Tori
Heute Abend fühlte
ich mich wie Aschenputtel. Mein Marchesa Kleid passte perfekt zu dem kühlen Blau meiner Augen. Der bauschige Rock war verziert mit seidenen Blütenblättern und schlichten Stickereien, die im Licht glitzerten. Dank der Schneiderin, die mir das Kleid in letzter Minute angepasst hatte, saß es wie angegossen. Das war einer der Vorteile, wenn man einen wohlhabenden, einflussreichen Vater besaß, der sich wünschte, dass seine Tochter an ihrem achtzehnten Geburtstag so hübsch wie möglich aussah.
Auch wenn ich kaum Luft bekam.
Das Outfit, ja, die ganze Darbietung huldigte der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, die mein Vater bei jeder seiner Kampagnen zum Besten gab – wie seine Familie sich aus dem Nichts heraus durch Schufterei hochgearbeitet hatte, um ihm die Möglichkeit zu geben, etwas Besseres zu werden. Seine eigene Version des Aschenputtel-Märchens. Da war ich nun also, ein Symbol seines Erfolgs und seiner Macht. Gerade achtzehn und bereit, es mit der Welt aufzunehmen. Ich hoffte, seine Erwartungen erfüllen zu können. Und meine eigenen.
Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel und übte ein Lächeln, während ich mir den Stirnreif zurechtrückte.
»Carpe noctem
«, flüsterte ich. »Der Abend gehört dir.«
Zumindest das entsprach der Wahrheit.
Ich schritt die Treppe hinunter, dem Stimmengemurmel, dem Gläsergeklingel und den beruhigenden Klängen des Kammerorchesters entgegen. Die Veranstaltung wirkte beinahe wie ein königlicher Ball. Und all das nur für mich.
Zuerst hatte ich nicht gerade mit Begeisterung auf dieses Fest reagiert. Denn alle sogenannten »Partys«, die mein Vater im Laufe der Jahre in unserer luxuriösen Villa in Springfield gegeben hatte, hatten dazu gedient, Spenden für politische Zwecke aufzutreiben. Hoffnungslos langweilige Veranstaltungen, obwohl – oder vielleicht gerade deshalb – ich durchaus fähig war, an den endlosen politischen Diskussionen teilzuhaben.
Mein Vater hatte jedoch versprochen, der heutige Abend wäre anders.
»Und wenn du dich von deiner besten Seite zeigst, gibt es im Laufe des Festes eine große Überraschung für dich«, hatte er mir gesagt.
Ich wusste, ich war eigentlich zu alt, um wegen einer Geburtstagsüberraschung aufgeregt zu sein, doch konnte ich mich einer gewissen freudigen Erwartung nicht erwehren. Würde er mir endlich das Schulgeld geben, das ich brauchte, um im Herbst die Universität von Chicago besuchen zu können? Deren elitäres, unvergleichliches Linguistikstudium bot Kurse, die ich nirgendwo sonst gefunden hatte. Ich hätte die Möglichkeit, Altkirchenslawisch, Türkisch und Griechisch zu studieren. Mein Traum.
»Schinken-Pfirsich-Canapé, Miss?«, fragte ein Kellner mit Fliege, als ich die letzte Wendung der Calacatta-Marmortreppe hinunterstieg.
»Nein danke«, lehnte ich lächelnd ab. Um ehrlich zu sein, ich war zu nervös, um etwas essen zu können.
Der Tag, an dem ich die Zusage für die Universität von Chicago erhalten hatte, war der beste und zugleich schlimmste Tag meines Lebens gewesen. Mein letztes Jahr an der Akademie für Mädchen hatte ich nicht wie alle anderen zugunsten von Partys vergeudet, und das hatte sich ausgezahlt. Die Universität von Chicago bot mir ein Teilstipendium an, aufgrund meiner Durchschnittsnote und einem leidenschaftlichen persönlichen Aufsatz, mit dessen Ausführung ich Wochen beschäftigt gewesen war. Doch es stellte sich heraus, dass mein Vater zu wohlhabend war, um ein volles Stipendium zu bekommen – und er weigerte sich, den Rest des Studiengeldes aufzubringen. Und meine eigenen Ersparnisse langten bei Weitem nicht.
