Emma stand vor der Tür ihres Hauses in Islington. Es war ein seltsames Gefühl, als Besucherin hierherzukommen. Als sie angerufen hatte, um sich mit den derzeitigen Bewohnern zum Abendessen zu verabreden, hatte sie erst einen Augenblick lang überlegen müssen, bis ihr ihre alte Telefonnummer eingefallen war. Sie hatte das Haus an Freunde vermietet und war glücklich, es bei Tom und Neil in guten Händen zu wissen.
Das Haus war ein Paradebeispiel für viktorianische Großzügigkeit, und sie hatte es zu einem Zeitpunkt gekauft, als die Immobilienpreise im Keller gewesen waren. Wie so viele ihrer Investitionen würde sich auch diese auf lange Sicht rentieren.
Licht drang durch das Bleiglasfenster über der hohen Eingangstür, und sie hörte Neils Schritte.
»Hallo, Liebes«, begrüßte er sie wie üblich.
Emma antwortete gespielt überrascht: »Liebes?«
Sie umarmten einander herzlich.
»Kommen Sie mit der Räumungsklage, böse Vermieterin?«
»Ich gebe mich erst mal mit einem Abendessen zufrieden. Bist du allein?«, fragte Emma.
»Ja, aber nicht mehr lange, also lass uns schnell über alles Wichtige reden.«
Als Emma nach ihrem Studium in Harvard nach England zurückgekehrt war, hatten sie und Neil eine Zeit lang in derselben Bank gearbeitet – Emma als MBA, der sechs Jahre jüngere Neil in der Poststelle. Doch Emma wurde schnell bewusst, dass die unfehlbare Autorität der Bank in der Poststelle im Allgemeinen und bei Neil im Besonderen lag, und freundete sich mit ihm an. Nachdem sie einige Monate lang zusammen auf Partys gegangen waren, unternahm Emma einen etwas unbeholfenen Annäherungsversuch, den Neil jedoch taktvoll zurückwies. Seither verband sie eine wundervolle Freundschaft.
»Wir hätten dich vom Flughafen abholen können«, sagte Neil, führte sie in die Küche und schenkte zwei Gläser Wein ein.
»Morse Callahan hat mir einen Helikopter zum JFK spendiert und in Heathrow eine Limousine. Der pure Luxus.«
»Und das Letzte, was du gewollt hättest, wäre gewesen, uns kreischend in der Ankunftshalle vorzufinden. Erzählst du mir, warum du wirklich aus New York weggegangen bist? Und bitte erspar mir das technische Kauderwelsch, in dem du mit Tom sprichst. Verrat mir den wahren Grund.«
Emma setzte sich an den Esstisch und dachte daran, dass sie sich damals auf den ersten Blick in diese riesige Küche verliebt hatte. In New York benötigte man keine Küche. Während der letzten vier Jahre hatte sie sich das Essen so gut wie immer liefern lassen, und sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal gekocht hatte.
»Ich sage es dir, aber nur, wenn ich dir beim Kochen helfen darf.«
Neils große braune Augen musterten sie. Er musste jetzt sechsundzwanzig sein und wirkte immer noch so jungenhaft wie zu der Zeit, als sie ihn kennengelernt hatte. Er war hochgewachsen, hatte breite Schultern und sah auf eine typisch englische Art gut aus. Seine Frisur würde sich wahrscheinlich niemals ändern. Er hatte Emma einmal ein Foto gezeigt, auf dem er neun Jahre alt war und den gleichen Kurzhaarschnitt mit Pony trug wie heutzutage.
»Tu dir keinen Zwang an«, erwiderte er und reichte ihr ein scharfes Messer. Dann schenkte er ihnen beiden Wein nach und ließ sich am Tisch nieder.
Emma trat an die Arbeitsfläche, schnitt für eine Weile schweigend das dort bereitliegende Gemüse klein und beobachtete Neil dabei aus den Augenwinkeln.
»Also?«, fragte er schließlich.
