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Ende September 2008 hatten Tohmes und Barracks Verhandlungen mit AEG schließlich Früchte getragen. Es kam zu einer vorläufigen Vereinbarung über eine Reihe von Konzerten in der Londoner O2 Arena im kommenden Jahr. Kurz nach dem Handschlag darauf zog Jackson nach Los Angeles, wo er für unbestimmte Zeit im Hotel Bel-Air abstieg. Dort begannen Meetings mit diversen Choreographen und Musikern, die er für seine neue Show zu gewinnen hoffte.

Über den Deal mit AEG hinaus setzte Thome Thome für seinen Klienten auch so einiges andere in Gang. Er bekam sogar Sony dazu, die zwölf Millionen Dollar an Tantiemen aus dem Verkauf von Thriller 25 herauszurücken, die das Label einbehalten hatte – da Sony Music und Sony/ATV Music zwei voneinander unabhängige Unternehmen sind, hatte die Firma kein Recht gehabt, die Einkünfte der einen Firma einzubehalten, um damit für die Verwaltungskosten der anderen aufzukommen. Jackson wies Tohme an, von dem unerwarteten Geldregen nichts auszugeben; er wollte es allein als Anzahlung für das riesige Anwesen an der Durango Street verwendet sehen, nach dem ihm nun seit einem Jahr war. Das Haus, in dem er schon sein Wonderland sah, war für ihn die Belohnung, die er sich für die Tortur der Londoner Konzerte versprach.

In der Musikbranche herrschte mittlerweile helle Aufregung darüber, dass Michael Jackson wieder arbeiten wollte; Gott und die Welt begannen die Ellbogen einzusetzen, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Und gleich hinter der Anschutz Entertainment Group drängelte die Familie Jackson. Anlässlich eines Auftritts in Australien im Oktober erklärte Jermaine Jackson der dortigen Presse, die Jacksons – »Michael, Randy und der Rest der Familie« seien im Studio und planten, im kommenden Jahr zu touren. Was Michael völlig neu war – weder war er mit seinen Brüdern im Studio, noch sprach er überhaupt mit Jermaine, Randy oder sonst einem aus der Familie, und mit Sicherheit hatte er nicht die Absicht, mit ihnen auf Tour zu gehen. An Halloween, einen Tag nach Jermaines Erklärung gegenüber der australischen Presse, gab Michael ein Statement heraus, in dem er sagte, seine Familie sei ihm lieb und teuer, aber es gebe »keinerlei Pläne, mit ihnen ins Studio oder auf Tour zu gehen«.

Von dem Augenblick an nahm das Gedränge um Jacksons Comeback geradezu bizarre Formen an. Joe Jackson begann sich mit einem Konzertveranstalter – Patrick Allocco von AllGood Entertainment – zu treffen, dem er eine Wiedervereinigung der Jacksons, Michael inklusive, versprach. Michaels öffentlichen Dementis zum Trotz entschloss Patrick Allocco sich, Joe Jacksons Versicherungen Glauben zu schenken – die Verlockung, ins »Michael-Jackson-Business« einzusteigen, war einfach zu groß. Joe Jackson wies Allocco an, sich mit Frank DiLeo – »Michaels Manager«, wie Joe Jackson sich ausdrückte – in Verbindung zu setzen. Nur dass Frank DiLeo in keinerlei Geschäftsbeziehung mit Michael stand, und das schon seit seiner Entlassung 1989 nicht mehr. Trotzdem traf DiLeo sich mit Allocco und behauptete, Michael einen Deal für eine »Jackson Reunion« antragen zu können. Am 26. November unterschrieb DiLeo mit AllGood Entertainment eine Absichtserklärung für ein Konzert der wiedervereinten Jackson Family.

Selbst wenn Michael Jackson an einer solchen Jackson Reunion interessiert gewesen wäre, die Chance, dass AllGood – oder sonst ein Veranstalter – dem Angebot von AEG etwas Gleichwertiges hätte entgegensetzen können, war eher gering. Tohme Tohme hatte mit den Verhandlungen für die Londoner Konzerte begonnen und stellte immense Forderungen – einen erheblichen Vorschuss in bar, ein Haus in Los Angeles für Jackson und seine Familie bis zum Beginn der Show. AEG sagte zu allem ja.

