Roz’ Handy klingelte. Videoanruf von Ellie. Roz starrte auf das Display. Sie wollte ihr nicht sagen, dass sie im Schnee feststeckte und vielleicht erst am Abend oder gar noch später da sein würde.
Vielleicht konnte Craig hören, wie laut ihr Herz schlug, oder die Reaktion auf ihrem Gesicht ablesen, jedenfalls sagte er: »Gehen Sie doch dran, und finden Sie raus, wie es Heather geht. Ich hole Liv und ihren Dad. Wir können sie in ihrem eigenen Abteil verhören.« Er verschwand mit langen Schritten den Gang hinunter, als Roz den Anruf annahm.
»Wie sieht es bei euch aus?«, fragte sie. Erst war das Display noch schwarz, nur piepende Maschinengeräusche waren zu hören, dann erschien auch das Bild dazu. Ihre Enkelin lag im Brutkasten und hielt Ellies Finger fest. Sie hatte das winzige Gesicht gerunzelt, die Augäpfel bewegten sich unter den geschlossenen Lidern. Roz konnte nur hoffen, dass der Winzling süße Träume hatte.
»Ich dachte, du möchtest deinem Enkelkind vielleicht einen guten Morgen wünschen.« Ellie klang unendlich müde. »Der Kleinen geht’s richtig gut, sie atmet selbstständig und braucht keinen Sauerstoff mehr.«
»Hallo, mein kleiner Schatz«, sagte Roz. »Ich bin deine Oma.«
Der Winzling schwenkte die in Handschuhen steckenden Fäustchen, als würde er tanzen. Es war hinreißend. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um über feststeckende Züge zu sprechen.
»Ich bin so bald wie möglich bei dir und gebe dir ganz viele nasse Küsse«, sagte Roz zu dem Baby. »Du erzählst mir, wie deine Reise bisher verlaufen ist, und ich erzähle dir von meiner. Wie findest du das?«
Trotz der Geräusche elektrischer Geräte meinte Roz, das Neugeborene seufzen zu hören. Sie wusste, dass das eigentlich nicht möglich war, aber ihr Herz krampfte sich trotzdem zusammen. Es war schrecklich, so weit weg von diesem kleinen Wesen zu sein. Sie konnte sich ausmalen, wie Heather sich fühlen musste. »Wie geht es Heather?«
Ellie schaltete die Handykamera um, vom Brutkasten auf ihr eigenes Gesicht. »Immer noch nicht stabilisiert. Sie tun alles, was sie können.« Sie sprach sehr leise, als wolle sie nicht, dass das Neugeborene mithörte. »Die Krampfanfälle sind schlimmer geworden. Die Ärzte befürchten Organschäden oder Schlaganfall.«
»O Gott.«
»Sie haben sogar schon überlegt, ob sie Heather in ein künstliches Koma versetzen sollen, damit ihr Körper sich besser erholen kann.«
Roz hielt sich die Hand vor die Augen, als könne sie damit verhindern, dass Bilder von Heather im Koma vor ihrem inneren Auge entstanden. »Und was ist mit dir, meine Liebe?«, fragte sie Ellie. »Wie fühlst du dich?«
Ellie zuckte die Achseln. Ihr Blick war ausdruckslos. »Komm einfach schnell, bitte.« Sie verabschiedete sich und drückte Roz weg. Roz fühlte sich ihnen zugleich ein bisschen näher und viel weiter weg. Der zweifelhafte Segen von Videoanrufen.
In diesem Moment fiel ihr Megs Handy wieder ein, das sie in der Tasche hatte.
