Kapitel 21: Titten und Drachen
WIR LIESSEN EVE
das erste fliegende Auto nehmen und flogen dann mit dem nächsten los. Alles wäre perfekt gewesen, wenn meine langjährige Freundin nicht so traurig ausgesehen hätte, als sie mit hängendem Kopf ins Fahrzeug gestiegen war. Sie hatte nicht einmal ihre Tränen verstecken können.
Mein verräterisches Verhalten war die Sache jedoch nicht wert gewesen, denn Tissa musste umkehren, bevor wir den Wasserpark überhaupt erreicht hatten. Kaum waren wir im südlichen Distrikt gewesen, hatte sie jede Menge Anrufe und Nachrichten von ihrem Clan erhalten.
Sobald eine Lücke im Spiel entstand, tauchte etwas Neues auf, um sie zu füllen. Nachdem Crusher aus dem Düsterwald verschwunden war, hatte Punisher seinen Platz eingenommen. Dann war er auch plötzlich weg gewesen, und nun war Bloodsucker aus der Versenkung aufgetaucht, eine Spinne mit Attributen, die mit denen des Alphatieres
des Wolfrudels vergleichbar waren. Infect war zufällig auf den neuen Boss gestoßen, als er getarnt durch den Wald geschlichen war und versucht hatte, den Zombiewolf Punisher aufzuspüren. Er war kein richtiger Boss, aber als Elitecharakter trotzdem von Interesse für die Dementoren. Nachdem Infect stundenlang ziellos umhergewandert war, ohne eine Spur von Punisher zu finden, hatte er gesehen, wie Bloodsucker geboren wurde. Die Erde war aufgerissen und unzählige Spinnentiere waren aus der tiefen Spalte herausgekrochen. Zum Schluss hatte sich der neue Boss herausgeschleppt und ein lautes Kreischen ausgestoßen.
Dieser Teil des Düsterwaldes war laut Malik jetzt nicht mehr wiederzuerkennen. Es herrschte eine Grabesstille. Nicht eine einzige Kreatur war am Leben gelassen worden, und alles war von Spinnweben bedeckt. Einfach düster.
Als Tissa davon gehört hatte, hatte sie das Auto sofort umkehren und nach Hause fliegen lassen. Als sie mein enttäuschtes Gesicht gesehen hatte, hatte sie erklärt: „Tut mir leid, Alex. Ich kann keinen weiteren Ersten Kill
verpassen. Du kannst uns begleiten, wenn du willst.”
Ich hatte den Kopf geschüttelt, denn ich hatte auch ohne riesige Spinnen genügend eigene Sachen in Dis
zu tun. Außerdem konnte ich keinen besonderen Nachdruck in Tissas Stimme ausmachen, darum ging ich nach Hause.
Meine Eltern waren in
der Küche und aßen. Sie saßen sich gegenüber und diskutierten über ein Projekt. Sie so entspannt zu sehen, war sehr schön, besonders nach der Szene mit Eve und meinem schiefgegangenen Date mit Tissa. Das Mädchen meiner Träume hatte mir gezeigt, an welcher Stelle ich auf ihrer Prioritätenliste stand. Eve hätte jede außerirdische Invasion oder jeden Lottogewinn gegen einen Tag mit mir eingetauscht, aber ihre Zuneigung war nur ein schwacher Trost. Für mich war und blieb sie ein nettes, etwas plumpes Mädchen, nicht mehr als eine Kumpeline.
„Du hast heute großen Hunger, Alex”, sagte meine Mutter und strich mir über den Kopf. „Willst du noch mehr?”
„Ja, noch eine halbe Portion, Mama. Danke.”
Meine Mutter musste gute Laune haben, denn sie hatte nicht einfach eine Fertigmahlzeit aufgewärmt, sondern das Abendessen selbst gekocht. Sie hatte Hähnchen mit Gewürzkruste und Knoblauch zubereitet, das auf Kartoffeln lag und mit ihrer besonderen Soße übergossen war. Es war so lecker! Ich nutzte die Gelegenheit und aß genug von der köstlichen Mahlzeit, um eine lange Spielsession in Dis
überstehen zu können. Nach dem Essen saßen wir noch eine Weile zusammen, und ich genoss die Gesellschaft meiner Eltern.
