Man kann viele Fragen an Heideggers Hölderlin-Lektüren stellen, aber die Frage ist doch, worauf sie eigentlich hinauswollen. Die Missverständnisse, die sie hervorgerufen haben, hängen damit zusammen, dass sie zumeist mit den Kriterien einer akademischen Interpretation betrachtet wurden. Das hat man auf den Rahmen irgendeiner routinierten Hermeneutik gespannt – möglicherweise berechtigt, da nicht entschieden ist, wann und inwiefern Ausnahmen von der akademischen Regel zu machen sind. Die Regel bestimmt Verfahrensweisen, vor deren Hintergrund die Qualität einer Deutung zu beurteilen ist. Die Germanistik hat so – mit sehr wenigen Ausnahmen – Heideggers Hölderlin-Lektüre abgelehnt. Dabei stand ihr Selbstverständnis mit auf dem Spiel.
Denn Heidegger hat seinen Zugang zu Hölderlin, insofern er ihn veröffentlicht hat, »metapolitisch« verzerrt. Er wollte die Dichtung zur Volksdoktrin erheben; antipoetische Vergewaltigung des Gedichts. Das zeigt sich besonders in der Vorlesung vom Winter 1934/35, in der sich der Philosoph mit zwei großen Hymnen des Dichters beschäftigt. Schon dass es sich um »Germanien« und »Der Rhein« handelt, ist der politischen Situation geschuldet.
Darauf lässt sich Heideggers Hölderlin-Lektüre aber nicht reduzieren. Sie befindet sich in ihrem Selbstverständnis jenseits der akademischen Annäherung: »Die Auseinandersetzung mit einem Dichter können nur Dichter vollbringen, nicht aber Literaturhistoriker«,[202] schreibt Heidegger in einem »Schwarzen Heft«. Die Literaturwissenschaft basiert auf Voraussetzungen, die nicht die der Dichtung sind. Gibt es überhaupt Voraussetzungen für Dichter, die nicht jeder Dichter auf seine Weise versteht?
Nicht zu verneinen ist jedenfalls, dass die Dichtung – oder überhaupt die Kunst – eine Geschichte bildet, in der die vielfältigen Aneignungen und Idiosynkrasien der Künstler zu einem eigenen internen Narrativ zusammenschießen. Da jeder Dichter sein Eigenes unvermeidbar in ein Gedicht zu transformieren vermag, gibt es eine tiefe Verwandtschaft zwischen Dichtern, die ein Literaturhistoriker nur zur Geschichte der Dichtung verdinglichen kann. Er weiß nicht, was die Initiation dieser Geschichte – jene Transformation zum Gedicht – bedeutet. Ihm fehlt die – Erfahrung. Der Wissenschaft ist die Kunst – das Leben in der Kunst – unzugänglich.
Heidegger ist kein Dichter (auch wenn er damit kokettiert, ein »schlechter Dichter«[203] zu sein). Er begegnet Hölderlin nicht auf der Ebene der Dichtung. Der Unterschied zwischen Dichten und Denken war ihm bewusst. Dennoch unterläuft er die üblichen hermeneutischen Voraussetzungen der Interpretation. In einem Brief vom 20. Juli 1945 heißt es:
»Ihre Zeilen aus Tübingen trafen mich wie die Stimme des Dichters aus seinem Turm am heimatlichen Strom. Das letzte halbe Jahr weilte ich im Geburtsland und zeitweise in der nächsten erregenden Nähe des Stammhauses meiner Väter im oberen Donautal unterhalb der Burg Wildenstein. Mein Denken ist weit über bloße Interpretationen hinaus zu einem Gespräch mit dem Dichter geworden, und seine leibhafte Nähe ist das Element meines Denkens.«[204]
Heidegger schreibt an den Ordinarius für Geschichte in Tübingen Rudolf Stadelmann. Die beiden hatten sich in den dreißiger Jahren in Freiburg kennengelernt. Drei Sätze entfalten eine Autotopographie, in der Heidegger es schafft, sein Leben mit dem Hölderlins zu verbinden. Er spricht vom »Geburtsland« und meint den »Kern des südwestdeutschen Landes«.[205] Er werde der »geschichtliche Geburtsort des abendländischen Wesens« sein.
Der Ort steht in unmittelbarer Verbindung mit ihm selbst. Die Heideggers sollen dem »oberen Donautal« entstammen. Ganz gleich, ob die Genealogie zutrifft, schreibt sich der Philosoph in Hölderlins Dichtung, in die Hymne »Der Ister«, ein. »Hier aber wollen wir bauen«, heißt es in der Hymne. Und Heidegger, der 1961 das Gedicht für eine Schallplattenaufnahme lesen wird, nimmt es persönlich. Er will selbst ein Baumeister sein.
Hölderlins »leibhafte Nähe« sei das »Element« seines Denkens. Als würde der Dichter dem Denker beim Schreiben über die Schulter blicken, ihm Rat und Mut geben. Als säße Hölderlin mit am Schreibtisch, in jenem Sommer 1945, in denen Überlebende noch wie Gespenster durch ein zerstörtes Europa reisten, um nach anderen Überlebenden zu suchen.
In einem solchen Narrativ erlangt die Begegnung zwischen einem Philosophen und einem Poeten eine andere, gänzlich unakademische Dimension. Sie wird zu einer Anverwandlung, zu einer Aneignung, an deren Ende die Frage, was vom Original in der Anverwandlung noch übrig bleibt, überflüssig wird. Denn zu Missverständnissen kann Heideggers Aneignungsstrategie nur dann führen, wenn man meint, in ihr ginge es noch um den historischen Hölderlin. Es geht um den Denker und um das, was er in seinem Hölderlin-Element aus sich macht. Was Hölderlin wollte, ist eine andere Frage.
Wenn Wolfgang Rihm in seinem Stück »Verwandlung«, einem Orchesterstück, sich mit der Klangwelt der späten Symphonien Gustav Mahlers beschäftigt, dann wird niemand erwarten, dass Mahlers Musik erklingt. Vielleicht schafft Rihm es, etwas an Mahlers Musik zu zeigen, was vorher so noch nicht zu hören war. Doch Rihms Stück wird durch Mahlers Musik hindurch vor allem Rihm erklingen lassen. Mag der Vergleich auch hinken: Heideggers Anverwandlung von Hölderlins Dichtung hat mehr mit Rihms Komposition zu tun als mit einer gegenstandsgemäßen Interpretation.