Am 17. November kam in London Scheich Abdullahs Klage gegen den Sänger zur Verhandlung. Grace Rwaramba sollte als Zeugin aussagen, und auch Jackson selbst war vorgeladen. Um das öffentliche Spektakel eines erneuten Gerichtsauftritts Michaels zu vermeiden – und weil der O2-Deal unmöglich unter Dach und Fach gebracht werden konnte, bevor Abdullahs Forderung erfüllt war –, sprang AEG ein und zahlte dem Scheich in einer außergerichtlichen Einigung fünf Millionen Dollar. Damit war Jackson aus dem Vertrag entlassen, den er drei Jahre zuvor mit Abdullah eingegangen war. Aber so, wie Sony Jacksons Schulden nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit refinanzierte, so half auch AEG dem Sänger nicht aus reiner Herzensgüte. Jacksons Verpflichtungen waren damit nicht vom Tisch. Sie verlagerten sich nur von seinem reichen Wohltäter aus dem Nahen Osten auf einen amerikanischen Konzern. Und AEG erwartete, von seiner Investition zu profitieren.

Philip Anschutz, Tohme Tohme, Tom Barrack, Randy Phillips, Joe Jackson, Jermaine Jackson, Patrick Allocco, Frank DiLeo, Londell McMillan, Peter Lopez, Michael Amir – die Liste derer, die sich beide Beine ausrissen, um von Michael Jacksons milliardenschwerem Comeback zu profitieren, wurde von Tag zu Tag länger. Schließlich sollte sich auch noch Jacksons ehemaliger Berater und langjähriger Anwalt John Branca zum Rudel gesellen. Einige der Leute hatten nur die besten Absichten, den aufrichtigen Wunsch nämlich, den Sänger schuldenfrei und wieder obenauf zu sehen. Andere hatten andere Motive. Eines freilich hatten sie alle gemein – sie hatten nun einen guten Grund, Michael Jackson im Sommer 2009 wieder auf der Bühne sehen zu wollen, ob er nun so weit war oder nicht.

Bill: Als die Pläne für das Konzert erst einmal Gestalt anzunehmen begannen, musste alles andere in seinem Leben hinter ihnen zurückstehen. Er war jetzt rund um die Uhr der King of Pop. Wir fuhren ihn einmal die Woche, vielleicht auch einmal alle zwei Wochen irgendwohin, aber die meisten seiner Meetings waren in L.A., sodass er öfter dort als in Vegas war.

Ich bekam noch immer Anrufe, weil ich der Hüter so einiger Informationen war. Was auch immer jemand aus dem letzten Jahr brauchte, eine Telefonnummer, ein Dokument, man rief mich an, damit ich suchen half. All der Kram, den wir in Vegas und Virginia in Mietlager geschafft hatten, dafür waren noch immer wir zuständig. Kaum war Mr. Jackson wieder im Palms, fragte er nach der Filmausrüstung, die wir in Virginia gelassen hatten, und so kümmerten wir uns darum, das Wichtigste davon nach Vegas zu holen.

Man hätte meinen können, dass er zwei unterschiedliche Welten zu schaffen versuchte. Da war auf der einen Seite sein Privatleben, auf der anderen Seite aber die ganze Showbusiness-Maschinerie, die eben erst so richtig auf Touren kam, und irgendwie versuchte er die beiden auseinanderzuhalten. In seiner privaten Welt wollte er die Konzertleute nicht sehen. So war das Arbeitsvisum der Lehrerin abgelaufen, was bedeutete, dass sie wieder zurück nach Bahrain musste; Mr. Jackson bemühte sich um eine Staatsbürgerschaft für sie. Ich fuhr sie immer wieder zu Besprechungen mit einem auf Einbürgerung spezialisierten Anwalt, der mit ihren Papieren befasst war. Überhaupt hatte ich mehr mit derlei persönlichen Sachen zu tun.

