Kapitel 1: Sandbox
MEINE ELTERN SCHENKTEN
mir einen Infinitum 8
zum Geburtstag. Keine besonders teure Immersionskapsel, aber die beste ihrer Klasse. Es war das Geschenk, das ich mir zu meinem 14. Geburtstag am meisten gewünscht hatte, denn ab 14 Jahren durfte man endlich das coolste, beliebteste Spiel auf dem Planeten spielen: Disgardium
.
Sobald die Geburtstagsfeier vorbei war und die Gäste gegangen waren, fragte mein Vater lächelnd: „Willst du sie nicht ausprobieren?”
Ich nickte. Natürlich, ich konnte es kaum erwarten! Eine Immersionskapsel war viel besser als irgendein dampfbetriebener VR-Helm und Sensorhandschuhe!
„Geh schon, Alex”, sagte Mutter lachend und legte den Arm um Vater.
„Bleib beim ersten Mal nicht zu lange drin!”, rief er hinter mir her. „Hast du gehört, Alex?”
„Ja, okay!”, rief ich zurück, während ich in mein Zimmer lief, wo die neue Kapsel auf mich wartete. Sie war bereits installiert und kalibriert
worden und war einsatzbereit. Eilig zog ich mich aus und stieg hinein. Sie war vertikal, konnte aber die Ausrichtung ändern, um die virtuelle Welt besser wiederzugeben. Schwerkraft war ein herzloses Miststück. Es war schwierig, jemanden davon zu überzeugen, dass er stand, wenn sein realer Körper horizontal lag.
Ich hielt mich an den Metallgriffen fest und wartete. Einige Sekunden vergingen, doch nichts passierte. War das Ding etwa fehlerhaft? Gerade, als ich nach unten laufen wollte, um den Hersteller anzurufen, ertönte eine ernste Stimme in der Kapsel.
„Alex, dein Herz schlägt für dein erstes Immersionserlebnis zu schnell! Zugang verweigert.”
„Das kann nicht wahr sein!” rief ich.
„Entschuldige die Unannehmlichkeit, aber Charaktere können nur generiert werden, wenn sich der Körper im Ruhezustand befindet”, zitierte die Stimme aus der Bedienungsanleitung. Dann folgte ein hilfreicher Ratschlag: „Beruhige dich und versuche es dann noch einmal, Alex. Danke.”
Seufzend stieg ich wieder aus der Kapsel und ging auf den kleinen Balkon meines Zimmers hinaus. Es war eine sternenklare Nacht. Viele verschiedene silberfarbene Lieferdrohnen flogen umher, landeten und hoben aus den Fenstern unserer riesigen Wohnanlage ab.
Weiter oben verdunkelte eine Prozession öffentlicher fliegender Autos den Himmel. Von heute an war es mir rechtlich erlaubt, ohne
Computersteuerung zu fliegen. Ich konnte es nicht erwarten, es auszuprobieren. Zuerst musste ich natürlich die Führerscheinprüfung bestehen, doch das würde kein Problem sein.
Beim Ausatmen entstanden kleine, weiße Wölkchen vor meinem Gesicht. Der kalte, feuchte Wind ließ mich zittern, obwohl das Wetter während des Tages fast schon frühlingshaft gewesen war. Nach einigen Minuten hatte ich mich entspannt und kletterte wieder in die Kapsel. Dieses Mal erschienen keine Warnmeldungen und der Immersionsprozess konnte beginnen.
Intragel füllte die Kapsel bis über meinen Kopf, doch ich hatte keine Schwierigkeiten beim Atmen. Ich schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, befand ich mich im Weltraum. Das Gefühl der Schwerelosigkeit war atemberaubend. Ich musste mich zurückhalten, um meine Arme und Beine nicht zu bewegen. Das brauchte ich auch nicht, denn die Kapsel hatte die Kontrolle über meine Muskeln übernommen, während das Intragel meinen Körper in der Schwebe hielt und schützte. Sollte etwas schieflaufen und die Kapsel würde die Kontrolle über meinen Körper verlieren, würde das Gel mich vor Verletzungen bewahren.
Guten Abend, Alex!
Bitte wähle deine gewünschte Immersionsumgebung.
Der Text wurde von einer weiblichen Stimme gelesen. Bei der Immersionsumgebung hatte ich keine
große Auswahl. Es gab nur die Testwelt Infinitum
von der Größe des Mondes, die erstellt worden war, um die Fähigkeiten der Kapsel zu demonstrieren, oder das riesige Disgardium
, das in allen Kapseln vom Werk vorinstalliert war.
