Kapitel 21

Emma betrat am Freitagmorgen um zwanzig vor neun die Lomax-Immobilienagentur. Den Donnerstag hatte sie zusammen mit Matt zu Hause verbracht, um einige wichtige Anrufe zu erledigen. Am folgenden Tag würden sie und Matt in einen Flieger in Richtung Cayman-Inseln steigen, wo sie es sich auf Nic Lawsons Boot gemütlich machen wollten. Aber heute, dachte sie, heute ist der große Tag. Zum letzten Mal überquerte sie die Schwelle von Lomax als schlichte Emma Fox. Um die Verwandlung der schlichten in die echte Emma zu unterstreichen, trug sie einen Hosenanzug von Donna Karan, den sie speziell für diesen Anlass gekauft hatte. In dem Anzug sah sie derart sexy aus, dass Matt ihn ihr früh am Morgen sofort wieder ausgezogen hatte. Emma spürte das Blut in ihren Adern pulsieren, wie in alten Zeiten. Es war beinahe, als wäre sie zurück im Spiel.

Für halb elf war eine Mitarbeiterversammlung anberaumt worden. Catherine hatte weitere Neuigkeiten bezüglich des Investors angekündigt. Ihr zufolge hatte sich das aufgeregte Flüstern in der Agentur seit der ersten Besprechung am Dienstag nicht mehr gelegt. Der Gedanke, dass Lomax vielleicht von einer anderen Firma übernommen wurde oder ein Teilverkauf bevorstand, musste Sonia Morgan und Tony Wilson ganz schön unter Druck setzen. Es sei denn, sie gingen davon aus, dass sie ihre Spuren gut genug verwischt hatten. Das würde sich im Verlauf des Vormittags zeigen. Von Catherines Büro aus rief Emma Chris an. Ein leichtes Schuldgefühl stieg in ihr hoch, denn wenn Matt nicht gewesen wäre, hätte sie deutlich mehr Zeit mit ihm verbracht. Doch Chris war ein Profi. Er kümmerte sich weiterhin zuverlässig um ihre Anlagen, und die Tatsache, dass sie nicht mehr mit ihm schlief, belastete ihre Geschäftsbeziehung nicht.

»Hallo«, ertönte Chris’ vertraute Stimme.

»Hi, Chris, ich bin’s, Emma.«

»Hi. Wie geht es dir?«

»Danke, gut. Ich schicke dir gleich ein Fax, also geh bitte direkt zum Faxgerät, wenn wir aufgelegt haben.«

»In Ordnung. Worum geht’s?«, fragte er.

»Um die Investition in die Lomax-Immobilienagentur, über die wir mal gesprochen haben – von welchem Konto ich das Geld am besten nehmen soll und an wen es überwiesen wird. Du darfst die Überweisung aber erst tätigen, wenn ich dir grünes Licht gebe. Wir müssen hier ein paar Dinge klären. Ich schicke dir auch ein Angebotsschreiben mit. Kannst du es mal überfliegen und außerdem einem Anwalt zeigen?«

»Kein Problem«, antwortete er.

Das war es, was sie an Chris so schätzte: Nichts schien ihm irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten.

»Ich bin ab morgen für ein paar Monate unterwegs«, fuhr sie fort.

»Ist er nett?«, fragte Chris mit verschmitztem Unterton.

»Ja, danke«, erwiderte sie, ging jedoch nicht weiter auf den Kommentar ein.

»Noch eins. Das Sparkonto, auf das die Miete meines Hauses in Islington geht…«

»Ja?«

»Ich möchte es gern auflösen. Es sind fast neuntausend Pfund darauf. Stell bitte einen Scheck über die Summe auf Tom Brien aus. Seine Daten findest du auf der dritten Seite des Fax.«

»Und was willst du mit dem Haus machen?«, erkundigte er sich.

»Ich schenke es Neil und Tom.«

»Wohltätigkeit? Das sind ja ganz neue Töne.«

»Ich weiß. Wahrscheinlich werde ich langsam alt.«

»Zum Glück bist du rechtzeitig ausgestiegen. Sonst wärst du leichte Beute.«

»Ich rufe dich am Montag an und gebe dir Bescheid wegen der Überweisung. Danke für deine Hilfe, Chris. Und mach weiter Geld für mich, ja?«

»Darauf kannst du wetten. Und jetzt stelle ich mich neben das Faxgerät.«

***

Emma schenkte sich gerade Kaffee ein, als Ed Shields zu ihr trat.

