Kapitel 2

An einem kühlen Donnerstagmorgen in der Kings Road hätte die Wall Street nicht nur wenige tausend, sondern genauso gut eine Million Kilometer entfernt sein können. In den zwei Tagen nach ihrer Ankunft in London war Emma Fox in eine neue Wohnung gezogen, hatte sich mit neuer Garderobe eingedeckt und mit niemandem ein Wort gesprochen. Jetzt steuerte sie entschlossen auf ihr Ziel zu, die Lomax-Immobilienagentur, die sie sich bereits vier Monate zuvor während eines geheimen Besuchs angesehen hatte. Dank der Concorde war sie innerhalb von drei Tagen nach London und wieder zurück nach New York geflogen, und sie vermisste bereits dieses Gefühl von Unabhängigkeit. Die Uhr von Patek Philippe lag immer noch unberührt in der Schachtel. Emma hatte sogar ihre eigene Armbanduhr von Raymond Weil durch ein älteres Modell ersetzt, das sehr viel teurer war, als es aussah. Genau diesen Eindruck wollte sie mit ihrem gesamten Auftreten vermitteln: auf den ersten Blick nicht so exklusiv zu wirken, wie sie war. Sie betrat das Gebäude der Immobilienagentur, und als sich die schweren Glastüren hinter ihr schlossen, verbannten sie den Straßenlärm nach draußen.

Der Empfangsbereich war groß und behaglich und wirkte eher wie ein hübsch eingerichtetes Wohnzimmer. Drei Sofas, ein Glastisch mit sorgfältig drapierten, noch ungelesenen Zeitschriften und mehrere Pflanzen verströmten Gemütlichkeit. Ein wuchtiger, niedriger Schreibtisch markierte die Grenze zwischen dem Empfangsbereich und dem Großraumbüro dahinter, er war jedoch nicht besetzt. Während Emma wartete, betrachtete sie die Aufteilung des Büros, die jedem Mitarbeiter an den insgesamt zehn Schreibtischen zumindest ein wenig Privatsphäre sicherte. Ihr letzter Besuch hatte mitten in der Nacht stattgefunden, und der Raum war verlassen gewesen, ohne die Geschäftigkeit, die ihn nun erfüllte.

»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

Der Stimme nach zu urteilen hätte Emma mit einem verknöcherten Mann Ende vierzig gerechnet, mit rot geädertem Gesicht und Schnurrbart. Daher war sie überrascht, plötzlich einem jungen Mann Mitte zwanzig gegenüberzustehen, der sein langes, schwarzes Haar mit zu viel Gel zurückgekämmt hatte. Er besaß die schlaksige Unbeholfenheit, den schlechten Kleidungsstil und das übermäßige Selbstvertrauen, die Emma mit Internatserziehung und Upper-Class-Inzucht in Verbindung brachte. Das musste Ed Shields sein.

»Ich bin Emma Fox. Ich möchte gern zu Catherine Lomax.«

»Die Neue«, sagte er mehr zu sich selbst.

Offenbar hatte die Wandlung von Kundin zu neuer Kollegin sie zu Freiwild in seinem privaten Territorium gemacht. Mit seiner Nadelstreifenhose, den Hosenträgern und dem gestreiften Hemd erinnerte er Emma an Hunderte von Wall-Street-Börsenmaklern, alle in der Lage, diesen Jungen zum Frühstück zu verspeisen, und doch nicht Manns genug für sie. Ed machte keinerlei Anstalten, sich zu bewegen oder etwas zu sagen, sondern betrachtete sie, als sei sie ein Auto, das er vielleicht kaufen wollte. Emma konnte spüren, wie sich das Verlangen in ihm aufstaute. Sein Blick schien zu sagen: »Ich habe dich zuerst gesehen, und jetzt gehörst du mir.« Sie hätte ihm am liebsten deutlich gemacht, dass sie ihn mühelos in die Tasche stecken konnte, doch noch war die Zeit dafür nicht gekommen. Wenn er sie allerdings ohne weiteres als die Neue und als leicht zu haben einstufte, bewies dies, dass ihre Tarnung als schlichte Emma Fox funktionierte. Sie würde sich problemlos anpassen und keinen Verdacht erregen. Andererseits war sie sich bewusst, dass diesem Knaben kein Berg zu hoch erschien und dass selbst Elizabeth Taylor den gleichen abschätzenden Blick geerntet hätte.