Sie zog zwei der Einweghandschuhe an, die Craig ihr besorgt hatte, und nahm das Telefon vorsichtig aus dem Plastikbeutel. Sie schaltete das Handy ein und erriet den Zugangscode beim dritten Versuch. Zum Glück waren verliebte Mittzwanzigerinnen sehr leicht zu durchschauen, besonders, wenn der Geburtstag ihres Verlobten online einfach herauszufinden war. Da brauchte sie wenigstens nicht zum Tatort zu gehen und das Handy vor Megs totes Gesicht zu halten. Roz hatte sich mehrfach bei Handyherstellern dafür starkgemacht, daran etwas zu ändern. Ein Mörder oder Entführer konnte das Handy des Opfers auch nach dem Tod noch problemlos mit dessen Gesicht oder Daumen entsperren. Das Handy müsste mindestens feststellen können, ob die Person, zu der Gesicht oder Finger gehörten, noch am Leben war oder nicht.
Roz starrte die Hunderten von Apps an, die auf dem großen, zersplitterten Display auftauchten. Wo sie anfangen sollte, wusste sie nicht, also widmete sie sich als Erstes Megs Instagram-Account.
Die Kommentare unter Megs letztem Post bewiesen, dass sich die Nachricht von ihrem Tod schon herumgesprochen hatte:
Balladmonkey: #RIPMEG
UnionJill: Ruhe sanft. Du bist jetzt bei den Engeln
Meg4Eva:
CHRISTINEBILLYGOAT: Das hätten wir kommen sehen müssen
Woowoomama: Sie brauchte unsere Liebe und Zuneigung
AMagicalFaeryWarrior: #Christmasiscancelled
MegFan3987492: Ich glaub es erst, wenn ich ihre Leiche gesehen habe
Wombat90: Kannte das Mädchen nicht
HotMess: Wo ist Grant? Was hat er zu sagen?
VisionandSound: MEG WOLLTE UNS DIE WAHRHEIT SAGEN. SEHT EUCH DAS DOCH AN! #domesticviolence #häuslichegewalt
Roz klickte auf den Link in diesem Kommentar, mit dem sie zu Megs letztem Livestream gelangte.
»Hi, ihr Lieben«, sagte Meg in die Kamera. Es war unheimlich, sie lebendig zu sehen, so kurz vor ihrem Tod. Sie war in ihrem Abteil, ihre großen Augen unstet. »Ich hatte euch ja versprochen, ich würde mich später noch mal melden. Bei mir läuft es nicht direkt nach Plan. Wahrscheinlich habt ihr schon mitgekriegt, dass Grant und ich uns mal wieder gezofft haben. Normalerweise würde ich nie zulassen, dass ihr mich so seht. Normalerweise würde ich mich ein bisschen aufhübschen und weitermachen, wie immer. Aber heute nicht. Heute packe ich aus. Heute erfahrt ihr, was wirklich hinter meiner Beziehung zu Grant steckt.
Aber zuerst, und bitte habt einen Moment Geduld, während ich das Geld verdiene, das ich brauchen werde, erzähle ich euch, was ich gerade trage. Ihr kennt mich ja, normalerweise würde ich euch den ganzen Schminkvorgang zeigen. Heute seht ihr nur Make-up, wie es von Tränen weggewaschen wird.« Meg lächelte traurig in die Kamera. »Ein gebrochenes Herz ist hundertpro der beste Test für wasserfeste Kosmetika, das sage ich euch. Das neue Make-up, das ich bekommen habe, damit ich euch meine ehrliche Meinung dazu sage: Es hält! Es ist ein reines Naturprodukt, aus biologischer Wildsammlung, handgemacht. Meine Augen strahlen unter Smoky Heather, auf den Lippen trage ich den Ton Bad Santa. Dieser Lippenstift hat mehrere Drinks, Küsse und einen Streit überstanden und ist immer noch in Form. Und hält und hält. Für Mascara und Liner kann ich das so nicht direkt bestätigen, also, da habt ihr’s. Die Brands seht ihr gleich auf dem Display.« Die Markennamen liefen in einer hässlichen Schrift über den Bildschirm, die vermutlich gerade sehr angesagt war.