»Niemand will eine kluge Frau mit einem Universitätsabschluss heiraten, Liebes«, hatte er argumentiert.
Ich hatte jedoch nicht aufgegeben, sondern monatelang zu jeder sich bietenden Gelegenheit ein Loblied auf den Studiengang gesungen und die Vorzüge, die ich im wahren Leben daraus ziehen könnte (diplomatische Fähigkeiten, Leichtigkeit beim Reisen, interessantere Gespräche auf Cocktailpartys und so weiter). Ich hatte gehofft, die Meinung meines Vaters zu ändern.
Vielleicht hatte es endlich gewirkt.
Mit sinkendem Mut blickte ich mich im Ballsaal um. Ich sah weder meinen Vater noch ein anderes bekanntes Gesicht. Sicher, das Fest war elegant und glanzvoll, schien jedoch ausschließlich von Gästen im Alter meines Vaters oder älter besucht zu sein. So wie immer. Das passierte eben, wenn man sich während der entscheidenden Lebensjahre konstant darum bemühte, die Rolle des braven Mädchens zu spielen. Null Sozialleben. Ich hatte Grace eingeladen, meine Partnerin beim Durcharbeiten der Studienführer und alte Freundin, doch sie machte gerade einen stinkvornehmen Urlaub in Spanien.
»Da ist ja das Mädchen des Abends«, ertönte plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir. Ich lächelte. Den Südstaatenakzent hätte ich überall erkannt.
Meine Stiefmutter Michelle glitt lächelnd mit einem Champagnerglas herbei. Sie führte einen gebückten, älteren Mann am Arm, der aussah wie der launische alte Großvatertyp. Michelle bildete den absoluten Kontrast dazu, blond und drall in ihrem Kostüm und Jackie O.-Perlen – stets das perfekte Image der zweiten Frau eines Politikers.
»Frau des Abends«, verbesserte ich sie. Das war wichtig. Worte waren wichtig. »Auf dem Weg in meine eigene Welt. Denn jetzt bin ich erwachsen.«
»Ja, das bist du nun wohl.« Sie stöhnte. »Und das bedeutet, dass ich älter werde. Hättest du nicht für immer sechs Jahre alt bleiben können? Ich sollte mir besser einen Vorrat an Botox zulegen.«
Wir lachten.
Ich liebte Michelle. Meine Mutter war gestorben, als ich noch klein gewesen war, zu jung, um mich genauer an sie zu erinnern, und kurz danach war Michelle in mein Leben getreten. Sie hatte niemals versucht, meine Mutter zu ersetzen, was ich sehr schätzte. Wir waren stets eher Freundinnen anstatt Stiefmutter und Tochter gewesen. Sie war durch und durch ein Kind der Südstaaten und hatte mich gelehrt, wie wichtig das äußere Erscheinungsbild war, besonders wenn es um meinen Vater ging.
»Victoria, ich möchte dich gern mit dem Kongressabgeordneten McDonell bekannt machen«, stellte sie uns einander vor. Indem sie meinen vollen Namen benutzte, signalisierte sie mir: Sie kannte ihn nicht gut und ich sollte am besten vorsichtig sein. »Wir haben uns gerade erst kennengelernt, bei einem Glas Champagner.«
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und zu Ihrer kürzlich bestandenen Abschlussprüfung«, sagte McDonell. Er beugte sich mit glänzenden Augen näher zu mir. »Ich habe vor, Ihren Vater davon zu überzeugen, eine neue Umweltkampagne zu unterstützen, indem ich mich bei Ihnen einschmeichle. Tanzen Sie?« Er bot mir seinen Arm an.
»Wie trickreich von Ihnen«, erwiderte ich. Er war mir bereits sympathisch. »Und gewiss tanze ich.«
»Ich habe gehört, dass Sie Beste im Lateinklub Ihrer Schule waren. Sie sind mit Schönheit und Verstand gesegnet, wie? Ich glaube, es heißt quidquid Latine dictum … sit altum videtur
«, sagte er augenzwinkernd.
