Stefan
Ich bin ein Mann,
dem Kontrolle über alles geht.
Mein Instinkt, alles zu beherrschen, reicht vom Büro bis zum Schlafzimmer – und ich kenne keine Gnade, wenn es darum geht zu bekommen, was ich haben will. Denn eins weiß ich, wenn ich etwas in die Hand nehme, habe ich immer Erfolg. Und ich höre niemals irgendwelche Beschwerden.
Nicht von meinen Angestellten und ganz sicher nicht von meinen Frauen.
Und der heutige Abend bildete keine Ausnahme. Das Händeschütteln, das vertrauliche Grinsen, die erhobenen Gläser, gefüllt mit teurem Alkohol. Das alles lief auf etwas Bestimmtes hinaus. Jedenfalls war ich davon überzeugt. Ein weiterer Zug auf dem Schachbrett und einen Schritt dem Ziel näher, die Kontrolle über KZ Modeling zu übernehmen, das Unternehmen, das mein Vater gegründet hatte. Das Unternehmen, das er immer noch führte.
Vorerst.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und blickte mich im Raum um. Das Penthouse meines Vaters war äußerst luxuriös und besaß ein geräumiges Heimbüro, dessen reiche Ausstattung von poliertem Holz und Antiquitäten unterstrichen wurde. Nie gelesene Erstausgaben reihten sich auf den Regalen. Jeder Gegenstand bis hin zu den Waterford Briefbeschwerern war teuer und selten. So wie alles, das mein Vater sammelte.
Ich warf einen Blick auf meine erlesene Armbanduhr, eine Patek Philippe. »Er ist spät dran.«
»Er wird kommen.«
Mein Vater – Konstantin Zoric – saß hinter seinem Schreibtisch und schenkte sich einen Scotch ein. Einen fünfundzwanzig Jahre alten Macallan, denn in unserer Welt bedeutete Selbstdarstellung alles. In seinem charakteristischen dunkelgrauen Anzug wirkte mein Vater äußerst imposant. Es wurde behauptet, ich sähe ihm ähnlich, doch die meisten Männer unserer Familie besaßen das gleiche dunkle Haar, ein kantiges Kinn, volle Lippen und olivfarbene Haut.
Er machte eine Handbewegung in meine Richtung und bot mir ein Glas an. Ich nahm es, trank jedoch nicht. Normalerweise hätte ich das Spiel mitgemacht und mich wie einer der Jungs verhalten, doch für das bevorstehende Gespräch brauchte ich einen klaren Kopf.
»Ah, da ist er ja«, sagte mein Vater und erhob sich, um unseren Gast zu begrüßen.
Ein athletisch gebauter Mann in mittleren Jahren mit eisblauen Augen und grauen Strähnen an den Schläfen hatte das Arbeitszimmer betreten.
Sein Anzug war perfekt geschnitten und saß wie angegossen. Er trug eine rote Krawatte und am Revers eine Anstecknadel mit der amerikanischen Flagge. Auch wenn ich ihn nicht bereits aus dem Fernsehen gekannt hätte, hätte ich ihn für einen Politiker gehalten. Sein selbstzufriedenes Lächeln war das i-Tüpfelchen.
»Senator Lindsey, dies ist mein ältester Sohn Stefan«, stellte mein Vater mich vor.
»Angenehm«, sagte ich. Ich hatte mich bereits erhoben und schüttelte dem Senator die Hand, wobei ich versuchte, seinen festen Händedruck zu erwidern. »Es ist mir eine Freude, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Senator.«
Er blickte mich lange und abschätzend an.