»Was hältst du davon?«, fragte er.

»Wovon?«, gab sie zurück.

»Dass Catherine einen Investor in die Agentur holt. Aber da du nur vorübergehend hier bist, interessiert dich das wahrscheinlich nicht besonders.«

Emma sah ihn an, sagte aber nichts. Offenbar verstand er ihr Schweigen als Zustimmung.

»Ich bin überrascht, dass es keine Kaufprüfung gegeben hat«, fuhr Ed fort.

»Was ist das denn?«, fragte Emma und versuchte, ganz naiv dreinzuschauen.

»So etwas wie eine Hausbesichtigung. Wenn jemand eine Firma kauft, will er sichergehen, dass er nicht übers Ohr gehauen wird. Normalerweise kommen Anwälte und Buchhalter in die Firma, sprechen mit den wichtigen Leuten, sehen sich die Bücher an und so weiter. Ich hätte ihnen das ein oder andere sagen können.«

»Du scheinst dich ja ganz gut damit auszukennen«, sagte Emma und gab sich große Mühe, beeindruckt zu wirken.

»Ein bisschen«, erwiderte Ed prahlerisch.

Malcolm gesellte sich zu ihnen und holte sich eine Tasse aus dem Schrank.

»Was gibt’s Neues?«, fragte er.

»Ed erklärt mir gerade, wie man Firmen kauft«, antwortete Emma.

Malcolm ließ das Ganze offenbar kalt. »Ich habe gehört, dass der Junge von den Rayners den Loft in Soho doch nicht nimmt. Er hat gestern angerufen und uns mitgeteilt, dass sich seine Pläne geändert haben«, erzählte er.

»Tja, der Kunde ist mir wohl durch die Lappen gegangen«, sagte Emma.

***

Die Stimmung in der Agentur war angespannt. Emma hatte schon unzählige Kaufprüfungen durchgeführt und dabei immer auf der Seite der Feinde gestanden, der bösen Banker, die ein altes Familienunternehmen in seine Einzelteile zerlegten und die ehemaligen Mitarbeiter arbeitslos zurückließen.

Die kleinste Firma, mit der sie für Morse Callahan je zu tun gehabt hatte, war zwanzigmal so groß gewesen wie Lomax. Doch egal ob groß oder klein, die Atmosphäre aus Angst und Unsicherheit blieb stets dieselbe. Tatsächlich gab es bei Lomax nur zwei Personen, die etwas zu befürchten hatten, und ausgerechnet diese beiden taten alles, um fröhlich und ungezwungen zu wirken. Sonia begrüßte Emma mit einem strahlenden Lächeln und machte ihr ein Kompliment über ihre Garderobe. Tony Wilsons Fassade bestand aus einer hauchdünnen Schicht Gelassenheit, die jedoch kaum die schwelende Angst darunter verdecken konnte. Er würde lange vor Sonia einknicken. Da die Mitarbeiterversammlung bereits in einer Viertelstunde beginnen würde, blieb beiden nur eine kurze Gnadenfrist.

Das Telefon auf Emmas Schreibtisch klingelte.

»Emma Fox«, meldete sie sich munter.

»Hi, Emma, hier ist Nic Lawson.« In der Leitung knisterte es stark.

»Hallo«, sagte sie nur, da sie seinen Namen im Büro nicht erwähnen wollte.

»Hier ist es zwei Uhr in der Nacht, und ich bin total erledigt. Aber wie auch immer – Matty hat mir erzählt, dass ihr euch das Boot tatsächlich ausleiht.«

»Das stimmt. Vielen Dank für das Angebot«, sagte sie.

»Keine Ursache. Höchste Zeit, dass es mal wieder benutzt wird. Die letzten beiden Male habe ich kotzend über der Reling gehangen. Hoffentlich bist du seefest. Aber wer findet denn jetzt ein Haus in London für mich, wenn du nicht mehr da bist?«

»Wir setzen jemand anderen darauf an«, beruhigte sie ihn.

»So viel persönliche Aufmerksamkeit wie du schenkt mir garantiert niemand«, erwiderte er lachend.