Ich lachte. »Alles, was man auf Latein sagt, klingt tiefsinnig«, übersetzte ich vergnügt.
Seit meiner Kindheit war ich von der Sprache besessen – ihrer Geschichte, ihrem Einfluss. Und als Tochter eines Politikers hatte ich aus erster Hand erfahren, wie man Worte benutzen kann, um die Meinung von Menschen zu manipulieren. Darin war mein Vater Experte. Tatsächlich hatte ich meine Logophilia
, die Liebe zum Wort, von ihm geerbt. Schon in meiner Kindheit hatte er mein Vokabular verbessert und mich stets angehalten, meine Worte sorgfältig zu wählen.
Doch plötzlich war ich sprachlos.
Ich hatte auf der anderen Seite des Ballsaals den attraktivsten Mann entdeckt, den ich jemals gesehen hatte. Er trug einen Smoking mit Schalkragen, der aussah, als hätte ihn Tom Ford persönlich geschneidert.
Er schien eine pure, animalische Anziehungskraft auszustrahlen. Er war dunkel, gut aussehend und besaß ein markantes Kinn. Die Ärmel seines Jacketts umschlossen breite, muskulöse Schultern. Er legte eine gelassene, selbstsichere Haltung an den Tag. Als er den Kopf zurückwarf und lachte, zog mein Unterleib sich zusammen. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als in den Witz einbezogen zu sein.
»Victoria«, unterbrach der Kongressabgeordnete meine Gedanken, »ist alles in Ordnung?«
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
»Entschuldigen Sie«, erwiderte ich. Mir wurde bewusst, dass ich den Atem angehalten hatte.
Wir nahmen den Tanz wieder auf und näherten uns langsam dem geheimnisvollen Fremden. Er schien sich voll und ganz auf den Mann vor ihm zu konzentrieren – eine ältere, hagerere, grauere Version seiner selbst. Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden und wünschte mir verzweifelt, der jüngere Mann würde in meine Richtung sehen.
Endlich hob er den Blick. Er hatte grüne Augen. Nicht irgendein Grün, sondern ein fahler Ton, wie durch Blätter fallendes Sonnenlicht, eine Farbe, die man … virideszent nennen könnte. Vom lateinischen viridis
, grünlich. Sie hob sich von dem warmen Ton seiner Haut ab.
Und dann trafen sich unsere Blicke.
Ich spürte, wie mein Puls sich beschleunigte. Normalerweise zog ich nicht gern die Aufmerksamkeit fremder Menschen auf mich, doch inmitten der schwarz-weißen Abendgarderobe war ich unmöglich zu übersehen.
In meinem schimmernden blauen Kleid und den Diamantohrringen vermittelte ich den Eindruck einer amerikanischen Prinzessin; nicht zuletzt durch den Reif in meinem hochgesteckten Haar. Meine Haut glühte. Ich trug ein natürlich wirkendes Make-up, dazu jedoch dunkelroten Lippenstift, ein Zugeständnis meines Vaters. Der Lippenstift zeigte deutlich, dass ich jetzt eine Frau war. Ich hoffte, der grünäugige Mann hatte es bemerkt.
Über McDonells Schulter hinweg konnte ich sehen, dass er immer noch in meine Richtung blickte. Meine Haut begann zu kribbeln.
Wer war er?
Ich unterbrach abrupt den Tanz, murmelte dreist eine Entschuldigung und löste mich von dem Kongressabgeordneten. Dann strebte ich, wenn auch etwas unsicher, auf meinen hochhackigen, silberfarbenen Satinschuhen auf den Fremden zu. Es musste einen Weg geben, ihn kennenzulernen. Für seine Anwesenheit gab es einen bestimmten Grund; mein Vater lud zu Veranstaltungen wie dieser niemals Gäste ein, von denen er nicht irgendetwas wollte.
Auf der anderen Seite des Saals wandte der Mann mir plötzlich den Rücken zu, da sein Begleiter ihn am Arm ergriffen hatte. Mitten in der Menge blieb ich stehen. Das Herz klopfte mir immer noch bis zum Hals.