»Ich bin Ed Shields«, stellte er sich schließlich lächelnd vor und reichte ihr seine feuchtkalte Hand. »Hier entlang.«

Mehrere Mitarbeiter blickten von ihren Schreibtischen auf und sahen ihr nach. Telefone klingelten leise, Tastaturen klackten – die Hintergrundgeräusche eines Büros glichen sich überall. Dieses Büro war jedoch deutlich vornehmer als die meisten anderen, schließlich sollte es dazu beitragen, den Kunden das richtige Image zu vermitteln.

»Hast du gut hierher gefunden?«, fragte Ed und ging wie selbstverständlich zum »Du« über.

»Ja, danke. Das ist wirklich ein sehr schönes Büro«, erwiderte Emma.

»Hm«, antwortete er, offenbar abgelenkt vom Ausschnitt ihres Kleides. »Hier wären wir.«

Die Tür zu Catherine Lomax’ Büro war nur angelehnt. Catherine saß an ihrem Schreibtisch und sah einige Unterlagen durch, die ordentlich aufgereiht vor ihr lagen.

»Catherine, das ist Emma Fox, die Neue«, sagte Ed in einem sehr viel freundlicheren Tonfall als zuvor bei Emma.

»Kommen Sie doch herein«, bat Catherine förmlich. »Und schließ bitte die Tür, wenn du gehst, Ed. Danke.« Sie warf ihm ein wohlwollendes Lächeln zu, bevor er verschwand.

Nach ein paar Sekunden durchbrach Emma die Stille. »Die Neue?«

Sie fingen beide an zu lachen, dann kam Catherine hinter ihrem Schreibtisch hervor, umarmte Emma und küsste sie auf die Wange.

»Ich hätte dich noch angerufen«, sagte Catherine, »aber ich dachte, du willst dich vielleicht erst ein wenig einleben. Ich war mir nicht sicher, ob du heute wirklich kommst, aber ich habe es den Mitarbeitern trotzdem erzählt. Ich war mir nicht einmal sicher, ob du überhaupt kommst.«

»Sei nicht albern, Catherine. Ich kneife nicht, du kennst mich doch.«

»Tja, und deinen neuen Kollegen Ed hast du auch schon kennengelernt. Aber lass dich davon bitte nicht abschrecken«, sagte Catherine lächelnd.

»Du siehst großartig aus«, sagte Emma und meinte es auch so. Mit sechsunddreißig war Catherine vier Jahre älter als Emma, doch sie entwickelte eine Reife, die ihre Schönheit nur noch unterstrich. Ihre langen Locken fielen ihr bis über die Schultern und umrahmten ihr Gesicht, das auf klassische Art schön war und Emma an Schwarz-Weiß-Fotografien von Hollywoodstars aus den 1930er und 1940er Jahren erinnerte.

Emma und Catherine waren in den letzten zehn Jahren mal mehr, mal weniger in Kontakt geblieben. Sie hatten sich auf der Hochzeit einer entfernten Cousine Emmas mit einem Freund von Catherines Mann, Victor Lomax, getroffen. Sie waren sofort miteinander ins Gespräch gekommen und hatten einander versprochen, die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Zu ihrer beider Überraschung gelang ihnen dies auch. Sie schrieben einander ein oder zwei Briefe im Jahr, telefonierten ab und zu und trafen sich gelegentlich. Emma war fasziniert von den Kreisen, in denen Catherine und Victor verkehrten, von der leicht blasierten Eleganz ihres Lebensstils und der Ungezwungenheit, mit der sie sich auslebten. Es war eine wundervolle, unverbindliche Freundschaft, wenn auch über eine große Distanz hinweg.

Vor sechs Jahren hatte Catherine Emma angerufen und ihr mitgeteilt, dass Victor mit dem Sportflugzeug, mit dem er so gern flog, im Süden Englands in den Tod gestürzt war. In den folgenden beiden Jahren schlief der Kontakt zwischen ihnen ein wenig ein. Emma spürte, dass Catherine Raum und Zeit benötigte, um den Schicksalsschlag zu verkraften. Sie selbst hätte wahrscheinlich genauso reagiert. Emma drängte sich Catherine nicht auf, signalisierte aber, dass sie ihr jederzeit behilflich sein würde. Die verschiedenen Firmen, die Victor Lomax gehört hatten, wurden abgewickelt, wobei sich die maroden und gesunden Unternehmen bei der Gewinn- und Verlustrechnung fast die Waage hielten. Catherine behielt lediglich die erste Firma ihres Mannes, die Lomax-Immobilienagentur. Die Agentur vermittelte Wohnungen und Häuser in der Londoner Innenstadt an einen elitären Kundenstamm und erwirtschaftete genug Geld, um das kleine Vermögen zu vergrößern, das von Victors ehemaligem Besitz übrig geblieben war.

