Erinnerung an einen
großen Papst
Zum Tod von Papst Johannes Paul II.
am 2. April 2005
Als Karol Woytila noch Erzbischof in Krakau war, wollte ich ihn gern treffen, weil der Wiener Erzbischof Kardinal König ihn mir als wichtigen und offenen Gesprächspartner geschildert hatte. Damals, 1977, während eines meiner amtlichen Polen-Besuche, kam das Gespräch nicht zustande. Dafür bin ich Woytila aber später – nunmehr war er Papst Johannes Paul II. – mehrfach begegnet; dreimal haben sich längere, gleichsam private Gespräche ergeben. Mein beherrschender Eindruck von der Persönlichkeit des Papstes war und bleibt: ein sehr warmherziger, offener Mann; weise, aber zugleich interessiert; Gott ergeben, aber auch tief mitleidend mit allen Menschen im Elend; umfassend gebildet, mit schneller Auffassungsgabe und mit Humor gesegnet; insgesamt faszinierend und anziehend – sein Charisma wirkte auch im Gespräch unter vier Augen.
In unseren Gesprächen gab es einige Übereinstimmungen, aber auch – trotz meiner großen Sympathie für Johannes Paul II. – sehr gewichtige Divergenzen. Es war kein Wunder, dass wir uns einig waren in der Ablehnung des Kommunismus, seiner Ideologie und Praxis gleichermaßen. Nicht ganz so selbstverständlich war unser gemeinsames Bekenntnis zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen und zu der dazu notwendigen – beiderseitigen, aber auch gemeinsamen – Durcharbeitung und Durchsichtigmachung der leidvollen deutsch-polnischen Geschichte: von den drei Teilungen Polens im 18. Jahrhundert bis zu Hitler und Stalin, bis zu Auschwitz und zur gewaltsamen Westverschiebung der Polen und ihres Staates. Dem deutschen Wunsch nach Überwindung der Zweiteilung von Nation und Staat stimmte der Papst ausdrücklich zu und sprach die Hoffnung auf eine friedliche Lösung aus.
Es gab keine Übereinstimmung im Urteil über die Folgen der Bevölkerungsexplosion, welche die Zukunft der ganzen Menschheit bedrohen, und über die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Ich habe mehrfach versucht, dem Papst die Folgen der seit Beginn des 20. Jahrhunderts anhaltenden und mit Sicherheit jedenfalls bis tief in das 21. Jahrhundert sich fortsetzenden schnellen Vervielfachung der Zahl der Menschen auf unserem Planeten vor Augen zu führen: weiterhin Mangel an Wasser, Ackerboden, Nahrung, Arbeit, Bildung – vor allem in den Entwicklungsländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas; daraus entstehende weitere blutige Konflikte; und ebenso die globale Gefährdung der natürlichen Umwelt, der Ozeane und der Atmosphäre. Ich plädierte mit Nachdruck, die Kirche möge ihre geltende Lehre zur Familienplanung überprüfen und revidieren.
Der Papst war auf diese Themen vorbereitet, aber seine Antworten blieben für mich diffus und ausweichend: Den Entwicklungsländern könne und müsse sehr viel effizienter geholfen werden. Zum Beispiel sei im Kongo Raum für 150 Millionen Menschen – fünfmal so viele, wie tatsächlich zu jenem Zeitpunkt dort lebten. Die europäischen Gesellschaften bräuchten mehr Kinder als bisher. Überall müssten zwar die Eltern selbst entscheiden, wie viele Kinder sie haben wollen, »aber sie dürfen nicht gegen die Natur handeln«. Er belehrte mich ausführlich darüber, dass Empfängnisverhütung nur durch Enthaltsamkeit dem Willen Gottes entsprechen könne. Pille und Kondome lehnte er strikt ab und blieb dabei auch angesichts der weltweiten Ausbreitung von Aids, auch angesichts der Aussicht auf weitere Kriege, Bürgerkriege, Vertreibungen und Völkermord als Folgen der Übervölkerung in Teilen der Dritten Welt.
An der Solidarität des Papstes mit den Menschen, die im Elend leben – zumal in der Dritten Welt –, ist kein Zweifel möglich. Aber der gleiche Mann, unter dessen geistlicher Autorität die römische Kirche sich dezidiert zu Fragen der Gesetzgebung auf den Feldern der Ehe und der Sexualität äußerte und den Gläubigen sehr konkrete Vorschriften machte, blieb zu den Fragen, wie dem Elend in der Mehrzahl der Staaten der Welt abzuhelfen sei, bei der Kritik der Tatsachen stehen. Er hatte dazu keine konkreten Vorschläge, auch keine Vorschriften für die Gläubigen.
Ich habe versucht, ihm nahezubringen, was ich von Bischöfen und Erzbischöfen in Lateinamerika erfahren hatte: Dass es nicht ausreiche, die »Theologie der Befreiung« zu bekämpfen, sondern dass vielmehr eine theologisch begründete, positive sozialökonomische Lehre benötigt werde; als ein Exempel erinnerte ich den Papst an die großen Wirkungen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, welche seit 1891 die katholische Soziallehre in Deutschland entfaltet hat. Johannes Paul II. wusste über dieses Beispiel sehr gut Bescheid. Heute finden sich unter seinen vierzehn Enzykliken auch drei sogenannte Sozialenzykliken; aber sie bieten den Ortsbischöfen und -kirchen in Asien, Afrika und Lateinamerika wenig Rüstzeug und Hilfe.
Trotz der enormen Erfahrungen, die der Papst auf seinen hundert pastoralen Auslands- und Weltreisen gesammelt hat, blieben doch seine Vorstellungen sehr europäisch beeinflusst und noch mehr durch seine hochkonservative Theologie geprägt, die offenbar der Fels war, an dem er in vier Jahrzehnten seines Lebens unter deutscher Besatzung und kommunistischer Diktatur festgehalten hatte. Aber die Reinheit der Lehre bietet den Armen kein Brot.
Im Frühjahr 2000 hat Johannes Paul II. drei einmalige Signale gesetzt, Beispiele eines großen menschlichen Verantwortungsbewusstseins, fern von jeder taktischen Rechthaberei. Er hat – stellvertretend für die ganze Kirche – deren geschichtliche Verstöße und Sünden bekannt. Er hat am Mosesberg auf dem Sinai den gemeinsamen Urgrund aller drei monotheistischen Religionen anerkannt, ebenso durch seinen Besuch in Jerusalem, der heiligen Stadt aller drei abrahamitischen Religionen. Und in Yad Vashem hat er gesagt: »Es gibt keine Worte, die stark genug wären, um die entsetzliche Tragödie der Shoa zu bedauern.«
Dieser Papst ist damit weit über alle seine Vorgänger hinausgegangen – offenkundig nicht mit ungeteilter Zustimmung der Kurie. In einigen Jahren erst wird man klarer erkennen und beurteilen können, wie weit dieser Papst den Christen auf der Welt und seiner Kirche geholfen – und wie weit er durch seinen theologischen Starrsinn gleichzeitig auch geschadet hat. Jedenfalls wird er in unserer Erinnerung ein großartiger, ein sehr menschlicher Mann bleiben, der in tiefer Gläubigkeit unendliche Mühen auf sich genommen hat, um Gott und den Menschen zu dienen.