Dreizehn

Dreiundzwanzig Uhr war lange vorbei, aber es kam Roz nicht spät vor. Draußen in den Häusern gingen die Lichter aus, eins nach dem anderen, aber im Zug leuchteten sie noch hell. Roz hatte keine Ahnung, wo in England sie sich gerade befanden. Es war ein Gefühl, als seien sie nicht mehr in Raum und Zeit verankert, sondern existierten nur noch in diesem Wagen.

Als alle ihre Teams und Plätze gefunden hatten, stand Beck auf, räusperte sich und stemmte die Hände in die Hüften, als sei sie die Erzählerin in einer Weihnachtsmärchenaufführung. »Jedes Team braucht einen Namen. Ich habe unseres ›Cracker Team‹ getauft.« Sie wartete mit einem angedeuteten Lächeln auf dem Gesicht. Als niemand reagierte, führte sie aus: »So wie in ›Crack Team‹, aber mit einem Weihnachtscracker.« Beck wartete wieder. »Ein Dream Team. Kapiert?« Immer noch keine Reaktion.

»Ich glaube, alle haben’s geschnallt, Beck«, sagte Blake.

»Bitte, dann versucht ihr euer Glück. Ihr habt zwei Minuten, um euch einen Namen auszusuchen.« Sie sah auf die Uhr.

Roz nahm einen guten Schluck Whisky, während um sie herum die Namensvorschläge über den Tisch flogen.

»Die vier Weisen aus dem Morgenland!«

»Merry Quizmas!«

»Die Weihnachtsbesserwisser!«

»Agatha Quizteam!«

Natürlich liebte sie Wortspielereien, aber sie war mit den Gedanken woanders. Sie hatte Ellie eine Nachricht geschickt, sie solle sich bitte melden, sobald sie im Krankenhaus angekommen waren, aber bisher keine Antwort erhalten.

»Bitte alle Handys ausstellen und wegstecken«, sagte Beck in ihre Richtung. »Solange ich Quizmasterin bin, schummelt hier keiner.«

Roz riss den Kopf herum zu Beck. Sie merkte, wie ihr die Tränen in den Augen brannten. »Ich brauche mein Handy unbedingt. Ich mogel auch nicht, versprochen.«

»Und wenn es was Dringendes ist?«, hakte Craig ebenfalls nach.

Beck blinzelte, nickte aber. »Für Notfälle gibt es natürlich Ausnahmen.« Ihre stolze Selbstsicherheit fiel einen Augenblick in sich zusammen, war aber gleich wieder da. »Und los geht’s mit unserer Weihnachtsrunde!«, tönte sie durch den Club Car. »Da Blake sich so viel Mühe gegeben hat.«

»Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich mir andere Fragen ausgedacht«, sagte Blake aus der Nachbarnische. »Die waren eigentlich für uns bestimmt.«

»Willst du damit sagen, dass wir zu blöd sind?« Grant saß zwischen Blake und Liv, Phils Tochter. Er reckte das Kinn hoch. Craig verdrehte die Augen.

Blake riss die Augen auf und rückte ein Stück von Grant ab. »Auf gar keinen Fall. Ich meine nur, dass es vielleicht nicht ganz so viel Spaß machen wird. Ich hätte mir einfachere Fragen ausdenken können.«

»Ich glaube, euch allen ist nicht klar, um wie viel es hier geht.« Becks Stimme klang beschwörend. »Wer im Team landet, kommt ins Fernsehen, das verstehen ja wohl alle, oder nicht? Und wenn wir gewinnen, können wir bei anderen Sendungen mitmachen. Dann sind wir reich. Aber dafür müssen wir schon ordentlich trainieren!«

»Wie wär’s, wenn Blake erst mal die Fragen vorliest, die er hat, und dann kann er sich immer noch ein paar für uns Laienspieler ausdenken?«, schlug Roz vor.

Becks Augenbrauen hoben sich, aber sie nickte. »Gut.«

Blake stand auf, nahm eine aufrechte Haltung ein und rückte eine unsichtbare Fliege zurecht. »Erste Frage.«

Sam beugte sich vor, die Nasenspitze nur noch fünfzehn Zentimeter über der Tischplatte, den Stift im Anschlag über einem Blatt Papier.

