Kapitel 2: Eineinhalb Jahre später
ES WAREN NUR
noch 5 Minuten bis zum Ende der Stunde und die Schüler wurden unruhig.
„Es hat noch nicht geklingelt”, bemerkte unser Geschichtslehrer Greg Kovacs streng. „Bleibt sitzen! Edward, setz dich sofort wieder hin!”
Ed Rodriguez, der Anführer des Clans der Dementoren, schob seinen Tisch über den Boden, doch er setzte sich wieder hin. Moderne Geschichte war unsere letzte Stunde, und er konnte es nicht abwarten, Disgardium
wieder betreten zu können.
„Ich bin noch nicht fertig”, sagte Herr Kovacs missbilligend. „Die Stunde wird um 2 Minuten verlängert! Ihr wisst, wem ihr das zu verdanken habt.”
Tissa, das blonde Mädchen, das hinter Ed saß, stieß etwas aus, das wie „Mist!” klang. Sie war Mitglied in Eds Clan. Scheinbar hatten sie für heute einen Raid geplant.
„Machen wir 3 Minuten daraus, Melissa Schäfer”, berichtigte der Lehrer sich locker. Er fuhr
mit seinem Vortrag fort: „Nach dem globalen Zusammenbruch des Bankensystems ...”
Tissa rollte die Augen und seufzte laut mit zusammengepressten Lippen. Ed drehte sich um und warf ihr einen Luftkuss zu, woraufhin Tissa ihm den Stinkefinger zeigte.
„... der UN”, sagte Herr Kovacs, während er den Namen an die Tafel schrieb und ihn unterstrich. „Das führte zur Entstehung der Weltweiten Bank und der globalen Währungsunion. Wer kann mir sagen, wie die neue Währung hieß?”
„Phönix”, antwortete die ganze Klasse.
„Genau”, nickte Herr Kovacs. „Und wer weiß, wie ein Phönix aussieht?”
Allgemeines Schweigen. Ich fand es besser, zu antworten, sonst würden wir vielleicht noch eine halbe Stunde hier sitzen.
„Der Phönix ist ein mythischer Vogel, der sich selbst verbrennen kann und dann aus seiner Asche wiederaufersteht”, sagte ich. „Der Phönix-Mythos wurde zum ersten Mal von Herodot schriftlich erwähnt.”
„So sehr ich deine Kenntnisse der antiken Mythologie auch schätze, Alex, ich habe die Währung gemeint. Der Phönix hat keine materielle Form. Er ist eine digitale Währung, unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Bedingungen. Im gleichen Jahr fand eine weitere wichtige Veränderung in der Gesellschaft statt ...”
Herr Kovacs war zu
dem vorgeschriebenen Staatsbürgerschaftstest übergegangen, den wir bald würden ablegen müssen. Er erwähnte kurz die bemitleidenswerte Existenz der Nicht-Bürger, die Tatsache, dass sie die Bürger zahlenmäßig übertrafen und dass sie massenweise starben, von der Gesellschaft im Stich gelassen und vergessen. Am Ende hörte niemand mehr zu. Wir trommelten auf unsere Tische und zählten laut die letzten Sekunden der zusätzlichen 3 Minuten herunter.
„Drei! Zwei! Eins!”
Die Stimme unseres Lehrers, der die Hausaufgaben und den Termin des bevorstehenden Tests verkündete, ging im Lärm zurückgeschobener Stühle unter. Die Dementoren stürmten als erste Gruppe aus der Klasse, allen voran Ed. Sie nahmen Disgardium
sehr ernst, weil sie ihre Zukunft in der virtuellen Welt sahen. Der Entwickler Snowstorm Inc.
war das erste Unternehmen gewesen, das Leute fürs Spielen bezahlt hatte. Seither war Disgardium
zum am häufigsten gespielten Spiel auf der Erde geworden, das Spielern ermöglichte, vollständig in seine Welt einzutauchen. Es hatte sogar eine Zertifizierung von den Vereinten Nationen erhalten. Nun verbrachten Nicht-Bürger und unterqualifizierte Bürger ihre Tage damit, dort ihr Geld zu verdienen. Für viele war es der einzige Weg, ihr Schicksal zu verbessern.
Für mich jedoch nicht. Eineinhalb Jahre waren vergangen, seitdem ich Dis
zum ersten Mal geladen hatte. Damals hatte ich gedacht, sehr schlau zu sein, als ich allen Attributen die gleiche Punktzahl
zugewiesen hatte. Das war jedoch ein großer Irrtum gewesen, denn ich hatte einen Charakter erhalten, der miesen Schaden und schlechte Zielgenauigkeit hatte. Ich hatte kaum überleben können. Ich hatte zwar vor meiner ersten Spielsession ein paar Anleitungen gelesen, doch leider hatte ich mich nicht genügend über die Erstellung eines neuen Charakters informiert. Ich hatte gewusst, dass ich durch jedes Level 5 Attributpunkte erhalten würde, darum hatte ich gedacht, dass ich es schnell würde korrigieren können, falls etwas schiefgehen sollte. Ein paar Levels aufzusteigen, hatte sich einfach angehört.
