Kapitel 10: Eine Hand wäscht die andere
EINIGE SEKUNDEN, UM zu sterben, einige, um zu respawnen. Mindestens 4 Tode pro Minute. Mehr als 100 in der ersten halben Stunde des Kampfes mit dem Verfluchten Lich.
Diese Art von Beharrlichkeit kannte ich nur aus Filmen: Der unerschrockene Held wurde besiegt, seine Anstrengungen waren umsonst, doch er machte trotzdem hartnäckig weiter. Es war nicht nur sinnlos, sondern idiotisch, aber er ließ sich nicht entmutigen und „blieb am Ball”, wie mein Onkel Nick zu sagen pflegte. Apathisch, ohne Zuversicht, Vertrauen, Motivation und Energie trieb er sich dennoch immer wieder an.
So ungefähr fühlte ich mich. Wie eine Ratte mit einer Elektrode im Belohnungszentrum ihres Gehirns drückte ich wieder und wieder den Respawn-Knopf, ging aufs Ganze und hoffte auf ein Wunder. Ab und zu schaffte ich es, den Boss zu treffen, doch leider nicht sehr oft.
Der Lich wurde auch langsam müde, doch eher geistig als körperlich. Ernsthaft, er hörte sogar auf „Du kümmerlicher, schwächlicher Sterblicher!” zu flüstern, wenn ich respawnte.
Nachdem er mich 50 Mal getötet hatte, änderte er seine Taktik. Abwechselnd warf er tödliche Kugeln von Grabwürmern, füllte den halben Raum mit blubberndem, rauchendem Schleim oder fügte mir Körperschaden zu, indem er mir mit seinem Stab auf den Kopf schlug, auf dessen Spitze sich ein schwerer, schwarzer Stein befand. In den Protokollen konnte ich die Namen seiner Zauber lesen, von denen einer bedrohlicher klang, als der andere: Geißel, Pest, Fäule ...
Während meiner nächsten Versuche wurde mir klar, dass ich an der Quest scheitern und aus Tristad ausgewiesen werden würde. Dennoch wollte ich es ein letztes Mal versuchen. Ich hatte noch eine halbe Stunde übrig.
Dargo der Verfluchte Lich hat dir Schaden zugefügt: 37
Gesundheitspunkte: 0/53
Du bist gestorben.
‚Patrick, du alter Säufer! Hättest du mich nicht mit einem Fluch belegen können, der mich mit voller Gesundheit respawnen lässt? Dann hätte ich wenigstens eine Chance, aber so ...‘ Gleich darauf schob ich diesen Gedanken beiseite und befahl mir selbst, nicht aufzugeben, sondern weiterzukämpfen.
Nachdem ich respawnt war, verkrampfte ich mich, weil ich Schmerzen erwartete, doch ich rannte trotzdem auf den Lich zu. Ein Schlag! Hammerfaust ! Ein weiterer Schlag! Keiner traf den Boss, er wich ihnen lachend aus. Ich verstand nicht, was vor sich ging. Schwer atmend hielt ich inne. Dargo betrachtete mich ... mitleidig?
„Du erbärmlicher, schwacher Sterblicher! Ich bin von der unbezwingbaren, gnadenlosen Vernichtenden Seuche beschworen worden. Zusammen werden wir ganz Disgardium erobern. Es steht dir nicht zu, gegen mich zu kämpfen.”
Während er sprach, winkte er mich mit dem Finger zu sich und deutete auf den Lehmboden. Nachdem er sicher war, dass ich aufpasste, schrieb er mit dem Griff seines Stabs: „Du gibst nicht auf, oder?”
Ich war so erstaunt, dass ich nur wortlos den Kopf schütteln konnte. Er verwischte die Worte und schrieb dann: „Das verstehe ich, aber ich habe keine Lust mehr.” Was er schrieb und was er gleich darauf sagte, waren jedoch zwei verschiedene Dinge.
„Du Wurm! Weißt du nicht, dass deine Bemühungen sinnlos sind?”
„Es gibt für mich aber keine andere Möglichkeit, Dargo”, erklärte ich. „Wenn ich die Mission nicht erfülle, werde ich mein Ansehen bei der Stadt verlieren, aber Disgardium ist meine einzige Chance, Geld für meine Ausbildung zu verdienen.”
„Ausbildung?”, schrieb der Lich und schrie gleichzeitig: „Schwächling! Deine Selbstsicherheit wird dein Untergang sein.”
„Ja, ich will zur Universitä t gehen, um Weltraum-Reiseführer zu werden.” Ich war verwirrt, aber ich war nun sicher, dass der Boss von einer realen Person gesteuert wurde. „Solange ich denken kann, habe ich davon geträumt, im Weltraum zu arbeiten.”
„Du wirst von innen gefressen werden!” Er zauberte eine Kugel von Grabwürmern herbei, doch er warf den Fluch in die andere Richtung.
„Cali Bottom, 270-36. Frag nach Clayton und bring Donuts mit. Ich kann die UNM nicht mehr sehen!”, schrieb der Lich mit seinem Stab. Dann sah er mich eindringlich an.