»In der Tat«, erwiderte er, ohne eine Gemütsbewegung zu verraten. »Ich bin froh, dass Sie die Zeit gefunden haben.«
»Setzen wir uns. Lassen Sie uns auf gute Zusammenarbeit anstoßen«, sagte mein Vater und reichte dem Senator ein Glas. »Und auf Stefan, der endlich ganz ins Familiengeschäft einsteigen wird.«
»Und was für ein Geschäft es ist«, bemerkte der Senator. Er machte es sich in einem weichen Ledersessel bequem. »Sie haben sich da eine nette kleine Firma aufgebaut. Und die Unterstützung, die KZM bietet, hilft sehr dabei –«
»Man kann das Unternehmen wohl kaum als klein bezeichnen«, unterbrach mein Vater ihn. Er machte zwar ein freundliches Gesicht, doch ich konnte eine gewisse Schärfe in seiner Stimme erkennen und sah die Art, wie er die Schultern zurückzog. »Sagen Sie mir, Senator, können Sie mir irgendeine andere Agentur in der nördlichen Hemisphäre nennen, die auch nur annähernd an die Zahl der –«
Diplomatie war noch niemals die Stärke meines Vaters gewesen. »Zum Wohl«, unterbrach ich ihn und erhob mein Glas.
Die beiden taten es mir gleich und prosteten mir zu. Dann tranken wir und die Spannung verflog.
»Guter Scotch«, stellte Senator Lindsey fest, nachdem er sein Glas zur Hälfte geleert hatte. »Macallan?«
Mein Vater lächelte. »Für mich kommt kein anderer infrage, mein Freund.«
»Normalerweise ziehe ich eine amerikanische Marke vor«, erwiderte Lindsey, während er den Whisky im Glas herumschwenkte, »aber dieser hier hat es in sich.« Er leerte sein Glas und zeigte lachend die Zähne.
Ich erwiderte sein Lächeln und setzte ein freundliches Gesicht auf, doch insgeheim musterte ich den Senator nun meinerseits. Ich suchte nach Anzeichen des Zögerns, nach einem Riss in der Fassade.
Welcher Typ Mann würde einem solchen Geschäft zustimmen?
Dann erinnerte ich mich daran, dass ich selbst der Typ Mann war, der einem solchen Geschäft zustimmte. Eigentlich hatte ich sogar eine zentrale Position in diesem Handel inne, obwohl die Idee nicht von mir stammte. Doch es gab keinen anderen Weg.
»Ich denke, die Bedingungen unserer Absprache werden Ihnen gefallen, Stefan«, meinte der Senator selbstgefällig, als mein Vater ihm ein weiteres Glas Scotch einschenkte.
»Oh ja, das glaube ich gern«, antwortete ich. »Ich denke, wir werden alle gut dabei wegkommen
.«
Wir lachten gemeinsam über die Anspielung. Dies war genau die Art von Gespräch, die mich anekelte. Doch ich kannte das Spiel.
»Mein Sohn kann es kaum erwarten, dass die Fusion stattfindet«, fügte mein Vater augenzwinkernd hinzu.
»Ohne Zweifel. Mit der Aussicht auf den Gewinn.« Lindsey wandte sich an mich: »Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen versichere, dass Sie es nicht bereuen werden. Und ich hoffentlich auch nicht.«
Ich trank einen guten Schluck von meinem Scotch. »Etwas zu bedauern liegt nicht in unserer Natur.«
»Wir rechnen stets mit Erfolg«, fügte mein Vater hinzu und deutete mit einer Hand in dem üppig ausgestatteten Raum umher, als wäre er der Beweis dafür, dass er niemals einen Misserfolg erfahren hätte. »Eine Eroberung nach der anderen.«
»Und genau das gefällt mir an Ihnen so sehr, Konstantin«, sagte der Senator. »Stets voller Zuversicht.«
»Immer im Recht«, verbesserte mein Vater.
Die beiden tauschten das typische Lächeln von Männern, die keine Bedenken hatten, skrupellose Taktiken anzuwenden. Auch wenn das beinhaltete, ihnen nahestehende Menschen zu manipulieren.
War ich wirklich besser?
Plötzlich erschien mir der Raum beengend und heiß. Lächerlich, wenn man die Quadratmeterzahl und die Tatsache bedachte, dass die Bedingungen, denen ich zugestimmt hatte, sich am Ende auszahlen würden.
Ich konnte es mir schließlich nicht leisten, allzu viel zu grübeln.