»Warum ich New York verlassen habe? Ich muss dich leider enttäuschen. Es gab weder einen Skandal noch irgendeine Verschwörung. Wusstest du, dass ich in meinem ersten Jahr an der Uni Kunst studiert habe?«
»Nein, das hast du mir nie erzählt.«
»Ich hatte es selbst beinahe vergessen. Aber letztes Jahr war ich auf einem Meeting in einer spanischen Bank, und im Foyer hingen zwei Mirós. Ich fing an, über die Bilder zu reden, und es war, als spräche ich plötzlich eine andere Sprache. Ich vergaß alles um mich herum, so gebannt war ich von den Gemälden.«
»Du hast also in einer spanischen Bank die Erleuchtung erfahren und bist nun nach Hause gekommen, um zu malen?«, fragte er sie mit sarkastischem Unterton.
»Alle, mit denen ich bei Morse Callahan zusammengearbeitet habe, gehen vollkommen in ihrem Job auf. Sie spielen das Spiel, weil es ihnen Spaß macht. Aber mir ist irgendwann klar geworden, dass man aus diesem Spiel auch aussteigen kann.«
»Hast du das Spiel denn so sehr gehasst?«
Emma überlegte kurz und nickte dann. »Am Ende ja. Zuerst hat es aufgehört, Spaß zu machen, und irgendwann war es noch nicht einmal mehr interessant. Schließlich sah ich keinen Sinn mehr darin. Und jetzt spiele ich ganz einfach nicht mehr mit.«
»Ich will ja nicht neugierig sein – okay, will ich doch –, aber kannst du es dir leisten, einfach so auszusteigen?«
Sie lächelte Neil an. Nur wenigen Menschen war bewusst, mit welchen Einsätzen sie in ihrem alten Leben gespielt hatte.
»Grob geschätzt bin ich ein bisschen besser dran als der durchschnittliche Lottogewinner«, erwiderte sie. »Für die nächsten zwei- bis dreihundert Jahre müsste es auf jeden Fall reichen.«
»Du könntest grauenhafte Bilder malen und sie an dich selbst verkaufen. Oder ich male ein grauenhaftes Bild und du kaufst es mir ab. Tom erzählte mir, dass du Pläne hast, wusste aber nicht, welcher Art.«
Emma hatte das Gemüse zu Scheiben und Würfeln verarbeitet. Mit einem befreiten Gefühl setzte sie sich zurück an den Tisch und sah Neil an.
»Vielleicht kaufe ich mich in eine Immobilienagentur mit einem sehr elitären Klientenstamm ein.«
»Wie bist du denn darauf gekommen?«
»Die Eigentümerin ist eine Freundin von mir – oder eigentlich eher eine Bekannte.«
»Und warum weiß ich nichts von dieser Bekannten?«, unterbrach Neil sie, und in seine Stimme mischte sich ein Funken Eifersucht.
»Wir haben seit zehn Jahren mal mehr, mal weniger Kontakt. Ich kannte sie schon, bevor ich dich kennengelernt habe.«
»Hmm …«, murmelte er.
»Neil, du hast auch Freunde, die ich nicht kenne. Das ist kein Grund, zickig zu werden.«
»Schon gut«, sagte er und beugte sich aufmunternd vor, damit Emma mit ihrer Erzählung fortfuhr.
»Sie braucht ein bisschen Geld und ein bisschen Geschäftssinn. Ich verfüge über beides. Deswegen arbeite ich für ein paar Wochen dort.«
»Aber es ist schon eine Art… na ja, eine Art Abstieg, oder?«, fragte er stirnrunzelnd.
»Ja, das schon. Die Angestellten denken, ich sei nur als Aushilfe eingestellt. Deshalb auch das hier …« Sie zupfte an ihrer Kleidung.
»Von selbst hätte ich dich nie darauf angesprochen, aber du siehst tatsächlich etwas altbacken aus. Ich habe schon gedacht, dass du dich für uns nicht in Schale werfen willst. Warum dieses ganze Versteckspiel?«
»Ich will einfach sichergehen, dass sich die Investition auch lohnt. Die Position als Aushilfe ermöglicht es mir, ein bisschen herumzuschnüffeln und herauszufinden, ob ich mein Geld in eine gesunde Firma investiere, auch wenn ich am Ende nur stille Teilhaberin werde. Im Übrigen macht es Spaß.«
»Na klar – bei so vielen hochnäsigen Kunden und Immobilienheinis …«
Die Haustür fiel ins Schloss, und kurz darauf erschien Tom in der Tür zur Küche. Er trug einen eleganten Nadelstreifenanzug.
