Acht

Als Roz den Speisewagen betrat, war schon ordentlich was los. Der Club Car war überheizt, es roch nach Kaffee, Whisky und einer nicht unangenehmen Mischung aus Kartoffelbrei, schottischen Kartoffelchips und Käse. Auf der einen Seite des Wagens befanden sich vier blau- und orangefarben gepolsterte Sitzgruppen, auf der anderen Seite reihten sich sieben dreieckige Tischchen aneinander wie eine umgekippte Toblerone-Schokolade.

In jede Sitznische passten vier Personen, wenn man sich ganz schmal machte, sechs. Der beigefarbene Tartanstoff an der Kopflehne erinnerte Roz aufs Neue daran, dass sie auf dem Weg in die Heimat war. Drei der Sitznischen waren schon besetzt: Das Quizteam aus der Uni in der ersten (die Quizletts würde Roz sie nennen, beschloss sie, wie sie da mit ihren Unterlagen und Karteikarten die Köpfe zusammensteckten), die Familie, die Roz in der Lounge kennengelernt hatte, in der nächsten, daneben teilte sich ein Pärchen einen Clootie Dumpling, eine süße schottische Spezialität. Über den Tisch hinweg fütterten sie einander mit Stückchen des Früchtekuchens. Oh to be in love …

Neid überkam Roz, und sie sah sich so unauffällig wie möglich nach dem leicht schäbig gutaussehenden Mann um, er war jedoch nicht im Wagen. Es überraschte sie, wie stark ihre Enttäuschung war. Ayana blickte auf, als Roz vorbeiging. Sie lächelte, senkte aber schnell wieder den Kopf, damit Beck nichts davon mitbekam.

Roz ging durch bis zum Tresen am Ende des Speisewagens und bestellte bei einem Kellner namens Oli, einem jungen Mann mit sympathischem schiefzahnigen Lächeln, etwas zu essen und einen Scotch. Sie nahm ihren Whisky mit an einen der wenigen noch freien Dreieckstische und setzte sich auf den gepolsterten Drehhocker. Von dort konnte sie aus dem Fenster auf das schattenverhangene London blicken und zugleich das ganze Abteil als Spiegelung in der Scheibe im Auge behalten. Sie nippte am Whisky. Er schmeckte nach Schokolade, Torf und Highland-Toffee. Die rauchige Note kitzelte ihren Gaumen und ließ sie an eine Dampflok denken.

Roz atmete aus. Alles würde gut gehen, versuchte sie, sich zu beruhigen. In wenigen Stunden war sie bei ihrer Tochter und konnte alle Versäumnisse der Vergangenheit wiedergutmachen. Dafür hatte sie dann ja unendlich viel Zeit. Am Tisch neben ihr saß ein Herr im grünkarierten Anzug und las in einem Buch mit Weihnachtsgedichten, die langen, dünnen Beine zusammengefaltet wie ein Grashüpfer. Er sah aus wie jemand, der mit Begeisterung Dickens zitierte, es aber auch gern mal richtig krachen ließ. Nicht, als ob im Club Car schon eine Party im Gange gewesen wäre – noch nicht. Es war wie mit Eiswürfeln in mittelmäßigem Whisky: Das Abendessen und die kindliche Begeisterung darüber, im Schlafwagen zu fahren, verdünnten die Gefühlslage ein wenig. Aber irgendwann waren die Eiswürfel geschmolzen, und auch ein verwässerter Whisky hatte auf ex seinen Effekt und stieg einem früher oder später in den Kopf. Vermutlich würde es keine neunzig Minuten mehr dauern, bis es hier im Club Car so wüst wie in der schottischen Silvesternacht Hogmanay zugehen würde. Ob das gut gehen konnte?

Früher hätte Roz nichts gegen ein bisschen Partystimmung gehabt. Sie hatte ausdauernd abgefeiert, bis ihre Mutter sich verzweifelt die Haare raufte. Als Jugendliche und junge Studentin war sie mit leidenschaftlicher Begeisterung durch die Clubs und Pubs gezogen und ständig mit irgendwelchen Jungs oder Mädchen oder Jungs und Mädchen im Bett gelandet. An Namen oder Gesichter konnte sie sich nicht mehr erinnern – die waren in unzugänglichen Winkeln ihres Gedächtnisses verschwunden –, aber an die ausgelassene, wie elektrisch aufgeladene Stimmung in den Straßen, wenn die halbe Stadt unterwegs war, erinnerte sie sich noch haargenau. Bis es dann seit dem Überfall endgültig für sie vorbei war mit den Partynächten.