Wir versuchten die Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten, während wir uns um derlei Sachen kümmerten, aber das private, persönliche Leben trat mehr und mehr in den Hintergrund. Und uns drängte man damit praktisch gleich mit hinaus. Wir hatten nicht das Gefühl, dass er dahintersteckte; es schien mehr so, als würden uns andere ausschließen. Ich hatte den Eindruck, dass Mr. Jackson noch nicht einmal wusste, in welchem Maß man uns aus seinem Leben gedrängt hatte. Obwohl ich nicht mehr so wie früher ständig bei ihm war, tat er, als erledigte ich immer noch einige der Sachen, die ich für ihn erledigt hatte – als wäre ich vielleicht grade mal ein wenig weiter nach hinten gerutscht. Noch immer sagte er den Leuten: »Rufen Sie Bill an.« Und ich bekam immer noch Anrufe von Anwälten, Produzenten, Leuten aus der Musikbranche, von denen ich nie gehört hatte. Sie riefen bei mir an und meinten: »Hey, Bill, ich habe eben mit Michael gesprochen. Er meinte, ich solle Ihnen die Dokumente schicken, die er zu unterschreiben hat.« Dabei hatte ich mit solchen Sachen längst nichts mehr zu tun. Das machte jetzt alles Michael Amir.

Ich hatte ja wirklich nicht erwartet, dass Javon und ich bei allem, was da jetzt lief, bei Mr. Jackson ganz oben anstanden. Aber für meine Begriffe war seine Ahnungslosigkeit unserer Situation gegenüber nur ein Symptom dafür, dass er nicht so recht wusste, was bei uns lief. Wenn er mir gegenüber von Michael Amir sprach, hörte sich das an, als hätte ich mit dem das beste Arbeitsverhältnis, als wären wir Partner und alles wäre in bester Ordnung. »Oh, rufen Sie einfach Michael Amir an.« Mr. Jackson hatte keine Ahnung, was da tatsächlich lief.

Javon: Michael Jackson hatte so eine bestimmte Wirkung auf einen. Das ist schwer zu beschreiben. In dem Augenblick, in dem er Leute an sich ranließ, wurden sie besitzergreifend. Das ging dann so richtig: »Er gehört mir!« Da war noch nicht einmal eine Absicht dahinter – sein Status als Legende brachte die Leute dazu. Er rief sie persönlich an, ließ ihnen gewisse Freiheiten, über dies und das zu bestimmen, und schon hatten sie das Gefühl: Okay, er vertraut mir. Sie sahen, wie verletzlich und wie verletzt er war. Sie sahen all die anderen, die ihn zu benutzen, ihn auszunutzen versuchten. Also dachten sie schließlich: Wenn ich schon die Kontrolle habe, dann werde ich dafür sorgen, dass ihm nichts passiert.

Wenn er also jemanden an sich ranließ, dann fingen die früher oder später an, in seinem Namen zu handeln, anstatt ihn seine Entscheidungen selbst treffen zu lassen. Sie wussten, dass sie kaum was zu befürchten hatten, schließlich stellte Mr. Jackson nie was infrage. Sie entwickelten das Gefühl, Mr. Jackson zu kontrollieren, und um diese Kontrolle nicht zu verlieren, mussten sie alle anderen manipulieren, die an Mr. Jackson ranzukommen versuchten. Und schon verbreiteten sie Lügen über andere oder redeten Mr. Jackson ein, er könne dem und dem nicht vertrauen.

Und nach und nach belogen sie dann auch Mr. Jackson selbst. Da hieß es dann: »Ja, Sir, kein Problem.« Und dann gingen sie her und machten hinter seinem Rücken was ganz anderes, weil sie meinten, dass sie es besser wüssten als er. Sie waren davon überzeugt, dass sie ihn nur zu seinem Besten belogen. Und genau das machten sie, einer wie der andere, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Feldman machte es. Raymone machte es. Greg Cross. Michael Amir. Jeder. Wenn Michael Jackson einen in seinem inneren Kreis aufnahm, hielt man das eben so.

Bill: Er hatte einfach diese Wirkung auf einen, er gab einem das Gefühl, was Besonderes zu sein, und uns ging das nun wirklich nicht anders – er gab einem das Gefühl, dass die Stellung bei ihm mehr war als nur ein Job. Auch wir hatten das Gefühl, ihn behüten zu müssen, nur beteiligten wir uns nicht an dem kleinlichen Gezanke um ihn herum. Javon und ich, wir sahen, was da vor sich ging, und wir trafen die bewusste Entscheidung, uns da rauszuhalten.

