Kapitel 12
Alleine beim Schreiben des Datums wird mir schwindlig. Welch eine Welt! Heute war ich mit meinen Gastgebern in Frankfurt. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, wie diese Stadt im Jahr 2016 aussieht.
150 Jahre trennen mich von meiner Zeit. Wo habe ich gelebt und wo lebe ich jetzt? Werde ich je wieder zurückgehen können und vor allem, kann ich mich dann überhaupt wieder an die einfache Lebensweise gewöhnen? Doch diese Gedanken sind müßig und sie bringen mich keinen Schritt weiter.
Wie fing der Tag an?
Überrumpelt von dem Vorschlag, nach Frankfurt zu fahren, begann das Abenteuer.
Dass es ein Fahrzeug gibt, das in dieser Geschwindigkeit über die Straßen braust, ist unfassbar. Mir war so schlecht, dass ich erst nach langer Zeit fähig war, wieder in das Auto zu steigen, nachdem ich mich übergeben musste. Und dieses Auto wurde gesteuert von einer Frau! Wieso kann eine Frau das?
Noch in Gedanken daran schüttelt Herr von Froschhausen den Kopf und sagt laut: „Eine Frau, das muss man sich einmal vorstellen, eine Frau!“
Überall in Frankfurt rasten Autos durch die Straßen. Straßenbahnen klingelten und ständig gingen Lampen an den Fahrbahnrändern an und aus. Mal waren sie gelb, mal grün und mal rot. Merkwürdig ist, dass es zu keinen Zusammenstößen kam. Plötzlich bremsten alle ab, andere fuhren, und wieder andere blieben ganz stehen. Hinzu kam die riesige Menschenmenge, die zu Fuß in all diesem Verkehr ihren Weg suchte.
Ich konnte nicht herausfinden, warum diese Menschen einmal über die Straße gingen und ein andermal wieder nicht. Und das alles irgendwie auf Kommando, obwohl sie nicht miteinander sprachen. Der größte Teil der Leute hatte etwas in der Hand, auf das sie dauernd starrten, mit den Fingern darauf herumspielten oder sich ans Ohr hielten. Wieder andere liefen neben mir her und redeten ständig, obwohl sie keinen Nebenmann hatten.
Wie ein staunendes, ängstliches Kind habe ich eine kleine Gruppe Männer angestarrt, die rabenschwarz waren. Noch nie im ganzen Leben habe ich Menschen mit schwarzer Hautfarbe gesehen. Ihre weißen Augen leuchteten wie die eines Geistes. Ich weiß zwar, dass im fernen Afrika dunkelhäutige Menschen leben, aber wie kamen sie nach Frankfurt? Was tun sie hier?
Frau Meininger hat ihnen überhaupt keine Beachtung geschenkt. Ob das hier normal ist? Meine Augen nicht von diesen fremd aussehenden Menschen lassend, ging ich weiter. Dabei rempelte ich junge Leute an, die nicht sehr freundlich aussahen.
„He, Alter!“, rief einer und drohte mir mit der Faust. „Kannst du nicht besser aufpassen? Wir sind hier nicht im Kindergarten!“
Bevor ich einen Ton herausbrachte, hatte mich meine Begleiterin weggezogen und wir gingen in das erste Geschäft.
Geschäft? Das war kein Geschäft, das war ein ganzes Dorf für sich. Ich konnte kein einziges Fenster entdecken, aber überall waren Lampen angebracht und erhellten die Räume taghell. Warum wollen die Leute ohne Fenster leben?“
„Wir müssen in den 1. Stock in die Herrenabteilung“, sagte Frau Meininger zu mir und zog mich zu einer merkwürdigen Vorrichtung.
Es sah aus wie eine Treppe, bewegte sich aber ununterbrochen. Ich schaute einen Moment zu und sah, dass die Kunden einfach drauflosgingen und während der Fahrt aufstiegen. Gleichzeitig fuhren direkt daneben Leute von oben nach unten. Na, so schwer kann das ja nicht sein, dachte ich und ging mutig auf die rollende Treppe zu. Doch bevor ich den ersten Schritt machen konnte, blieb ich abrupt stehen. Die Angst hatte mich übermannt.
