkt mir hinterher. Sie trägt zarte, weiße, gehäkelte Sommerhandschuhe, und ihr Kostüm ist bestimmt schon einige Jahrzehnte alt, aber es hat Chic, ja, das hat es, tatsächlich. Ich werfe ihr noch schnell eine Kusshand zu und rase auf den Bahnsteig, der Zug fährt an, und ich springe hinein, bevor die Türen sich hinter mir schließen. Das Abteil ist leer, und ich atme auf, keine weiteren abschätzenden Blicke. Ich kann mich entspannen, der Zug braucht zwanzig Minuten, exakt die zwanzig Minuten, die ich für meine Wiedergeburt benötige.

Und als ich aussteige, bin ich Mirjam, die «Lebe-wild-und-gefährlich!»-Mirjam, die ohne zu zögern Sarah in die Arme nimmt und sagen kann: «Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Und, Sarah, ich möchte, dass du mir klipp und klar sagst, ob das, was ich anhabe, bescheuert, in Ordnung oder eine Katastrophe ist. Und ich möchte die Wahrheit, okay?»

Sarah schiebt mich etwas von sich weg und lässt sich alle Zeit der Welt. Sie ahnt meine Unsicherheit, die aber jetzt gerade dabei ist, sich in der warmen Herbstluft aufzulösen, sie betrachtet mich von oben bis unten und zurück, sie strahlt und meint: «Alles okay! Mutig, aber okay. Sehr okay! Und genau das, was zu dir passt. Wo hast du das bloß her?»

Ich tanze um sie rum, lache, drücke sie ans Herz, rieche ihr Parfüm und sehe erst jetzt, dass sie enge Jeans und ein altmodisches Herrenhemd mit einem kleinen, steifen Kragen trägt und eine lässig gebundene Krawatte aus einem schimmernden Paisleystoff. Und sie steht zu ihrer rundlichen Figur, sie betont sie und versteckt sie nicht. So wie alle in meiner Klasse, die immerzu glauben, zu fett zu sein, und immerzu an sich rumzupfen und rummäkeln. Ich bin da ja die Ausnahme, weil ich keine Rundungen habe.

Ich werde mit dieser beschissenen Angst aufhören, beschließe ich jetzt. Es ist einfach zu dämlich, immerfort dieses Gejanke, ob es gefällt oder nicht. Es ist zum Kotzen.

Sarah stupst mich an. «Wir werden jetzt den kompletten Flohmarkt auseinandernehmen. Und wir werden Schätze finden. Alles klar?»

«Jawoll, wir werden fette Beute machen», sage ich, einer von Poms Sätzen auf seinen geliebten französischen Märkten. Ich bin völlig überdreht, so froh bin ich, dass ich jetzt eine Schwester habe, mit der ich crazy sein kann.

Wir quetschen uns durch das Flohmarktgedränge, durchwühlen Kleider- und Stoffberge, schieben reihenweise Kleiderbügel zur Seite, ich finde ein kleines Klappmesser für Pom, das hat einen Perlmuttgriff, ich erstehe einen kunterbunten, sehr kindlichen Kerzenständer aus Gips für Lena, ich finde, nein, eigentlich findet es Sarah, ja, sie findet ein Wäschehemdchen für mich mit wunderbarer Spitze und zarten Trägern mit Bogenrändern. Es ist erschwinglich, und ich bin begeistert. Das werden Lena und ich uns teilen, so eins soll sie ja mal gehabt haben, als Pom sie das erste Mal sah und fast den toten Maikäfer gemacht hätte, wie er sagt.

Dann entdecke ich einen so besonderen Stoff, dass mir davon fast die Augen wehtun. Unter einem Wirrwarr von Tüchern und Tischwäsche erwische ich einen Zipfel, der samtartig schimmert, aber gar kein Samt ist, sondern ein gerippter Seidensatin, der hat das Rotgehauch des Abendhimmels. Und als ich ziehe und ziehe, ist es ein langer Store, ein Übergardinenschal, der andere ist nicht zu finden, und am Saum hat er eine aufwendige Stickerei mit Perlen und kleinen Fransen. Sarah ist gewieft, sie klumpt diesen herrlichen Stoff zusammen, sodass das kostbare Ende verschwindet und er auf einmal völlig langweilig aussieht. Sie erhandelt einen so niedrigen Preis, dass ich es nicht glauben kann. Ich stecke meinen Schatz blitzschnell in meine Leinentasche, die ich in großer Voraussicht mitgenommen habe, und wir verschwinden.

