Kapitel 31: Interessenkonflikt
AUF DEM RÜCKWEG
von Cali Bottom wurde mir klar, welch großes Glück ich gehabt hatte, dass Manny Hanks Bruder war, und dass Hank wiederum den Endboss des rechten Flügels des Stadtgefängnisses von Tristad spielte. Ich versuchte, nicht an das Risiko zu denken, dass ich im Sprudelnden Krug eingegangen war. Es war waghalsig gewesen, das Schicksal auf diese Weise herauszufordern.
Hank, Harold und ich hatten uns noch eine Weile unterhalten. Ohne in Details zu gehen, hatte ich ihnen von mir und meinen Plänen erzählt. Die beiden Männer hatten nur mit den Zungen geschnalzt, als ich den Weltraum erwähnt hatte. Für sie war er in unerreichbarer Ferne.
„Jetzt verstehe ich, warum Clayton dich mochte”, hatte der alte Furtado gesagt. „Ihr wart verwandte Seelen.”
„Das ist aber nicht alles”, hatte Hank eingewandt. „Alex hat ein großes Herz,
und er ist kein Feigling. Dieser Junge hat sich gegen seine Leute gestellt, um einen von uns zu beschützen.”
Zu dem Zeitpunkt war ich sehr verlegen gewesen. Schließlich hatte ich nur zurückzahlen wollen, was ich Clayton schuldete. Aber ich hatte es nicht weiter ausgeführt und stattdessen das Gespräch auf Hanks Rolle als Dungeonboss gebracht.
Er hatte keine direkte Antwort gegeben, aber aus seinen verhüllten Erklärungen hatte ich entnehmen können, dass Pherax von ihm allein gesteuert wurde. Wenn Hank nicht in
Dis
war, wurde die drachenähnliche Kreatur von einer künstlichen Intelligenz kontrolliert, die die Verhaltensmuster des „primären HCMO”
[5]
übernahm, wie
Snowstorm Inc.
Hanks Position schlauerweise genannt hatte.
Hanks Familie, Harold Furtado und Trixie, dessen Eltern Alkoholiker gewesen waren und ihren „Schuhkarton” in betrunkenem Zustand niedergebrannt hatten, während ihr Sohn zu Besuch bei seinem Großvater gewesen war – sie alle hatten den Staatsbürgerschaftstest nicht bestanden. Hank hatte sogar gespart und es noch zweimal probiert, aber er war jedes Mal gescheitert. Die Gesellschaft hatte keinen Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften, und Hank konnte nicht kreativ denken. Der Test zeigte, dass ihm viel zu viele Intelligenzpunkte für ein Stipendium fehlten
.
Intelligenzpunkte waren nicht mit dem altmodischen IQ zu vergleichen. Sie waren das Ergebnis einer komplizierten Analyse und mehrerer Tests. Man konnte seine Intelligenzpunktzahl erhöhen, aber Autodidakten erreichten selten die Ergebnisse, die Hochschulabsolventen erzielen konnten, die ihren Verstand durch teure, moderne Technologien „beschleunigen” lassen konnten, um ihre Intelligenz zu verbessern.
Ich steuerte das fliegende Auto manuell zurück – vielleicht wegen des Gesprächs mit den Nicht-Bürgern oder weil ich das Gefühl vermisste, die Kontrolle zu haben. Ich nahm einen Umweg, um die Luftstraßen zu vermeiden und die Aussicht auf das unruhige, wunderschöne Meer zu genießen. Ich landete in der Nähe der kalifornischen Küste, holte mir an einem Tacostand am Strand einen Imbiss und setzte mich in die Sonne. Es war die beste halbe Stunde, die ich seit Langem verbracht hatte, ausgenommen die letzte Nacht mit Tissa.
Ich kam spät am Abend nach Hause. Der Flug hatte lange genug gedauert, um wieder hungrig zu sein. Ich aß ein „Einfaches Abendessen Nr. 9”, das unser kulinarischer Herd aus flüssigem Konzentrat herstellte. Ich hatte eine lange Nacht in Disgardium
vor mir, und es war besser, einen vollen Magen zu haben.
Ich vermisste meine Eltern, ohne sie fühlte ich mich einsam. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich allein leben sollte, wenn ich ausziehen musste.
Wenigstens leistete der schnurrende Duda mir Gesellschaft. In Katzengestalt rollte er sich auf meinem Schoß ein.