Ich will hier nicht behaupten, dass alle anderen um ihn herum schlechte Menschen gewesen wären. Es waren hinter all dem Wahnsinn einfach gewisse Kräfte am Werk. Negative Energien. Michael Jackson war davon umgeben. Raymone und Michael Amir? Ich hatte nicht das geringste Problem mit den beiden, als wir uns kennenlernten. Unter anderen Umständen glaube ich auch nicht, dass ich je ein Problem bekommen hätte, weder mit ihr noch mit ihm. Aber so, wie das um Mr. Jackson lief, dass keiner dem anderen traute, das viele Geld, all die Machtspielchen, das ganze Theater, man wurde da einfach reingezogen. Die Leute sehen, was Mr. Jackson passiert ist, und sie wollen jemandem die Schuld geben. »Es war Dr. Murray.« »Es war Tohme Tohme.« »Es war seine Familie.« Nee, nee. So war das nicht. Das war kein Einzelner. Alles zusammengenommen war da schuld.

Dass jemandem wie mir die Position als Hüter von Michael Jacksons Pforte zufiel, war reiner Zufall. Das war mir in den Schoß gefallen, weil sonst keiner da war. Die meisten Menschen suchten seine Umgebung, um von der Verbindung mit seinem Namen zu profitieren. Ich nicht. Ich wollte keine große Nummer in der Musikbranche werden. Ich wollte nicht im Windschatten seiner Prominenz Filmproduzent werden. Mein Ehrgeiz beschränkt sich darauf, das zu machen, was ich mache. Ich bin Bodyguard, und ich bin es gern. Ich bin ein guter Bodyguard, und es ist alles, was ich machen will. Mir ging es also allein um das Wohlbefinden der Person, die ich da schützte. Was all die anderen Geschichten anging, die Kredite, die Spielchen, das Geflüster: »Trauen Sie dem oder dem nicht«, damit hatte ich nichts am Hut. Und als die Leute merkten, dass ich mich da nicht reinziehen lassen wollte? Da war ich dann der Böse. Man ist der Böse, weil man keiner von den Bösen sein will. Mr. Jackson vertraut dir, also können wir dir nicht trauen. So korrupt war seine Welt geworden.

Javon: Es ist nicht so, dass wir bessere Menschen gewesen wären als die Leute nach uns. Das sagt ja keiner. Es hatte mehr mit der Zeit zu tun, in der wir bei ihm waren. Während unserer Zeit war alles persönlicher. Als wir zu ihm kamen, da waren keine Konzerte in Vorbereitung. Es war ein kleiner Kreis, ein auf ein Minimum reduziertes Team. Das versuche ich den Leuten immer zu erklären. In dem Haus am Monte Cristo Way und während der Monate in Virginia waren wir mit ihm alleine. Sonst war niemand dabei. Grace war über lange Strecken nicht bei uns, hier und da mochten andere Leute zu uns stoßen, aber oft war tage- oder wochenlang außer uns keiner da. Wir waren auf einer Wiese in Middleburg, allein mit Michael Jackson und den Kindern, und brannten Feuerwerk ab. Es war unwirklich. Wir hielten es selbst über weite Strecken für einen Traum.

Bill und ich, wir waren die Einzigen, die bei ihm waren, und wir standen nicht in Konkurrenz miteinander. Aber mal ganz ehrlich? Hätte Mr. Jackson damals zehn, fünfzehn Leute um sich gehabt? Bill wäre der meistgehasste Mann am Platz gewesen. Irgendeiner hätte ihm ein Messer ins Kreuz zu rammen versucht, kaum dass Mr. Jackson ihn zum Türhüter gemacht hatte. Und dann wäre Bill nichts anderes übrig geblieben, als selber Spielchen zu spielen – sonst hätte er sich keine drei Wochen gehalten.

Bill: Gegen Ende Oktober musste Mr. Jackson wieder mal nach L.A. Er stieg im Hotel Bel-Air ab, wo eine Menge seiner Meetings stattfanden. Und diesmal kam er nicht wieder zurück. Niemand sagte: »Okay, ziehen wir um.« Es passierte einfach.