Warum hatte er diese Wirkung auf mich? Schließlich war ich schon zuvor attraktiven Männern begegnet. Als Tochter eines Politikers hatte ich schon mit allen Arten von Berühmtheiten Kontakt gehabt – Schauspielern, Musikern, Künstlern. Doch keiner von ihnen hatte mir den Atem geraubt, wie dieser Fremde es tat.
Gewiss, ich hatte mich auch gelegentlich verliebt – vorübergehende Verliebtheit in ältere Brüder von Schulfreundinnen oder in die Baristas im Collegealter bei Starbucks. Doch dies fühlte sich vollkommen anders an. Damals hatte meine vorübergehende Vernarrtheit Jungen gegolten. Doch wer auch immer dieser Kerl sein mochte, er war ein richtiger Mann.
Ich schauderte.
Ich zwang mich, lässig zu wirken, und gab vor, am Orchester interessiert zu sein. Ich wollte auf keinen Fall, dass er sich umdrehte und entdeckte, dass ich ihn immer noch anstarrte, als wäre er mein Geburtstagskuchen. Ich mochte zwar nicht viel Erfahrung mit Männern haben, doch ich wusste, dass sie es schätzten, eine Frau erobern zu müssen.
»Da bist du ja.« Michelle tauchte neben mir auf und ergriff meinen Arm. »Daddy braucht dich.«
Ich entdeckte meinen Vater. Wie immer hielt er sich kerzengerade und wirkte äußerst befehlshaberisch. Die grauen Haarsträhnen verliehen ihm den Anschein von Autorität und Erfahrung. Wir besaßen die gleichen stahlblauen Augen und den gleichen eigensinnigen Charakter. Gewiss, ich selbst versteckte diese Eigenschaft hinter einer Maske der Fügsamkeit. Bereits in jungen Jahren hatte ich gelernt, dass ich ein braves Mädchen sein musste, wenn ich etwas wirklich haben wollte. Ich musste meinen Vater glauben machen, es wäre seine eigene Idee gewesen.
Er unterhielt sich gerade mit einem Kollegen, als wir ihn erreichten. Ich bot ihm die Wange zum Kuss.
»Und da ist ja die Prinzessin«, kündigte mein Vater an. »Bist du schon aufgeregt wegen deines Geschenks?«
»Ja, sehr«, erwiderte ich. »Ich kann es kaum erwarten.«
Er lächelte mich an und ich fühlte eine Welle von Stolz und Freude. Unser Streit bezüglich meines Collegebesuchs hatte in letzter Zeit alle alten Ängste wieder aufkeimen lassen: Dass ich nicht die Art von Tochter war, die er sich wünschte. Doch in diesem Augenblick fühlte sich unser Verhältnis gut an.
»Das Wichtige zuerst«, sagte er und drehte mich herum, um seinen Gast anzublicken. »Tori, meine Liebe, hast du den Kongressabgeordneten Ellis schon kenngelernt?«
»Es ist mir eine Ehre.« Ellis nahm meine Hand und drückte mir einen Kuss auf den Handrücken. Sein Blick jedoch blieb konstant an meinem Dekolleté haften.
»Nett, Sie kennenzulernen«, erwiderte ich höflich.
Ellis’ gierige Blicke auszuhalten gehörte zu meinem Job.
Er und mein Vater nahmen den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf – irgendetwas bezüglich eines neuen Komitees, dem sie beide angehörten. Ich versuchte, mich taktvoll davonzuschleichen, doch Michelle hielt mich fest. Es gehörte auch zu meinem Job, zu lächeln und zu nicken.
Ich liebte meinen Vater und wusste, er tat gute, wichtige Dinge. Wenn ich ihm helfen konnte, Wahlen zu gewinnen, indem ich mich zurechtmachte und höflich war, dann wollte ich gern diese Rolle spielen. Doch ich gab den Traum nicht auf, mich zu befreien und mehr aus meinem Leben zu machen.
Das College würde mir die Gelegenheit bieten, in die Welt hinauszugehen. Und außer dass ich mich vollkommen dem Linguistikstudium hingeben könnte, wäre ich endlich auch in der Lage, mir andere bis jetzt nicht erkundete Gebiete … mehr persönlicher Natur … zu erschließen.