Immerhin war dieses Geschäft die einzige Möglichkeit, meinen Vater zu überzeugen, mir das Unternehmen zu übergeben. Obwohl ich noch keine vollständige Kontrolle haben würde, so war dies doch meine Chance, mich als die rechte Hand meines Vaters zu etablieren. Eine Stellung, die ich schon vor Jahren hätte einnehmen sollen, nachdem ich meinen Master in Betriebswirtschaftslehre gemacht hatte.
Frustriert trank ich noch einen Schluck Scotch aus meinem Glas. Ein Drink würde mir nicht schaden. Im Gegenteil, es würde vielleicht dem Ganzen die Härte nehmen.
Mein Vater hätte mir bereits direkt nach Beendigung des Studiums die Verantwortung für KZM übergeben können. Ich kannte das Geschäft in- und auswendig und besaß immerhin einen Abschluss der Universität von Pennsylvania, der mir das nötige theoretische Wissen attestierte. Stattdessen hatte er mich von einer Handlangerrolle in die nächste geschoben, die Position eines leitenden Angestellten stets gerade außerhalb meiner Reichweite, und auf Versprechen hoffen lassen, die er nie eingehalten hatte.
Bis jetzt. Weil er mich brauchte, weil ich zugunsten höherer Werte ein Opfer bringen sollte.
Doch jetzt, da ich offiziell die Führungsposition einnehmen würde, konnte ich beginnen, erste Schritte zu wagen. Und sobald ich verantwortlich wäre …
Ich trank, denn ich wollte nicht zu weit vorausdenken. Zuerst musste ich den ersten Schritt tun: den Handel abschließen.
»Zigarre?«, fragte mein Vater und holte eine Schachtel handgerollter Cohibas hervor.
»Gewiss.« Der Senator griff zu und nahm sich die Zeit, genießerisch daran zu schnuppern.
Zigarren waren noch niemals mein Ding gewesen; meine Mutter hatte den Geruch stets gehasst. Das war eines der wenigen Dinge, woran ich mich bezüglich meiner Mutter erinnerte.
Mein Vater und der Senator schnitten die Spitzen ihrer Zigarren ab und entzündeten sie. Dann überließen sie sich bei einem Gespräch über Regionalpolitik dem Genuss des Rauchens. Ich leerte mein Glas und goss mir ein weiteres ein. Ein großes Glas.
»… glaubst du nicht auch, Stefan?«, hörte ich meinen Vater fragen.
Ich lächelte gelassen. »Ohne Zweifel.« Normalerweise war ich nicht so zerstreut. Ich hatte keine Ahnung, was ich gerade bestätigt hatte. Mein Kragen fühlte sich zu eng an. Eigentlich unmöglich, denn meine Anzüge waren maßgeschneidert und saßen tadellos.
Verfluchte Moral! Ich hatte viel zu lange auf diesen Augenblick hingearbeitet, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Meine Träume. Meine Ziele. Die Übernahme der Kontrolle. Das alles war nun zum Greifen nahe.
Auch wenn Menschen verletzt werden würden.
»Auf unsere … für beide Parteien vorteilhafte Partnerschaft«, sagte mein Vater und erhob sich, um unsere Gläser ein weiteres Mal zu füllen.
»Auf eine machtvolle Vereinigung«, fügte ich hinzu. Ich stand auf und erhob mein Glas. Voll und ganz einverstanden.
Der Senator wollte nicht zurückstehen und sagte: »Auf den Beginn einer wunderbaren Beziehung.« Er zwinkerte mir zu, als er sich erhob.
Ich zwang mich zu einem Lächeln. Wie nicht anders zu erwarten hatte sich dieses Treffen zu einem Wettbewerb im Schwänzemessen entwickelt.
»Auf KZ Modeling«, sagte ich.
»Auf die Familie«, warf mein Vater ein, der wie immer das letzte Wort haben musste.
Der Senator lachte. »In der Tat. Auf die Familie.« Wir stießen mit den Gläsern an. Dann schlug mir der Senator so fest auf den Rücken, dass ich beinahe getaumelt wäre. »Willkommen in der Familie.«