»Wahrscheinlich nicht«, antwortete sie und dachte lächelnd an Malcolm, der Nic Lawson wieder übernehmen würde. »Wenn ich zurück bin, würde ich gern mit dir darüber reden, wie du der Agentur helfen kannst. Ist das in Ordnung?«

»Kein Problem. Schick mir ’ne Postkarte oder ’ne Flaschenpost«, sagte er. »Und alles Liebe an Matty.«

Es schien ganz so, als hätte an diesem Freitag niemand irgendwelche Sorgen oder Probleme.

***

Um fünf vor halb elf fanden sich alle Mitarbeiter im Konferenzzimmer ein. Catherines Bürotür war den ganzen Morgen über geschlossen gewesen. Emma vermutete, dass sie sich die Informationen durchlas, die Emma zusammengetragen hatte. Sie klopfte leise an und betrat das Büro.

»Es ist so weit«, sagte Emma und schloss die Tür hinter sich.

Catherine sah auf, und Emma bemerkte einen rötlichen Schimmer um ihre Augen, als habe sie geweint. Das überraschte Emma nicht. Sonia Morgan arbeitete seit sehr langer Zeit in der Agentur. Es musste ein Schock für Catherine sein.

»Geht es dir gut?«, fragte Emma.

»Das wird schon wieder«, erwiderte Catherine. »Ich bin nur so wütend. Wie konnte sie etwas Derartiges tun? Sie hat Victors Tod als Chance betrachtet und meine Verfassung eiskalt ausgenutzt.«

»Hast du schon beschlossen, was du tun willst?«, erkundigte sich Emma.

Sie hatte Catherine gebeten, diese Angelegenheit zu überdenken, bevor sie bekannt gab, dass Emma in die Agentur einsteigen würde. Das war ihre einzige Bedingung an Catherine gewesen: Sonia und Tony sollten nicht mehr für die Agentur arbeiten. Alle anderen Entscheidungen lagen weiterhin in Catherines Händen.

»Ich will, dass die beiden verschwinden. Das veruntreute Geld ist mir gar nicht so wichtig. Ich hätte es ihr sogar freiwillig gegeben, wenn sie mich darum gebeten hätte. Nach der Besprechung reden wir allein mit den beiden«, sagte Catherine.

»Du weißt, dass du in dem Fall wieder sehr viel mehr mit der Firma zu tun haben wirst, oder? Sonia ist diejenige, die im Moment alle Fäden zieht. Sobald sie weg ist, bist du allein verantwortlich. Ich unterstütze dich zwar, aber ich werde diese Agentur nicht führen«, sagte Emma.

»Ich werde wieder ganz von vorn anfangen müssen. Nach Victors Tod ist aus mir eine Art funktionslose Galionsfigur für Lomax geworden. Versteh mich nicht falsch, ich war ganz froh darüber, aber genau deshalb trage ich auch einen Großteil der Schuld für diese … unerfreuliche Entwicklung. Jetzt will ich die Zügel wieder in die Hand nehmen.«

»Sobald wir sichergegangen sind, dass Sonia und Tony keine Hintertürchen eingebaut haben, überweise ich das Geld. Aber jetzt sollten wir langsam aufbrechen, um die frohe Botschaft zu verkünden, meinst du nicht auch?«, sagte Emma und lächelte.

***

Emma und Catherine betraten das Konferenzzimmer gemeinsam. Schlagartig verstummten die Gespräche, und die Mitarbeiter wandten sich ihnen mit fragenden Gesichtern zu.

»Das ist Emma Fox«, sagte Catherine und zeigte auf Emma, als sähen alle diese zum ersten Mal, »und sie wird Teilhaberin der Lomax-Immobilienagentur. Oder Lomax-Fox, wie sie in Zukunft heißen wird«, fügte sie lächelnd hinzu. Anscheinend hatte sie sich die Namensänderung gerade erst ausgedacht.

Emma sah zu Sonia und Tony, die weit voneinander entfernt saßen. Ihnen war jegliche Farbe aus den Gesichtern gewichen. Dann ließ Emma ihren Blick durch den Raum schweifen, da sie keine Aufmerksamkeit auf Sonia und Tony lenken wollte. Ed schien es die Sprache verschlagen zu haben, er starrte sie einfach nur mit offenem Mund an. Malcolm nickte unentwegt, offenbar erklärte er sich die Sache gerade selbst. Emma warf Nicola einen eiskalten Blick zu, bevor sie das Wort ergriff.