Deshalb wartete ich so aufgeregt auf mein Geschenk. Es konnte alles ändern.
Ich konnte mich nicht beherrschen und spähte durch den Saal zu dem dunkelhaarigen Mann in dem perfekt sitzenden Smoking hinüber. Ja, ich fand ihn immer noch umwerfend.
Auch er blickte zu mir hinüber. In seinen Augen standen Flammen, heiß und flackernd. Ich hatte das Gefühl, selbst Feuer gefangen zu haben.
Ich mochte zwar noch Jungfrau sein, doch ich war nicht prüde. Ich besaß einen Vibrator. Ich hatte gut zugehört, wenn Grace oder die anderen Mädchen an meinem Tisch beim Mittagessen über ihre sexuellen Erlebnisse geklatscht hatten. Und ich wusste, wie sich gestohlene Küsse anfühlten, auch wenn sie nur von den Schuljungen stammten, die der Direktor zu unseren Volkstanzveranstaltungen eingeladen hatte. Doch bis jetzt glichen all meine Erlebnisse eher einer neugierigen Erkundung. Sie bedeuteten mir nichts außer ein bisschen Spaß im Augenblick. Doch ich vermisste nichts. Im realen Leben hatte ich nie jemanden kennengelernt, der diese rückhaltlose, schmerzende Begierde in mir geweckt hätte, deren Existenz ich mir vorstellen konnte.
Nicht dass es mir erlaubt gewesen wäre, solchen Gefühlen nachzugeben, wenn ich sie gehabt hätte. Mein Vater verfolgte die strenge Politik, mir keine Verabredungen zu gestatten. Doch dagegen würde ich mich jetzt wehren, da ich achtzehn war. Ich bin erwachsen,
erinnerte ich mich zum zweiten Mal. Mein eigener Herr beziehungsweise meine eigene Frau. Und sobald ich erst einmal weit weg am College wäre, könnte mich niemand mehr aufhalten.
»Genießen Sie Ihre Party?«, erkundigte Ellis sich und unterbrach meine Gedanken, indem er mir eine Hand auf den Arm legte.
»Ah, ja. Mein Vater war sehr großzügig.« Es gefiel mir ganz und gar nicht, dass dieser Mann mich begrapschte. Sein Blick ließ unzweideutig erkennen, dass er mich zum Anbeißen fand. Als ich versuchte, ihm auszuweichen, drängte er sich näher an mich. Mein Vater hatte sich inzwischen abgewandt, um sich mit jemand anderem zu unterhalten.
»Ich habe gehört, Sie sind eine gute kleine Tänzerin«, bemerkte Ellis.
»Wie nett von Ihnen, das zu sagen«, gurrte Michelle, die sich neben mich schob und eine gute Dosis ihres Südstaatencharmes versprühte. »Haben Sie sich eigentlich heute Abend schon mit dem Kongressabgeordneten McDonell unterhalten? Er platzt beinahe vor guten Ideen bezüglich alternativer Brennstoffe und ich weiß nicht was noch.«
»Dieser Mann ist unzivilisiert«, stellte Ellis säuerlich fest.
»Dann müssen wir ihn zu einem Duell herausfordern. Steht er nicht dort drüben beim Punsch?«
Sie nahm seinen Arm und machte Anstalten, ihn wegzuführen. Dabei zwinkerte sie mir verschwörerisch zu. Michelle war sehr gut in diesen Dingen.
»Eigentlich«, mischte mein Vater sich ein und vertrat Ellis den Weg, »glaube ich, dass Victoria zuerst gern mit Ihnen tanzen würde.«
»Wunderbar«, zirpte Michelle und warf mir einen entschuldigenden Blick zu.
»Gewiss, gern«, sagte ich und nahm die Hand, die Ellis mir reichte. Ich wusste, was von mir erwartet wurde. Darin hatte ich Erfahrung. Ich zwang mich zu einem Lächeln und ließ mich von ihm auf die Tanzfläche zurückführen.
Er war ein passabler Tänzer, doch sein Blick klebte an meiner Brust, sogar während wir uns unterhielten. Ich konnte nicht umhin, mir zu wünschen, dass ein Mann mich ein einziges Mal um einen Tanz bitten würde, weil er mich besser kennenlernen wollte, und nicht nur, um mich zu begaffen. Und ich wusste auch genau, auf welchen Mann ich hoffte.
