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Kamillenblüten, noch feucht vom Morgentau, glitzern in den ersten Sonnenstrahlen. Kamillentee gegen Magenschmerzen kennt jeder. Verzehren Sie auch einmal ganze Kamillenblüten – sie wirken Wunder gegen Stress.

DAS SONNENJAHR

Ich kannte viele von diesen alternativen Neusiedlern. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wie viel Arbeit es sein kann, von der Erde zu leben. Ich sah, wie eine von dem Mystiker Georges Gurdjieff inspirierte Kommune – sie kam aus dem sonnigen Los Angeles – gegen Ende Oktober fröhlich Mantras singend Mais und Wassermelonen aussäte. Hatten die wirklich keine Ahnung von den Sonnenrhythmen? Wussten sie nicht, dass die Sonne im Herbst an Kraft verliert und die Pflanzen keine Überlebenschancen haben? Was da kümmerlich wuchs, wurde von Insekten befallen. Deren Aufgabe ist es ja, das wegzuputzen, was nicht lebensfähig oder am Absterben ist. »Haut ab! Lasst unser Gemüse in Ruhe und fresst das, was wir für euch im anderen Beet angepflanzt haben!«, brüllte der von kalifornischem Wein berauschte Anführer der Gruppe in den Garten hinein. »Man muss mit denen reden«, belehrte er mich, »außerdem haben wir ein Beet extra für sie gepflanzt.«

Der Kommunenführer hatte schon recht, dass man mit der Natur kommunizieren muss. Das macht ja jedes Naturvolk. Man muss aber auch die Sprache der Natur verstehen, und die lernt man nicht in den Büchern aus dem Esoterikladen. Die lernt man durch genaues Beobachten von Pflanzen, Tieren, Wetter und der Bewegungen der Himmelskörper, und man lernt sie durch die Arbeiten, die man täglich zu verrichten hat. Die Träume vieler dieser Neusiedler sind dann bald in (Marihuana-)Rauch aufgegangen.

Pflanzen sind keine in sich abgeschlossenen Wachstumsautomaten. Sie stehen in vollkommener Verbindung mit ihrer Umwelt und sind nur im Zusammenhang mit ihr zu verstehen. Sie spiegeln den Zustand des Erdbodens, des Wetters und auch der Kräfte, die vom Kosmos auf sie einwirken. Schon lange wusste man, dass die sichtbaren Bewegungen und Kräfte der Sonne, des Mondes, aber auch der Planeten einen Einfluss auf Pflanzen haben, auf ihre Gestaltung, auf ihr Wachstum und ihre Gesundheit. Das wurde schon seit langer Zeit in der Form von Gärtner- und Bauernregeln vermerkt. Manche alte Bäuerinnen kennen solche Regeln noch.

Tierkreisbilder

Dass die Pflanzen in ihrem Keimen, Wachsen, Blühen und Fruchten, ihrem Werden und Vergehen, der Sonne folgen, sollte für jeden offensichtlich sein. Die Pflanzen folgen der Sonne in dem großen Bogen, den sie im Jahreskreis umschreibt.

Im Jahreskreis durchwandert die Sonne, von der Erde aus gesehen, zwölf Tierbilder. Die Tierkreisbilder, die man als Phänomen mit den Augen sehen kann, bedecken verschieden große Himmelsfelder; sie sind nicht identisch mit den Tierkreiszeichen, die Abschnitte von jeweils 30 Grad decken. Ausgehend von der Wintersonnenwende im Sternbild Schütze, wandert das Tagesgestirn von den niedrigen Bildern zu den höheren. Dabei werden die Tagesstunden länger und die Nachtstunden kürzer. Die Pflanzen reagieren auf das zunehmende Tageslicht mit erhöhtem Wachstum. Zur Frühlings-Tagundnachtgleiche, dem Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht gleich lang sind, befindet sich die Sonne im Tierkreisbild der Fische. Nun steigt sie weiter, durch den Widder und den Stier, und erreicht ihren höchsten Stand in den Zwillingen. Es ist Mittsommer, Johanniszeit und Sommersonnenwende. Dann geht es wieder abwärts in die niedrigen Tierkreisbilder, durch den Krebs und den Löwen zur Jungfrau. Wenn sich die Sonne in der Tierkreisregion Jungfrau befindet, dann ist Herbst-Tagundnachtgleiche. Die Nächte werden länger als die Tage. Das Pflanzenwachstum nimmt rapide ab, der Laubfall beginnt, einjährige Kräuter versamen und verwelken, das Leben zieht sich zurück in die Wurzeln und in die Erde. Die schwächer werdende Sonne durchwandert Waage und Skorpion und befindet sich danach wieder am tiefsten Punkt im Zodiakus, im Sternbild Schütze. Der Mond macht dieselbe Reise durch den Tierkreis, aber viel schneller. Anstatt ein Jahr braucht er knapp 28 Tage. Man kann das Pflanzenwachstum, das Werden und Vergehen der Vegetation ohne Verbindung zu den kosmischen Rhythmen nicht verstehen. Das hat nichts mit Glauben oder Esoterik zu tun, sondern das sind Phänomene, die man beobachten kann.