»Wer«, las Blake vor, »schrieb im Jahr 1909 die Melodie des Liedes ›The Twelve Days of Christmas‹?«

Beck stieß einen demonstrativen Seufzer aus, um kundzutun, wie grauenhaft einfach sie die Frage fand, und wollte gerade etwas sagen, als Mary laut und deutlich verkündete: »Frederic Austin.« Sie rollte die Rs herrlich schottisch.

»Mum!«, schalt Tony. »Das darfst du doch nicht dem ganzen Wagen verraten.«

»Flüstern Sie das nächste Mal«, zischte Beck sie an. »Oder schreiben Sie’s auf.«

»Tut mir leid«, sagte Mary. Das Glitzern in ihren Augen zeigte, dass es ihr kein bisschen leidtat. »Ich hatte nicht gedacht, dass es eine Rolle spielt. Ich bin dran gewöhnt, dass mir sowieso keiner zuhört.« Mary schien die Kunst unterschwelliger Vorwürfe perfekt zu beherrschen.

»Wenn ab jetzt innerhalb der Teams geflüstert werden könnte, bitte«, sagte Blake. »Dann haben alle Teams eine Chance.«

»Woher wissen Sie das bloß?«, rief Ember bewundernd zu Mary hinüber.

»Ich bin neunundachtzig. Ich habe schon eine ganze Menge erlebt. Ich habe Thriller gelesen, die im Vergleich zu meinem eigenen Leben todlangweilig waren.«

Roz und Ember prusteten laut los. Tony hielt sich die Augen zu und tat beschämt, lächelte aber. Sogar Becks Lippen zuckten ein wenig.

»Zweite Frage«, fuhr Blake fort. »Welches Weihnachtslied spielten zwei Astronauten in einer Übertragung aus dem Weltall im Jahr 1965? Einen Extrapunkt gibt es für die Namen der Astronauten. Einen Extraextrapunkt kriegt ihr, wenn ihr mir verratet, wer welches Instrument spielte.«

Liv saß mit verschränkten Armen an der äußersten Kante der Sitzbank und schielte in Richtung Bar. So hatte sie sich wahrscheinlich nicht den Auftakt zum Heiligabend vorgestellt. Roz verstand das junge Mädchen.

Sam erhob sich, um über die Sitzlehne hinweg Blake ansehen zu können. »Das sind wirklich tolle Fragen.« Die beiden warfen sich einen Blick zu, mit dem man jeden Früchtekuchen hätte flambieren können.

»Und woher sollen wir das bitte schön wissen?«, trompetete Sally aus der Sitznische an der Tür.

Ayana beugte sich zu ihr vor und flüsterte ihr etwas – vermutlich die Antworten – ins Ohr.

»Vergiss es«, sagte Sally. Sie trank das halbe Glas Wein in einem Zug aus. Beck grinste selbstgefällig beim Schreiben.

»Frage Nummer drei«, rief Blake. »Welches an Weihnachten gern gegessene Gemüse trägt den lateinischen Namen Brassica oleracea var. gemmifera? Einen Extrapunkt gibt es für den ursprünglichen Namen der Spezialität.«

»Viel zu einfach.« Beck schrieb schon wieder etwas auf.

Roz warf einen Blick auf das, was Sam aufgeschrieben hatte. »Da fehlt noch ein ›er‹ am Ende«, flüsterte sie.

Sam blickte verwirrt auf.

»Der Rosenkohl stammt angeblich aus Brüssel.« Roz sprach so leise, dass Craig den Kopf direkt neben ihren halten musste, um sie zu verstehen. »Er wurde ursprünglich ›Brüsseler Kohl‹ genannt, da man dachte, dass er in Brüssel angebaut wird. In Belgien selbst heißt er spruitjes oder choux de Bruxelles, je nach Region und Kellnerin.«

»Danke«, flüsterte Sam und fügte ein ordentliches »er« an »Brüssel«.

