Siebzehn

Killa sah aus dem Fenster, als der Zug in Edinburgh am Bahnhof Waverley einfuhr. Schnee hüllte den Bahnsteig in jungfräuliches Weiß. Killa liebte diese Stadt. Die Menschen, die Hügel, die Kirchtürme und Spitzen, die sich in den violetten Himmel bohrten. In dieser uralten Stadt wurde es nie völlig dunkel, aber bald schon würde der Zug in die Highlands weiterfahren, wo die Nacht um diese Jahreszeit jedes Licht verschlang.

»Wir treffen jetzt in Edinburgh ein«, war Beefys Stimme aus dem Lautsprecher zu hören. »Edinburgh ist ein außerplanmäßiger Halt. An mehreren kleineren Bahnhöfen auf dem Weg nach Fort William werden wir nicht anhalten. Kein Halt in Arrochar and Tarbet, Ardlui, Crianlarich, Bridge of Orchy, Corrour und Roy Bridge. Falls Sie diese Orte ansteuern wollen, empfiehlt es sich, hier in Edinburgh auszusteigen. Wegen des sich weiterhin verschlechternden Wetters ist es möglich, dass noch weitere Bahnhöfe aufgrund des Schnees nicht mehr angefahren werden können. Wir entschuldigen uns für alle eventuell entstehenden Unannehmlichkeiten. Sicher haben Sie Verständnis dafür, dass die Sicherheit vorgeht. Wir halten ungefähr zehn Minuten hier in Edinburgh, während mehrere Waggons abgehängt werden. Danach geht die Reise nach Fort William weiter.«

Die noch im Club Car sitzenden Gäste sahen einander fragend an und überlegten, was sie tun sollten. Killa zuckte nur lächelnd die Achseln und sah die Mitreisenden mit betrübtem Lächeln und Kopfschütteln an. Keiner von ihnen ahnte, welche Überraschungen Killa für sie bereithielt. Das Opfer war nicht im Club Car, aber es hatte keinen Schimmer, wer oder was es schon bald überrollen würde. Wenn man einen Mord begehen wollte, brauchte man keine Jason-Voorhees- oder Michael-Myers-Maske; man brauchte nur zu lächeln.

Dabei war Lächeln in dieser Nacht das Zweitschwerste. Killa würde am liebsten aus dem Zug stürmen und sich ein schönes Hotelzimmer nehmen. Roomservice bestellen, Burger und Fritten, sich ein heißes Bad einlassen, den Fernseher anstellen und irgendwas schauen, alles, nur kein Reality TV. Killa würde sich das Betthupferl vom Kissen auf der Zunge zergehen lassen und den Mord vergessen.

Aber dazu würde es nicht kommen. Das Opfer ließ Killa nicht mehr los. Es ging um mehr als nur persönliche Rache.

Killa lehnte die Wange an die kalte Scheibe, blickte hinaus auf den Bahnsteig und zählte die Passagiere, die den Mut besessen hatten auszusteigen. Insgesamt waren es zehn Personen, darunter auch das verliebte Pärchen, das einander mit Kuchen gefüttert hatte, und der Mann im grünen Karoanzug. Killa sah zu, wie sie durch den dicken Schnee stapften, während der Wind an ihnen zerrte, und die Wollmützen auf ihren Köpfen festhielten. Vielleicht würden sie ein Hotelzimmer finden oder die Nacht im Wartesaal verbringen und hoffen, dass morgen ein Zug fuhr.

Wie dem auch sein mochte: Sie hatten die richtige Wahl getroffen. Die, die noch im Zug saßen, waren dem Tod ein Stück näher gekommen.

Sie wussten nur noch nichts davon.