Wie sich jedoch herausgestellt hatte, war es schwieriger, als ich gedacht hatte. Bots gaben mir keine Quests, und Mobs zu farmen, entpuppte sich als mühsam und schwierig. Level-1-Ratten waren schwer zu töten und erledigten mich bei jedem Versuch mit ein paar Bissen. Ich musste etwa 10 Treffer landen, um eine einzige Ratte zur Strecke zu bringen, doch ich verfehlte mein Ziel ständig und traf nur, wenn jemand die Ratte für mich festhielt.
Als ich mich einer Gruppe von Anfängern anschloss, verdiente ich noch weniger Erfahrung. Meine Begeisterung verflog schnell. Meine Reaktion war nicht ungewöhnlich. Einige Spieler hörten einfach auf, zu spielen, andere wählten soziale Quests.
Doch auf diese Weise zu leveln, war außerordentlich langweilig und dauerte ewig. Für nur 1 Erfahrungspunkt musste man einige Stunden gemeinnützige Arbeit leisten, wie zum Beispiel Ställe
ausmisten oder Unkraut jäten. Ein halbes Jahr im Spiel verbringen, um einige Levels aufzusteigen? Zur Hölle damit!
Eines Tages stieg ich aus dem Spiel aus, nur, um am nächsten Tag, motiviert durch den Erfolg einiger Klassenkameraden, mit neuen Hoffnungen und Plänen wieder einzusteigen. Doch je länger ich spielte, desto enttäuschter wurde ich.
Am Anfang konnte ich keine Ausrüstung, Rüstung oder Waffen bekommen. Das schwächste Messer im Waffenladen kostete einige Silbermünzen, und ich hätte 50 soziale Quests abschließen müssen, um nur 1 Silbermünze zu verdienen. Ratten mit bloßen Händen zu erledigen, war unmöglich. Die Dinger waren so groß, dass sie einen Rottweiler aus dem wirklichen Leben würden ausschalten können! Selbst wenn es mir gelungen wäre, eine einzige Ratte zu töten, hätte ich nur 1 oder höchstens 2 Erfahrungspunkte verdient. Schließlich konnte ich es nicht mehr ertragen. Nach mehreren Wochen, in denen ich alles Mögliche probiert hatte, um zu leveln, war mein Lebensbalken erst zu 5 % gefüllt. Ich hatte noch nicht mal Level 2 erreicht.
Aus irgendeinem Grund, den nur die Entwickler kannten, war es nicht möglich, in Sandboxen einen Charakter zu löschen und einen neuen zu erstellen. Vielleicht sollten wir dadurch lernen, Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen.
Damals wie heute wollte ich auf
keinen Fall reales Geld im Spiel ausgeben. Ich wusste, wie knapp das Geld bei meinen Eltern war. Eine Grundausrüstung würde zwar kein Vermögen kosten, doch bis ich die Möglichkeit in Erwägung gezogen hatte, hatte Dis
seinen Reiz für mich verloren.
Sicher, zuerst hatte es Spaß gemacht, die völlig neue Welt mit ihrer eigenen Geografie, Geschichte, ihren eigenen Gesetzen, Regeln und Völkern zu erkunden. Sie hatte sogar ihre eigene Physik, denn es gab Magie und Teleportation. Doch das hatte mich nur in den ersten paar Tagen wirklich fasziniert. Aber nach dem tödlichen Biss einer riesigen Spinne immer wieder Unkraut jäten oder respawnen müssen? Nein, danke.
Außerdem sehnte ich mich nach dem Weltraum. Auf dem Mars wurden die ersten Siedlungen errichtet, und ich dachte, eine neue reale Welt zu erforschen, würde viel interessanter sein, als eine virtuelle zu erkunden. Gierig verschlang ich alles, was ich über Expeditionen in den Weltraum finden konnte, informierte mich über die Zulassungsvoraussetzungen von Universitäten und bereitete mich auf Prüfungen vor. Meine Eltern unterstützten meine Ambitionen und hatten etwas Geld für mein Studium zur Seite gelegt.
Doch zusätzlich musste ich auch Dis
spielen. Jeden Tag. Ab 14 Jahren mussten alle mindestens 1 Stunde pro Tag im Spiel verbringen. Snowstorm Inc.
hatte seine Finger im UN-Bildungsministerium. Dort war man der Meinung, es wäre ein wichtiger Teil
der Erziehung, Kindern die nötigen sozialen Fähigkeiten zu vermitteln und uns auf das Leben als Erwachsene vorzubereiten – sowohl in der realen Welt als auch in Disgardium
.
Im Spiel glich ein Tag dem anderen. Gewöhnlich verbrachte ich die Stunde damit, gegenüber dem Gasthaus „Der sprudelnde Krug” auf einer Bank zu sitzen. Nachdem ich das Spiel betreten hatte, gesellte sich stets meine Nachbarin Eve O‘Sullivan zu mir. Sie konnte keinerlei Schmerzen aushalten, daher fand sie das Spiel auch nicht so toll, und sie vertrieb sich die Zeit damit, neben mir zu sitzen. Je früher wir unsere Staatsbürgerschaftstests würden ablegen können, desto besser. Dann würde ich diese lästige Anforderung hinter mir haben.