Nach Jahrzehnten bei der Polizei wusste Roz leider nur zu gut, dass ausgelassene Abende wie dieser unweigerlich zu Blutvergießen führten. Sie konnte es jetzt schon spüren, als warteten die Auseinandersetzungen am Ende eines langen Tunnels auf die Anwesenden. Der Club Car war eine Grauzone, in der alles erlaubt war, genau wie bei einer Junggesellinnenfeier oder dem Ausflug mit dem Fußballverein in eine andere Stadt: Es würde auf jeden Fall zu Pfützen mit Erbrochenem und zu Hause vergessenen Benimmregeln kommen. Roz hatte schon an viel zu vielen Feiertagen und Vollmondfreitagen Dienst gehabt, um sich je wieder entspannen zu können, wenn dieses Gefühl in der Luft lag.

Doch momentan hatte sie noch ihre Ruhe. Und, noch wichtiger, Käse. Oli hatte das Käsebrett gerade vor sie hin gestellt. Helle Quader Orkney- und Arran-Cheddar standen wie Megalithen auf einer Schieferplatte. Der Brie von den Hebriden sah erfreulich reif aus, und im Mull-of-Kintyre-Blauschimmelkäse gab es so viele blaue Adern wie an Roz’ bleichen Oberschenkeln. Käse war immer gut, nicht nur an Weihnachten, aber eine elegante Käseplatte war eine besonders festliche Angelegenheit. Vielleicht wegen der weihnachtlichen Gewürze im Chutney oder der fröhlichen Szene, wenn sich alle mit den Messern darauf stürzten – ein gemeinsames, rituelles Säbeln am Käserad des Jahres. Aber diese Käseplatte würde sie ganz allein verspeisen. Sie schnitt sich ein Scheibchen Cheddar ab, legte es auf einen Haferkeks und krönte das Ganze mit einem Löffelchen Apfelchutney. Ihr Magen knurrte vor lauter Vorfreude.

»Stört es Sie, wenn ich mich neben Sie setze?« Die Frau im roten Parka stand vor Roz und zeigte auf einen freien Hocker.

»Natürlich nicht«, erwiderte Roz. »Setzen Sie sich.«

Die Frau stellte ihr Getränk auf das Tischchen und nahm Platz, ohne den Mantel auszuziehen. »Tut mir leid wegen vorhin«, sagte sie. Sie war vermutlich Anfang dreißig und hatte salz- und karamellfarbene Strähnchen in den Haaren. »Das war ganz schön peinlich.«

»Da sollten Sie mich mal am Frühstücksbüffet sehen. Ich mache mir genug Brötchen für die nächsten drei Tage zurecht.«

»Ich heiße Ember.« Sie gab Roz die Hand. Ihr Händedruck fühlte sich schlaff an.

»Roz.« Ihr Magen knurrte wieder.

»Essen Sie ruhig«, sagte Ember. »Lassen Sie sich nicht stören.«

Roz steckte sich ein Häppchen in den Mund. Der Käse hatte genau die richtige Reife, und die Haferplätzchen erinnerten sie an die, die ihre Mum immer gebacken hatte. Wahrscheinlich hatte sie das Rezept sogar dabei, in ihrem Koffer. Roz’ Mutter Liz war im September gestorben und hatte Roz eine Menge Schuldgefühle, ein Haus in Fort William und ein selbstgeschriebenes Kochbuch hinterlassen.