»Ich denke, ich schulde euch allen eine Erklärung«, sagte sie.

Malcolm nickte weiter. Dominic Lester und Ian Cameron strahlten sie an. Es freute Emma, dass sie wenigstens ein bisschen Unterstützung erhielt. Jane Bennetts

Augen verrieten die Gedanken, die ihr – und wahrscheinlich auch einigen anderen – gerade hektisch durch den Kopf schossen. Was habe ich zu ihr gesagt? War ich jemals unverschämt zu ihr? Wird sie mich jetzt feuern?

Die Mitarbeiter von Lomax suchten nach Antworten. Emma dachte an Nicolas Weigerung, Unterlagen über Auslandstransaktionen an sie herauszugeben, an Eds Sticheleien, die erst aufgehört hatten, als sie die Sache buchstäblich selbst in die Hand genommen hatte, und an Ians anonymen Drohbrief. Tatsächlich waren ihr von allen Angestellten nur Sonia und Tony aus dem Weg gegangen.

»Ich kenne Catherine bereits seit einigen Jahren«, begann sie. »Wie ihr sicherlich festgestellt habt, ist die Immobilienbranche nicht mein Fachgebiet. Ich habe erst kürzlich meinen Job in der Finanzwelt aufgegeben und werde neunundvierzig Prozent der Lomax-Immobilienagentur übernehmen. Die übrigen einundfünfzig Prozent bleiben bei Catherine. Meine einzige Absicht ist es, als stille Teilhaberin in die Agentur zu investieren. Falls Probleme auftauchen, bei denen ich helfen kann, werde ich das selbstverständlich tun, aber davon abgesehen soll jemand die Firma führen, der sich voll und ganz damit auskennt: Catherine.« Als Emma Catherines Namen aussprach, sah sie Sonia an, deren starres Lächeln sich verflüchtigt hatte.

»Es war meine Idee, euch nicht den wahren Grund meiner Anwesenheit zu verraten. In meinem vorigen Job habe ich auf Geheiß und mit dem Geld anderer Leute Firmen gekauft, über die ich jedoch meist nur sehr wenig wusste. Dieses Mal beschloss ich, die Firma eingehender unter die Lupe zu nehmen, um wirklich zu verstehen, was in dem Unternehmen vor sich geht.«

Tony Wilson hatte Schweißperlen auf der Stirn und warf Sonia nervöse Blicke zu. Emma befürchtete, dass er gleich zur Tür stürzen und davonlaufen würde.

»Es tut mir leid, falls sich jemand in die Irre geleitet fühlt. Ich wollte lediglich die Agentur kennenlernen, nicht die Mitarbeiter ausspionieren. Das war eine Geschäftspraktik, kein psychologischer Feldversuch. Mir hat die Zeit hier sehr gefallen, und ich finde, dass ihr alle ein großer Gewinn für die Agentur seid.«

Sie bemerkte, dass sich Tony Wilson entspannte. Er atmete sichtlich auf. Wahrscheinlich glaubte er, er wäre noch einmal davongekommen.

»Ich kann mir vorstellen, dass ihr eine Menge Fragen habt«, warf Catherine ein.

Im Konferenzzimmer herrschte unbehagliches Schweigen.

»Vielleicht können wir uns heute Abend nach der Arbeit noch einmal zusammensetzen«, fuhr Catherine fort. »Wie Emma bereits sagte, übernimmt sie neunundvierzig Prozent der Agentur. Darüber hinaus haben wir uns darauf geeinigt, dass jeder von euch als Zeichen der Anerkennung die Kaufoption auf eine Vorzugsaktie erhält. Wir möchten, dass ihr alle von dieser Investition profitiert.«

Es folgte ein zustimmendes Gemurmel, und schließlich erhoben sich alle, um zurück an die Arbeit zu gehen.

»Sonia, können wir uns kurz unterhalten?«, fragte Catherine, als Sonia an ihr Vorbeigehen wollte.

Tony Wilson äugte zu ihnen herüber, senkte dann schnell den Blick und verließ mit den anderen den Raum.