»Sie wissen aber eine ganze Menge über Kohl, muss ich sagen«, flüsterte Craig Roz zu. Seine Augen hatten die Farbe von Whisky und Ginger Ale. »Und was Sie über Belgien aus dem Ärmel schütteln, ist beeindruckend.«

»Ich mag Fakten. Gesichter kann ich mir nicht so gut merken, aber Tatsachen bleiben bei mir hängen. Gesichter verändern sich ja auch. Und was Schöneres als einen Tagesausflug nach Brügge kann man sich doch wohl kaum vorstellen.«

»In Belgien gibt es die beste Mayonnaise, die beste Schokolade und die besten Pommes.« Wie Craig das sagte, klang es wie eine Einladung, dachte Roz. Sie stellte sich vor, sie würde mit ihm zusammen im Eurostar sitzen, die besten moules frites essen und ihm Pralinen in den Mund stecken. Großer Gott, sie musste sich wirklich ein bisschen zusammenreißen.

»Und Detektive«, erwiderte Roz. »In Belgien gibt es ausgezeichnete detektivische Spürnasen.«

»Ach, da kenne ich in Großbritannien aber auch ein paar gute«, antwortete Craig. Dabei lächelte er sie an, als meine er sie. »Ihre Eltern müssen stolz auf Sie sein.«

»Kann man nicht direkt sagen. Mein Vater ist schon vor meinem zehnten Geburtstag gestorben, und Mum wollte immer, dass ich mich selbstständig mache, genau wie sie. Sie war der Meinung, es sei am besten, sich auf sich selbst zu verlassen. Aber ich wusste nicht, als was.«

Ihre Mutter war Floristin gewesen und hatte die Hotels in den Highlands mit Sträußen ausgestattet. Sie war es so gewohnt, mit dornigen Rosen umzugehen wie Roz mit dem stachligen Wesen ihrer Mutter. In ihrem Hausgarten hatte Liz Kräuter angebaut, die sie in die Bouquets einfügte; Heidekraut durfte in keinem ihrer Sträuße fehlen. Auch das war ein Grund, weswegen Roz ihre Tochter »Heather«, Heide, genannt hatte. »Wenn man selbstständig arbeitet, kann man mit seinem Boss schlafen, und niemanden juckt’s«, hatte Liz anzüglich wie immer zum Besten gegeben. »Und vor einer Entlassung aus heiterem Himmel oder sexueller Belästigung braucht man sich auch nicht zu fürchten. Außerdem isst einem keiner die Kekse weg.«

»Vielleicht können Sie ja jetzt Ihre eigene Chefin werden, jetzt, wo Sie pensioniert sind«, sagte Craig und holte Roz zurück in die Gegenwart. »Sie haben ja noch viele, viele Lebensjahre vor sich.«

»Vielleicht. Ich habe noch keine konkreten Pläne, wie es weitergehen soll.«

»Das verstehe ich. Ich denke auch darüber nach, mich pensionieren zu lassen und etwas anderes mit meinem Leben zu machen, noch mal neu anzufangen. Aber die zündende Idee ist das Schwierigste.«

»Und was machen Sie momentan beruflich? Sie sind ja nicht bei der Polizei, oder?«

»Warum fragen Sie?

»Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht haben wir uns bei einem Fall oder etwas Ähnlichem kennengelernt?«

»Möglich wäre das schon – ich arbeite in der Strafverfolgung.«

Roz wurde schrecklich schwer ums Herz. Sie hätte es wissen müssen – Craig war zu gut, um wahr zu sein. Ihre Enttäuschung musste sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet haben, weil er eine beschwichtigende Geste machte. »Ich weiß, ich weiß. Die Staatsanwaltschaft und die Metropolitan Police. Wir sind Todfeinde.«

»So ist es. Daher muss ich Sie also kennen. Wir sind uns sicher mal vor Gericht begegnet.«

»Kann sein, aber –«

»Es tut mir wirklich schrecklich leid«, sagte Sam betreten zu ihnen. »Aber könnten Sie vielleicht ein klein wenig leiser sprechen, wenn Fragen gestellt werden?«

»Entschuldigung«, sagten Craig und Roz wie aus einem Mund.