Emma gewann mit der Zeit den Eindruck, dass Catherine und sie einander an einem Wendepunkt in ihrer beider Leben begegnet waren – die eine bewegte sich auf der gesellschaftlichen Leiter nach unten, die andere nach oben. Emma hatte eine erfolgreiche Karriere begonnen und sich Catherine dabei zum Vorbild genommen. Doch nach Victors Tod strauchelte Catherine. Sie war zwar weit davon entfernt, arm zu sein, aber ohne ihren Mann veränderte sich ihr Leben erheblich. Mit dem Verkauf der Firmen versuchte sie offenbar, die Geister der Vergangenheit loszuwerden. Emma und Catherine entwickelten sich in verschiedene Richtungen, und bis auf ihren Willen, in Kontakt zu bleiben, verband sie im Grunde nichts mehr. Die Idee, dass Emma stille Teilhaberin der Agentur werden und dieser mit einer kleinen Finanzspritze unter die Arme greifen könnte, war den beiden Frauen während eines Telefonats gekommen. Sie konnten sich nicht einmal mehr daran erinnern, wer sie zuerst gehabt hatte. Der Gedanke spukte noch tagelang in Emmas Kopf herum, und sie spielte im Geiste alle möglichen Szenarien durch. Ein weiteres Telefonat folgte, und plötzlich besprachen sie bereits Details, beide Feuer und Flamme. Am Ende machte Catherine einen überraschenden Vorschlag: Wenn Emma wirklich ihr Leben als Investmentbankerin aufgeben wollte, könnte sie doch zuerst einmal bei Lomax hineinschnuppern, bevor sie ihr Geld in die Agentur steckte. Emma dachte darüber nach und stimmte schließlich unter einer Bedingung zu. »Ich mache es. Aber es muss unser Geheimnis bleiben.« Während der Zeit bei Morse Callahan war sie an zahlreichen Übernahmen beteiligt gewesen, doch sie hatte nie die Möglichkeit gehabt, eine Firma von innen heraus kennenzulernen.

»Hast du dich gut eingelebt?«, erkundigte sich Catherine nun. »Ich hätte dich ja persönlich begrüßt, aber ich dachte, vielleicht sollte ich dich am Anfang besser in Ruhe lassen.«

»Ich bin noch nicht lange genug hier, um mich wirklich eingelebt zu haben«, erwiderte Emma. »Anfangs kam ich mir vor wie in einem Agentenfilm – der Umschlag mit den Wohnungsschlüsseln, das Dossier über die Agentur … Eigentlich fehlte nur noch die Videokassette, die sich nach dem Ansehen selbst zerstört. Danke, dass du ein paar Lebensmittel eingekauft hast. Nach all den Jahren in den USA weiß ich kaum noch, wie die ganzen Sachen hier überhaupt heißen.«

»Ach, ich habe nur das Nötigste zum Überleben besorgt. Ich hoffe, dass du dich in der Wohnung wohl fühlst. Ich habe Sonia deine Bankverbindung mitgeteilt, du stehst jetzt offiziell als Aushilfe auf der Gehaltsliste, mit einem vierwöchigen Vertrag, der jeden Monat erneuert werden kann.«

Emma zog die Mappe mit den Informationen, die Catherine ihr zugeschickt hatte, aus ihrer Aktentasche, schlug sie auf und ließ ihren Blick über die Daten schweifen.

»Was hast du deinen Mitarbeitern gesagt?«

»Was wir vereinbart hatten. Du bist eine entfernte Verwandte von Victor, hast jahrelang in einer Bank gearbeitet und vor kurzem deinen Job verloren. Du arbeitest vorübergehend hier in der Miet-Abteilung, bis du eine richtige Stelle gefunden hast, und lernst dabei etwas über das Immobiliengeschäft.«

»Und niemand hegt Verdacht?«

»Nein. Einige haben die Stirn gerunzelt, als ich Victor erwähnte, als ob die Vetternwirtschaft noch aus dem Grab heraus am Werk wäre. War dir mein Bericht über die Firma denn eine Hilfe? Ich hatte teilweise das Gefühl, als würde ich meine Autobiografie schreiben.«

»Danke, er war sehr nützlich. Aber ich muss mittendrin sein, um wirklich zu verstehen, wie alles funktioniert. Deine Notizen über die Mitarbeiter waren ziemlich diplomatisch formuliert. Nach deiner Darstellung hätte ich Ed zum Beispiel niemals als derart schwanzgesteuert eingestuft, obwohl du durchaus Anhaltspunkte dafür lieferst.«