Sonia setzte sich wieder hin. Das Lächeln war auf ihr Gesicht zurückgekehrt.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie zu Emma.

»Sonia«, sagte Emma und legte eine kurze Pause ein, um den Effekt zu erhöhen. »Was kannst du mir über die Consulting-Firma Morgan-Court erzählen?«

Sonia schluckte schwer, schwieg aber.

»Ich habe mir die detaillierten Kontodaten von Lomax angesehen und bin auf Zahlungen an Morgan-Court Consulting gestoßen, die als Beraterhonorare aufgeführt werden. Soweit ich das überblicken kann, hat die Lomax-Immobilienagentur der Firma in den letzten sechs Jahren insgesamt einhundertsiebenundzwanzigtausend Pfund bezahlt. Du bist die Zeichnungsberechtigte des Kontos von Morgan-Court, auf dem sich momentan, lass mich nachsehen, siebenundachtzigtausend Pfund befinden. Ist das eine Art Notgroschen? Eine private Altersvorsorge?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, sagte Sonia und sah Catherine an, als erwarte sie von ihr, dass sie eingriff.

»Das Haus, in dem Tony Wilson wohnt, wurde von Lomax erworben und dann an Morgan-Court überschrieben«, fuhr Emma fort. »Der Wert des Hauses belief sich auf einhundertachttausend Pfund, trotzdem wurde es für nur siebenundvierzigtausend Pfund an Morgan-Court verkauft. Ich habe gestern mit Tonys Frau gesprochen. Sie hat ihn seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Sie sind geschieden und haben ihr gemeinsames Haus verkauft. Soweit mir bekannt ist, hat Tony für das Haus in Whitton niemals Miete gezahlt. Es nutzt dir überhaupt nichts, die ganze Zeit Catherine anzustarren, Sonia. Sie weiß über alles Bescheid.«

»Und was weißt du?«, fragte Sonia sie gehässig. »Du kommst hier in deinem feinen Anzug reingesegelt und glaubst, du könntest den Laden kaufen. Hast du eine Ahnung, wie lange ich hier schon arbeite? Ich habe Lomax mein Leben geopfert.«

»Und dir zusätzlich einhundertzwanzigtausend Pfund und ein Haus unter den Nagel gerissen«, entgegnete Emma scharf. »Als die Lomax-Gruppe nach Victors Tod aufgelöst und die Tochtergesellschaften verkauft wurden, hast du deine Chance gewittert. Es existierten keine Unterlagen über die Konten, du hattest die Kontrolle über die Finanzen, und Catherine war vom Tod ihres Mannes noch zu aufgewühlt, um etwas zu merken. Du bist wirklich ein eiskaltes Biest.«

»Ich möchte nicht, dass dieses Gespräch zu einem Streit eskaliert«, griff Catherine mit ruhiger Stimme ein. »Hast du mal ausgerechnet, wie viel Geld das ist? Weniger als zweiunddreißigtausend Pfund im Jahr in den letzten sechs Jahren.«

»Du bist immer gut bezahlt worden, Sonia. Victor hat dich in den Rentenfonds einbezogen. Was wolltest du denn noch?«, fragte Catherine.

»Ich habe diese Firma geführt, Catherine, das weißt du genau, und Victor wusste es auch. Er konnte es natürlich nicht zugeben, aber ihm war klar, dass ich einen besseren Job mache, als du es jemals gekonnt hättest. Alles, was du über diese Firma weißt, weißt du von mir.«

»Und alles, was sie nicht weiß, ebenfalls«, fügte Emma hinzu.

»Das habe ich auch niemals bestritten, Sonia«, sagte Catherine kopfschüttelnd.

»Wann ist Tony mit eingestiegen?«, fragte Emma mit ein wenig neutralerer Stimme als zuvor.

»Er hat seine Eheprobleme lange geheim gehalten, weil es ihm peinlich war. Als seine Frau ihn schließlich verließ, kam er sich vor, als hätte er versagt. Er hat mich wegen des gemeinsamen Hauses um Rat gefragt, keine Ahnung, warum, schließlich kennt er sich in rechtlichen Dingen bestens aus. Wahrscheinlich brauchte er einfach jemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Damit hat alles angefangen«, sagte Sonia.

»Und die Seychellen?«, fragte Emma.