Im Kochbuch befanden sich Rezepte, die Liz selbst erfunden, und andere, die sie aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte, dazu alles, was sie zu Essen, Liebe und Leben zu sagen hatte. Es war ihr Tagebuch, ihr Memoir, ihre Hexenbibel. Liz hatte das Buch nie hergegeben und ihrer Tochter nur bei ganz besonderen Gelegenheiten mal eine fotokopierte Seite daraus zukommen lassen. Die Rezepte für Taiblet und Shortbread waren zwei der wenigen, die sie mit ihrer Tochter geteilt hatte. Sie hatten Roz, genau wie die Prise Weisheit, mit denen sie gewürzt waren, immer viel bedeutet. Liz’ Kommentare bezogen sich manchmal auf Zutaten (Verwende unbedingt frisch geriebene Muskatnuss, auf keinen Fall die aus der Tüte. Die Muskatnuss darf auch nicht zu alt sein – wenn sie verschrumpelt aussieht wie ein Hodensack, schmeiß sie weg), manchmal auf Kochutensilien (Einen Kuchenschaber sollte man immer zur Hand haben. Den braucht man nicht nur beim Backen, sondern kann damit auch Fliegen klatschen und lästige Männer abwehren), gelegentlich aufs Gärtnern (Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Schädlinge abhält, wenn man Basilikum zwischen die Tomatensträucher pflanzt). Meistens enthielten ihre Notizen aber Tipps für den Alltag (Lerne früh, wie man sich entschuldigt, und bitte gern und oft um Entschuldigung, aber nur, wenn du etwas falsch gemacht hast, und nur, wenn du es ernst meinst. Und wo ich das Thema schon anspreche, Rosalind, möchte ich dir sagen, dass es mir leidtut, wenn ich dir gegenüber je gleichgültig oder nicht liebevoll genug gewirkt haben sollte. Ich entschuldige mich jetzt schon für allen Ärger, den ich dir später mal machen werde, wenn ich noch älter und kränker bin als gerade).

Roz wusste, in diesem Buch, das nach Verlesung des Testaments zu ihr nach London geschickt worden war, würde sie alles finden, was ihre Mutter kurz vor ihrem Tod beschäftigt hatte. Deswegen hatte Roz es auch noch nicht gelesen.

Aber sie würde es lesen müssen. Bald. Sicher ließen sich darin viele gute Rezepte für Weihnachten finden. Wenn Roz nicht wusste, wie sie ihre Liebe ausdrücken sollte, kochte sie. Und wenn sie nicht wusste, wie sie sich fühlen sollte, dann aß sie.

Ember zog ein Taschenbuch aus der Handtasche – Mord im Orientexpress. Es war viele Jahre her, seit Roz das gelesen hatte. Als Teenager hatte sie Agatha Christie verschlungen, aber als sie Polizistin geworden war, hatte sie auch so genug Mordfälle in ihrem Leben gehabt. Ember bemerkte ihren Blick. »Seit ich das zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mir gewünscht, mit dem Schlafwagen zu fahren.«

Roz musste lachen. »Das ist, als würde man Wenn die Gondeln Trauer tragen gucken und sich dann eine Flitterwochen-Suite in Venedig am Kanal buchen.«

»Was meinen Sie, warum ich den roten Mantel trage?« Doch Embers Lächeln wirkte von Trauer überschattet.

Roz dachte daran, wie sie Ember in der Bahnhofshalle hatte weinen sehen. »Ist alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte sie, ohne lange nachzudenken. »Vorhin in der Halle sahen Sie nicht gerade glücklich aus.«

»Ich war ein bisschen verzweifelt, weil ich dachte, der Zug fällt aus und ich komme nicht zum Weihnachtsfest nach Hause.«

»Sonst nichts?«, fragte Roz.

Ember begegnete ihrem in der Scheibe reflektierten Blick und sah dann weg. »Ich habe auch ein bisschen Pech in der Liebe gehabt. Alles halb so schlimm.«

»Damit meinen Sie: Eigentlich ist es schon schlimm, aber Sie wollen nicht darüber reden?«

Ember lachte. »Ja.«

»Verzeihen Sie. Ich muss mich ständig ermahnen, meine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken. Schreckliche Polizistinnenkrankheit. Wo waren wir, bevor meine schlechten Manieren mit mir durchgegangen sind? Ach, genau, der Zug! Ja, ich träume auch seit Jahren davon, mit dem Schlafwagen in die Heimat zu fahren. Morgen früh wachen wir auf und sehen die Wintersonne auf den Lochs glitzern.«

Ember hob das Glas. »Auf geruhsamen Schlaf im Schlafwagen.« Sie stießen an.

In der Scheibe reflektiert, sah Roz, wie Meg und Grant den Club Car betraten. Meg rutschte in die letzte freie Sitzbank, und er stakste zum Tresen, wo er ein dickes Bündel Geldscheine aus der Brieftasche zog. »Meine Freundin hat Hunger. Haben Sie was ohne Brot, Kartoffeln oder Tomaten? Sie hat ›Unverträglichkeiten‹.« Das letzte Wort umrahmte er mit Gänsefüßchen in der Luft. »Und ’ne Pulle Sekt«, fügte er mit überlauter Stimme hinzu.

