Fünfunddreißig

»Ich weiß, Sie wollen, dass wir alle hierbleiben, Roz«, sagte Beck, stand auf und stellte sich in die Mitte des Club Cars. »Aber ich finde, angesichts der Umstände müssen wir noch einmal darüber reden.«

»Von mir aus. Mir geht es nur darum, dass alle in Sicherheit und am selben Ort sind. Im Zug ist es nicht sicher, und wir wissen nicht, welche Gefahr uns vom Killer droht.« Die Hälfte des Wagens murmelte zustimmend, die andere Hälfte schien weniger überzeugt. »Aber wir können das natürlich gern diskutieren.«

»Ich meinte, ohne Sie, Roz«, sagte Beck. »Sie kommen hier rein, stellen uns Fragen, geben Befehle, verbieten uns wegzugehen, aber für die Zeit von Megs Tod haben Sie kein Alibi, was bei den allermeisten hier anders aussieht. Kann doch gut sein, dass Sie die Morde verübt haben und es jetzt einem von uns anhängen wollen.«

»Jetzt gehen Sie zu weit, Beck«, sagte Craig und stellte sich neben Roz.

»Ja, tue ich das? Mich mit der Sache in Verbindung zu bringen, das macht sie mit links, dabei kann sie es genauso gut selbst gewesen sein. Immerhin hat Roz uns aufgefordert, dass wir Grant das Frühstück zubereiten sollen. Was ist, wenn sie vorher Gift angemischt hat und das Ganze eine Falle ist?«

»Das kommt mir kein bisschen logisch vor«, entgegnete Sam.

»Was für einen Grund sollte Roz denn um Himmels willen haben, diese jungen Leute töten zu wollen?« Craig verschränkte die Arme. Am liebsten hätte Roz ihm die Hände auf die Schultern gelegt und nie mehr weggenommen.

»Wer weiß?« Beck zuckte die Achseln. »Vielleicht kann ihre Bekannte ja auch irgendwelche dubiosen Verbindungen zwischen ihnen feststellen. Aber bis wir das rausbekommen: Ist Roz wirklich die richtige Person, um hier die Untersuchungen zu leiten? Ich meine, woher sollen wir denn wissen, dass sie nicht irgendwelche Beweise verschwinden lässt?«

»Bei Roz handelt es sich um eine exzellent ausgebildete Polizeibeamtin«, sagte Craig, »die genau weiß, was in einer Situation wie dieser zu tun ist. Wir brauchen unbedingt jemanden wie sie.«

Und jetzt stellte sich der Zirkus gegen sie. Na toll. »Das ist nett, Craig. Aber ich bin sehr gern bereit, mein Amt niederzulegen, dann kann die Polizei übernehmen. Ich habe sowieso andere Sorgen.«

»Schlimmere Sorgen als zwei Tote?«, fragte Beck skeptisch.

»Mann, jetzt komm mal runter vom hohen Ross deines Daddys«, sagte Ayana und wirkte augenblicklich erschrocken über sich selbst. Immer wieder interessant, was in einem Augenblick der Anspannung zutage trat. Der Teil von uns, den wir sonst immer sorgfältig hinter Schloss und Riegel halten, meldet sich auf einmal.

»Sie haben eben gefragt, ob Roz einen ›Grund‹ hätte, die beiden töten zu wollen«, sagte Sam zu Craig. »Aber gibt es denn immer einen guten Grund, wenn Menschen einen Mord verüben?«

»Die wenigsten Menschen denken nach, während sie einen Mord begehen«, erwiderte Roz. »Hinterher schalten sie vielleicht wieder die Vernunft ein, aber Vernunft heißt noch lange nicht Logik.«

»Sondern Ausreden.« Sam nickte nachdenklich.

»Können wir mal Schluss machen mit dem Herumphilosophieren?«, sagte Sally. »Ich will in unser Abteil und mich schlafen legen, bis uns hier jemand rausholt.«

»Ich halte es trotzdem für klüger, wenn niemand in die Abteile zurückkehrt, damit wir in Sicherheit sind«, sagte Roz.

»Ich habe eine Menge Geld für mein Abteil mit echtem Bett bezahlt, und ich schlafe mich jetzt aus«, widersprach Sally. »Daran können Sie mich nicht hindern.«

»Das sehe ich genauso«, sagte Beck. »Das ist doch reine Zeitverschwendung hier. Wenn die Polizei kommt, müssen wir das sowieso alles noch mal durchkauen.«

»Es handelt sich um eine Sicherheitsmaßnahme«, erklärte Roz. »Sie haben doch selbst gesehen, wie alles außer Kontrolle gerät, wenn wir nicht aufeinander aufpassen.«

Mary nickte langsam. »Wir sind ein Kollektiv. Nur zusammen sind wir stark.«

»Ich kann Ihr Argument nachvollziehen«, entgegnete Sam. »Aber mir ist es lieber, wenn mir niemand Vorschriften macht. Aus Prinzip.«

»Ja, aber … wenn es weitere Tode vermeiden hilft, wenn wir hier zusammenbleiben?« Roz konnte die unglaubliche Frustration, die in ihr hochstieg, nicht mehr verstecken. »Ist das nicht auch ein Prinzip?«

»Die Freiheit des Einzelnen ist das höchste Prinzip«, konterte Beck und erinnerte Roz immer fataler an eine Jungkonservative im Debattierclub, die mit hohler Rhetorik um sich warf.

»Ist denn diese ganze Streiterei notwendig?«, fragte Mary. Moustaches Schwanz zuckte hin und her, weil er ihre Erregung spürte. »Roz versucht, uns zu helfen, seht ihr das denn gar nicht ein?«

»Aber uns hier festzuhalten, ist Kidnapping«, verkündete Aidan, der froh schien, sich auch an der Debatte beteiligen zu können.

»Das stimmt überhaupt nicht«, seufzte Roz.

Beck klatschte in die Hände. »Ich schlage vor, wir gehen alle in unsere Abteile und reden nicht weiter darüber. Oder gehen draußen im Schnee spazieren. Wir machen, was wir wollen. Ist doch ein freies Land, oder etwa nicht? Wir halten uns voneinander fern, bis die Polizei und die Reparaturleute kommen.«

»Aber dir ist schon klar, dass ein Killer genau dasselbe vorschlagen würde, damit alle voneinander getrennt sind?«, entgegnete Mary und schüttelte traurig den Kopf.

»Wer kommt mit?« Becks Grinsen wirkte leicht wahnsinnig, als sie mit Sally, Phil, Liv und Aidan im Schlepptau auf die Tür zuging. Die Studierenden folgten ebenfalls. Ayana zuckte vor Roz entschuldigend die Achseln. Beck sagte süffisant: »So, jetzt können Sie sich auch schön hinlegen, Roz. Wir brauchen Sie nicht mehr.« Und dann schloss sich die Tür hinter ihr.