Mein Vater fragte mich, wie mein Spiel laufen würde. Er zeigte echtes Interesse, denn schließlich waren er und meine Mutter Designer virtueller Realitäten. Vor einiger Zeit waren sie sogar
einmal an der Gestaltung einiger Orte im großen Disgardium
beteiligt gewesen. Zuerst gab ich vage Antworten, doch dann hatte ich einen spontanen Einfall.
„Paps, ziehst du bei der Gestaltung eines Ortes alle Mobs in Betracht, die dort leben werden?”
„Natürlich”, entgegnete er und legte sein Tablet zur Seite. „Entwickler beobachten das Gleichgewicht im Ökosystem jeden Ortes ganz genau. Sie berücksichtigen sogar mögliche Migrationen von individuellen Mobs. Die Nahrungskette muss funktionieren wie ein Uhrwerk. Jeder nicht-menschliche Mob hat ein Attribut für Erschöpfung, Durst, Hunger und Befriedigung der Urinstinkte. Wenn wir nicht genug Gervais-Eichen zur Verfügung stellen, deren Eicheln Hauptnahrung des rotohrigen Wildschweins ist, sterben die Wildschweine aus oder sind gezwungen, sich einen neuen Lebensraum zu suchen. Und sie sind wiederum die Beute für ...”
„Ja, ja, das habe ich kapiert, Paps”, unterbrach ich ihn ungeduldig. „Aber ich habe eine Frage in Bezug auf versteckte Schätze. Nehmen wir an, ich gehe durch eine Instanz und finde in einem Raum eine Truhe ...”
„Wow, hast du einen epischen Gegenstand gefunden?”, fragte mein Vater mit leuchtenden Augen. Meine Mutter wies ihn sofort zurecht. „Mark, fang bitte gar nicht erst damit an. Hast du vergessen, was uns beim Weltraumharem-Projekt aus dem Konzept gebracht hat?”
Mein Vater sackte in sich zusammen, als er
sich daran erinnerte, wie er die Episode vermasselt hatte. Er hatte sich so gut in Dis
unterhalten, dass er sogar einen Clan gegründet und Raubzüge angeführt hatte. Ich war zu der Zeit acht oder neun Jahre alt gewesen und hatte die Tage gezählt, bis ich endlich Teil dieser Welt würde sein können. Mein Vater war nicht besonders erfolgreich gewesen, und sie hatten das Projekt etwa zur gleichen Zeit verloren. Er hatte einfach nicht genügend Zeit und Ideen gehabt, weil er bis zum Hals ins Spiel verwickelt gewesen war.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nichts Besonderes. Was mich interessiert, ist, wer diese Schätze platziert.”
„Es ist keine Person”, entgegnete er. „Die Welt von Dis
ist lebendig und ändert sich ständig. Dungeons entstehen und verschwinden von allein. Früher oder später werden sie alle gespielt, und eines Tages werden sie zum letzten Mal durchlaufen und lösen sich auf. Aber im Ernst, Alex, ...” Mein Vater fuhr sich durchs Haar. „Die künstliche Intelligenz eines Bosses sammelt Beute von toten Spielern ein und versteckt sie an vielen verschiedenen Orten. Nichts in Dis
verschwindet für immer, alles wird aus etwas bereits Vorhandenem geschaffen. Waffen werden von Schmieden hergestellt. Sie benutzen dazu Eisenerz, das von Bergarbeitern abgebaut wurde. Gebäude werden aus dem Holz von Sägewerken und Steinen aus Steinbrüchen gebaut. Lebensmittel ...” Er zuckte die Schulter. „Du weiß, was ich meine.”
Ich ließ nicht locker. „Und was
ist mit legendären Gegenständen? Sie kommen nur von Schmieden und Rüstungsbauern eines bestimmten Levels.”