»Ed kümmert sich um die Vermietungen, zusammen mit Malcolm. Ehrlich gesagt – in diesem Bereich kann ich dich am leichtesten als Aushilfe unterbringen.«

»Und was halten Ed und Malcolm davon?«

»Malcolm würde eine Anordnung von mir und die Hierarchie in der Agentur niemals in Frage stellen, auch wenn er etwas geknickt war, weil er überhaupt kein Mitspracherecht hatte. Ed hingegen betrachtet sich gern als eine Art Naturgewalt als aufgehenden Stern am Immobilienhimmel. In den meisten Fällen funktioniert diese Kombination gut, aber möglicherweise wird Ed versuchen, dich ein bisschen auszubremsen.«

»Damit komme ich schon klar«, erwiderte Emma.

Die Agentur bestand aus der Inlandsabteilung für die Geschäfte in Großbritannien, der Auslandsabteilung und der Verwaltungsabteilung. In Großbritannien wurden Objekte sowohl vermietet als auch verkauft, während die Auslandsimmobilien – hauptsächlich in den USA, aber auch in Kontinentaleuropa – ausschließlich zum Verkauf standen. Die Verwaltung kümmerte sich um die Finanzen, Verträge und Rechnungen. Malcolm Dean war der Leiter der Inlandsabteilung und hatte einschließlich Ed Shields drei Angestellte unter sich, Jane Bennett leitete die Auslandsabteilung und Sonia Morgan kümmerte sich um die Verwaltung, beide mit jeweils einem Mitarbeiter als Unterstützung. Das ergab acht Mitarbeiter insgesamt, neun inklusive Emma, und zehn, wenn man auch Catherine Lomax dazuzählte.

»Wie lange möchtest du …« – Catherine suchte nach einem passenden Wort – »die Beobachterin spielen?«

»Nur für ein paar Wochen. Ich werde mich mal ein wenig genauer mit den Zahlen beschäftigen. Die Daten, die ich von dir bekommen habe, sehen zwar gut aus, aber ich möchte ein wenig tiefer graben.«

Catherine runzelte die Stirn. »Mehr kann ich dir zu den Zahlen auch nicht sagen. Die Unterlagen, die ich dir geschickt habe, sind Kopien der Aufstellungen, die ich jeden Monat von Sonia bekomme. Du weißt also genauso viel wie ich.«

»Hast du einen eigenen Buchhalter?«

»O nein. Mit dem Thema sind wir durch. Bevor Victor seine Geschäfte ausbaute, kümmerte sich Sonia um die Buchhaltung. Dann beschäftigten wir einen Steuerberater für die gesamte Lomax-Gruppe, der die ganze Zeit davon sprach, das Aktienkapital zu erhöhen. Es war ein einziger langer Kampf zwischen ihm und Sonia. Nach der Auflösung der Firmengruppe hat Sonia die Buchhaltung wieder übernommen.«

»Ist sie eine geprüfte Buchhalterin?«

»Selbstverständlich.«

Emma war überrascht. Sie hatte angenommen, dass die Lomax-Immobilienagentur mit einem unabhängigen Buchhalter zusammenarbeitete. Zwar besaßen alle großen Firmen eigene Buchhalter, doch Lomax war keine große Firma. Aus Emmas Sicht sollte niemand, der derart eng mit der Firma in Verbindung stand wie Sonia, über solche finanziellen Informationen verfügen. Für sie selbst bedeutete das zudem, dass sie nicht an diese Informationen gelangen konnte, ohne Verdacht zu erregen. Jeder in der Agentur würde erfahren, dass sie plante, als Investorin einzusteigen, und dies wollte sie vorerst vermeiden. Natürlich war es ein Unterschied, ob man als Partnerin in eine Agentur einstieg oder an der Wall Street mit ganzen Firmen jonglierte und Unternehmen ausschlachtete. Doch die Grundstrategie und die Taktik blieben selbst bei einer vergleichsweise bescheidenen Investition dieselben, dessen war sich Emma sicher.