Sarah drängt mir einen wunderbaren Troddel auf, einen, mit dem man schwere Vorhänge zusammenrafft und der eine schöne, gedrehte Kordel hat. Dieser Troddel oder Quast ist ein paar Nuancen dunkler als mein Gardinenschal. Sozusagen tiefe Abendröte. Kurz vorm Nachthimmel.

«Das gibt eine herrliche Kette», meint Sarah, und sie hängt ihn mir um den Hals. Und als ich mich in dem Spiegel, den mir eilfertig der Trödler hinhält, anschaue, kann ich nur staunen. Ein Vorhangtroddel als Kette um den Hals, ich werd nicht mehr!

«Oder als Gürtel», schlägt Sarah vor, «mach ich auch mit meinen Krawatten ...»

Und plötzlich habe ich Blut geleckt, ich finde weitere Troddel, stelle sie mir zu meiner Jeans vor, um die Taille geschlungen, ich möchte jetzt unbedingt auch ein oder zwei Krawatten haben, und Sarah zieht mich zu «Schlipsen», wie der Händler sagt. Ich finde zwei – einen frechen Schlips, der andere ist edel –, und dann bin ich so gut wie pleite.

Herrje, was wird aus Kino, Eisessen und einer Limo? Wie gut, dass ich wenigstens die Bus- und Zugfahrkarte habe! Sarah kann mir Geld leihen, und ich werde zu Hause mein Sparschwein plündern. Und für das Monster finden wir eine herrlich eklige Gummispinne, die unerwartet losspringt, teuflisch echt. Und einen Mickeymausgürtel. Das Monster liebt Mickeymaus über alles.

Und endlich, endlich, finde ich die Überraschung für Phil. Es gibt ein zerfleddertes, vergilbtes Buch mit herrlichen Fotos über die Haarmode und die Friseursalons der letzten Jahrzehnte, es ist einzigartig. Und kostet Pfennige.

Als wir mit unserer Beute in der Eisdiele sitzen, können wir es nicht fassen, was für Glückspilze wir sind. Und der italienische Kellner kommt im Geschwindschritt an unseren Tisch geeilt, verheddert sich vor lauter Entzücken über unsere Pracht in seinen Füßen, taumelt kurz, fängt sich wieder und balanciert sein Tablett irgendwie elegant vor unserer Nase, er läuft gerade rot an vor Verlegenheit.

Er ist hingerissen und überwältigt, er tänzelt mit der Bestellung davon, Tangoschritte erobern den künstlichen Marmorboden, wir hören sein Herz im Tangotakt wummern, dass die Eisbecher erzittern, wir sehen ihn immer wieder mit großen, sahneeisweichen Glutaugen zu unserem Tisch hinüberschauen. Sarah schüttelt lässig ihre gewaltige schwarze Haarpracht, dass er beinahe in seine Eistorte fällt, sie sprüht mir ein wenig von ihrem Parfüm aufs Handgelenk, und unser Duft umnebelt sein Gehirn, die Rechnung stimmt hinten und vorne nicht, aber er will keine Berichtigung, er winkt ab, wir sparen einen kompletten Eisbecher und einen Cappuccino, er küsst Sarah die Hand, mir haucht er einen Kuss zu und ein bellissima. Wir haben ihm einen Sonntag geschenkt, an dem er noch genüsslich herumknabbern kann. Mann, dieser Sonntag ist fast nicht zum Aushalten!

Es ist kurz vor vier, und wir beschließen, zu Sarah nach Hause zu fahren. Ich freue mich, den zusammengeschrumpften Rest der Familie zu sehen. Ohne David und ohne Phil, die irgendjemanden besuchen müssen, ist es nur ein Rest, aber Aaron wird da sein.

Ein warmer Vanillegeruch hängt im Hausflur, und ich denke: Bitte jetzt keinen Kuchen, der Eisbecher schäumt noch in meinem Magen, wie unklug, vor der Kaffeezeit ein solches Ungetüm zu bestellen, hoffentlich ist Sarahs Mutter nicht beleidigt! Ist sie nicht, aber sie besteht auf Kaffee, den hat sie mit einem Hauch Rosenwasser verfeinert, er schmeckt köstlich. Das Monster schaut Sarah und mich an, wie man ein seltenes Tier im Zoo anstarrt, es kräht, dass wir beide «meschugge» aussehen, aber toll. Er hat wirklich «toll» gesagt!