Ich hatte für den heutigen Abend viel vor. Ich wollte Kochen
leveln und alle Quests abschließen, die ich im Gefängnis angenommen hatte. Wenn keine Zeugen in der Nähe wären, würde ich die Bosse mit einem Treffer töten und mir anschließend die Belohnung vom Gefängnisdirektor abholen können. Aber ich würde mich gut vorbereiten müssen. Nachdem Fluch der Untoten ausgelöst würde, würde ich Zeit investieren müssen, um den Balken meiner Seuchenenergie aufzufüllen.
Das Spiel lud. Ich erschien neben dem Sprudelnden Krug, wo ich letzte Nacht mit Crawler und den übrigen Clanmitgliedern über die Taktiken zum Besiegen der Bosse vom Bösen der Tiefen besprochen hatte.
Ich betrat das Gasthaus durch den Hintereingang und ging in mein persönliches Zimmer, um meine Schätze abzuladen. Die seltenen blauen
Zutaten warteten darauf, verkauft zu werden. Außerdem hatte ich die Skelettkeule
und die Luchspfote
n von meinem ersten Kampf im Düsterwald, die Augenbinde des Draufgängers
von einer normalen Mobgruppe im Gefängnis und die Beute von den Bossen, die ich eingesammelt hatte: der Zweihändige Mechaniker-Schraubenschlüssel
und die Leisen Stiefel des Mörders
. Die Stiefel und die Waffen waren nicht einzigartig, aber ich behielt sie
wegen der Boni, die sie verliehen. Ich wusste noch nicht, welche Charakterklasse ich auf Level 10 erhalten würde. Zwar hatte ich ein gewisses Mitspracherecht, doch die Götter würden die Auswahl auf Grund meiner Handlungsweise, meines Gameplays und Kampfstils auf drei Möglichkeiten begrenzen.
Darüber hinaus besaß ich das Quest-Medaillon und die Beschwörungspfeife für den legendären Geisterwolf. Ich hatte nur noch 1 freien Platz in meiner Truhe, darum musste ich genau überlegen. In den letzten Tagen hatte ich viel riskiert, ohne darüber nachzudenken, was als Nächstes kommen könnte. Nun hatte ich endlich etwas Zeit, mir Gedanken darüber zu machen.
Ich öffnete mein Profil und betrachtete meinen Fortschritt in Zahlen:
Scyth, Level 6, Mensch
Realer Name: Alex Sheppard
Reales Alter: 15
Charakterklasse: Nicht gewählt
Hauptattribute:
Stärke: 10
Wahrnehmung: 12
Ausdauer: 5
Charisma: 2
Intelligenz: 7
Beweglichkeit: 2
Glück: 2
Nebenattribute
:
Gesundheitspunkte: 280/280
Manapunkte: 17/17
Seuchenenergiepunkte: 10.000/10.000
Erholungsgeschwindigkeit: 15 Gesundheitspunkte pro Minute
Bewegungsgeschwindigkeitsbonus: 2 %
Basisschaden: 4
Tragfähigkeit: 150 kg
Zielgenauigkeit: 70 %
Zauberkraftbonus: 8,4 %
Ausweichchance: +4 %
Chance auf kritischen Schaden: +10 %
Rabatt bei Händlern: +2 %
Chance auf einzigartige Quest: +0,2 %
Chance auf verbesserte Beute: +0,2 %
Ruhm:
0
Fertigkeiten:
Unbewaffneter Kampf: 36
Schlagwaffen: 1
Einhändige Schwerter: 1
Nachtsicht: 5
Widerstandsfähigkeit: 36
Tarnung: 4
Schwimmen: 1
Fähigkeiten und Spezialangriffe
:
Hammerfaust: 36
Rammbock: 1
Hinterhältiger Angriff: 1
Steinhaut: 36
Handwerke und Berufe:
Kochen: Geselle (0/250)
Spezialfertigkeiten und -fähigkeiten:
Mal der Vernichtenden Seuche: 5
Grässliches Geheul: 2
Achievements:
Ich bin nicht aufzuhalten – 3!
Der Lich ist tot! Lang lebe der neue Lich!
Erster Kill: Crusher
Versteckter Status: Abgesandter der Vernichtenden Seuche
Versteckter Status: Gefahr der Klasse
W
mit Potenzial für Klasse
L
Die letzten beiden Zeilen waren zum ersten Mal erschienen, nachdem ich die Mail vom Unternehmen erhalten hatte. Sie leuchteten in einem bedrohlichen Rot.
Ich schloss mein Profil, um mit meinen Missionen zu beginnen, doch etwas ließ mich innehalten. Ich öffnete die Truhe erneut und starrte lange auf den Inhalt, doch ich konnte einfach nicht herausfinden, was mich beunruhigte. Daraufhin beschloss ich, mir jeden Gegenstand noch einmal einzeln anzusehen
.