Im Februar, wenn sich die Sonne im Wassermann befindet, keimen die Samen, und der Saft in den Bäumen fängt an zu fließen. Zur Frühlings-Tagundnachtgleiche befindet sich die Sonne im Tierkreisbild der Fische. Nun grünt und sprießt es überall, und der Gärtner kann anfangen zu säen und zu pflanzen. Aber da es noch Fröste geben kann, sollte er nur die frostverträglichen PflanzenKohlsorten, Kresse, Karotten, Schwarzwurzel, Rote Bete und eventuell auch Kartoffeln, die von der Erde vorläufig geschützt sind – aussäen oder setzen. Mitte Mai, wenn die Sonne das Tierkreisbild des Widders verlässt und in den Stier eintritt, kann er die wärmeliebenden Gemüse wie Tomaten, Gurken, Zuckermais, Paprika, Aubergine, Bohnen, Zucchini, Melonen und so weiter ausbringen, die keinen Frost vertragen.

Der Zeitpunkt, an dem die letzten Spätfröste vorbei sind, ist von Ort zu Ort verschieden. In hügeligen Regionen kommt es auf den Winkel der Sonneneinstrahlung an. Der Südwesthang ist wärmer und trockener als etwa der Nordosthang, wo es länger dauert, bis der Morgentau weggetrocknet ist. Im Frühling bleibt der höher gelegene Garten etwas wärmer als der im Tal, da sich nachts die kühlere Luft talwärts bewegt. Ein dunkler Humusboden erwärmt sich schneller als ein reflektierender, heller, sandiger Boden. Es gibt also keinen festen Termin im Jahr, wann die frostfreien Tage beginnen. Generell jedoch bleibt es warm, nachdem der Kuckuck gerufen hat, die Schwalben angekommen sind, das Fell der Wiesel sich wieder braun gefärbt hat, die kleinen Spinnen aus ihren Hüllen gekrochen sind und die Eschen blühen. Das ist die Sprache der Natur. Der Kirchenkalender gibt das ungefähre Datum mit den »Eisheiligen« (12. bis 14. Mai) und der »kalten Sophie« (15. Mai) als letztem Kälteschub an.

» So merkt man sich im Allgäu die Bauernregel von den Eisheiligen: Pankrazi, Servazi, Bonifazi, das sind die drei heiligen Bazi. Und danach fehlt nie die kalte Sophie.«

Langtagpflanzen – Kurztagpflanzen

Ebenfalls mit dem Sonnenrhythmus verbunden ist die sogenannte Fotoperiodizität. Dieses komplizierte Wort meint die Fähigkeit der Pflanzen, auf die Länge des Tageslichts zu reagieren. Die Langtagpflanzen fangen an zu blühen, wenn das Tageslicht länger als zwölf Stunden währt. Kurztagpflanzen blühen, wenn weniger als zwölf Stunden Tageslicht herrscht. TagneutralePflanzen werden in ihrer Blühzeit nicht von der Tageslänge beeinflusst.

Nun wissen wir, warum Radieschen, Spinat, Salate und Lattiche in die Blüte schießen, wenn es auf den Hochsommer zugeht. Und auch warum man sie in den Herbsttagen getrost erneut aussäen oder auspflanzen kann.

In den Tropen ist es daher auch schwer möglich, Samen der Langtagpflanzen zu gewinnen, weil die Tage einfach nicht lang genug sind, um den Blühimpuls auszulösen. Sie sind eben an kältere Klimazonen angepasst. Zudem brauchen die zweijährigen Gemüse wie Kohlsorten, Rübengewächse (Rote Bete, Zuckerrübe, Mangold) und Doldenblütler (Möhren, Pastinaken, Dill) einen Kälteschock. Die Samen müssen eine Kälteperiode durchmachen, damit sie im nächsten Jahr blühen.

Auch der Tagesrhythmus der Pflanze hängt mit der Sonne zusammen, das zeigt unter anderem die Blumenuhr, die sich der große Botaniker Linnaeus in seinem Garten in Uppsala, Schweden, anlegte. Anhand der unterschiedlichen Zeiten des Öffnens und Schließens der Blütenkelche konnte er ziemlich genau die Tageszeit ablesen. Tag- und Nachtstellung der Blätter und spezifische Zeiten des Duftens der Blüten – manche duften nur nachts und werden von bestimmten Nachtfaltern besucht – sind weitere Indikatoren der Periodizität der Pflanzen. Auf Grundlage dieses Rhythmus kommt es bei den Pflanzen am frühen Nachmittag zum Assimilierungshöhepunkt und nach Mitternacht zu einem Stärkeakkumulationshöhepunkt. Praktisch bedeutet das, dass man Gemüse am besten am frühen Morgen erntet.

In den alten heidnischen Kulturen Europas verglich man den Einklang der Vegetation mit dem Jahres- und Tagesrhythmus der Sonne als einen Tanz des Götterpaares. Die Pflanzengöttin, die liebliche Tochter der Erdmutter, tanzt den alljährlichen Reigen mit dem Sonnengott, dem strahlenden Sohn des Himmels – ein schönes Bild von der Beseeltheit der Natur, das den kosmischen und irdischen Naturerscheinungen entspricht.