Tori
Ich war außerstande,
etwas zu erwidern, denn ich war mit vorübergehender Aphonie geschlagen – vom griechischen aphonos
, stimmlos. Wörter waren stets meine Rettung gewesen, doch jetzt … nichts. Ich spürte nichts, außer dass mir das Blut aus dem Gesicht wich und mir der Unterkiefer herunterfiel, während ich versuchte zu verarbeiten, was mein Vater gerade gesagt hatte.
Ehemann?
Ehemann?
Ich musste etwas falsch verstanden haben. Es musste ein Witz sein.
Ich lachte gezwungen auf, doch niemand fiel in mein Lachen ein. Alle starrten mich mit erwartungsvollen Gesichtern an. Mein Vater lächelte immer noch. Der gut aussehende Fremde – mein angeblich frischgebackener Verlobter
– lächelte nicht, runzelte aber auch nicht erstaunt die Stirn. Er wirkte eher … neugierig, als schätzte er meine Reaktion ein.
Doch überrascht sah er nicht aus.
Eigentlich blickte niemand überrascht drein. Im Gegenteil, es schienen alle darauf zu warten, dass ich mich äußerte.
»Mein … Ehemann?«, stieß ich schließlich hervor.
»Gratulation! Und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!« Mein Vater legte einen Arm um mich und drückte meine Schulter.
Ich starrte ihn an.
»Mitch.« Meine Stiefmutter trat näher an uns heran. Dann senkte sie ihre Stimme zu einem respektvollen Flüstern. »Hast du es ihr nicht vorher gesagt? Was hast du dir dabei gedacht?«
Zumindest gab es eine Person, die so geschockt war wie ich.
Allerdings nicht aus dem gleichen Grund. Michelle hatte gewusst, was vor sich ging. Alle hatten es gewusst. Alle außer mir. Diejenige, die verheiratet werden sollte.
»Ich dachte, es wäre lustiger so«, erwiderte mein Vater, wobei er ein wenig so klang, als fühlte er sich angegriffen. »Immerhin sollte es eine Überraschung sein.«
Michelle runzelte kurz die Stirn, doch ebenso schnell war der Anflug von Missbilligung verschwunden und die Furche zwischen ihren Brauen glättete sich. Sie wandte sich mit einem warmen Lächeln an meinen Verlobten.
»Willkommen in der Familie, Stefan«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.
»Danke.« Der gut aussehende Fremde nahm ihre Hand und verbeugte sich leicht. Er benahm sich so königlich wie ein Märchenprinz, sodass ich trotz meines Schocks bezaubert war. Nur ein wenig.
Doch dann wandte er seinen Charme mir zu.
Mein Gott, ich steckte in Schwierigkeiten!
Mir wurden buchstäblich die Knie weich. Seine vollen, hinreißenden Lippen formten sich zu einem Lächeln, als versprächen sie insgeheim etwas. Etwas Gutes. Dann nahm er meine Hand fest in seine, zog sie an seinen verlockenden Mund und drückte mir einen Kuss auf den Handrücken.
Seine Lippen waren heiß. Ihre Wärme schoss durch meinen ganzen Körper, als unsere Blicke sich trafen. Dann drehte er meine Hand herum, um einen weiteren Kuss auf die Innenseite meines Handgelenks zu pressen. Ich senkte den Blick, denn ich hatte das Gefühl, den Kuss zwischen meinen Beinen zu spüren.
»Victoria Lindsey«, sagte er leise, als er endlich meine Hand freigab. »Es ist mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen.«
Bildete ich es mir ein oder hatte er das Wort Vergnügen
besonders betont?
Ich schauderte. Die Überraschung und der Schock hatten mich überwältigt, doch jetzt spürte ich auch Erregung. Körperliche, chemische Anziehungskraft, weit über die anfängliche Attraktion hinausgehend, die sein Gesicht und seine Gestalt bereits zuvor auf mich ausgeübt hatten. Es traf mich wie ein Schlag und es fiel mir schwer wegzuschauen.