Oli zeigte ihm drei verschiedene Marken, Grant blickte kurz hinüber zu Meg und wählte dann den teuersten aus.

Roz verdrehte die Augen. Ember lachte – ein bisschen zu laut, dem Blick nach zu urteilen, den Grant ihr zuwarf. Sie blickte zu Boden.

»Kümmern Sie sich nicht um den«, sagte Roz, ebenfalls laut genug, dass Grant es mitbekam. »Der ungehobelte Kerl kann uns gestohlen bleiben.«

Grants Mund klappte auf und schloss sich dann wieder. Er funkelte sie an und ging dann zurück zu seinem Tisch, in der einen Hand die Sektflasche, in der anderen die hohen Gläser, die an einen funkelnden Schlagring erinnerten.

Ember starrte Roz ungläubig an. »Wie machen Sie das nur?«

»Was denn?«

»Ihre Meinung sagen. Andere Menschen verteidigen.«

»Ich versuch, es bleiben zu lassen. Ich krieg ständig Ärger deswegen.«

»Aber davon lassen Sie sich nicht abhalten?«

»Ich wünschte, es wäre so. Aber die Worte sind schon draußen, bevor ich die Klappe halten kann. Deswegen bin ich auch nie weiter aufgestiegen als bis zur Kommissarin.«

»Was zu sagen, funktioniert also auch nicht.« Ember nickte langsam.

»Wenigstens hat man das Gefühl, etwas zu tun.«

»Ich habe nie genug getan.«

»Dann probieren Sie’s doch mal aus. Aber vergessen Sie nicht: Es macht garantiert Ärger.«

Ember nickte, und ihr Gespräch schlief ein.

Roz sah aus dem Fenster. Durch die Bewegung des Zugs verschwammen die Lichter draußen in den Gebäuden miteinander, als sei ganz London mit einer einzigen, langen Lichterkette geschmückt.

Roz blinzelte und richtete den Blick auf die Spiegelung von Grant und Meg in der Scheibe. Grant sah mit hochgezogener Oberlippe in ihre Richtung. Meg streichelte seinen Arm, zeigte auf die Flasche und drückte die Hände zum Dank vor der Brust zusammen.

Phil arbeitete sich vorsichtig mit den schlafenden Kindern auf dem Arm aus der Sitzbank. Das Baby Buddy hing ihm im Tragesitz vor dem Bauch, und Robert lag über seinem Arm wie ein rundlicher Mantel. »Lass dir ruhig Zeit«, sagte er zu Sally.

Sally hielt ihr Glas hoch, das von der Tischlampe hinter ihr bernsteingelb erleuchtet wurde. »Genau das werde ich tun.«

»Aidan, Liv, ihr geht nicht zu spät ins Bett, okay?«, sagte Phil zu seinen großen Kindern.

Liv verschränkte die Arme. »Dad, ich werde in drei Tagen einundzwanzig.«

»Besser, du ruhst dich ein bisschen aus, bevor wir es mit Granny zu tun kriegen.«

»Was soll das denn heißen?« Sallys Stimme klang scharf.

»Nichts.« Phil hielt die freie Hand beschwichtigend hoch.

»Dad meint damit, Granny ist ein ziemlicher Drachen«, antwortete Liv für ihn und verschränkte die Arme. »Und er will nicht, dass sie wegen uns schlechte Laune kriegt. Gut, dass du das nicht von ihr geerbt hast, was, Mum?« Ihr Sarkasmus war mittlerweile schneidend wie ein Käsemesser.

»Ist ja auch egal«, sagte Phil. »Die zwei hier müssen auf jeden Fall ins Bett, und ich lege mich auch ein bisschen hin. Dann kann ich mindestens zwei Stunden schlafen, bevor das nächste Fläschchen dran ist.« Er bewegte sich seitwärts wie eine Krabbe durch den Gang, mit dem Rücken zu den Sitzgruppen, als wolle er dort jemandem aus dem Weg gehen.

»Mr Bridges?«, rief Meg, als er an ihrem Tisch vorbeikam. Die Begeisterung war ihrer Stimme anzuhören. »Phil?«

Phil erstarrte. Der Säugling verlagerte den Kopf an Phils Brust, als hätte er gehört, wie sich der Herzschlag seines Dads beschleunigte. Der Geräuschpegel im Speisewagen wurde merklich leiser, weil alle mithören wollten.

Meg bemühte sich, so schnell wie möglich aus ihrer Sitzbank zu kommen. Grant hinter ihr verschränkte die Arme und malmte mit dem Kiefer.