»Gibt es irgendeine Möglichkeit, unbemerkt an detaillierte finanzielle Informationen zu kommen?«

»Nein.«

Sie musste sich die Daten also auf anderem Wege besorgen. Catherine gab ihr zwar bereitwillig über die Agentur Auskunft, doch das reichte Emma nicht. Aus den Zahlen ließ sich ein kaum merklicher, aber nichtsdestotrotz beunruhigender Abwärtstrend herauslesen, der mit den wenigen Informationen, die sie besaß, an nichts Bestimmtem festgemacht werden konnte. Emma hoffte, dass die Arbeit in der Agentur die Zahlen mit etwas mehr Substanz unterfüttern würde. Die Vorstellung, dass Catherines Schicksal zum Großteil in den Händen von Sonia Morgan lag, behagte ihr ganz und gar nicht. Aus den Akten wusste Emma, dass Sonia zwar ein stattliches Gehalt bezog, aber weder einen Partnerstatus besaß noch irgendwie sonst an der Agentur beteiligt war. Emma fragte sich, welche Auswirkungen dies wohl auf ihre Loyalität haben mochte.

»Irgendwann nächste Woche veranstalten wir ein Willkommens-Dinner für dich und stellen dich den Mitarbeitern offiziell vor. Heute Morgen würde ich dich gern nur mit Malcolm bekannt machen und dich in seine Obhut geben. Die anderen fänden es merkwürdig, wenn ich eine Aushilfe gleich durch die ganze Agentur führen würde.«

»Das klingt hervorragend. Ich nehme mal an, dass ich einen eigenen Schreibtisch bekomme?«

»Aber natürlich. Du hast einen Schreibtisch und einen Computer mit allem, worum du gebeten hast.«

»Können wir heute zusammen zu Mittag essen, um noch ein paar Dinge zu besprechen?«

»Gern. Ian soll irgendwo für uns reservieren.«

Ian Cameron arbeitete sowohl am Empfang als auch für Sonia Morgan, er war Rezeptionist und Verwaltungsassistent in Personalunion. Da Emma dank Catherines Unterlagen bereits viel über die Mitarbeiter von Lomax wusste, kam es ihr jetzt beinahe vor, als sähe sie im Kino die Verfilmung eines Buches, das sie gerade erst ausgelesen hatte. Würden die Figuren genauso sein wie in ihrer Vorstellung? Ed zumindest hatte ihre Erwartungen nicht enttäuscht.

***

»Malcolm, das ist Emma Fox.«

»Ah ja«, sagte er, erhob sich von seinem Schreibtisch und schüttelte Emma die Hand. »Malcolm, Malcolm Dean. Ich leite die Inlandsabteilung.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, entgegnete Emma und erwiderte seinen kräftigen Händedruck.

Malcolm war um die vierzig und gut angezogen, auch wenn seine Kleidung ein wenig abgenutzt aussah. Insgesamt schien er in seinem Erscheinungsbild eher unauffällig bleiben zu wollen. Er hatte hellbraune Haare und seine Frisur hätte eher in die frühen 1980er gepasst. Er war verheiratet, hatte zwei Kinder und wirkte, als sei er jederzeit bereit, den Fußball herauszuholen und mit seinem Sohn eine Runde zu kicken.

Catherine zog sich zurück und überließ es Malcolm, Emma in den neuen Job einzuweisen. Er stellte sie Ed vor, und Emma klärte ihn auf, dass sie bereits das Vergnügen gehabt hatte. Die anderen beiden Männer, die für Malcolm arbeiteten, waren Tony Wilson und Dominic Lester. Tony und Dominic kümmerten sich um die Kaufimmobilien, Ed und Malcolm um die Vermietungen, wobei Malcolm gegenüber Ed eine Art Vaterrolle einnahm. Tony und Dominic waren sehr zuvorkommend, schienen aber nach ein paar Begrüßungsfloskeln nicht mehr zu wissen, worüber sie mit Emma reden sollten.

»Ist die Agentur nicht nur in Inland und Ausland aufgeteilt, sondern auch nach Geschlechtern?«, fragte sie Malcolm leichthin.

Sie befanden sich inzwischen in der kleinen Küche, und er schenkte ihr Kaffee aus einer großen gläsernen Filterkanne ein, die bereits halb leer war und an deren oberem Teil sich das Kondenswasser in dicken Tropfen abgesetzt hatte.