Ich wählte Disgardium
. Einige Systemprotokolle liefen vor meinen Augen ab.
Biologisches Alter bestätigt.
Zugang zu
Disgardium gestattet.
Bildungsministerium wird benachrichtigt ... Abgeschlossen ... Status bestätigt.
Erstes Immersionserlebnis wird eingeleitet!
Körper wird gescannt ... Abgeschlossen ... Aussehen des Charakters wird generiert.
Genehmigter Welttyp:
Sandbox
Empfohlener Ort:
Tristad
Leider würde ich bis zu meinem 16. Geburtstag auf eine Sandbox beschränkt sein. Es handelte sich dabei um nicht öffentliche Orte, die nur minderjährige Spieler besuchen durften. Erwachsene aus der vollen Version des Spiels waren dort nicht erlaubt, die Inhalte waren ausschließlich altersgerecht.
Um mich herum sah ich zahlreiche majestätische Städte und verlassene Dörfer, epische Kämpfe und schauerliche Monster, alle sechs teilweise noch unerforschten Kontinente, herrliche Gärten, hitzeglühende Wüstenlandschaften,
Badeorte und Häuserblocks voller verbotener Vergnügungen, eine Milliarde aktive Spieler und ebenso viele NPCs, ganz zu schweigen von den Nicht-Bürger-Arbeitern ...
Willkommen in
Disgardium
, Alex!
Willkommen in einer Welt, in der Dutzende von nichtmenschlichen Völkern harmonisch zusammenleben. Eine Welt, in der Schwerter und Magie herrschen! Eine Welt, in der jeder die Möglichkeit hat, eines Tages ein König oder ein Held zu werden! Eine Welt, in der du leben willst! Eine Welt, in der das Schicksal ...
Ich unterbrach die Einleitung nicht, sondern kostete das gewaltige Ausmaß und die brillanten Farben dieser Welt aus, die mir noch vor Kurzem verschlossen gewesen war. Von diesem Augenblick hatte ich lange geträumt.
Die Einleitung endete und ich war für einen Moment von Dunkelheit umgeben. Dann fand ich mich plötzlich in einem Raum voller Leute wieder. Es waren Jungen und Mädchen, die identische Kleidung aus Leinen trugen und sich erstaunt umsahen. Ich war überwältigt und konnte meine Freude nicht verstecken. Alles sah so echt aus! Der Holzboden unter unseren Füßen knarrte, an der hohen Decke waren die Dachsparren zu sehen und das Licht, das durch die Fenster drang, bewegte sich an den Wänden entlang und ließ uns Schatten werfen. Ich konnte Baumharz riechen. Staub
tanzte in den Sonnenstrahlen. Das Leinenhemd saß locker, und als ich es berührte, konnte ich meine Rippen durch den Stoff fühlen. Unglaublich!
„Aua!”, kreischte ein Mädchen mit langem, schwarzem Haar. „Wer hat mich gekniffen?”
Alle lachten. Das Mädchen nieste und löste damit erneut Gelächter aus.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!”, rief ich.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!”, schallte es aus allen Richtungen zurück. Wir waren an diesem Tag alle 14 geworden, soviel war klar, denn niemand würde seine erste Kostprobe von Disgardium
hinausschieben.
„He, Moment mal! Sollten wir nicht unsere Namen sehen können?”
„Wir haben doch noch keine Charaktere generiert, Dummkopf!”
In unserer fieberhaften Aufregung bemerkten wir nicht, dass sich die Tür geöffnet hatte.
„Willkommen, neue Besucher von Tristad!”, erklang eine sonore, männliche Stimme.
Als wir uns umdrehten, sahen wir im Türrahmen einen seriös wirkenden Mann mit grauen Locken, der ein Lächeln hinter seinem Schnurrbart versteckte. Über ihm schwebten die Worte:
Peter Whiteacre, Level 30
Erster Stadtrat der Stadt Tristad
„Es ist mir ein Vergnügen, euch in der freien Stadt Tristad willkommen zu heißen. Hier hat
jeder einen Platz, egal ob Held oder Krieger, Barde oder Weiser, Jäger oder Magier, Druide oder gewöhnlicher Arbeiter im Steinbruch ...” Der Erste Stadtrat listete noch weitere Charakterklassen und Berufe auf. Dann ging er durch die Liste der Völker in der Allianz des Lichts. „Und wir freuen uns ebenso, Menschen, Elfen, Gnome ...”
