Der Spitzwegerich ist eines unserer wirksamsten Kräuter gegen Husten und Erkältung, aufgelegte frische Blätter wirken blutstillend und mindern Juckreiz. Für den Winter sollte man rechtzeitig einen Vorrat trocknen.
Unkräuter gibt es in der Natur nicht. Die außerordentlich vitalen und anpassungsfähigen Kräuter, die sich auf unseren Gartenbeeten ansiedeln, sind vor allem Pionierpflanzen. Sie sind die Ersten in der natürlichen Pflanzenabfolge oder Sukzession, wie es die Botaniker nennen. Schnell bedecken sie einen offenen, verletzten oder erodierten Boden und bereiten ihn für die Besiedlung durch eine spätere permanente Pflanzendecke vor. Sie sind sozusagen das Pflaster, das die Schürfwunden auf der Haut der Mutter Erde schützend bedeckt. Wenn der Bauer pflügt oder der Gärtner umgräbt oder hackt, dann »verwundet« er den Boden sozusagen und schafft die Voraussetzung für das Keimen dieser Pionierkräuter. Und das geht schnell: Bodenproben haben ergeben, dass der normale Erdboden in unseren Breiten pro Quadratmeter bis hinunter zur Pflugsohle im Durchschnitt bis zu 7000 in Samenruhe verharrende, keimfähige Samen enthält. Wenn die Bedingungen günstig sind, keimen sie sofort.
Der Begriff »Unkraut« ist keine biologische, sondern eine kulturell-sprachliche Kategorie. Menschen aus Jäger-und-Sammler-Kulturen kennen den Begriff nicht. Auch nicht die Völker, die einfachen Hackbau betreiben. Für sie sind die wild wachsenden Kräuter wie alle Pflanzen Kinder der Mutter Erde. Sie sind Nahrungspflanzen, Heilpflanzen, Giftpflanzen (wie etwa die saponinhaltigen Gewächse, die beim Fischfang, oder andere, die als Pfeilgifte verwendet werden), psychoaktive Zauberpflanzen, aphrodisische oder zum Färben benützte Pflanzen oder solche, die den Geistern und Göttern gehören. Erst für die wirklich Landwirtschaft betreibenden Völker der Jungsteinzeit wurden sie lästige Konkurrenten der Kulturpflanzen. Ackerunkräuter und Ruderalpflanzen (das sind Pflanzen, die solche Flächen besiedeln, auf denen die natürliche Vegetation vom Menschen komplett zerstört wurde, etwa Schutthalden), wie der trittfeste Ampfer, Kamille und Wegerich, Klatschmohn, Gänsedisteln, Königskerzen, Kletten, Malven, Leinkräuter, Kornblumen, Kornraden und viele andere, hielten mit den ersten Bauern Einzug im mittleren Europa, den Bandkeramikern, die vom Südosten her siedelten. Unkräuter sind, wie »Untiere« oder »Unmenschen«, Teil des Weltbildes, das die Schöpfung in Gut und Böse teilt. Ein besseres Wort für diese Pflanzen wäre etwa Garten- oder Ackerbegleitkräuter.
Was man heute oft nicht bedenkt, ist, dass viele unserer Kulturpflanzen zunächst als Unkraut in den ersten Feldern wuchsen. Allmählich mauserten sie sich zu brauchbaren Gewächsen. In den ersten Weizenfeldern wuchsen Roggen und Hafer als Begleitkräuter, die später eigenständig in Kultur genommen wurden. Linsen, Tomaten, Buchweizen, Gemüsemelde, Fuchsschwanz, Feldsalat und viele andere Gemüse und Feldfrüchte waren ursprünglich »Unkräuter«.