Da war die Skelettkeule
, für die mindestens Level 15 erforderlich war. Vielleicht würde ich sie nicht brauchen, denn egal, wie hoch ich Unbewaffneten Kampf
und Hammerfaust
leveln würde, Rammbock
, der Grundangriff aus dem Arsenal von Schlagwaffen, würde mehr Schaden verursachen.
Das erinnerte mich daran, dass ich einen Meister für Unbewaffneten Kampf
aufsuchen musste, um einige neue Angriffe zu erlernen. Außerdem hatte ich die Idee, einige billige Waffen verschiedener Klassen zu kaufen, um in Dungeons ein paar Waffenfertigkeiten zu leveln.
Als ich an Dungeons dachte, hatte ich auf einmal das Gefühl, dass mir etwas entgangen war. Plötzlich dämmerte mir, wie groß das Risiko war, mehrere Stunden allein in einer Instanz zu verbringen. Falls Spieler zum Portal kommen würden, während ich im Dungeon war, würden sie Folgendes sehen:
Der Dungeon des Stadtgefängnisses von Tristad wird von einer anderen Gruppe von Spielern abgeschlossen.
Aktueller Fortschritt der Gruppe: Kampf mit
Wimpy
– 100 %. Lebendig: 1/1 Gruppenmitgliedern
Wenn ich für längere Zeit mit dem wahnsinnigen Gnom-Erfinder kämpfen würde, würden sie sich über die Anzahl der Gruppemitglieder und die Länge des Kampfes mit dem
Boss wundern. Beides wäre zu erklären. Ein hochleveliger Spieler könnte in eine Instanz gehen, um solo Gold zu farmen, und wenn es sich dabei um einen besonders starken Tank oder hochleveligen Heiler handeln würde, würde der Kampf mit dem Boss länger dauern.
Nach meinem Tod würden sie sehen:
Aktueller Fortschritt der Gruppe: Kampf mit
Wimpy
– 100 %. Lebendig: 0/1 Gruppenmitgliedern
Nur Sekunden später würde jedoch die gleiche Meldung erscheinen, aber nun würde das Gruppenmitglied wieder am Leben sein. Das würde sehr verdächtig sein. Zudem konnte ich nicht wissen, welcher Boss von einer Person gesteuert wurde.
Etwas an dem System beunruhigte mich. Die Entwickler dachten, dass die Gefahren ihr Spiel einzigartig machten. Von Menschen gesteuerte Dungeons waren offensichtlich ihre nächste bahnbrechende Funktion. Im Moment führten sie wahrscheinlich so etwas wie einen Alpha-Test durch, und die Ergebnisse würden entscheiden, ob die Funktion auf das übrige Disgardium
erweitert werden würde. Außerdem könnten auch gewöhnliche Mobs von jemandem wie Trixie gesteuert werden. Das war gefährlich für mich.
Aber wie passte das alles zusammen? Ich hatte Glück gehabt, dass Hank einer von den Guten war. Was wäre passiert, wenn nicht? Ich öffnete das Fenster des technischen Supports, um eine Nachricht zu schreiben und diese Fragen zu stellen, doch
nachdem ich die erste Zeile getippt hatte, löschte ich sie wieder.
Spieler sollten nicht wissen, dass bestimmte Mobs von Menschen gesteuert wurden. Hank hatte Andeutungen gemacht, dass es streng bestraft würde, diese Informationen zu verbreiten. Ich verstand immer noch nicht, warum er sich mir durch seine Andeutungen indirekt zu erkennen gegeben hatte. Schließlich hatte er mitbekommen, dass ich wusste, dass Pherax von einem Menschen gesteuert wurde. Mir fiel Clayton wieder ein, der auf geheimnisvolle Weise gestorben war, nachdem er sich mir zu erkennen gegeben hatte. Es wäre zu gefährlich für Hank, Snowstorm Inc.
meine Fragen zu schicken.
Endlich war mir klar geworden, was mich die ganze Zeit gestört hatte, und wie ignorant ich die ganze Zeit gewesen war.
Ich fragte mich, wie ich mich als Nicht-Bürger verhalten würde, der ein lohnenswertes Geheimnis herausgefunden hatte. Ich war noch mal davongekommen, weil Hank mich nicht verraten hatte. Doch in jedem Dungeon, den ich betreten würde, könnten weitere von Menschen gesteuerte Mobs oder NPCs auf mich warten, die mein Geheimnis vielleicht herausfinden und es an andere Spieler verkaufen würden.