Da niemand der nachfolgenden Personen an so etwas gedacht hatte, bekam ich einen Stoß und fiel auf die Treppe. Frau Meininger konnte sich gerade noch an mir festhalten, sonst wäre sie ebenfalls gestürzt. Es ging alles so schnell, dass kurz danach fünf Leute liegend beziehungsweise sitzend die Treppe nach oben fuhren.
Da ich der Erste war, purzelte ich oben von der Treppe und landete direkt vor den Füßen eines kleinen Jungen. Plötzlich lagen alle ebenfalls gestürzten Mitfahrer aufeinander, die jetzt auch ihre Stimme wiedergefunden hatten. Wild schrien sie durcheinander und alle beschimpften mich als Blödmann, Rindvieh und mit Worten, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Einer sagte, ich wäre der letzte Mohikaner und ich solle zurückfahren in den Urwald.
Zum Glück kamen Helfer, die uns die Hand reichten und den Menschenknäuel entwirrten. Ein Mann versuchte, die Aufgebrachten zur Ruhe zu bringen, was ihm auch mehr oder weniger gelang. „Bitte bedenken Sie, dass der Herr das nicht absichtlich gemacht hat!“, sagte er und das leuchtete ein.
Trotzdem bestand ein Mann darauf, dass er Schadensersatz haben wollte. Die Brille sei ihm bei dem Sturz kaputt gegangen und seine neue Krawatte hätte einen Riss. Ich habe keine Ahnung, wie Frau Meininger ihn besänftigt hat. Sie tauschte mit dem Herrn kleine Zettel aus und danach ging er seiner Wege.
Alle anderen rappelten sich auf und zerstreuten sich. Mir standen die Tränen in den Augen. Frau Meininger war ganz verzweifelt. Sie hat sich mehrfach bei mir entschuldigt, weil sie mir nicht die Technik einer Rolltreppe erklärt hatte. Sie hatte nicht daran gedacht, dass ich das vorher ja noch nie gesehen haben konnte.
Als wir endlich in der Herren-Bekleidungs-Abteilung ankamen, war ich so fertig, dass ich alles über mich ergehen ließ. Meine Begleiterin brachte mir kurze Hosen, lange Hosen, Hemden, Unterwäsche, Schuhe und eine Badehose. Auch sie probierte ich an und konnte mir nicht vorstellen, was ich mit diesem knappen Ding anfangen sollte. Später hat es mir Frau Meininger erklärt, aber ich glaube nicht, dass ich mich damit in der Öffentlichkeit sehen lassen kann. Ich würde mich in Grund und Boden schämen.
Das Risiko einer erneuten Kollision auf der Rolltreppe wollte meine Begleitung nicht eingehen. Darum suchten wir nach einem Fahrstuhl. So jedenfalls sagte sie es mir. Nun hatte ich in letzter Zeit ja schon viel Merkwürdiges gesehen und erlebt. In meinem Kopf kreisten die Gedanken und meine Vorstellungskraft setzte ein. Ein Fahrstuhl konnte darum nur bedeuten, dass ein Stuhl Rollen an den Beinen hat. Die Logik verschloss sich mir zwar auch diesmal wieder, aber ich war gespannt.
Dann standen wir vor einer Tür. Neben uns waren noch mehr Leute. Eine Person drückte auf einen Knopf und wir warteten. Plötzlich öffnete sich, wie von Geisterhand, die Tür und alle gingen hinein. Ich wurde nach vorne gedrückt und ehe ich zum Nachdenken kam, schloss sich die Tür. Panik wurde in mir wach, mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich spürte einen sanften Ruck und das Gefährt fuhr nach oben. Genauso geisterhaft wie beim Einsteigen öffnete sich die Tür wieder und alle schoben sich hinaus.
Ich war wie in Starre, konnte mich nicht bewegen. Frau Meininger war bereits nach draußen gegangen, als sich die Tür erneut verschloss und ich alleine nach oben befördert wurde. Ich konnte nur noch um Hilfe schreien und ließ mich in der Ecke auf dem Boden nieder.
Irgendwann öffnete sich die Tür wieder und es kamen Leute herein. Man beachtete mich gar nicht und rempelte mich dabei an. Ein Mann schaute verächtlich zu mir hin und tippte sich an die Stirn.