Javon und ich waren noch in Vegas. Wir hatten keine Ahnung, wie unsere Position zu dem Zeitpunkt aussah. Er rief nur mal an, dass ich nach Kalifornien kommen solle. Ich sollte ihm die Vom Winde Verweht-Oscars bringen, er wollte sie bei sich haben, weiß Gott, warum. Ich fuhr also nach L.A. und übergab den Koffer in der Hotellobby Michael Amir. Der sagte mir, das sei alles, mehr gäbe es nicht zu tun. Also stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr heim. Zwei Wochen später sickerte durch, dass er aus dem Hotel ausziehen werde, er habe ein Haus, ein Anwesen, in Holmby Hills gemietet. Ich bekam einen Anruf, dass er das Zeug aus dem Mietlager haben wolle, den ganzen Kram aus allen fünf großen Einheiten. Wir sorgten dafür, dass alles abgeholt und nach L.A. geschafft wurde.

Ich machte mir Sorgen. Mr. Jackson musste wegen der Vorbereitungen für das Konzert nach Kalifornien; ich glaube nicht, dass er je aus freien Stücken wieder dorthin zurückgezogen wäre. Ich hatte in den letzten Monaten eine ganz neue Seite von ihm kennengelernt. Das war nicht mehr der Mann, für den wir in Virginia gearbeitet hatten. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass er zunehmend nach anderer Leute Pfeife tanzte. Alle sagen, er habe die totale Kontrolle gehabt, auf der Bühne, im Studio, überhaupt. Aber der, der sich da mit den Leuten zusammensetzte, um übers Geschäft zu reden, das war nicht mehr er.

Ich musste daran denken, wie er damals bei der Telefonkonferenz mit Raymone und Greg Cross den Apparat auf den Boden geknallt und geschrien hat: »Ich sollte meinen Vater anrufen, damit er denen in den Allerwertesten tritt.« Seinen Vater? Im Ernst? Der Mann war fünfzig Jahre alt. Aber so war es nun mal immer gewesen: Joe Jackson, Berry Gordy, Quincy Jones – sein Leben lang hatte er diese starken Männer um sich gehabt, die ihn in die eine oder andere Richtung schoben. Er kannte nichts anderes.

Ich werde nie vergessen, wie wir mal im Wagen unterwegs waren. Normalerweise hörten wir klassische Musik, wenn wir unterwegs waren, aber diesmal hatte ich das Radio an, irgendeinen R&B-Sender, und plötzlich spielten sie Bobby Browns »My Prerogative«. Als der Song zu Ende war, sagte Mr. Jackson: »Bill, könnten Sie das noch mal spielen?«

Ich sagte: »Tut mir leid, Sir. Das war keine CD. Das war im Radio.«

Also schickte er mich los, ihm das Album zu besorgen. Ich ging zu Best Buy, kaufte die CD, und die nächsten paar Tage über musste ich ihm den Song immer und immer wieder vorspielen, den ganzen Tag. Bobby Browns »My Prerogative«. Es war der einzige Song, den Mr. Jackson mich außer klassischer Musik je zu spielen bat. Er sagte, dass er ihn einspielen wolle, im Rahmen seines Comebacks. Er spielte ihn immer und immer wieder und sang mit, bis er ihn auswendig konnte.

Everybody talkin’ all this stuff about me

Why don’t they just let me live?

I don‘t need permission

Make my own decision

That’s my prerogative.

Er saß hinten im Wagen und sang den Text, und das meiner Ansicht nach mit Überzeugung: Es ist mein gutes Recht. Ich mach verdammt noch mal, was mir passt.

Ich habe den Song heute noch auf meinem iPhone. Hin und wieder höre ich ihn mir an. Aber ich höre ihn nicht so, wie Bobby Brown ihn singt. Ich höre ihn so, wie Mr. Jackson ihn sang. Just leave me alone. I made this money, you didn’t. Aber er wusste nicht, wie er das anstellen sollte.