„Legendäre Gegenstände sind für gewöhnlich einzigartig und wurden in das Gewebe der Welt eingearbeitet, als das Spiel zum ersten Mal gestartet wurde. Sie haben einen besonderen Platz in der Geschichte von Disgardium
. Wo hast du die Truhe denn gefunden?”, fragte mein Vater.
„In einem verschlossenen, leeren Raum”, erwiderte ich gleichgültig. „Aber das zweite Skelett, das mir begegnet ist, hat die Schlüssel gedroppt.”
„Das bedeutet, dass es dem Hauptboss nicht gelungen ist, seinen Plan umzusetzen. Er wollte wahrscheinlich sein Limit von Mob-Plätzen erreichen und eine Art Wache erstellen. Oder sogar einen Boss.”
„Aha. Und die Gegenstände haben eine Haltbarkeitszeit und werden früher oder später zerstört und verschwinden aus der Welt?”
„Genau.” Mein Vater lachte plötzlich, reichte mir die Hand und wartete darauf, dass ich einschlug. Als ich anderthalb Jahre alt gewesen war, hatte er es mir beigebracht, und seitdem hatten wir einen geheimen Handschlag. „Ganz genau, Junge.”
Als ich seine Hand ergriff, überkam mich plötzlich eine große Traurigkeit, denn mir fiel wieder ein, dass er und meine Mutter sich scheiden lassen würden. Offensichtlich erinnerte er sich ebenfalls daran, denn er wandte den Blick ab. Ich stand auf, umarmte ihn und danach meine Mutter, ehe ich in
mein Zimmer ging.
* * *
Eine halbe Stunde später war ich wieder in Dis
. Es dauerte nicht lange, bis ich Eve entdeckt hatte. Auf einer sozialen Quest rannte sie als Postbotin fieberhaft in der Stadt hin und her. Wie der erste Stadtrat Whiteacre einmal gesagt hatte: „Die pünktliche Auslieferung der Post ist unserer Stadt sehr wichtig.”
Daher nickte sie mir nur kurz zur Begrüßung zu und hielt nicht an, um zu reden. Sie trug eine gute Lederrüstung, was bedeutete, dass sie tatsächlich Geld ins Spiel gesteckt hatte.
Mein wichtigstes Ziel für den heutigen Tag war, Level 5 zu erreichen. Dann würde ich nicht länger auf die minderwertige Ausrüstung beschränkt sein, die Leichtgewicht verkaufte, und endlich einige grüne
Gegenstände mit Boni tragen können. Doch die Gegenstände, die ich im Düsterwald bekommen hatte, würde ich immer noch nicht benutzen können, daher beschloss ich, meine ungewöhnlichen Ausrüstungsteile bei der Auktion zu verkaufen oder an einen Wiederverkäufer zu verscherbeln. Es würde darauf ankommen, welche Möglichkeit profitabler wäre.
Den blauen
Schuppengürtel von Dargo dem Lich würde ich erst auf Level 10 verwenden können. Der einzige Gegenstand, den ich in absehbarer
Zeit würde benutzen können, war das Bronzeamulett mit +5 auf Ausdauer. Es war einfacher, sie zu verkaufen, als sie aufzuheben.
Bevor ich eine weitere Serie von Toden würde aushalten müssen, wollte ich noch einige Sachen in der Stadt erledigen: Zu den Auktionen gehen, Kochen
bis zum Rang des Gesellen leveln, neue Rezepte lernen und einige Quests erledigen. Im Moment hatte ich keine Missionen, aber der Beschreibung des Questgegenstands von Crusher zufolge musste ich sofort jemanden finden, der das Mädchen auf dem Bild im Medaillon kannte, und der beste Ort, um mit meiner Suche zu beginnen, war der Sprudelnde Krug.
Unterwegs warf ich einen Blick auf die Anschlagtafel am Rathaus, doch außer den üblichen Missionen Unkraut jäten, Reinigen, die Grenze zum Düsterwald patrouillieren und im Gasthaus Geschirr abwaschen – wahrscheinlich unter Aufsicht des infizierten
Kochs Arno –, fand ich nichts Interessantes.