Er ist hingerissen von der Spinne und erschrickt seine Mutter zu Tode, was sein Monsterherz erfreut. Den Mickeymausgürtel hat er längst durch die Schlaufen seiner kurzen Hosen gezogen, er passt perfekt. Das Monster strahlt. Ich ahne, wie Phil mit sechs war.

Herr Liebermann kommt in die Küche, sein Händedruck ist hart und trocken, aber seine Augen lächeln. Vor Sarahs Mutter muss ich mich hin und her drehen, sie sagt «naja», sie ist ehrlich und meint: «Das ist was zum Bestaunen, wirklich. Aber wie haltet ihr das bloß aus, wenn man euch so beäugt?» Sie streicht über meine Bluse, lobt die sauberen Knopflöcher und zupft an Sarahs Krawatte herum, und Herr Liebermann fragt: «Ist das etwa meine? Hab ich so was mal getragen? O Gott!»

Daraufhin kriegt er einen Seitenhieb von seiner Frau, die sagt: «Albert, du doch nicht. Niemals!» Sie kichert, und er sieht sie an und kichert auch. Das gefällt mir.

Und als wir alle um den Küchentisch sitzen, ein honigtropfender, nach Orient und wilden Karawansereien duftender Kuchen vor uns steht, den ich nun doch unbedingt probieren will, das Eis hat freundlicherweise gerade eine Ecke in meinem Magen geräumt, da kommt Aaron in die Küche.

Und ich schwöre, die Temperatur stürzt um gefühlte zwanzig Grad ab. Ich schwöre.

Alles schweigt kurz, Aaron schiebt seinen Stuhl neben Sarahs, er betrachtet sie kurz mit kalten, spöttischen Augen. Sein Blick trifft auf die Krawatte.

«Karneval?», sagt er mit einer Stimme, die kleine Eiszapfen in dem warmen Raum verteilt, und Sarah schaut in ihren Kaffee. Ich sitze Aaron gegenüber und würde so schrecklich gerne mit meinen silbernen Schühchen vor sein Knie treten, aber ich trau mich nicht. Und außerdem: Sie würden es nicht bringen. Bergstiefel, voll mit Spikenägeln, die wären jetzt passend.

Dann fällt sein Blick auf mich, seine Augen ziehen sich zusammen, sie bekommen frostige Ränder. Frau Liebermann hüstelt, und das Monster kräht: «Sag es nicht, sag es nicht!»

Da muss selbst dieser Gletscher kurz grinsen, es ist eher ein sparsames Lippenverziehen, und er nickt mir zu. Das soll wohl eine Begrüßung sein. Die gute Erziehung siegt. Er schweigt sich aus, aber sein Blick, sein Blick, wenn er immer wieder in meine Richtung schaut, der ist Hölle und Eis und noch was dazwischen, das ich gar nicht wissen will.

Teufel noch mal, wie kommt ein solcher Alien in diese herrliche Familie? Wo steht sein Ufo? Wann macht er sich wieder davon in die finstere Weite seiner hoffentlich weit entfernten, bestimmt zugeeisten Galaxie?

Sarah schnappt mich, als sie sieht, dass ich den Kuchen aufgegessen habe. «Wir müssen noch was besprechen», haucht sie über den Tisch, der gruftkalte Bruder lächelt sein Frostlächeln, dass einem die Spucke gefriert, und wir verschwinden.

«Puh», sage ich, «was ist denn mit dem?»

Sarah zuckt die Schultern. «Der ist immer so. Irgendwann zieht der hoffentlich aus, und das war’s ...»

Das war’s? Mehr gibt es zu diesem Gefrierschrank nicht zu sagen?

Nein, gibt es nicht, wie ich merke. Und ich halte die Klappe.

Sarahs Zimmer ist eine Überraschung. Irgendwie habe ich geglaubt, dass es so ähnlich sei wie Lenas, kunterbunt und verträumt, aber da habe ich mich gründlich geirrt. Es hat die Strenge eines japanischen Teeraumes, ganz viel Weiß und sparsames Schwarz. Über die ganze Wandbreite unter ihrem Fenster geht ein vielleicht achtzig Zentimeter tiefes, schwarzes Brett, es dient als Ablage und Arbeitstisch, getragen von zwei schwarz lackierten Schubladenschränkchen, davor ein weißer Schreibtischstuhl mit schwarzem Kissen, das ein geometrisches, schwarz-weißes Muster hat. Auf der Ablage ordentliche Papierstapel, viele schwarze und weiße Becher mit Pinseln und Stiften und ein schwarzer Karton, der jede Menge aufrecht stehende Rollen enthält, manche kunterbunt, manche schwarz oder weiß.