Ich hielt mir die Hände über die Ohren und rief noch einmal um Hilfe. Eine Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand war die Einzige, deren Gesichtsausdruck Mitleid mit mir, dem geplagten jungen Mann, zeigte. Als sich die Tür öffnete, kam sie zu mir und reichte mir die Hand. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Sie müssen keine Angst haben.“
Vor der Tür wartete eine verzweifelte Frau Meininger, die mich erleichtert wieder in Empfang nahm. Ihr war bewusst, dass sie mir keine weiteren Aufregungen mehr zumuten konnte. „Ich rufe jetzt meinen Mann an und frage ihn, wie lange er noch an seiner Arbeit sein muss. Ich will so schnell wie möglich wieder nach Hause.“
Sie sprach mir aus der Seele.
Der Heimweg verlief schweigend. Diesmal fuhr Herr Meininger und ich stellte erstaunt fest, dass er es nicht besser machte als seine Frau.
Erst auf der Heimfahrt wurde mir bewusst, dass es in dem Auto viel kühler war als draußen. Innen konnte man die Temperatur von draußen feststellen. Ja, auch das gibt es 2016! Es war unglaubliche 31° Celsius warm und im Auto selbst zeigte das Thermometer 22° Celsius an. Doch halt! War es nicht auch in dem riesigen Kaufhaus angenehm kühl gewesen? Erst jetzt erinnere ich mich daran.
Eher hätte ich mir vorstellen können, dass dem alten „Müller“ der Schnaps ausgeht, als die Tatsache, wie sich unsere Welt in nur 150 Jahren verändert hatte.
Ach, etwas ganz Wichtiges habe ich noch vergessen. Der Turmbau zu Babel ist zurückgekommen. Ein großer Teil der Stadt Frankfurt hat riesige Häuser, die bis in die Wolken reichen. Ich frage mich allerdings, wie die Menschen da hinauf und wieder herunter kommen. Was ist, wenn die Kinder in die Schule oder Säuglinge getragen werden müssen? Oder sollte das mit diesen merkwürdigen Fahrstühlen zusammenhängen, deren Bekanntschaft ich heute unfreiwillig machen musste?
Derweil liegt das Ehepaar im Bett und redet noch lange über die Situation ihres Gastes. Ihnen ist bewusst, dass er nicht für immer bei ihnen bleiben kann. Aber sie wissen auch keinen Rat, wie man ihm helfen kann. Dass er die Wahrheit gesagt hat, steht außer Frage. Sie glauben ihm, auch wenn sich das Gehirn dagegen sträubt.
„Du, mir fällt etwas ein“, sagt Thomas Meininger zu seiner Frau. „Wir haben doch das Ortsfamilienbuch für Ulfa und Stornfels. Ich stehe auf und hole es.“
Kurz darauf ist er zurück und hält den dicken Wälzer in der Hand, der Aufschluss gibt über Namen und Familien von 1636 bis 1950. Es dauert nicht lange und er hat den Namen Julius Magnus von Froschhausen gefunden. Dort steht geschrieben, dass er am 24. Juli 1841 in Ulfa geboren wurde. Danach klappt er die Seite sofort zu.
Unsicher schaut Herr Meininger seine Frau an und fragt: „Was meinst du, sollen wir überhaupt nachsehen, wann der junge Mann gestorben ist? Denn eines ist sicher, er selbst darf davon nie etwas erfahren. Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass ein Mensch lebend vor einem steht, der schon so lange tot ist.“
Beide sind in Gedanken versunken, als sie gleichzeitig zu sprechen anfangen. Und wie aus einem Mund kommt der Tenor: „Nein, wir schauen nicht nach!“ Sie wollen ihrem Gast unbefangen gegenübertreten und ihm so lange es möglich ist, Gutes tun.
„In den nächsten Tagen werden wir mal unauffällig zur Mause-Hilde gehen“, sagt Frau Meininger. „Du erinnerst dich doch daran, dass bei ihr ein Foto hängt, das eventuell Herrn von Froschhausen zeigt.“ Mit diesem Vorsatz beenden sie das Gespräch.