Stefan.
Schon sein Name klang exotisch und wie das Versprechen auf etwas Neues. Etwas anderes. Doch er kam mir auch vertraut vor. Zumindest sein Nachname.
»Zoric – bist du mit Konstantin Zoric verwandt? Dem Inhaber von KZ Modeling?«
In Stefans Blick veränderte sich etwas, doch er nickte. »Er ist mein Vater. Es ist ein Familienunternehmen.«
Natürlich hatte ich den Namen wiedererkannt. KZ hatte einige der heißesten Models des Landes unter Vertrag, möglicherweise der ganzen Welt. Das Unternehmen machte ständig Schlagzeilen.
In meinem Kopf drehte sich alles. Ich stand wie erstarrt, eine Barbie-Puppe, stocksteif in meinem Abendkleid.
»Stefan, könntest du uns für eine Minute entschuldigen?«, mischte Michelle sich ein und zeigte ihr bestes Gastgeberinnenlächeln. »Ich denke, wir brauchen einen Augenblick allein.«
»Gewiss«, sagte mein Verlobter. Mein Verlobter.
Allein das Wort zu denken versetzte mir einen Schock.
Mein Vater blickte sie missbilligend an. »Sie machen sich doch gerade erst miteinander bekannt. Alles andere kann warten.«
»Ich glaube, dir und Tori könnte ein kleines Vater-Tochter-Gespräch vorab nicht schaden. Unter vier Augen«, erklärte sie, während sie ihm einen beschwörenden Blick zuwarf. Einen Blick, den sie kaum einsetzte – da sie meinem Vater in der Öffentlichkeit gewöhnlich nicht widersprach –, doch es funktionierte.
»Bitte, geht nur. Ich werde warten.« Stefan nickte diskret und zog sich zurück, um uns allein zu lassen.
Michelle ergriff mich am Ellbogen und schob mich zu dem kleinen Salon, der an den Ballsaal angeschlossen war. Mein Vater folgte. Der Raum war ruhig und fern allen Trubels. Meine Stiefmutter drückte mir, obwohl ich noch gar keinen Alkohol trinken durfte, ein Glas Champagner in die Hand, bevor sie die Tür schloss und wir drei unter uns waren.
Ich nippte einige Male an dem Champagner, doch dann leerte ich das Glas in einem Zug, denn mir wurde langsam die Realität bewusst.
Mein Vater hatte eine Heirat zwischen Stefan und mir arrangiert. Ein Mann, dem ich noch niemals begegnet war. Das war meine Geburtstagsüberraschung. Nicht das College. Nicht ein Scheck zur Deckung der Studiengebühren. Heirat. Ich sollte verhökert werden.
Die Hitze, die mir durch den Körper geschossen war, als Stefan mich berührt hatte, war verschwunden. Ich fühlte nur noch Kälte. Auf meinen nackten Armen bildete sich eine Gänsehaut und ich unterdrückte den Drang zu zittern. Am liebsten hätte ich mir die Arme um den Leib geschlungen, doch ich wusste, eine solche Körpersprache würde mich wie ein trotziges kleines Kind aussehen lassen. Und ich wollte, dass mein Vater meine nächsten Worte ernst nehmen würde.
»Ich dachte, du würdest dich freuen«, sagte er. Er spreizte die Hände und wirkte ehrlich verblüfft. »Du wusstest doch, dass dies einmal geschehen würde.«
»Ja, aber …« Verstand er denn nicht, dass seine Ankündigung mich wie aus heiterem Himmel getroffen hatte?
»Er sieht doch gut aus, oder nicht? Er ist reich. Verfügt über gute Beziehungen. Er hat seinen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre an einer Eliteuniversität gemacht, um Gottes willen«, fuhr er fort.