Als ich an den Auktionen vorbeikam, beschloss ich, mich über Preise zu informieren. Der Handel hier war global. Die Sandbox und die Welt des großen Disgardium
hatten einen gemeinsamen Markt. Der Versteigerer Krauss gab mir einen Katalog, das System öffnete ein Fenster, und ich scrollte mich durch.
Was ich fand, war enttäuschend. Grüne
Sachen waren bei offiziellen Verkäufern zwischen 2 und 5 Goldmünzen wert, aber es war
unmöglich, vorauszusagen, ob sie einen Gegenstand kaufen würden. Trotzdem musste man 15 % Kommission auf den angegebenen Wert eines Gegenstands bezahlen, um ihn zum Verkauf anbieten zu können. Ich schüttelte skeptisch den Kopf. Das war keine gute Möglichkeit.
Außerdem prüfte ich den Preis für eine Beschwörungspfeife. Die billigste unter ihnen, die ein Pferd beschwor, war 100 Gold wert. Fortschrittlichere Reittiere kosteten je nach Sorte und Attributen mehr, aber ich würde zu solch einer Kreatur sicher nicht nein sagen. Selbst eine langsame, alte Mähre verlieh +200 % auf Bewegungsgeschwindigkeit. Die Fertigkeit Reiten war erforderlich und gab zusätzliche Boni auf Geschwindigkeit und die Kondition des Tieres.
Die Vielzahl der verfügbaren Mobs beeindruckte mich außerordentlich. Es gab Wasser-Reittiere wie Meeresschildkröten und Luft-Reittiere wie Greife und Pegasus. Unter den Land-Reittieren fand ich Elefanten, Flusspferde, Hirsche und Wildschweine. Für jeden Geschmack war etwas dabei. Die Preise begannen bei einigen Tausend Goldmünzen für normale Reittiere. Seltene waren noch viel teuer, aber über so etwas brauchte ich mir erst auf Level 40 Gedanken machen.
Ich hatte gehört, dass Horvac, der Anführer des Spitzenclans Die Wanderer, für ein paar Millionen das Ei eines Geisterdrachens gekauft hätte. Doch so eine Kreatur war für einen Normalsterblichen wie mich unerschwinglich und
lag so weit außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten wie Denise Le Bons Weltraum-Yacht.
Ich blätterte noch eine Weile durch den Katalog, aber ich fand nichts, das ich mir auch nur im Entferntesten hätte leisten können. Enttäuscht gab ich ihn dem Versteigerer zurück. Danach ging ich zu den Wiederverkäufern, um meine grünen
Gegenstände abzuladen.
Nachdem Leichti sich meine Waren angesehen hatte, warnte er mich, dass er mir 30 % vom festgelegten Wert abziehen müsste, ich dafür aber keine Kommission bezahlen bräuchte und er im Voraus zahlen würde. Seufzend bat ich ihn, mir ein Level-5-Set mit Tendenz zu Stärke und Ausdauer auszusuchen.
„Wie kommst du voran, Alex?”, fragte Rita, während Leichti meine Sachen prüfte und murmelnd ihren Wert berechnete. „Wow, du bist schon auf Level 4, obwohl du noch nicht mal eine Woche gespielt hast!”
„Ich gebe mein Bestes, weil ich schon so viel Zeit verschwendet habe.”
„Das kannst du laut sagen.” Sie schenkte mir eine Süße Freude und wechselte das Thema. „Hast du schon gehört, dass jemand Crusher besiegt hat? Du weißt schon, der Boss, von dem ich dir erzählt habe. Ganz allein, ohne einen Clan.”
„Ja, er muss großes Glück gehabt haben”, meinte Leichti. „Die Loot muss riesig gewesen sein, und das Achievement hat
ihm vermutlich große Boni gegeben ...” Er wollte noch etwas hinzufügen, wurde aber von einem Bogenschützen namens Momentmal unterbrochen, der den Schmuck am Nachbarstand durchwühlte.
„Ich weiß zufällig, wer es war, ich habe ihn gesehen!”, rief er. „Ein elfjähriger Junge mit Pickelgesicht. Und ich weiß auch, welche Loot er erhalten hat ...”