Phil drehte sich um und stand jetzt mit dem Rücken zu Roz. Die Schultern hatte er bis an die Ohren hochgezogen.

»Wir haben uns ja ewig nicht gesehen«, sagte Meg. Sie stand direkt vor ihm. Roz konnte ein Stück ihres anmutigen Gesichts sehen. Meg blickte mit einem eindringlichen Blick hoch zu Phil, den man auf den Paparazzifotos nie an ihr sah.

»Wahrscheinlich seit sieben Jahren nicht mehr«, antwortete Phil. »So lange wohnen wir schon in London.«

»Sind Sie noch Lehrer?«

Phil zögerte einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf. »Ich war bis vor Kurzem an der Uni, aber wir haben beschlossen, dass es besser ist, wenn ich zu Hause bleibe, bis die Kleinen in der Schule und im Kindergarten sind. Mit denen habe ich alle Hände voll zu tun.«

»Das glaube ich sofort«, erwiderte Meg. »Die beiden sind so süß!«

»Sie sehen ihrer Mutter ähnlich«, sagte Phil und nickte in Sallys Richtung. »Sie erinnern sich doch an Sally?« Roz hörte einen leisen, warnenden Unterton in seiner Stimme.

»Natürlich.« Meg lächelte, drehte sich aber nicht zu Sally in der Sitzecke, um sie zu begrüßen.

Sally lächelte nicht. Ihr Blick war auf Phils Gesicht geheftet.

»Und ich weiß natürlich, wie gut es Ihnen ergangen ist«, sagte Phil. »Man kann ja kaum in die Zeitung oder aufs Handy schauen, ohne dass man Sie da sieht.« Er lachte etwas zu lang.

»Freuen Sie sich darauf, über Weihnachten wieder zu Hause in Fort William zu sein?«, fragte Meg.

»Natürlich. Um diese Jahreszeit ist es immer besonders schön dort.«

Sie redeten die belanglosen Dinge, die man in solchen Situationen zueinander sagt, und versteckten das, was sie mittlerweile trennte, unter einer dicken Schneeschicht. Aber Roz spürte das Glatteis darunter.

Sie starrten einander an. Die Atmosphäre im Club Car war angespannt, die anderen versuchten herauszufinden, was sich da gerade abspielte.

Der auf dem Arm seines Vaters liegende Robert bewegte sich und ließ seine Gummigiraffe zu Boden fallen. »Dann will ich mal los, bevor Junior ungehalten wird«, sagte Phil.

Meg bückte sich, hob die Giraffe auf und steckte sie neben Robert unter Phils Arm. Grant kam aus der Sitzecke gerutscht, stellte sich hinter Meg und legte ihr beide Hände auf die Schultern. Seine langen Finger krümmten sich wie Spinnenbeine um Megs zarte Knochen.

»Ist das der Lehrer, von dem du mir erzählt hast?«, fragte Grant.

Phil erstarrte.

»Den habe ich mir aber anders vorgestellt.«

»Sei still, Grant«, sagte Meg.

Aber Grant war nicht still. Mundhalten fiel Männern wie ihm viel zu schwer.

»Du hast mir doch gesagt, er hätte schreckliche Pickel gehabt. Eine Haut wie Blindenschrift. Haarige, warzige Blindenschrift, hast du gesagt, glaube ich«, feixte Grant.

»Das habe ich nie gesagt, glauben Sie mir.« Meg blinzelte Phil entschuldigend mit großen Augen an. »Ich habe nur gesagt, Ihre Haut sei irgendwie …« Sie beendete den Satz nicht. Phil fasste sich mit der freien Hand schnell an die Wange.

Grant bohrte Meg sein Kinn von oben in den Kopf und wickelte die Arme um sie. Dabei starrte er Phil die ganze Zeit aggressiv ins Gesicht. Roz spürte, wie sich die Luft im Speisewagen immer stärker mit Testosteron anreicherte. Mit wie vielen Grants hatte sie schon in ihrem Leben zu tun gehabt. Bei Männern wie ihm waren nur wenige Tropfen notwendig, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Wenn er dann handgreiflich wurde, war nicht er derjenige, der im Krankenhaus landete.

Grant schob Meg wie einen Klotz zur Seite und baute sich nur wenige Zentimeter vor Phil auf.