»Er ist ein außergewöhnlicher junger Mann«, stimmte meine Stiefmutter zu. »Ich denke, Tori fühlte sich lediglich von dem Arrangement überrollt.« Sie warf mir einen ermutigenden Blick zu. »War es nicht so, Liebling?«
Ich schaffte es zu nicken, denn ich wusste, Michelle wollte mir freundlicherweise helfen, mit Würde meine Verwirrtheit und Überraschung zu überspielen.
Inzwischen hatte ich jede noch so kleine Hoffnung aufgegeben, es könnte sich um einen Scherz handeln. Obwohl Michelle sich für mich eingesetzt und mich vor der Demütigung bewahrt hatte, diese Diskussion in der Öffentlichkeit zu führen, war ich mir bewusst, dass sie die Entscheidung meines Vaters bezüglich meiner Zukunft nicht infrage stellen würde.
Aber es ging um meine Zukunft. Ich war jetzt achtzehn. Eine Erwachsene. Ich musste Stefan nicht heiraten.
Oder doch?
Ich musste mir eingestehen, dass ich in jeder Hinsicht von meinem Vater abhängig war. Außer meiner ehrenamtlichen Arbeit und sozialen Diensten hatte ich noch niemals einen Job gehabt, niemals eigenes Geld verdient. Alles, was ich besaß, stammte von ihm. Ich hatte immer gewusst, dass Bedingungen daran geknüpft waren.
Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass diese Bedingungen derart tiefgreifend wären. Derart mein Leben ändern würden. So bald schon.
»Warum gerade Stefan?«, fragte ich. »Seine Familie hat nichts mit Politik zu tun. Das ist doch sinnlos.«
»Nein, im Gegenteil. Genau diese Menschen brauchen wir in unserem inneren Kreis«, erklärte mein Vater und zupfte an seinen Manschetten, was er stets tat, wenn er ungeduldig wurde.
»Warum?« Mein Vater wollte offensichtlich keine Erklärungen abgeben, doch ich brauchte solche. Gewiss hatte er seine Gründe. Er tat niemals etwas, ohne zuvor endlose Stunden der Planung und Entscheidungsfindung zu widmen.
Michelle räusperte sich. »Tori, die Zorics sind wohlhabend und großzügig. Außerdem verfügen sie über ein weitläufiges Netz an Beziehungen. Das Band, das deine Heirat zwischen unseren Familien knüpft, wird ausschlaggebend für die Wiederwahl deines Vaters im nächsten Jahr sein, verstehst du?«
Ich nickte zustimmend, fühlte mich jedoch wie betäubt. Gewiss. Hinter allem steckten die Finanzierung des Wahlkampfes und die Sicherung von Wählerstimmen.
Ich hätte nicht überrascht sein sollen. Mein Vater würde sich nächstes Jahr einer erschreckenden Menge an Konkurrenten stellen müssen und brauchte alle Hilfe, die er bekommen konnte. Und dies war die Art Hilfe, die er suchte. Ohne Zweifel waren die Zorics von unschätzbarem Wert.
»Du solltest dich glücklich schätzen«, sagte mein Vater. »Dieser Mann ist eine gute Partie. Männer wie Konstantin und seine Söhne sind jeden Tag von wunderschönen Frauen umgeben. Stefan hätte jede Braut haben können, doch er hat zugestimmt, dich zu heiraten. Er muss auch ein Opfer bringen.«
Das saß.
»Es geschieht lediglich alles … so schnell«, murmelte ich. »Und wenn es ein Fehler ist?«
»Sei nicht kindisch, Victoria«, erwiderte mein Vater scharf. Er verlor die Geduld. »Ich habe bemerkt, wie du ihn angeschaut hast. Du hast ihn praktisch mit Blicken ausgezogen. Du bist offensichtlich bereits halb in ihn verliebt. Dies ist ein doppelter Gewinn.«
Ich war peinlich berührt, dass mein Vater so leicht mein Interesse erkannt hatte. Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass mir ein Teil des Puzzles fehlte. Auch wenn es mich reizte, mit einem Mann wie ihm verheiratet zu werden – machtvoll, selbstbewusst, mit einem ausdrucksstarken Kinn –, was gewann Stefan dabei? Die Interessen unserer Väter waren mehr als offensichtlich … aber die meines Verlobten?