Er machte eine kurze Pause, doch Leichti stieß ihm mit dem hölzernen Ende seines Speers in den Rücken, denn er wollte es unbedingt wissen. „Sag schon! Was hat Crusher gedroppt?”
„Ein legendäres Reittier!”, erklärte der Bogenschütze feierlich. Ich erstarrte. Mir wurde heiß und kalt. „Ein Phönix! Ein fliegender Feuervogel.” Ihm quollen fast die Augen aus dem Kopf. „Er hat einen Bonus von 30 % auf Bewegungsgeschwindigkeit! Ich wette, der Junge wartet jetzt auf die Angebote der großen Clans.”
„Ja, sicher. Was für ein Unsinn!” Schwergewicht schüttelte ungläubig den Kopf. „Von einem niedrigleveligen Boss in der Sandbox? Du bist ein Lügner und ein Idiot!”
„Wollen wir wetten?” Momentmals Gesicht leuchtete auf. „Ich wette 5 Goldmünzen gegen deinen ganzen Stand, dass es wahr ist.”
Schwergewicht warf Leichtgewicht einen Blick zu. In ihren Augen war zu lesen, dass sie die Herausforderung reizte.
„In Ordnung.” Rita wandte sich entschlossen
an den Bogenschützen. „Aber erst will ich die 5 Gold sehen.”
„Keine Sorge, ich habe das Geld”, sagte er selbstzufrieden. „Also gut, es war so ...”
Leichtgewicht betrachtete den Bogenschützen, der eine wilde Geschichte erzählte, und lachte laut.
„Okay, du hast schon verloren!”, rief er und klatschte in die Hände. „Die ganze Geschichte steht im Tageblatt von
Disgardium
”, sagte der Händler und schüttelte die gefaltete Zeitung als Beweis in der Luft. „Dort wird berichtet, dass ein anonymer Spieler einen flammenden Phönix zur Versteigerung angeboten hat, ein legendäres, einzigartiges Reittier. Er hat schon ein Angebot von 7 Millionen Goldmünzen erhalten, aber der Posten wurde bereits vor drei Tagen eröffnet, und Crusher ist erst gestern besiegt worden.”
Dem Bogenschützen wich die Farbe aus dem Gesicht. „Na und? Vielleicht war es ja ein anderer Phönix!”, rief er erregt, doch alle wussten, dass er die Wette verloren hatte.
„Bist du blöd?”, schnaubte Schwergewicht. „Weißt du, was das Wort ‚einzigartig‘ bedeutet? Es bedeutet, dass es einen Gegenstand nur einmal gibt”, sagte sie und betonte das Wort „einmal”. „Gib mir die 5 Goldmünzen.”
„Was?”, erwiderte der Bogenschütze säuerlich. „Wir haben die Wette nicht mit einem Handschlag besiegelt.”
„Du hast sie doch selbst vorgeschlagen”, grinste Leichtgewicht, „und Schwergewicht hat sie
angenommen. Wir haben Zeugen, nicht wahr, Scyth?”
„Gib ihnen die Münzen, Momentmal”, sagte ich erleichtert. „Du hast verloren.”
Der Bogenschütze blickte sich einen Augenblick verwirrt um. Dann atmete er laut aus ... und rannte wie ein ängstliches Kaninchen weg. Kurz vorher war es ihm noch gelungen, sich eine Handvoll Schmuck zu schnappen. Wir sahen, wie er mit langen Schritten in die Stadt lief. Dieser kleine ...
Es war jedoch keine kluge Entscheidung gewesen, denn der Schmuckhändler rannte fluchend hinter ihm her und Leichti folgte ebenfalls. Ich überlegte, ob ich mich an der Verfolgung beteiligen sollte, doch Schwergewicht hielt mich zurück.
„Ein Zeuge reicht aus”, sagte Rita. „Die Bot-Wachen werden ihn vor Gericht bringen. Dort wird man sich um die Sache kümmern. Sie werden einen Wahrheitssucher beauftragen, der die Zeugenaussagen bestätigen wird. Momentmal ist ein Idiot. Ein idiotischer Diebstahl von einem idiotischen Typen. Was hat er sich nur davon versprochen?”