Die UNM war die universelle Nährstoffmischung. Sie enthielt alles, was ein Mensch brauchte, und war billiger als Wasser. Ein synthetischer Cocktail mit künstlichem Aroma, den es in Hunderten von Geschmacksrichtungen gab, die jedoch alle nach Papier schmeckten.
„Cali Bottom, 270-36. Verstanden. Das ist ein zweieinhalbstündiger Flug für mich ...” Ich überlegte bereits, welche Geschichte ich meinen Eltern erzählen würde. „Ich mache mich gleich nach der Schule auf den Weg und werde gegen Abend dort sein.”
Dargo nickte. Dann steckte er seinen Stab ein, streckte die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Ich blickte auf den Boden und sah nur zwei Worte: „Schlag zu.”
Ich ließ den bizarren Lich nicht aus den Augen, während ich zu meinen Gegenständen hinüberging, die ich nach meinem ersten Tod gedroppt hatte. Ich zog mich an und nahm mein Schwert in die Hand.
„So wird es schneller gehen”, sagte ich und erhob die Klinge.
Er zwinkerte als Zeichen, dass er verstanden hatte. Gleichzeitig fauchte er mir seine altbekannten Äußerungen entgegen: „Halt den Mund, Wurm! Es steht dir nicht zu, gegen mich ...”
Ein Hinterhältiger Angriff unterbrach ihn mitten im Satz.
Du hast Dargo dem Verfluchten Lich kritischen Schaden zugefügt: 9!
Gesundheitspunkte: 271/280
Jedes zweite Mal verfehlte ich den Lich. Ich wechselte meinen einzigen Spezialangriff mit normalen Schlägen ab und holte so viel wie möglich aus meinen 2 Stärkepunkten heraus. Es widerstrebte mir, das Schwert zu erheben, weil ich ihn nicht am Kopf treffen wollte, doch vermutlich erschwerte ich mir die Sache dadurch nur. Zur Hölle mit allem.
Ein weiterer Hinterhältiger Angriff landete einen kritischen Treffer für 12 Schaden. Dargo zuckte nicht einmal. Wahrscheinlich fühlte er keinen Schmerz.
Nach fast 2 Minuten hatte ich den Gruftboss erledigt. Kurz vor dem letzten Schlag hob er einen Arm und formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis.
„Donuts?”, fragte ich, doch er hatte keine Zeit mehr zum Antworten.
Du hast Dargo dem Verfluchten Lich kritischen Schaden zugefügt: 5!
Dargo der Verfluchte Lich ist tot.
Erhaltene Erfahrungspunkte: 90
Erfahrungspunkte auf derzeitigem Level (2): 117/900
Du hast die Instanz „Gruft des Tempels von Nergal dem Leuchtenden” abgeschlossen!
Der Raum mit dem nach Verwesung und Fäulnis stinkenden, feuchten, bröckeligen Lehmboden veränderte sich. Die rauchenden Fackeln hatten ihn kaum beleuchtet, doch jetzt wurde er durch mehrere Gesichter vom Leuchtenden Gott erhellt. Die Feuchtigkeit verschwand, der Boden wurde trocken und wenig später durch einen schönen Holzboden ersetzt.
Nach einer Reihe von Blitzen erklang eine Siegesfanfare und Interface-Meldungen versperrten mir die Sicht. Ich sammelte meine Gegenstände ein, ging zum Körper des Lichs und setzte mich neben ihn, um wieder zu Atem zu kommen. Ich betrachtete meine Belohnungen.
Die Mission des Ersten Stadtrats von Tristad, Peter Whiteacre, ist abgeschlossen.
Du hast entdeckt, dass sich ein unbekanntes Übel in die Gruft des Tempels von Nergal dem Leuchtenden eingeschlichen hat – Dargo der Verfluchte Lich, ein Abgesandter der Vernichtenden Seuche. Es ist dem Lich gelungen, eine große Armee von Untoten wiederzuerwecken, die Grundmauern des Tempels zu schänden, sich wie ein Parasit von den ätherischen Vibrationen zu nähren, die die Anhänger des Leuchtenden Gottes ausstrahlen, und die Segnungen aller Stadtbewohner zu bedrohen.
Durch deine Bemühungen ist der Tempel von der Entweihung gereinigt worden.
Erzähle dem Ersten Stadtrat von Tristad, Peter Whiteacre, von deinem Erfolg, um die Belohnung zu erhalten.
Erhaltene Erfahrungspunkte für den Abschluss der Mission „Gruft des Tempels von Nergal dem Leuchtenden”: 100
Erfahrungspunkte auf derzeitigem Level (2): 217/900
Es hatte also Vorteile, solo durch Instanzen zu gehen. Die verdiente Erfahrung hätte wenig Bedeutung für mich gehabt, wenn ich sie mit einer Gruppe hätte teilen müssen. Eve war zwar in meiner Gruppe, doch sie würde wahrscheinlich keine Erfahrung erhalten, weil sie nicht mit in der Gruft gewesen war. Doch würde die Mission für sie ebenfalls als abgeschlossen gelten?