»Ich verstehe immer noch nicht, was Stefan davon hat.«
»Oh, Tori«, sagte Michelle kopfschüttelnd, »du weißt doch, wie Männer sind, wenn es um schimmernde Objekte geht. Denk doch mal nach. Stefan ist ein Mann, der für dich sorgen und dir Sicherheit bieten kann.«
»Was könntest du dir mehr wünschen?«, fügte mein Vater hinzu.
»Du hast keine Ahnung von meinen Wünschen«, stieß ich hervor und war geschockt über mich selbst. Noch niemals hatte ich meinem Vater widersprochen.
Aber schließlich hatte ich eigene Träume. Träume, von denen ich angenommen hatte, dass ich sie verwirklichen könnte, bevor ich mit jemandem eine Ehe einging. Und jetzt waren meine Collegepläne vom Tisch, weil mein Vater von mir verlangte, alles mir Wichtige zu opfern, um als Trophäe an den Sohn seines Verbündeten gegeben zu werden.
»Geht es um deinen kleinen Unterwasserkorbflechtkurs? Wünschst du dir den immer noch? Nun gut, weißt du was? Dein neuer Ehemann kann sich das leisten«, erwiderte er.
Ich presste die Lippen aufeinander und starrte aus dem Fenster, während ich versuchte, mich zu sammeln. In einem Punkt hatte er recht. Die Situation konnte mir zum Vorteil gereichen. Mein Vater würde bekommen, was er wollte, und ich vielleicht auch. Außerdem hatte er nicht unrecht mit der Aussage über Stefans gutes Aussehen. Und ich würde ihm gehören.
Zumindest bis ich meinen Abschluss hätte. Vier Jahre, vielleicht acht, falls ich mich entschlösse, einen Doktortitel haben zu wollen.
Für ein paar Jahre könnte ich es aushalten, mit einem so gut aussehenden Mann wie Stefan verheiratet zu sein, oder etwa nicht? Ein Zuhause mit ihm zu teilen, ein Leben … und ein Bett.
In meinem Kopf drehte sich alles.
»Das war immer mein Plan, Tori«, sagte mein Vater. »Dieser Mann und seine Familie können dir alles bieten, wovon du auch immer träumen magst. Ich biete dir die Chance, ein leichtes und luxuriöses Leben zu führen. Du solltest mir dankbar dafür sein, dass ich eine solch gute Partie für dich gefunden habe.«
»Es gibt einfach nur … so viel zu bedenken«, erwiderte ich. Plötzlich pochten meine Schläfen.
»Dann hör auf zu denken«, befahl mein Vater.
Michelle legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Mitch. Mit Honig fängst du mehr Fliegen.«
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, flüsterte ich. »Ich habe das Gefühl, in der Falle zu sitzen.«
»Tanz mit ihm«, schlug Michelle vor und wandte sich mir zu. »Geh wieder in den Saal hinein und probiere aus, wie es sich anfühlt, in seinen Armen zu sein. Dann kannst du dich entscheiden, was du tun willst. Ich weiß, du wirst die richtige Entscheidung treffen.«
»Ich schlage vor, du befolgst den Rat deiner Stiefmutter«, sagte mein Vater mit drohender Stimme.
Ich nickte zustimmend. Michelles Worte waren zwar freundlicher als seine gewesen, doch der Inhalt war klar: Du kannst mit ihm tanzen, aber am Ende wirst du ihn heiraten, ob du willst oder nicht.
Eine einzige Sache wusste ich immerhin. Ich hatte keine Wahl.