Über ihrem Sofa, das auch das Bett sein muss, denn es gibt sonst keine Schlafgelegenheit, ist eine breite, schwarze Holzleiste angebracht, daran hängen viele, viele Stoffmuster in unterschiedlichen Längen und Breiten wie bunte Fähnchen. Sie geben diesem strengen Raum ein paar wunderliche farbige Tupfer. Alle anderen Möbel, Tisch, Stuhl, Schrank, sind weiß. Aber neben dem Sofa, über das Sarah eine große Decke geworfen hat mit ein paar weiteren schwarzen Kissen mit sehr grafischen Mustern darauf, die irgendwie afrikanisch aussehen, steht ein schöner, altmodischer, honigfarbener Notenständer aus wunderbarem Holz, mit schnörkeligen Schnitzereien, darauf ein dicker Bildband, der ein farbenprächtiges Foto von afrikanischen Frauen zeigt, geschmückt mit ihren leuchtenden Gewändern und Turbanen. Sie lachen und bemalen ein weißes Haus kunterbunt, mit geometrischen, aber nicht exakt symmetrischen Mustern, ähnlich wie die Muster auf Sarahs Kissen. Auf dem Boden davor liegt ein aufgeschlagenes Anatomiebuch mit kleinen Notizzetteln, Sarah ist jetzt im ersten Semester und lernt gerade für ihre allererste Prüfung an der Essener Uni. Sie studiert Kinderpsychologie.

Sie erzählt, dass sie einen Tick für Afrika hat. Früher wollte sie mal Stoffdesignerin werden, die Rollen auf ihrem Schreibtisch sind alles Kaleidoskope, die sie gesammelt hat und von denen sie sich immer wieder zu neuen Mustern anregen lässt. Wir schütteln und drehen sie eine Weile. Diese leuchtenden Ornamente sind einzigartig, die dann auf immer wieder neue Weise ineinanderfallen. Man könnte mit ihnen Kathedralen schmücken. Sarah zeigt mir Mappen mit Entwürfen. Sie kramt in ihrem Bücherschrank nach weiteren Bildbänden über afrikanische Kunst, aber am meisten interessieren sie die Frauen dort mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck und ihrer Kunst, ihre Häuser und sich selber zu bemalen und zu schmücken. Ich bin überwältigt. Das müsste Tante Greta sehen. Und die Schönheit dieser Frauen und ihrer Kunstwerke versetzt mich in eine helle, lichte Aufregung.

«Kommst du mit?», fragt Sarah.

Ich verstehe nicht.

«Irgendwann werde ich durch Afrika reisen», sagt sie, und ihre Augen schauen in eine unbekannte Ferne und sind weit fort. «Ich muss das einfach alles einmal sehen. Unbedingt! Bitte komm mit!»

Ich habe plötzlich die Süße einer duftenden Nacht in meiner Kehle. Ja, ich will mit, ich will sofort mit Sarah mit, welche Frage, ich will das alles mit meiner Kamera einfangen, dieses Licht, diese Farben und diese Frauen dort, die Kunstwerke herstellen und selber ein Kunstwerk sind.

«Wann?», flüstere ich. «Wir werden damit noch warten müssen, ich bin doch erst fünfzehn ...»

«Irgendwann», sagt Sarah. «Ich muss erst zu Ende studieren. Dann kann ich dort vielleicht irgendwo arbeiten. Und du würdest alles mit deinen Fotos dokumentieren. Gib mir deine Hand! Und schlag ein!»

Was immer das jetzt werden soll, ich werde es tun. Ich werde es mit Sarah tun, ganz egal, wann.

Ihre Hand ist warm, und ich entdecke ein kleines Henna-Ornament in der Handinnenfläche, das hatte ich bisher nicht bemerkt.

Als ich nach Hause muss, ist Aaron verschwunden.

Beim Verabschieden kommt das kleine, süße Monster angelaufen, sagt: «Komm bald wieder» und setzt mir dabei unauffällig die Spinne auf meine Schulter, sodass ich ihm den Gefallen tue und wie am Spieß schreie und er nochmals bettelt: «Du kommst doch bald wieder?», bis ich nicke und er Ruhe gibt. Frau Liebermann drückt mich kurz an ihre üppige Brust, Herr Liebermann ist unterwegs. Kein Eis-Alien weit und breit.