Ich war fasziniert. Die Informationen online zu lesen, war eine Sache, aber endlich ein Teil dieser Welt zu werden, eine ganz andere. Der Erste Stadtrat gab uns einen kurzen Überblick über die derzeitige Situation. Die Völker der Allianz befanden sich im Krieg mit Horden von Orks und barbarischen, nichtmenschlichen Stämmen. Außerdem mussten sie Raids aus dem Nether und sinnlose Angriffe der Verwüster abwehren und sich den dunklen Bruderschaften, den Schlafenden Göttern und dem Bündnis der Goblins entgegenstellen.
In dieser Welt ging vieles vor sich. Einige von uns würden in der Allianz bleiben, nachdem wir in die Welt der Erwachsenen übergewechselt waren, während andere sicher die Gelegenheit nutzen und ihren Charakter in eine andere Fraktion wechseln lassen würden.
„Sicher seid ihr alle erschöpft von der langen Reise”, sagte Whiteacre schließlich. „Nachdem ihr euch beim Schreiber Carlson registriert habt, werde ich alle weiteren Fragen beantworten. Falls ihr keine Fragen habt, geht in die Stadt und seht euch um, macht euch mit den Einwohnern bekannt und bringt
Tristad Glück.”
Wir gingen zum Registrierungsschalter, hinter dem ein rundlicher, rotwangiger Schreiber saß. Ich stellte mich hinten in der Schlange an.
„Füllt diese Ankunftsformulare aus”, sagte Carlson und teilte Formblätter aus.
Das Blatt Papier entfaltete sich zu einem Charakterregistrierungsformular, sobald man es in der Hand hielt. In der Sandbox konnte man nur einen Menschen spielen, darum fragte ich mich, warum Whiteacre auch alle anderen Völker der Allianz des Lichts aufgezählt hatte. Die Charakterklasse durften wir erst auf Level 10 wählen, daher konnten wir vorerst nur den Namen unseres Charakters eintragen und Attributpunkte zuweisen.
Ich hatte mir meinen Namen schon vor langer Zeit ausgesucht. Er war mir aus den Geschichten der Antike bekannt, die mein Vater mir vor dem Einschlafen immer vorgelesen hatte.
Name: Scyth
Bestätigt
Ich hätte sagen können, dass er keine Bedeutung hatte, doch das stimmte nicht. Ich hoffte, dass ich diesem Namen gerecht werden könnte.
[1]
Scyth, du hast 15
Hauptattributpunkte.
Deine Attribute werden dein Leben in
Disgardium in vielerlei Hinsicht bestimmen, von deiner Kampfstrategie bis hin zu der Art und Weise, wie andere dich wahrnehmen.
Nimm dir Zeit und denke sorgfältig darüber nach. Deine Attribute können nicht zurückgesetzt werden!
In der Schule hatte ich gehört, dass man mindestens 10 Punkte in jedem Attribut brauchte, egal, welche Charakterklasse man wählen wollte. Stärke, damit ich schwere Lasten tragen konnte. Beweglichkeit und Wahrnehmung, um meine Ziele nicht zu verfehlen und kritische Treffer landen zu können. Intelligenz bestimmte die Manaregeneration, und Mana brauchte man, um besondere Angriffe auszuführen, selbst als Krieger. Mit niedrigem Charisma würde ich keine guten Quests und Preisnachlässe von Händlern erhalten. Glück hingegen hatte im Allgemeinen keinen großen Einfluss.
Nachdem ich kurz überlegt hatte, verteilte ich auf jedes Attribut 2 Punkte und wies den übrigen Punkt Ausdauer zu.
Scyth, Level 1, Mensch
Realer Name: Alex Sheppard
Reales Alter: 14
Charakterklasse: Nicht gewähl
t
Hauptattribute:
Stärke: 2
Wahrnehmung: 2
Ausdauer: 3
Charisma: 2
Intelligenz: 2
Beweglichkeit: 2
Glück: 2
Als ich fertig war, reichte ich dem Schreiber mein Formular. Er überflog es, schnaubte, lächelte gequält und verkündete mit übertriebener Begeisterung: „Willkommen in Tristad, Scyth!”
Als ich hinaustrat, blieb ich auf der Treppe stehen, blickte verträumt die Hauptstraße hinunter und lächelte.
Disgardium
, begrüße deinen neuen Helden!