»So ähnlich«, erwiderte er und nickte auf eine nachdrückliche Weise, von der Emma bereits jetzt wusste, dass sie ihr irgendwann auf die Nerven gehen würde. »Tony und Dominic leisten Großartiges bei den Verkäufen, und Ed hat viel Talent für Mietimmobilien. Das sind zwei ganz unterschiedliche Märkte. Bei den Vermietungen erwarten einige Kunden von uns ein Maximum an Flexibilität, und bis man ein Haus verkauft hat, kann es oft Monate dauern. Dafür braucht man viel Geduld und gute Nerven. Hat Catherine Ihnen schon einen kleinen Überblick verschafft?«

»Ja, das hat sie. Ich freue mich wirklich sehr darauf, hier zu arbeiten.«

»Warum möchten Sie bei einer Immobilienagentur anfangen?«

»Ich war fast zehn Jahre lang Bankangestellte. Als man mir eines Tages anbot, mich freizustellen, war die Abfindung einfach zu großzügig, als dass ich sie hätte ausschlagen wollen. Da ich aber keine Lust habe, sie zu verplempern oder gar nicht mehr das Haus zu verlassen, will ich so schnell wie möglich wieder arbeiten.«

»Das ist aber eine ganz schöne Veränderung«, wandte Malcolm ein.

»Ja, aber ich habe einfach genug von Banken und großen Firmen. Ich möchte in einer kleineren Firma arbeiten. Dieser Teil des Immobilienmarktes interessiert mich sehr, und zudem kannte ich Catherines Mann.«

»Und da haben Sie Ihre Beziehungen spielen lassen?«, fragte er zögernd, als begäbe er sich auf gefährliches Terrain.

»Ich sehe das nicht ganz so eng. Sie haben bestimmt Verwendung für eine helfende Hand, und ich bin bereit, mich ins Zeug zu legen, wann und wo es notwendig ist.«

Da steckte ein junger Mann den Kopf zur Tür hinein. »Entschuldige bitte die Störung, Malcolm, aber die Rayners sind hier.« Er trug ein elegantes blaues Oxford-Hemd, eine rote Krawatte und eine dunkelblaue Hose. Ian Cameron, zweiundzwanzig, Sonias Assistent, dachte Emma. Es war äußerst angenehm, schon so gut Bescheid zu wissen.

»Danke, Ian. Das ist übrigens Emma Fox. Sie arbeitet ab sofort für uns. Könntest du sie Jane und Sonia vorstellen?«

»Natürlich. Ich habe die Rayners in Raum zwei gebeten und bringe ihnen auch gleich Kaffee«, erwiderte Ian und begrüßte Emma gleichzeitig mit einem Nicken.

»Die Rayners möchten, dass wir eine Wohnung für ihren Sohn finden«, klärte Malcolm Emma in leicht gereiztem Tonfall auf. »Er hat vor zwei Jahren seinen Uni-Abschluss gemacht und beschlossen, dass es an der Zeit ist, das Elternhaus zu verlassen. Seine Eltern stellen sich für ihn eines dieser umgebauten Kutscherhäuschen in einem eleganten Viertel vor, er selbst will aber unbedingt einen modernen Loft wie in New York. Und ich sitze zwischen den Stühlen.«

Während sie sich unterhielten, hantierte Ian mit Tassen und Kaffeekanne und schien sie vollkommen vergessen zu haben. Er trug die Haare kurz, was seine hübsche Kopfform noch unterstrich. Sein Anblick rief angenehme Erinnerungen an englische Jungs in Emma wach.

»Ich nehme mal an, dass die Eltern die Miete bezahlen«, sagte sie zu Malcolm.

»Selbstverständlich.«

»Hat Lomax denn Wohnungen im Angebot, die aussehen wie ein New Yorker Loft?«

»Ja, wir haben tatsächlich zwei Lofts, was ungewöhnlich ist. Einer befindet sich am Stadtrand, der andere in Soho. Die Eltern wollen allerdings, dass ihr Söhnchen nicht weiter als bis nach Kensington zieht, und ich bin geneigt, mich ihnen anzuschließen. Wir wissen einfach nicht genug über Lofts. Sie sind ein bisschen zu modern für uns.«

Ohne darüber nachzudenken, stürzte sich Emma mitten hinein in die Situation und begann, sie zu analysieren.

»Wie durchsetzungswillig sind die Eltern?«, fragte sie.

»Nicht besonders. Sie sind eher lästig als alles andere.«

»Sagen Sie mir, wenn ich Ihnen helfen kann. Ich will mich nicht aufdrängen, aber ich habe einmal für einige Monate in einem Loft in New York gewohnt. Ich könnte entweder die Eltern von der Idee überzeugen oder den Sohn davon abbringen.«

Während Malcolm über das Angebot nachdachte, schwelgte Emma in Erinnerungen an den Sommer, den sie in dem New Yorker Loft verbracht hatte.

»Das könnte wirklich hilfreich sein«, sagte Malcolm schließlich. »Ich schlage es den Rayners vor, und dann sehen wir, was sie davon halten.«

»Hat Lomax schon eine Wohnung im Sinn, in die der Sohn ziehen könnte?«, fragte sie.