Mit diesem Gedanken verließ ich eilig die Schule. Der Parkplatz hatte eine begrenzte Anzahl öffentlicher fliegender Autos, und wenn ich nicht sofort eins erwischen würde, würde ich warten müssen, bis eins zurückkäme.
Doch genau das passierte. Oder, genauer gesagt, eines der letzten hatte noch einen leeren Platz, aber ich wollte eins für mich haben, sodass ich es manuell fahren konnte.
Der Schulparkplatz befand sich auf dem Dach neben den vielen Solarpanels. Dort saß Eve. Sie wartete immer auf mich, sodass wir zusammen nach Hause fliegen konnten. Das Geschäft ihres Vaters war inzwischen sehr erfolgreich, doch sie wohnten immer noch in unserer Wohnanlage
.
„Alex!” Eves Gesicht leuchtete auf. Ich vermutete, dass sie in mich verknallt war, aber das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Sie war nett, aber nicht mein Geschmack. Sie achtete kein bisschen auf ihre Figur, sondern aß viel mehr Schokoladenriegel als vom Gesundheitsministerium empfohlen worden waren. „Wie war dein Tag?”
„Wie immer. Eine Doppelstunde Ethik der modernen Gesellschaft, eine in Programmieren von Hausrobotertechnik und eine in Moderner Geschichte. Gähn!”
„Ich weiß nicht, wozu Geschichte gut sein soll!”, rief Eve aus. Dann sprach sie mit veränderter Stimme und versuchte, die unverwechselbare Sprechweise von Herrn Kovacs nachzuahmen. „Der letzte Präsident der Vereinigten Staaten ...”
„Genau”, erwiderte ich.
Eve wurde nachdenklich. Ich warf meinen Rucksack auf den Boden und setzte mich neben sie. Alle fliegenden Autos waren weg, wir würden mindestens 10 Minuten warten müssen. Der Geruch von Teer hing in der Luft, freigesetzt vom Asphalt der Startrampe.
„Wieder dieses blöde Dis
”, seufzte Eve. „Wann spielst du heute? Wie gewöhnlich nach dem Essen?”
„Hm. Je schneller ich anfange, desto schneller kann ich aufhören und tun, was ich will.”
„Was würdest du denn lieber machen?”, fragte Eve und betonte dabei das Wort „lieber”. Sie zog es sogar in die Länge und zwinkerte
mir dabei zu.
Was zum Teufel?! Flirten war wirklich nicht ihre starke Seite. Wo hatte sie das bloß gesehen? Trotzdem war ich überrascht.
„Wahrscheinlich nicht das, was du gemeint hast”, antwortete ich grinsend. Ich wollte sie nicht beleidigen. Sie war großartig, wir kannten uns, seitdem wir Kinder gewesen waren. „Ich will mir etwas über die Leman-Expedition zum Mars ansehen.”
„Ach so. Ich dachte ... Vielleicht hättest du Lust ...”
„Was?” Ich hatte nicht vor, sie in Verlegenheit zu bringen, aber es war besser, diese Sache zu beenden, bevor Eve sich unbegründete Hoffnungen machen würde.
„Vielleicht ... Vielleicht könnten wir es uns zusammen ansehen?”, platzte sie heraus.
„Sorry, heute nicht. Meine Eltern arbeiten an einem neuen Projekt. Ich möchte nicht, dass sie durch uns abgelenkt werden.”
Ich sagte taktisch „uns”, aber ich meinte nur sie. Mein Vater und meine Mutter hatten endlich einen einfachen Auftrag erhalten, doch der Kunde war pingelig, daher war es das Beste, sie so wenig wie möglich zu stören. In der letzten Zeit war das Geld bei uns knapp gewesen.
Mein Vater hatte den Verdacht, dass meine Mutter eine Affäre hätte, sodass er mehr und mehr trank, und wenn er betrunken war, wurde er paranoid, misstrauisch und aggressiv. Das gefiel meiner Mutter natürlich nicht. Dann verließ
sie heimlich das Haus und kam erst am frühen Morgen zurück. Ich war sicher, dass sie einen Freund hatte.
Ihre ständigen Streitereien vermiesten mir die Stimmung so sehr, dass ich oft keine Lust hatte, meine Hausaufgaben zu machen. Das war ein Problem, denn um die Zulassung zu einer Universität zu bekommen, brauchte ich einen hohen Durchschnitt.
Eve gab nicht auf. „Wir könnten es uns bei mir ansehen.”
„Lass uns später darüber reden”, entgegnete ich in der Hoffnung, dass sie nicht mehr darauf zurückkommen würde.
Die ersten fliegenden Autos kamen zum Parkplatz zurück. Wir stiegen in eins ein und ich nickte Eve zu. „Okay, sollen wir uns auf den Heimweg machen?”
„Ja.”
Ich wechselte die Steuerung zu „manuell” und ließ das Fahrzeug abheben. Fliegen ... es gab nichts Schöneres! Außer den Sternen natürlich.