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Einen Monat hat Hannah für den ersten Entwurf ihres Krimis gebraucht und damit ihre Ankündigung wahr gemacht. Bastian hat dafür gesorgt, dass diese Geschichte ausführlich in der Presse verbreitet worden ist, doch das behagt Hannah überhaupt nicht: Noch vor dem Erscheinen ist ein Hype um das Buch entstanden, dem es in keiner Hinsicht gerecht wird, davon ist sie überzeugt. Auch wenn die gröbsten Schwächen der Handlung und einige Schönheitsfehler beseitigt sind, ist es immer noch ein ziemlich beschissener Krimi. Und so befällt sie jetzt eine gewisse Nervosität, als sie hört, wie sich der Raum nebenan mit Journalisten, Fans und anderen neugierigen Büchermenschen füllt. Dem lauten Gemurmel und Stühlerücken nach zu urteilen ist es brechend voll, was zugegebenermaßen noch bei keiner ihrer bisherigen Buchpräsentationen der Fall gewesen ist. Und dieses Mal haben sie sogar die Nimb Bar gebucht, in einer so großen und coolen Location hat Hannah noch nie ein Buch vorgestellt. Sie trinkt einen Schluck Wasser, betrachtet sich im Spiegel. Zur Feier des Tages hat sie auf ihr ewig schwarzes Outfit verzichtet und eine grüne Bluse angezogen. Die Tür öffnet sich, und ein aufgeregter Bastian tritt ein.

»Glückwunsch!«

Hannah blickt ihn skeptisch an.

»Wofür?«

»Es ist proppenvoll da draußen, wir haben nicht alle reinlassen können, die noch auf der Straße stehen. Du bist richtig populär geworden! Und ich möchte kurz daran erinnern, dass sich das auch in den vielen Büchern widerspiegelt, die von den Buchhändlern im ganzen Land vorbestellt worden sind.«

Hannahs Begeisterung hält sich in Grenzen.

»Ja, das sagtest du schon. Aber bei den schlechten Rezensionen, die schon gekommen sind, gibt es nicht viel zu gratulieren.«

»Drei Sterne hier und da sind nicht schlecht.«

»Das ist unter dem Durchschnitt.«

»Vielleicht kannst du das ja heute Nachmittag einfach mal vergessen. Und falls du gleich darauf angesprochen wirst und den Drang verspürst, schlecht über dein eigenes Buch zu sprechen, dann denk doch an das Geld, was du damit verdienen wirst.«

Hannah nickt, diese Präsentation muss sie jetzt einfach überstehen, damit sie sich ihrem nächsten Projekt widmen kann. Sie sieht Bastian an.

»Hast du was aus Island gehört?«

»Ella lässt grüßen, draußen liegt eine Karte von Viktor, und dieser Typ vom Bragginn hat eine Flasche isländischen Wodka geschickt. Iðunn bedankt sich für die vielen Bücher, die du ihr geschickt hast, und Sigrun hat vom Gefängnis aus auf allen möglichen Social-Media-Kanälen gepostet, dass sie dich zu dem Buch inspiriert hat. Ob sie wohl bald eine Hauptrolle in einer True-Crime-Serie bekommt?«

Hannah nickt.

»Und Margrét …?«

Bastian zögert.

»Ich hab leider nichts von ihr gehört.«

Hannah nickt, natürlich. Die wenigen Nachrichten, die sie ihr in den letzten vier Monaten seit ihrer Rückkehr geschickt hat, sind alle ins Leere gelaufen. Margrét hat auf keine einzige geantwortet.

»Also, los geht’s.«

Bastian hält die Tür auf, Hannah atmet tief ein und betritt den Raum, in dem es summt vor Menschen, die ihren Einstieg als Krimiautorin miterleben wollen.

Vor dem obligatorischen Weintrinken, Buchsignieren und den Journalistengesprächen hat Bastian einen zwanzigminütigen Auftritt arrangiert, bei dem Natasja Sommer Hannah zuvor abgesprochene Fragen stellt, die Hannah intelligent und gelassen wirken lassen sollen. Hannah nimmt auf einer kleinen improvisierten Bühne Natasja gegenüber Platz, die mit ihrem breiten Lächeln aufrichtig begeistert wirkt.