»Nein, wir haben lediglich die Zufriedenheit unserer Kunden im Sinn. In diesem Fall sind die Kunden die Eltern, aber der Sohn könnte in Zukunft ebenfalls Kunde werden. In Bezug auf unsere Einnahmen ist es irrelevant, ob er in eine elegante Wohnung in Kensington oder in einen Loft zieht.«

»Ich bringe den Rayners nur schnell Kaffee und kümmere mich dann um Sie«, warf Ian dazwischen, offenbar geübt in der Kunst, niemandem im Weg zu sein. Nachdem er zurück war, stellte er Emma Jane Bennett vor, der Leiterin der Auslandsabteilung. Auf dem Weg zu Janes Arbeitsplatz erhaschte Emma einen Blick auf die Rayners, da die Tür von Besprechungsraum zwei einen Spaltbreit offen stand. Mr. und Mrs. Rayner saßen rechts und links von ihrem Sohn und lehnten sich beide leicht zu ihm, als wollten sie ihn beschützen. Emma sah nur den Hinterkopf des Sohnes. Die Haare fielen ihm fast bis auf die Schultern, welche sich breit und muskulös unter dem hellen Jeanshemd abzeichneten. Als er den Kopf zur Seite wandte, um seiner Mutter etwas zu sagen, konnte Emma sein Profil sehen und war fasziniert von dem Goldschimmer seiner Haut, seinem offenen Lächeln und seinen kraftvollen Bewegungen. Malcolm schloss die Tür und versperrte Emma damit den Blick, doch vor ihrem inneren Auge verharrte der Eindruck noch für einige Sekunden. Die Körperhaltung der Eltern und die Bewegungen des Sohnes verbanden sich in ihrem Geiste zu etwas, das sie noch nicht richtig benennen konnte, das sie aber auf angenehme Weise beschäftigte.

Das warme Gefühl leichter Benommenheit fiel schlagartig von ihr ab, als sie Jane Bennett erblickte, die sich in diesem Augenblick von ihrem Schreibtisch erhob. Emma hätte sich beinahe zu Ian gebeugt und ihn flüsternd gefragt: »Was hat die denn für ein Problem?«, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig zurück.

»Jane, das ist Emma Fox. Emma, Jane Bennett. Emma arbeitet ab sofort mit Malcolm und Ed.«

Jane streckte ihr widerstrebend die Hand entgegen, als hielte Emma eine Spaßhupe aus dem Scherzartikelladen in der Hand versteckt. Ich wünschte, ich hätte wirklich eine, vielleicht würde sie das ein wenig aufmuntern, dachte Emma. Ihr fiel es schwer, Jane nicht anzustarren. Janes Kinn sprang spitz über dem dünnen, faltigen Hals hervor. Ihr Mund war ein einziger verschmierter Fleck aus orangefarbenem Lippenstift und ihre Augen glänzten bleigrau über runzligen Tränensäcken. Ihr dünnes, rotbraunes Haar hatte sie wild toupiert und mit Haarlack fixiert, wodurch es eher einem Brandherd glich als einer Frisur. Emma wartete darauf, dass sich das gekünstelte Lächeln auf ihrem Gesicht verflüchtigte, bis ihr bewusst wurde, dass dies offenbar Jane Bennetts natürlicher Gesichtsausdruck war.

Und es wurde noch schlimmer.

»Ich bin Jane Bennett«, dröhnte sie mit tiefer Stimme, »und ich bin verantwortlich für die Auslandsgeschäfte der Lomax-Immobilienagentur.«

Dann hielt Jane einen endlosen Monolog über die Aufgaben der Auslandsabteilung, deren Bedeutung für die Agentur und die unbesungenen Heldentaten ihrer Wenigkeit und ihrer Mitarbeiterin Nicola Morris. »Herzlich willkommen«, flüsterte eine Stimme in Emmas Kopf, während sie Jane Bennett zuhörte und an den richtigen Stellen nickte. Ian stand mit glasigem Blick neben Emma – ohne Zweifel hörte er all dies nicht zum ersten Mal.