Sonia warf ihr einen überraschten Blick zu und lachte dann auf.

»Wir haben überlegt, dort ein Konto zu eröffnen. Wir wussten nicht einmal, ob es überhaupt einen Vorteil bringen würde, aber es erschien uns so glamourös – wie in einem Roman von John Grisham. Letzten Endes war alles, was wir mit nach Hause nahmen, ein Sonnenbrand.«

»Dir ist bewusst, dass ich dich nicht länger beschäftigen kann, oder?«, sagte Catherine.

»Kannst du nicht oder willst du nicht?«, erwiderte Sonia und warf Emma einen Blick zu.

»Sowohl als auch. Ich könnte dich anzeigen, aber das will ich nicht. Geh einfach, und verlange nicht von mir, dir ein Empfehlungsschreiben mitzugeben«, sagte Catherine.

»Und das Geld?«, fragte Sonia.

»Lomax-Fox wird Morgan-Court eine Rechnung für Beraterhonorare ausstellen«, erklärte Emma. »Sobald wir einen guten Buchhalter gefunden haben, rechnen wir aus, welche die steuergünstigste Möglichkeit ist, das Geld wieder einzubuchen. Daher schlage ich vor, dass du die Summe vorerst auf ein Anteilskonto überweist. Ich lasse dir die Einzelheiten zukommen.«

»Und was geschieht mit Tony?«, fragte Sonia.

»Er wird die Firma ebenfalls verlassen, zu den gleichen Konditionen wie du«, antwortete Catherine.

»Und das soll es jetzt gewesen sein, ja?«, fauchte Sonia und sah von Catherine zu Emma. »Glaubt ihr wirklich, dass die Agentur ohne mich überhaupt läuft?«

»Sie wird mit Sicherheit ein bisschen mehr Gewinn abwerfen«, konterte Emma.

»Du hältst dich wirklich für was ganz Besonderes, oder? Ich hab’s mir von Anfang an gedacht. Allein die Art, wie du durch das Büro stolziert bist, als gehöre es dir bereits.« Sonia spie ihr die Worte geradezu entgegen.

»Tja, du hattest zu neunundvierzig Prozent recht, nicht wahr?«, erwiderte Emma in liebenswürdigem Tonfall.

Sonia stand ohne ein weiteres Wort auf und rang merklich nach Fassung. »Wir werden ja sehen, wie lange es Lomax-Fox noch gibt«, schnaubte sie dann verächtlich und verließ das Konferenzzimmer.

»Das hat ja hervorragend geklappt«, sagte Emma nach ein paar Sekunden mit Ironie in der Stimme.

»Es hätte sehr viel schlimmer kommen können«, erwiderte Catherine.

»Lomax-Fox?«, fragte Emma mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ich wollte Sonia ein bisschen ärgern. Offenbar mit Erfolg«, sagte Catherine.

Beide lachten, und die aufgestaute Spannung löste sich langsam.

»Alles Weitere liegt jetzt bei dir, Catherine. Soll ich bei der zweiten Besprechung heute Abend dabei sein?«

»Möchtest du das denn?«, erkundigte sich Catherine.

»Wahrscheinlich fällt es den Leuten leichter, etwas zu sagen, wenn ich nicht anwesend bin. Ich will niemanden in die Enge treiben. Du kannst ja noch ein paar Worte über die Investition verlieren und den anderen dann mitteilen, dass Sonia und Tony gekündigt haben.«

»Bist du dir wirklich sicher, was die Vorzugsaktien betrifft?«, fragte Catherine. »Es ist dein Geld, und letztendlich läuft diese Vorgehensweise darauf hinaus, dass du den Mitarbeitern etwas davon abgibst.«

»Vielleicht können wir ja mit dem Geld arbeiten, das Sonia zurückzahlt. Ich glaube, dass die Maßnahme der Arbeitsmoral und Atmosphäre in der Agentur zugutekäme. Mit den Anteilen vermitteln wir den Angestellten das Gefühl, dass sie wirklich dazugehören. Und selbst wenn sie dies nur als Möglichkeit betrachten, schnell zu etwas Geld zu kommen, wird sich ihre Einstellung gegenüber der Firma doch verbessern.«

»Was hast du eigentlich als Nächstes vor?«, fragte Catherine.

»Urlaub machen«, erwiderte Emma.