Hinter mir öffnete sich knarrend eine Tür. Ich drehte mich um und sah ein flackerndes Leichentuch in der Tür. Die Erschöpfung und Zwiespältigkeit, die mich vor einer halben Stunde ergriffen hatten, waren durch meine Freude verscheucht worden. Ich grinste von einem Ohr zum anderen und schluckte immer wieder, um meine Kehle zu befeuchten. Dann riss ich als Zeichen des Sieges meine kraftlosen Arme hoch.
Es war nur noch eine Meldung übrig, die ich lesen musste. Ich hatte sie absichtlich bis zum Schluss aufgehoben, weil ich bereits wusste, was als Nächstes kam, und es hatte auskosten wollen.
Freigeschaltetes einzigartiges Achievement: Der Lich ist tot! Lang lebe der neue Lich!
Du hast den Hauptboss der Gruft ganz allein (!) besiegt, und sein Level war fünfmal (!) so hoch wie deins. Besser noch, du hast keinen Schaden erlitten!
Dargo der Verfluchte Lich ist tot und wird nie zurückkehren. Doch bevor ihn das Zeitliche gesegnet hat, hat er versehentlich etwas von seiner Macht auf dich übertragen.
Belohnung: Mal der Vernichtenden Seuche
Ich öffnete mein Profil und las die Beschreibung, doch es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Mein Gehirn weigerte sich kategorisch, auf Hochtouren zu arbeiten. Auf den ersten Blick schien die Fertigkeit von zweifelhaftem Nutzen zu sein. Sie hatte schreckenerregende Nebeneffekte, und ihr Name verhieß ebenfalls nichts Gutes.
Mal der Vernichtenden Seuche
Passive Fertigkeit
Derzeitiges Level: 1
Wenn du einen tödlichen Treffer erleidest, hast du eine 1%ige Chance, den Fluch der Untoten zu erhalten. Wenn er ausgelöst wird, wirst du nicht sterben, und dein gesamter erlittener Schaden wird auf 0 reduziert. Dein lebender Körper wird jedoch sichtbar verwesen!
Der Fluch bleibt so lange aktiv, bis du deine Gesundheit vollständig wiederhergestellt hast.
Noch ein Fluch? War Patricks Fluch nicht genug? Ich beschloss, mir später Gedanken darüber zu machen, wie ich mit ihm leben sollte. Ich sammelte die auf dem Boden liegenden Beutestücke ein, die durch das Interface beleuchtet wurden. Es befand sich ein merkwürdiger, schuppiger Gürtel darunter, der sich unangenehm anfühlte. Ich warf ihn achtlos in mein Inventar und lief zum Ausgang.
In Tristad hatte der Arbeitstag noch nicht begonnen, daher würde ich nach der Schule zuerst nach Hause fliegen und nach Disgardium zurückkehren müssen, um die Quest abzuschließen, bevor ich mich mit Dargo/Clayton würde treffen können.
Die Sonne erschien bereits am Horizont und tauchte die Dächer und Tempeltürme in ein herrlich goldenes Licht. Nach der finsteren, modrigen Gruft erschien Tristad mir in neuen Farben. Die Gerüche der erwachenden Stadt und die frische Morgenluft waren eine wahre Freude. Ich war glücklich und hatte es nicht eilig, diese Welt zu verlassen.
Irgendwo in der Stadt läutete eine Glocke drei Mal und verursachte mir einen stechenden Schmerz hinter den Schläfen. Ich warf einen kurzen Blick auf eine globale Meldung über eine neue Gefahr. Seitdem ich mit dem Spiel begonnen hatte, hatte ich schon viele dieser Meldungen gesehen, doch ich war sicher, Gefahrenmeldungen abgeschaltet zu haben. Seltsam, dass diese nicht herausgefiltert worden war. Vielleicht, weil die potenzielle Gefahrenklasse höher als gewöhnlich war.
Wir haben einen falschen Ton in den klingenden Saiten der Schöpfung entdeckt! Ein neues Übel ist in Disgardium erwacht!
Geschätzte potenzielle Gefahrenklasse: L
Aktuelle Gefahrenklasse: Z
Wahrscheinlichster Aufenthaltsort: Vorgebirge der Namenlosen Berge
Da dieses Übel jetzt erwacht ist, dürfen wir es nicht mächtiger werden lassen. Wer es als Erster findet und ausschaltet, wird von den Machthabern großzügig belohnt werden!
Und wenn ihr erfolgreich seid, oh Tapfere und Helden, werden die Götter euch ebenfalls wohlgesonnen sein!
Die Namenlosen Berge? Ich hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden. Vielleicht irgendwo in der Nähe, vielleicht aber auch auf der anderen Seite des Landes. Es war ein 1.300 Kilometer langer Gebirgszug. Zum Teufel damit. Ich war schon spät dran und musste unbedingt etwas trinken.
Mein Blick konzentrierte sich auf die Taste „Beenden”. Ich wollte nur frei sein.