»Liebes«, sagte er.
»Liebes?«, erwiderte Emma.
»Mein Cupido«, sagte Tom.
Er durchschritt den Raum, küsste Neil auf die Wange, zog dann Emma vom Stuhl und drückte sie fest. »Gruppenkuscheln!«, rief Neil.
»Wo ist denn unsere Glamour-Emma abgeblieben?«, fragte Tom, hielt Emma auf Armeslänge von sich und musterte sie kritisch.
»Sie hat ihre Tarnkappe aufgesetzt«, teilte Neil ihm mit.
»Was machen Nikkei und Dow Jones?«, erkundigte sich Tom.
»Tom«, rügte Neil und gab ihm einen Klaps.
»Schon okay«, erwiderte Emma. »Weißt du was, Tom? Ich habe keine Ahnung, und es interessiert mich auch nicht mehr.«
»Wunderbar. Habt ihr lange gewartet?«, fragte er und entließ sie aus seinem Griff.
»Wieso bist du eigentlich der Meinung, dass alle Welt auf dich gewartet hat?«, fragte Neil.
Einige Minuten lang hörte Emma ihren gegenseitigen Neckereien zu, die verrieten, dass die beiden schon eine ganze Weile zusammen waren. Bei ihrem Pärchengeplänkel sprachen sie über Emma, als sei diese gar nicht anwesend.
Tom trug seine Haare wesentlich kürzer als noch vor einem Jahr, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, doch sein Oberlippenbart war so buschig wie eh und je. Mit dreiundvierzig Jahren wirkte er immer noch fit und durchtrainiert, ohne Bauchansatz oder herabhängende Wangen. Emma hatte Neil und Tom miteinander bekannt gemacht und war froh, dass sich die Dinge so gut entwickelt hatten. Sie zögerte anfangs, die beiden zusammenzubringen, weil sie Tom nur flüchtig als Kunden kannte. Als ihre Firma einen Theaterabend für Kunden und ihre Partner organisierte, rief Tom sie eine Woche zuvor an und teilte ihr mit, dass er zurzeit keinen Partner habe und den Abend lieber ausfallen lassen würde. Da Emma ebenfalls Single war, schlug sie ihm vor, gemeinsam hinzugehen. Sie unterhielten sich prächtig, und Emmas Instinkte sagten ihr, dass Neil und Tom gut zueinanderpassen würden. Und nun, fast fünfeinhalb Jahre später, lebten die beiden zusammen in ihrem Haus und hatten eine Art Pärchencode entwickelt. Von Emma sprachen sie dabei manchmal liebevoll-neckend als »Mutter«.
»Und was erzählst du den Leuten bei dieser Agentur?«, fragte Tom, der inzwischen über die Situation in Kenntnis gesetzt worden war.
»Dass ich meinen Job bei einer Bank verloren habe. Einige scheinen schon jetzt Probleme mit mir zu haben, als könnte ich vielleicht vor ihnen befördert werden – der übliche Büromist. Ich will nicht unnötig irgendwelche Alarmglocken zum Läuten bringen.«
»Und was ist, wenn sie herausfinden, wer du wirklich bist?«, wollte Tom wissen und lockerte seine Krawatte. »Dann werden sie sich wahrscheinlich wünschen, dass sie netter zu mir gewesen wären«, erwiderte Emma lächelnd.
»Warum denn ausgerechnet eine Immobilienagentur, Emma?«, fragte er weiter, während Neil am Herd mit Töpfen herumhantierte.
»Catherine, die Besitzerin der Agentur, braucht Hilfe. Ich will mich gar nicht großartig ins Geschäft einmischen, sondern lediglich stille Teilhaberin werden und ein wenig Profit aus der Sache schlagen. Im Moment mache ich mir erst einmal ein Bild von der Firma, genau, wie ich es bei einer Übernahme auch gemacht hätte.«
»Das war ja schon immer deine Stärke, wenn ich mich recht erinnere.«
»Du alter Schmeichler. Und wie steht es mit dem Privatkundengeschäft in deiner Bank?«
»Es ist ermüdend. Einfach nur langweilig. Wenn ich dein Köpfchen und deine Chuzpe hätte, würde ich mein Glück auch mit Fusionen und Übernahmen probieren. Und du schmeißt die ganze Sache einfach hin und wirst Immobilientante.«
»Das ist nur der erste Schritt. Eine Art Sprungbrett«, erklärte sie Tom.