Meg hielt sich die Kamera direkt vors Gesicht. »So, jetzt kommt’s! Was ich euch sagen will: Ich habe früher schon Sachen heimlich gefilmt. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass es an der Zeit ist, die Wahrheit muss einfach raus. Hinter dem Make-up und den Fotosessions, den Storys in Hello! und sonst wo, versteckt sich –«
In diesem Augenblick wackelte die Kamera heftig, und auf Megs ernstem, tränennassem Gesicht zeigten sich Verwirrung und Angst. Die Deckenbeleuchtung flackerte. Gegenstände flogen durchs Abteil, als sei Meg Dorothy aus dem Zauberer von Oz und der Wirbelsturm verwüste gerade Kansas. Alles kippte aus dem Lot. Das Handy blieb weiter auf Megs Gesicht gerichtet. Als sie um sich blickte, schienen ihre Pupillen noch größer zu werden, schwarze Teiche, die von langen, wie Schilf aussehenden Wimpern umgeben waren. Meg hielt sich an einer Wand fest und fiel zurück aufs Bett. Manchmal war ihr Gesicht in dem Video zu sehen, manchmal die durch das Abteil fliegenden Gegenstände.
Als alles wieder zur Ruhe kam, beruhigte sich auch das Bild wieder. Meg strich sich die Haare glatt und setzte ihr Lächeln auf. »Tja, das habt ihr bestimmt nicht erwartet! Dass ihr miterlebt, wie unser Zug entgleist«, sagte sie in die Kamera ihres Handys. »Ich auch nicht. Auch wenn ich seit Langem das Gefühl habe, dass mein Leben total aus der Spur geraten ist.« Laut und mühsam atmete sie ein, ein schrecklich krächzendes Geräusch. »Aber Grant kann jede Minute hier sein, ich muss es euch also schnell erzählen. Anfangs war er einfach hinreißend. Er hat mich mit Romantik nur so überschüttet. Meine Therapeutin hat gesagt, er hätte mich mit Liebe bombardiert. Aber dann ist er ziemlich schnell –«
Meg unterbrach sich. Sie starrte in Richtung Tür. Ihre Augen weiteten sich, sie schien keine Worte aus der Kehle zu bekommen. »Grant, oh, was –« Sie streckte den Arm aus, drehte den Kopf. »Bitte, nicht –« Die Aufnahme endete mit dem Bild von Megs hohen Wangenknochen im Profil, Grauen auf ihrem schönen Gesicht.
Das Handy musste in diesem Augenblick hingefallen und zersplittert sein. Wenn Meg noch am Leben wäre, hätte sie sicher schon am nächsten Tag kostenlosen Ersatz bekommen. Aber Meg würde nie wieder etwas posten.
FIREANDMICE: Meg war kurz davor, uns zu verraten, wie er sie misshandelt hat, dann hat er sie ermordet, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.
SandraDeelicious: Meg war eine lebende Tote
FarmerGiles: Das hat sie alles gefakt
Torrentedsuperheroes: Sie ist und bleibt eine Bitch
VisionandSound: #megicide Grant hat den Tod verdient. Ich habe Meg einmal f2f getroffen und dachte, sie würde mir ihren Kummer anvertrauen, aber dann kam er und ich habe die Angst in ihren Augen gesehen. Ohne Scheiß. Das war Grant, eindeutig
IncelIsKing: SIE LÜGT
Roz musste sich zwingen, den Blick von den endlosen Kommentaren abzuwenden. Jeder hatte eine Meinung dazu, wer schuldig oder unschuldig war, wer log oder nicht. Lies nie die Kommentare, schärfte sie sich ein – echte Erkenntnisse waren nur selten unterhalb der Gürtellinie eines Menschen oder Artikels zu finden.
Die einzige Person, die für Meg sprechen konnte, war sie selbst, und Meg war tot. Trotzdem konnte sie ihre Geschichte immer noch erzählen. Roz ging die vielen Videos auf Megs Handy durch und klickte eins an, auf dem Megs tränenüberströmtes Gesicht zu sehen war. Roz drückte automatisch die Hand auf ihr Herz, als sie Play anklickte und Meg erzählen hörte, wie Grant sie vergewaltigt hatte. »Es hat ihn angemacht, wenn ich Nein gesagt habe«, gestand sie.