Bastian ergreift das Mikrofon, heißt alle willkommen, sagt ein paar Worte über Hannahs beeindruckende Leistung, einen Krimi in einem Monat zu schreiben, und über die tragischen Ereignisse in der Wirklichkeit, bevor er endlich an Natasja Sommer übergibt, was eine Klatschsalve auslöst. In der ersten Reihe sitzt Jørn, der strahlend lächelt und einen Daumen nach oben streckt. Hannah würde am liebsten die Augen verdrehen, doch stattdessen lächelt sie.

»Herzlichen Glückwunsch zu deinem Buch und … der Wahnsinn!«

Nach Natasjas kleiner einstudierter Pause lacht das Publikum mit einer Erleichterung, die zeigt, dass alle die Geschichte des Experiments sowie der realen Ereignisse kennen.

»Das ist ja eine ziemliche Wendung, die dein ambitioniertes Projekt genommen hat, kannst du ein paar Worte dazu sagen, wie es sich anfühlt, dass du jetzt mit diesem Buch hier sitzt?«

Natasja deutet mit einem Nicken auf einen Stapel Bücher, der auf einem kleinen Tisch zwischen ihnen liegt. Hannah würde es sich am liebsten ersparen, überhaupt irgendetwas zu erzählen, doch sie erinnert sich daran, was sie Bastian versprochen hat. Und sich selbst. Sie lächelt Natasja Sommer an.

» Die Insel des Todes zu schreiben war nicht einfach, in erster Linie habe ich ehrlich gesagt mit der Handlung gekämpft, die tatsächlich mühsamer in Fahrt zu bringen war, als ich dachte.«

Einige Lacher im Publikum.

»Es war also schwieriger, einen Krimi zu schreiben, als du gedacht hast?«

»Ja, ich würde sogar sagen, dass ich etwas größeren Respekt vor denen bekommen habe, die das täglich tun.«

Jørn lächelt sie an, sie lächelt leicht zurück.

»Abgesehen von der Schwierigkeit des Genres selbst, wie hast du es denn erlebt, eine erste Fassung innerhalb eines Monats zu schreiben – von den tragischen Ereignissen, die währenddessen in Island stattgefunden haben, gar nicht zu sprechen?«

»Es versteht sich von selbst, dass es in so kurzer Zeit nicht leicht war, und ohne mein eigenes Buch niedermachen zu wollen, ist das Resultat auch dementsprechend. Es ist vermutlich das schlechteste Buch, das ich je geschrieben habe, aber es ist auch das wichtigste.«

»Das wichtigste, was meinst du damit?«

Hannah merkt Natasja an, dass es sie gleichzeitig verunsichert und begeistert, dass sie sich jetzt außerhalb der abgesprochenen Antworten bewegen. Sie zögert einen Augenblick.

»Wichtig, weil es mir einen Schub gegeben hat.«

»Einen Schub gegeben, inwiefern?«

»Die Arbeit daran und die Umstände, unter denen es entstanden ist, haben mich dazu befähigt, mein nächstes Buch zu schreiben, oder besser gesagt, zu dem Buch zurückzukehren, an dem ich gerade geschrieben habe, als diese ganze Sache begonnen hat. Dieses Buch war auf dem besten Weg, ziemlicher Mist zu werden, aber jetzt habe ich herausgefunden, wie ich es schreiben muss, damit es ein bisschen weniger – Mist wird.«

Im Publikum wird wieder gelacht, ein höfliches, munteres Lachen. Hannah betrachtet die Zuschauer. Ihre Leser, all die Menschen, die sie nie treffen wollte, sie sehen sie mit strahlenden Augen an, unglaublich, dass sie hier sind und sie unterstützen, sogar nachdem sie einen solchen Haufen Dreck geschrieben hat. Dankbarkeit erfüllt sie.

»Und wovon handelt dein neues Buch dann?«

Natasja schaut sie gespannt an, und Hannah will gerade antworten, als sie eine Gestalt entdeckt, die gerade eintritt und sich ganz hinten in den Raum stellt. Sie blinzelt, kann das wirklich sein? Ja, es ist wahr – Hannahs Herz macht einen gewaltigen Satz. Die Gestalt ist Margrét. Sie sieht Hannah direkt an, die etwas nervös lächelt. Erwidert das Lächeln. Hannah antwortet Natasja, ohne den Blick von Margrét abzuwenden.

»Es handelt von etwas ganz Banalem. Der Liebe.«