»Ja, ja, aber jetzt kommen wir mal zur wichtigsten Frage«, warf Neil ein und drehte sich zu ihnen um. »Wirst du gerade von irgendjemandem flachgelegt?«
»Ich bin doch erst seit zwei Wochen hier«, erwiderte Emma.
»Also schon mehrmals«, entgegnete Neil.
»Nur ein Mal. Um sicherzugehen, dass mein Charme bei englischen Männern noch wirkt.«
»Und?«, fragten sie beide gleichzeitig.
»Und ob.«
»Gab es denn niemand Bestimmten in den Staaten?«, fragte Tom mit ehrlich betroffenem Gesichtsausdruck.
Emma schüttelte den Kopf und schnaubte leise. Dann sagte sie: »Hättet ihr beide Lust auf eine kleine Shopping-Tour nächste Woche? Ich brauche ein paar Klamotten für die Agentur und ein paar hübsche Sachen für mich.«
Neils Augen begannen zu leuchten, Toms Miene verdüsterte sich jedoch.
»Natürlich hätten wir Lust, Mutter!«, rief Neil.
»Du musst nicht mitkommen, Tom«, sagte Emma an Tom gewandt.
»Sei nicht albern, er kommt liebend gern mit, nicht wahr, Tom? Am besten gehen wir ganz früh los, gleich, wenn die Geschäfte öffnen, dann haben wir genug Zeit.«
Als Tom aufstand und leise murmelnd den Raum verließ, brachen Emma und Neil in Gelächter aus.
»Ihr beide seid wirklich ein großartiges Paar. Je öfter ich euch sehe, desto sicherer bin ich mir«, sagte Emma zu Neil, sobald Tom außer Hörweite war.
»Tom ist hoffnungslos altmodisch. Wir sind letzten Monat zusammen tanzen gegangen, und du hättest sein entsetztes Gesicht sehen sollen, als wir den Raum betraten. Es war ein Bild für die Götter.«
»Ich wette, Tom hat es vor zwanzig Jahren ganz schön krachen lassen, während du noch mit deinen Spielsachen beschäftigt warst«, erwiderte Emma.
»Das kann ich mir einfach nicht vorstellen, Emma. Ich necke ihn immer damit, aber er weicht mir ständig aus. Wo willst du unsere Einkaufsorgie denn abhalten?«
»Bei den üblichen Verdächtigen. Harvey Nichols, Harrods, Sloane Street. Und ich möchte mir diese neue Abteilung von Hamiltons ansehen, von der überall die Rede ist.«
Es war bereits nach Mitternacht, als Emma in ein Taxi stieg und nach Hause fuhr, doch das kümmerte sie nicht. Wenn sie zu Zeiten von Morse Callahan abends ausgegangen war, hatte sie immer schon um neun nervöse Blicke auf die Uhr geworfen, voller Sorge, dass sie nicht genug Schlaf bekommen würde, um am nächsten Arbeitstag voll einsatzfähig zu sein. Darüber brauchte sie sich jetzt keine Gedanken mehr zu machen. Es interessierte sie nicht, wie spät es war, wie die Aktienkurse standen oder was andere Leute hinter ihrem Rücken über sie redeten. Sie hatte den Eindruck, als sei eine ganze Ansammlung von Hintergrundgeräuschen plötzlich verstummt und sie könne zum ersten Mal seit langer Zeit ihre eigenen Gedanken hören, klar und unverzerrt. Selbst das Bedürfnis, dieses neue Gefühl zu analysieren, verebbte langsam, und sie begann, sich an ihren geänderten Lebensrhythmus zu gewöhnen. Im Grunde ließ sich mit einem einzigen Wort beschreiben, wie sie sich fühlte: frei.