Im Januar, nachdem wir den größten Teil seiner Sachen nach L.A. geschafft hatten, war in Vegas praktisch nichts mehr los. Wir bekamen vielleicht einmal die Woche oder so einen Anruf von Peter Lopez oder Michael Amir: Wir sollten dies oder jenes für Mr. Jackson erledigen, aber das war es denn auch so ziemlich. Javon und ich suchten uns hier und da Kundschaft, um die Lücken zu füllen. Ich sah mich in einer schwierigen Position. Teils hatte ich das Gefühl, in L.A. sein zu sollen, um auf ihn aufzupassen. Ich war vom Laufburschen, der auf das Tor zur Straße aufpasste, zum Vertrauten aufgerückt, über den Dokumente und sensible Informationen gegangen waren, und er vertraute darauf, dass ich damit nicht zu den Boulevardblättern ging. Ich hatte das Gefühl, sein Vertrauen zu haben, und ein solches Vertrauen zu genießen tat gut. So wenig Vertrauen, wie er in seine Mitmenschen hatte, war es mir eine Freude, ihm das Gefühl zu geben, auf jemanden zählen zu können. Das fehlte mir jetzt irgendwie. Ich kannte einige seiner Security-Leute in L.A. Ich hätte sie ansprechen können, hätte mit Peter Lopez reden können, ob ich nicht nach L.A. kommen könne. Ich hab’s nicht getan.

Um die Wahrheit zu sagen, ich entschied mich bewusst dafür, auf Abstand zu gehen. Ich war stolz darauf gewesen, für Michael Jackson zu arbeiten – für Mr. Jackson. Aber das war in Virginia gewesen. Die Zeiten hatten sich geändert. Er war nicht mehr Mr. Jackson. Er war jetzt rund um die Uhr der King of Pop. Ich kannte den Mann nicht. Ich kannte diese Ära nicht. Es war eine Welt, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Man sah, was passierte. Man sah all die Leute, die sich mit allen möglichen Absichten an ihn heranmachten, einer wie der andere mit offener Hand. Man sah, wie er im Umgang mit ihnen zum Charakter wurde, wie er in eine Rolle zu schlüpfen begann. Ich mochte diese Leute nicht, ich traute ihnen nicht über den Weg, und ich wollte nicht mit ihnen arbeiten.

Wir hörten immer wieder, dass es sich nur um eine vorübergehende Flaute handele, was uns anbelangte, und dass es bald wieder richtig Arbeit geben werde. Es sollte in London zu tun geben; man stellte uns eine Reise nach Übersee in Aussicht. Ich glaubte damals kein Wort. Das war etwas, das man in Mr. Jacksons Welt ziemlich schnell lernte: Man glaubte etwas erst dann, wenn man es mit eigenen Augen sah. Ich gab nichts darauf, was ich aus seinem Lager hörte, und ich gab schon gar nichts auf das, was in den Nachrichten zu hören war. Was Michael Jackson anging, so wussten die Medien kaum, was da wirklich passierte; sie setzten nur Gerüchte und Klatsch in Umlauf. So kam es, dass ich erst gar nicht darauf achtete, als all die Berichte über eine Comeback-Tournee durchsickerten, dass da was ganz Großes am Horizont stand. Meiner Erfahrung nach war so gut wie alles, was die Medien über ihn berichteten, falsch.

So war ich sogar bei ihm, als ich das erste Mal von seinem Tod hörte. Ich meine, das erste Mal, dass ich hörte, er sei gestorben. Wir waren in Virginia im Wagen unterwegs. Wir waren eben aus einem Walmart gekommen und auf dem Weg zurück zu Chuck E. Cheese, um die Kinder abzuholen. Mr. Jackson saß hinter mir im Fond, als ein Moderator die Sendung unterbrach: »Augenblick, wir haben hier eine Durchsage … Augenblick, Leute, gleich sind wir so weit … Ja, wir bekommen eben die Nachricht herein, dass Michael Jackson, der King of Pop, verschieden ist.«

Ich drehte mich zu ihm um und sagte: »Mr. Jackson, haben Sie das gehört?«

»Nein, was?«

»Im Radio. Es hieß da eben, Sie seien gestorben.«

Er lachte nur. Dann sagte er: »Ja, das passiert mir ständig.«