Auf einmal fiel mir ein, dass ich Hank würde schützen können, wenn ich nur Dargo/Clayton erwähnen würde, denn Clayton konnte ich nicht mehr schaden. Daraufhin öffnete ich erneut
das Fenster des technischen Supports. Ich überlegte genau und wählte meine Worte mit Bedacht. Womit sollte ich anfangen? Vielleicht sollte ich einfach beginnen und sehen, was mir einfallen würde.
Ich öffnete das virtuelle Keyboard. „Liebe Entwickler!” Nein, das klang zu hölzern. Der nächste Versuch klang viel besser, und dann flogen meine Finger nur so über die geisterhaften Tasten.
Seid gegrüßt, allmächtige Götter von
Disgardium
!
Mein Name ist Alex Sheppard, Nickname Scyth, und spiele in der Sandbox Tristad. Vor einigen Tagen bin ich zu einer Gefahr mit potenzieller Klasse L erklärt worden. In der Nachricht mit der Beschreibung heißt es, dass mein Charakter ein für alle Mal sterben wird, sobald ich als Gefahr eliminiert werde.
Bedeutet das, dass ich all meine persönlichen Gegenstände, einschließlich der Sachen, die ich in der Truhe in meinem Zimmer im Gasthaus aufbewahre, für immer verlieren würde? Ich würde es gern wissen, bevor ich von Verhinderern identifiziert und eliminiert werde. Ich hatte Glück und habe ein einzigartiges Beutestück gefunden. Es handelt sich um eine Beschwörungspfeife, die einen legendären
Geisterwolf herbeirufen kann. Sie wäre bei der Auktion vielleicht Millionen von Goldmünzen wert. Ich kann den Wolf nicht beschwören, weil ich die Levelanforderung noch nicht erfülle. Wenn ich meinen Charakter verliere – das wird früher oder später aus Gründen passieren, auf die ich im Folgenden eingehen werde – befürchte ich, dass ich das Reittier ebenfalls verlieren werde.
Ich könnte es bei der Auktion verkaufen, aber ich kann Geld erst in die reale Welt überweisen, nachdem ich ins große
Disgardium übergewechselt bin. Das bedeutet, dass ich es zusammen mit meinem Charakter verlieren würde.
Im Augenblick sehe ich mich gezwungen, passiv zu spielen, in meinem persönlichen Zimmer zu sitzen, wo niemand mich anrühren kann, und darauf zu warten, dass ich volljährig werde, weil einer der Bosse, die mir im Dungeon „Gruft des Tempels von Nergal dem Leuchtenden” begegnet sind, kein normaler Mob war. Er heißt Dargo und ist eindeutig von einer Person gesteuert worden. Meine Fähigkeiten als Gefahr sind zu offensichtlich, um von einer solchen Person nicht bemerkt zu werden.
In der offenen Welt kann ich von Spielern erkannt werden und an
geschlossenen Orten lauern reale Personen, die Bosse steuern, sodass ich nirgends meine Levels verbessern kann. Mein Potenzial ist höher als der Durchschnitt, und die Belohnung für meine Eliminierung ist attraktiv genug, um selbst hochlevelige Spieler anzulocken. Ich habe bereits gehört, wie einige Verhinderer die Suche nach meinem Charakter diskutiert haben. Übrigens, die globale Ankündigung der Gefahr wäre wirklich nicht nötig gewesen. Zum Glück kennt niemand meinen Namen!
Ich würde gern wissen, ob ich das Spiel passiv spielen soll. Als Teenager bin ich verpflichtet, mindestens 1 Stunde pro Tag in
Dis zu verbringen. Das werde ich tun, aber ich werde keinen Fuß vor die Tür meines Zimmers setzen. Es tut mir leid, falls ich dadurch Ihre Pläne durchkreuze.
Über eine schnelle Antwort würde ich mich freuen.
Alex Sheppard alias Scyth
Sollten sie ihr Spiel von Gefahr und Verhinderer allein spielen. Meine Zukunft befand sich in der Truhe, und ich hatte nicht vor, sie zu verlieren. Darüber hinaus hatte ich beschlossen, den Dementoren morgen doch nicht zu helfen, denn wie
mein Onkel Nick immer sagte: Man musste an sich selbst denken. Aber wenn ich den Wolf verkaufen könnte, könnte ich meinen Klassenkameraden wenigstens Geschenke geben. Ich würde ihn jedoch nicht verkaufen, bevor ich Geld abheben könnte.
Mein Vater hatte mir beigebracht, meine Entscheidungen konsequent umzusetzen, darum schickte ich die Nachricht ab und stellte sicher, dass ich meine erforderliche Stunde in Disgardium
verbracht hatte, bevor ich das Spiel verließ.