Ich verrenkte mir den Hals, um ihn in der Menge zu entdecken, doch jedes Mal, wenn ich dachte, einen Blick auf ihn erhascht zu haben, wirbelte mich der Abgeordnete herum.
Abgesehen davon war ich mittlerweile ein Nervenbündel. Und wenn ich mit meinen Vermutungen bezüglich der Überraschung falschlag? Es konnte sich ebenso gut um einen neuen Wagen oder einen schicken Urlaub handeln. Nicht dass ich undankbar gewesen wäre … doch solche Dinge halfen mir nicht, mir ein Leben aufzubauen. Ich liebte meinen Vater, doch ich wusste, er verstand meine Leidenschaft für ein Linguistikstudium nicht. Niemand tat das.
»Die Kurse sind todlangweilig, Tori. Und du weißt doch, dass du niemals etwas mit einem solchen Abschluss anfangen wirst, nicht wahr?«, hatte Grace mich während der Stunden gemeinsamen Lernens bedrängt.
Doch sie hatte in beiderlei Hinsicht unrecht. Ich würde mich niemals in einem Kurs langweilen, in dem es um die Verbindung zwischen Sprache und Humor ging oder um den Unterschied zwischen »Schwachsinn und Lügen« (das hatte ich alles auf der Webseite der Universität von Chicago gelesen). Und wer wäre nicht daran interessiert, etwas über die Kultur der Schwerhörigen oder über Psycholinguistik zu erfahren? Während ich den Abschluss in diesem Studium besonders für meine Seele brauchte, war er gleichzeitig auch der Einstieg für eine akademische Karriere. Daher wäre ein solches Studium für mich überhaupt nicht nutzlos. Grace würde eines Tages ein milliardenschweres Designerhandtaschen-Imperium erben, doch ich wollte meinen eigenen Weg gehen. Ich mochte die Politik zwar im Blut haben, jedoch nicht im Herzen.
Schließlich führte mich der Abgeordnete von der Tanzfläche. Er presste seine Hand an meinen Rücken, etwas zu nahe an der Krümmung meiner Pobacken. Sobald mein Vater in Sicht kam, ließ er die Hand jedoch fallen. Mein Vater befand sich immer noch in Gesellschaft meiner Stiefmutter, doch hatte sich ihnen eine dritte Person angeschlossen.
Der geheimnisvolle Fremde.
Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Von Nahem wirkte er noch umwerfender – die grünen Augen zeugten von scharfer Intelligenz und blickten mir abschätzend entgegen. Dies war ein Mann, dem nichts entging. Aber was sah er, wenn er mich anblickte? Ich war so gefangen, dass ich kaum bemerkte, wie Ellis sich von der Gruppe entfernte.
»Victoria, Liebling«, sagte mein Vater und nahm eine meiner Hände zwischen seine. »Erinnerst du dich, dass ich dir für heute Abend eine Überraschung versprochen habe?«
Ich nickte abwesend, denn meine Aufmerksamkeit galt immer noch dem Mann. Er besaß wunderbare Lippen, voll und sinnlich. Doch jetzt presste er sie fest zusammen, was seine Miene unergründlich wirken ließ. Ich hatte keine Ahnung, was er dachte.
»Nun gut. Hier ist deine Überraschung«, stellte mein Vater fest, während er ausladend mit einem Arm herumwedelte.
»Wo?« Ich blickte mich im Saal um, doch ich entdeckte weder die weißbraunen Flaggen der Universität von Chicago noch eine Geburtstagstorte, aus der ein Scheck für die Studiengebühren hervorlugte, ja noch nicht einmal einen Fetzen Geschenkpapier. Ich ließ den Blick wieder zu meinem Vater wandern. Er grinste breit.
»Genau hier«, sagte er und klopfte dem geheimnisvollen Mann auf die Schulter. »Dies ist dein Geschenk, Tori. Darf ich dir deinen zukünftigen Ehemann Stefan Zoric vorstellen?«