Roz merkte, dass Ember sie ansah; vermutlich fragte sie sich, ob sie etwas unternehmen würde. Aber Roz blieb sitzen. Wenn sie jetzt eingriff, würde es noch eher zur Eskalation kommen. Da hörte sie ganz auf ihr Bauchgefühl. Mit ihrem Bauch war sie auf Du und Du. Als Teenager hatte sie ihren Bauch gehasst. Sie hatte sich immer vor dem Spiegel in die winzigen Hautröllchen gekniffen, als Beweis, wie fett sie war. Mittlerweile, seit Roz Wechseljahresspeck und Orangenhaut vom Nabel bis zur Kaiserschnittnarbe hatte, mochte sie ihren Bauch eigentlich richtig gern. In diesem Bauch war ein Mensch herangewachsen. Ein Blinddarm war daraus entfernt worden. Dieser Bauch hatte schon jede Menge Traumata und mitternächtliche Döner verdaut.

Andererseits: Wenn man nichts sagte, fühlten manche Machotypen sich ermutigt, immer weiterzumachen.

»Ist das nicht irgendwie abartig, mit seinem alten Lehrer abzuhängen?«, höhnte Grant. »Pervers.«

»Ich bin nicht alt«, erwiderte Phil. »Ich bin noch nicht mal vierzig.« Es klang nicht sehr überzeugt. Roz wusste, wie es war, wenn man sich vor seiner Zeit alt fühlte.

»Und wie alt war er, als er dein Lehrer war, Bae?«

Roz wusste natürlich, dass »Bae« ein Kosename war, entweder als Abkürzung für »Babe« oder als Akronym für »Before Anyone Else«, mein wichtigster Mensch. So hatte Roz schon sehr lange niemand mehr genannt. Aber aus Grants Mund klang »Bae« wie eine Beleidigung: Bäh, du dummes Schaf. Bäh bäh.

»Wolltest du nicht gerade gehen, Phil?« Sallys Stimme war grimmig, als wolle sie Phil aus seiner Erstarrung reißen.

»Ja, natürlich.« Langsam bewegte er sich auf die Tür zu.

Meg sah ihm hinterher. Das Licht der Lampen spiegelte sich in ihren großen, schwarzen Pupillen. Ihre Miene war unergründlich. Wäre ihr Gesichtsausdruck ein Zug, wäre er irgendwo auf halber Strecke zwischen Angst und Bedauern stehen geblieben.

Als sich die Tür hinter Phil geschlossen hatte, gingen Meg und Grant zurück zu ihrem Tisch. Meg hielt den Kopf gesenkt wie eine reuige Sünderin. Am Ende würde sie für die Szene büßen müssen; Grant würde es ihr heimzahlen, mit Schweigen oder Schlimmerem.

Sally schlug mit beiden Händen auf den Tisch. »Partytime, Leute! Heute wird mal richtig auf die Kacke gehauen.«

Liv hielt sich die Augen zu. »Mum!«

Roz lächelte. Das würde Heather auch bald lernen müssen, wie es sich anfühlte, eine peinliche Mama zu sein. Es war unvermeidlich. Das trat ein, schon lange bevor aus den Kindern klischeemäßig sich fremdschämende Teenies wurden. Heather war fünf gewesen, als sie zur damals sechsundzwanzigjährigen Roz sagte: »Hör auf, Mummy, davon wird mein Gesicht ganz heiß.« Roz hatte beim Sportfest des Kindergartens Späßchen gemacht.

Sally hielt ihr leeres Glas hoch. »Mach dir nichts draus, Liv. Du bist jetzt alt genug, um zu kapieren, dass deine Eltern auch nur Menschen sind.«

»Ich hole dir was zu trinken«, sagte Aidan, griff nach dem Weinglas seiner Mutter und bewegte sich seitlich aus der Sitzbank. Er schien sich über jeden Vorwand zu freuen, von den beiden wegzukommen. »Ich trinke auch nichts ab, keine Bange.«

Roz’ Handy vibrierte – Anruf von Heather. Der Lärm im Speisewagen trat in den Hintergrund, als sei er hinter einem Wandschirm verschwunden. Nichts von dem, was hier geschah, spielte im Vergleich zum eingehenden Anruf eine Rolle.

Roz sprang auf, nahm ab und eilte zum Telefonieren in Richtung Tür. »Ist alles in Ordnung, mein Schatz?«

»Ich bin’s wieder«, antwortete Ellie am anderen Ende. »Und nein, es ist nicht alles in Ordnung.«