Sarah bringt mich zum Bus, das Kino haben wir auf später verschoben. Und als ich nach Hause fahre, habe ich ein kleines Henna-Muster an meinem Fußknöchel, eine verwickelte Schlange. Diesen Fuß werde ich ein paar Tage nur ganz sparsam waschen. Das Muster sieht so kostbar aus.

Den schockgefrosteten Tiefkühlbruder haben Sarah und ich mit keiner weiteren Silbe mehr erwähnt. Und niemals erwähnten ihn bisher David oder Phil.

Als ich endlich zu Hause ankomme, bin ich hundemüde und tief erschöpft. Eine seltsame Unruhe zittert in mir herum, sie erzeugt eine Gänsehaut und ein zähes Unbehagen. Dieser Eisschollen-Aaron kriecht mir unter die Haut. Ich beginne zu frösteln.

Die Begegnung der dritten Art mit Aaron hat mir wohl einen Kälteschock versetzt. Ja, er hat mit der Grufttemperatur seines Herzens direkt an mein Herz geklirrt und dort Frostränder erzeugt. Ich beschließe, David über dieses Phänomen auszuquetschen, Sarah ist mir da irgendwie ausgewichen, vielleicht würde Phil mir diese Frostbeule in der Familie erklären können ... Ich ziehe die Bettdecke hoch. Mir ist kalt.

Meine Schätze habe ich alle in meinem Zimmer ausgebreitet, den kostbaren Vorhangschal habe ich wie Sarah über meinen Sessel drapiert, er schimmert sanft und wird mal irgendein festliches Kleidungsstück werden, so richtig nach Tante Gretas Geschmack ... Mein Wäschehemdchen, das Lena gefallen wird, bekommt sie erst morgen zu sehen, sie wird Augen machen. Und Pom? Der wird vor Entzücken, wenn Lena es anprobiert, seinen durchgeknallten Bärentanz aufführen, so total klasse, dass es uns vor Lachen schüttelt.

Dann fällt mir die Kassette wieder ein, die mir Sarah beim Abschied in die Hand gedrückt hat. «Die ist von Phil», hat sie gesagt, «die soll ich dir geben.» Und die kommt jetzt in meinen Recorder. Das ist die Rettung, denn diesen Frost-Alien kann ich auf der Stelle vergessen. Die Kassette knistert und rauscht, und dann bekomme ich auf der Stelle die dickste Gänsehaut meines Lebens. Ich höre Phil, er kichert dieses Phil-Kichern, dieses Waldschrat-gegrummel, hoch und tief und quer, dann sagt jemand: Und drei und vier ... (David? Ja, David.) Und ich höre die Mundharmonika von Ötte, ich höre meine Stimme, ich höre mein Tamburin und meine Glöckchen. Meine Ohren wachsen um den Äquator, ich höre meinen kleinen Holperer bei dem Refrain im Text, Phils Gitarre ist wirklich unsere Krönung, sie schmelzt sich über den Song, und dann ist Schluss!

Man hört Ötte brummen: «Na bitte, boys and girls, klappt doch!» Und war das nicht Masseltow, der da genüsslich grunzt, weil Phil irgendwas mit ihm anstellt? Und gerade als ich denke, die Kassette ist jetzt zu Ende, höre ich David seufzen: «Da wackelt einem doch der Hut!» Seine Stimme ist ganz gelöst, er spielt dabei auf eine Songzeile an, wo der Bräutigam den höchsten Hut der Stadt bestellt hat, und ich höre uns alle kichern. Dann höre ich mich mit einer Stimme, die ich niemals als meine eigene erkannt hätte, tröten: «Messieursdames! Das war die unglaubliche Crazy-Dog-Blues-Band. Tierisch gut und sensationell!» Ich schreie es geradezu, so wie ein Jahrmarkthändler, der seinen ganzen Plunder als das Manna des Himmels anpreist. Und dann ist wirklich Schluss!!

Mir wackeln immer noch die Ohren, und ich fühle mich taumelig. Das waren wir, wir waren das wahrhaftig, die frisch gegründete Crazy-Dog-Blues-Band mit der eigenwilligsten Zusammenstellung, die es je unter dem Himmel des Ruhrpotts gegeben hat. Mit der seltsamsten Instrumentierung aller Zeiten.

Wahnsinn, ich bin hin und weg. Und Aaron, den man direkt nach der Geburt vertauscht haben muss, dieser tiefgefrorene Alien von der Gletschergalaxie alpha null-acht-neun, ist es auch. Weg! Hinfort! Verschwunden!