»Wenn Sie keine Fragen haben, wende ich mich jetzt wieder meiner Arbeit zu. Es war schön, Sie kennenzulernen, und ich hoffe, Ihnen gefällt es bei uns. Nicola ist im Moment nicht hier, aber ich stelle sie Ihnen vor, sobald sie wiederkommt.«

Emma hatte den Eindruck, als spräche Jane eher mit sich selbst anstatt mit ihr, und sie erwiderte lediglich, dass sie sich darauf freue, bei Lomax zu arbeiten. Außerhalb von Janes Hörweite sagte Ian: »Sonia ist gerade bei Catherine, deswegen stelle ich sie Ihnen später vor. Jetzt zeige ich Ihnen erst mal Ihren Arbeitsplatz und gebe Ihnen die Möglichkeit, sich von Jane zu erholen. So ist sie bei jedem.« Er grinste verstohlen.

Emma erforschte die Schubladen ihres Schreibtisches, die noch vollkommen leer waren und beim Öffnen und Schließen ein hohl klingendes Geräusch verursachten. Dann rückte sie das Telefon zurecht und schaltete den Computer ein. Auf der Tastatur lag ein gefaltetes Stück Papier mit dem Briefkopf der Agentur, das sie über ihr Passwort Guten Morgen informierte. Ian hatte den Text in einer ungewöhnlich geschwungenen Schriftart getippt und ebenso schwungvoll unterschrieben. Emma seufzte angesichts dieser Nichtbeachtung der einfachsten Sicherheitsmaßnahmen. Nachdem der Computer hochgefahren war, begutachtete Emma die verschiedenen Symbole. Ihr Blick fiel auf den Namen ihres Lieblingsprogramms für Tabellenkalkulation, und sie verbrachte die nächste halbe Stunde damit, die Einstellungen auf ihre persönlichen Bedürfnisse hin zu ändern. Sie war derart darin vertieft, dass sie Malcolm erst bemerkte, als er direkt vor ihr stand.

»Die Rayners sind gerade gegangen, und ich glaube, sie freunden sich langsam mit der Vorstellung eines Lofts an. Manchmal hat unser Job mehr mit Sozialarbeit zu tun als mit dem Vermieten von Wohnungen«, sagte er.

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte Emma.

»Ich habe erwähnt, dass Sie neu bei uns sind und Erfahrungen mit dieser Art von Immobilie haben.«

»Waren sie an meiner Mitarbeit interessiert?«

»Ja. Sobald wir Einzelheiten über die beiden Lofts zusammengestellt haben, würden die Rayners Sie gern kennenlernen. Ich wollte Sie heute noch nicht damit belästigen, deswegen habe ich vorgeschlagen, dass Sie die Rayners in den nächsten Tagen besuchen«, erwiderte Malcolm.

»Warum sehen sich die Rayners die Wohnungen nicht einfach an?«

»So leicht ist das nicht. Die meisten unserer Kunden möchten das Gefühl haben, dass wir ihnen mehr bieten als nur einen Satz Schlüssel.«

»Ich verstehe«, sagte Emma.

»Wir besuchen unsere Kunden häufig zu Hause«, fuhr Malcolm fort. »Sie müssen Lomax in einer Art beratender Funktion sehen.«

»Haben Sie eine bestimmte Zeit ausgemacht?«

»Ich nehme zwar an, dass Ihr Terminkalender noch frei ist, ich habe den Rayners aber trotzdem gesagt, dass ich erst mit Ihnen absprechen müsste, wann Sie Zeit haben.«

»Das klingt, als sei ich wahnsinnig wichtig«, erwiderte sie amüsiert.

Malcolm hielt für einen Moment inne. »Sagen Sie Ian, er soll einen Termin vereinbaren. Terminabsprachen treffen wir meist über Ian, anstatt persönlich anzurufen. Ich lasse Ihnen die Akte über die Rayners zukommen. Und wenn Sie möchten, begleite ich Sie gern zu dem Treffen.«

»Ich lese mir die Akte durch, und Sie können mir ja noch ein wenig über die Rayners erzählen. Wenn Sie mitkommen wollen, habe ich natürlich nichts dagegen.«

Emma ließ diese Frage bewusst offen, da sie Malcolm nicht vor den Kopf stoßen wollte.

Nachdem er gegangen war, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Computer zu. Als sie sicher war, dass niemand sie unterbrechen würde, beschäftigte sie sich eingehender mit den unterschiedlichen Dateien. Die Computer waren miteinander vernetzt. Emma klickte sich von ihrem eigenen Computer in das Netzwerk, das in verschiedene Bereiche aufgeteilt war. Sie klickte auf einen Bereich mit allgemeinen Daten und fand die Verzeichnisse aller Mitarbeiter. Dann suchte sie nach Unterverzeichnissen und stellte lächelnd fest, dass offenbar keinerlei Zugangsbeschränkungen existierten. Vielleicht gab es noch einen anderen Weg, an Informationen zu gelangen.