Blake fuhr fort mit seinem Quiz, von Frage vier – »Wie nennt man den Weihnachtsmann in Japan?« – bis Frage zehn – »Welches ist die dritte der von Elfen verspeisten Lebensmittelgruppen im Film Buddy, der Weihnachtself?«

»So, dann wollen wir eine kurze Pause einlegen«, sagte Beck schließlich. »Und dann bin ich mit meiner Runde dran.«

»Wo wir gerade von der nächsten Runde sprechen«, sagte Roz zu Craig, Ember und Sam, als sie aufstand und sich ein bisschen streckte. In ihrem Rücken knackte es befriedigend. »Kann ich jemandem was zu trinken mitbringen?«

Craig wollte gerade antworten, da vibrierte das Handy in seiner Brusttasche und fing an zu leuchten. »Entschuldigen Sie, da muss ich rangehen.« Er schob sich aus der Sitznische und ging zur Tür. Bevor er nach draußen trat, drehte er sich noch einmal mit einem eindeutig schuldbewussten Gesichtsausdruck zu Roz um. Das sagte ihr alles. Er arbeitete nicht nur als Staatsanwalt – die für die Hunde aus der Polizei wie Katzen waren –, ganz offensichtlich hatte er auch eine Partnerin, die nachfragte, wie sein Tag gelaufen war. Roz seufzte. Sie hatte aber auch wirklich Pech, dass sie sich ausgerechnet zu einem Mann hingezogen fühlte, der nicht frei war.

In Blakes Sitznische nahm Grant maximal viel Platz ein und hatte den Arm lang auf die Rückenlehne der Bank gelegt. Er inhalierte tief an seiner E-Zigarre und paffte den Rauch in die Luft.

»Hey, kannst du mal aufhören damit?«, blökte Beck ihn an, die aufgestanden war und ihn über die Unterteilung zwischen den Sitznischen hinweg böse ansah.

Grant inhalierte wieder und blies ihr Rauchringe als Küsse zu.

»Steward! Sagen Sie ihm, dass er im Zug nicht vapen darf«, brüllte Beck durch den Wagen.

Barkeeper Oli schüttelte missbilligend den Kopf. Er versuchte, mit der Schlange fertigzuwerden, die sich vor ihm am Tresen gebildet hatte, und gleichzeitig mit Meg zu plaudern. »Das geht wirklich nicht, Sir, tut mir leid. Verstößt gegen die Vorschriften.«

Grant lachte. »Es sieht so aus, als würde Little Miss Quiz sich durchsetzen. Aber nicht mehr lange!« Liv neben ihm kicherte, und er lachte lauter. »Ich mach mich vom Acker. Geh mal kurz zurück ins Abteil.« Als er sich aus der Bank schob, ließ er die E-Zigarre wackeln, was vermutlich heißen sollte, dass er weiterrauchen würde, sobald er allein war. An der Tür winkte er allen zu. Nur Aidan, Liv und Meg winkten zurück.

»Ich brauche ein bisschen Luft«, sagte Ember, als er gegangen war.

»Ich komme mit«, erwiderte Roz. Sie ließen Sam allein sitzen und ihre Antworten zum dritten Mal überprüfen und gingen bis zum Verbindungsstück zwischen den Waggons. Das Fenster stand einen Spalt offen, und sie atmeten die mentholkalte Luft ein.

»Ich verstehe wirklich nicht, wie Meg es mit ihm aushält«, sagte Ember.

»Er ist ein eiskalter Charmeur, das ist klar. Eines Tages findet sie heraus, dass sie was Besseres als ihn verdient. Und er kapiert endlich, dass er nicht so wichtig, clever und attraktiv ist, wie er immer geglaubt hat.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Nein. Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.« Ein Summen – eine neue Nachricht von Ellie: Sind im Krankenhaus. Bitte ruf an. Ich weiß nicht, was ich machen soll.

»Scheiße«, entfuhr es Roz. »Tut mir leid, ich muss telefonieren.« Sie hastete zu ihrem Abteil. Sie wollte nur noch allein sein.