Ich erinnerte mich daran, wie die Wachen ihre Gefangenen behandelten, doch darüber wollte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich betrachtete Rita in ihrem freizügigen Hemd. Die oberen Knöpfe waren offen. Meine Augen wurden von dem verlockenden Spalt wie von einem Magneten angezogen. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden.
„He, Alex!”, rief Schwergewicht. „Meine Augen sind weiter oben!
”
Ich zuckte zusammen, doch obwohl es mir schwerfiel, riss ich mich zusammen. Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis Leichti zurückkehrte. Der Bogenschütze war von den Wachen gefangen worden und hatte seine Taschen leeren müssen. Trotz allem hatte Momentmal den Diebstahl kategorisch abgestritten und das Spiel verlassen, aber seine Goldmünzen schimmerten nun in Leichtis Hand.
Der Schmuckhändler sah düster drein, als er zurückkam. Momentmal hatte die Schmuckstücke beim Laufen weggeworfen, sodass er nichts mehr bei sich gehabt hatte. Der Händler hatte auf dem Rückweg einige Ringe gefunden, doch er konnte nicht sagen, ob es alles war. Er hatte kein Inventursystem, daher wusste er nicht, welchen Schmuck er vor dem Diebstahl besessen hatte.
Aus Neugier sah ich mir seine Waren an. Ein paar Ringe gefielen mir sehr gut, aber ich hatte nicht genug Geld. Also verabschiedete ich mich und lief zum Sprudelnden Krug.
In der Nähe des Gasthauses traf ich auf Patrick. Es war schon lange her, seit wir uns unterhalten hatten, darum holte ich 1 Kupfermünze heraus, mit der ich ihm die Zunge lösen wollte. Der Trunkenbold kam mir jedoch zuvor. Mit einem Grinsen, das seine verfaulten Zähne enthüllte, fragte er mich: „Na, Junge, wie lebt es sich mit einem Fluch?”
„Genau darüber wollte ich mit Ihnen reden, Herr Patrick. Hier, bitte.” Ich
reichte ihm die Kupfermünze.
„Schieb dir dein Kleingeld sonst wohin!”, keuchte die alte Schnapsdrossel. „Ausnahmsweise hat der Himmel meinen Wunsch erfüllt. Ich schwöre bei meinem erbärmlichen Leben, dass dies erst der Anfang ist! Gelobt sei Behemoth!”
Das wahnsinnige Lachen des Mannes zog die Aufmerksamkeit einiger Passanten auf sich. Sie waren daran gewöhnt, dass er laut sang, Flüche ausstieß, sich selbst bemitleidete und Kupfermünzen erbettelte, aber sie hatten ihn noch nie triumphierend erlebt. Ich musste etwas unternehmen, bevor das merkwürdige Verhalten des Trunkenbolds noch mehr Interesse erregen würde.
„Soll ich Sie zu einem Getränk einladen, Patrick? Ich habe jetzt etwas Geld. Hier ...” Ich holte einige Silbermünzen aus meinem Inventar und zeigte sie ihm.
Sein Lachen verstummte so abrupt, wie es begonnen hatte. Patrick erstarrte und betrachtete fasziniert die Handvoll Silber.
„Willst deine Sünden wohl wiedergutmachen, was?”, fragte er mit ernster Stimme. Er stand nun aufrecht vor mir. „Warum hast du das nicht gleich gesagt? Also gut, gehen wir ins Gasthaus. Wir können etwas zusammen trinken. Aber eines muss ich dir sagen: Ich werde dich nicht beschützen und ich kann den Fluch nicht entfernen. Ich weiß nicht, wie er ausgelöst worden ist. Es ist noch nie zuvor passiert.”
„Kommen Sie, Patrick.” Ich grinste ihn an. „Der
Fluch macht mir nichts aus. Es gibt etwas anderes, worüber ich mit Ihnen reden will.”