Vier
Tori
Drei Monate später
Es heißt, spare niemals an einem professionellen Hochzeitsfotografen, denn der Tag vergeht so schnell, dass du dir später die Fotos betrachten musst, um dich daran zu erinnern. Vor dem heutigen Tag hatte ich dem keinen Glauben geschenkt, doch als ich mich jetzt mit den hochhackigen Satinschuhen in der Hand auf das Seidensofa in einem leeren Zimmer sinken ließ, wurde mir bewusst, dass diese Redensart der Wahrheit entsprach. Ich hatte kaum Gelegenheit gehabt, die Geschehnisse zu verinnerlichen, und jetzt war bereits alles vorbei.
Stefan und ich waren verheiratet. Ich war seine Frau.
Ich konnte es immer noch nicht glauben.
Meine letzte deutliche Erinnerung war, dass ich mit wild klopfendem Herzen in den überfüllten Veranstaltungsraum gespäht und den schweren Duft der weißen Lilien und ein Meer von Gesichtern wahrgenommen hatte. Alle flüsterten aufgeregt miteinander. Die meisten Leute waren mir entweder unbekannt oder mir erst neu vorgestellt worden. Danach verschwamm alles.
Die Zeremonie war kurz gewesen und umso schneller hatten wir uns auf dem anschließenden üppigen Empfang wiedergefunden. Zu meiner Überraschung hatte Stefan einen eigenen Schwur formuliert – oder zumindest formulieren lassen. Ich war so nervös, dass ich nur ab und zu ein paar Wörter aufnehmen konnte, und stets handelte es sich um die üblichen Beteuerungen von gegenseitiger Ehrerbietung, Unterstützung und dem gemeinsamen Meistern von Herausforderungen beim Eintritt in den Beginn eines neuen Kapitels unseres Lebens.
Doch als der Standesbeamte sich an mich wandte und der letzte Teil der Frage zu mir durchdrang – bis dass der Tod uns scheidet? –, erstarrte ich. Alle Gäste hielten den Atem an und warteten auf meine Antwort. Doch ich war vollkommen paralysiert und mein Blickfeld wurde an den Rändern schwarz.
Bekam ich jetzt die sogenannten kalten Füße ? Würde ich am Altar einen Rückzieher machen?
Doch dann beugte Stefan sich zu mir und flüsterte mir etwas ins Ohr, das nur ich hören konnte. Etwas, das ich nie vergessen würde.
Alis volat propiis , sagte er leise. Dann trat er zurück und lächelte.
Es war Latein. Sie fliegt mit ihren eigenen Schwingen.
Als mir bewusst wurde, was er zu mir gesagt hatte, fokussierte sich mein Blick wieder und mein Kopf wurde vollkommen klar.
Ich erwiderte Stefans Lächeln. »Ja, das will ich«, sagte ich laut.
Und dann küssten wir uns.
Später am Abend – ich hätte nicht einmal mehr die Uhrzeit bestimmen können – stellte man mir förmlich einen Großteil der Familie Zoric vor. Da war natürlich Stefans Vater, mit dem ich ganz kurz an unserem Verlobungsabend gesprochen hatte, doch daneben Unmengen an Cousinen und Cousins, ältere Verwandte und auch einige Kinder. Am schönsten war es jedoch gewesen, Stefans jüngere Geschwister kennenzulernen, Luka und Mara.
Luka schien genau der Frauenheld zu sein, als den Stefan ihn beschrieben hatte. Für jede Frau, die er erblickte, ließ er seine Grübchen spielen. Doch mir gegenüber war er einfach nur nett. Mara, die reisende Fotografin, die einst Aschenputtel so sehr geliebt hatte, warf noch in der ersten Sekunde unseres Kennenlernens die Arme um mich und bestand darauf, ich sollte sie wie jeder in der Familie Emzee nennen. Mit ihrem dunklen, wallenden Haar und den mit schwarzem Kajal umrandeten grauen Augen hätte sie eins der Models der Agentur sein können.
Und dann gab es noch jede Menge andere Verwandte und Freunde, so viele Namen und Gesichter, die ich mir unmöglich alle merken konnte. Ich wünschte, jemand hätte mir vor der Hochzeit Lernkarten gegeben, mit deren Hilfe ich mich an all die Namen und dazugehörigen Informationen hätte erinnern können, so wie sie mir des Öfteren vor den Veranstaltungen meines Vaters gegeben worden waren. Ich konnte nur hoffen, später alle besser kennenzulernen, sobald Stefan und ich uns an unser Eheleben gewöhnt hätten. Und das würde einige Zeit beanspruchen.
Das Rascheln meines Kleides hallte durch das separate Zimmer, das speziell für mich in der Nähe des Ballsaals im Hotel eingerichtet worden war. Dies war der erste Augenblick seit Beginn des Tages, den ich für mich allein hatte. Ich brauchte ein paar Sekunden Zeit, um den ereignisreichen Tag zu verarbeiten, bevor ich mich Stefan – meinem Ehemann , wie ich mich selbst erinnerte – anschließen wollte, um uns von den Gästen zu verabschieden. Anschließend würden wir nach oben in unser Zimmer gehen.
Unser Zimmer.
Die Hochzeitssuite.
Ich schluckte. Heftig.
Alles war so schnell gegangen, dass ich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, wegen der Hochzeitsnacht eine gewisse Nervosität zu entwickeln. Doch nun wurde es mir umso deutlicher bewusst.
»Da bist du ja.«
Mein Kopf flog hoch und ich drehte mich herum. Ich sah, wie meine Freundin Grace ihren Kopf durch die Tür steckte, einen Ausdruck der Schadenfreude auf dem Gesicht.
»Hey du«, begrüßte ich sie lächelnd trotz meiner Erschöpfung.
»Das war ein wunder-wundervoller Tag!«, zwitscherte sie. »Es war alles so perfekt.«
»Das war allein Michelles Werk. Und danke, dass du gekommen bist. Es tat gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen.« Das war nicht gelogen. »Ich kenne nicht einmal die Hälfte der Leute, die wir eingeladen haben. Ich glaube, es haben sich sogar Presseleute eingeschlichen.«
»Das würde mich nicht überraschen.« Sie schwebte in ihrem mit Volants besetzten Kleid zu mir herüber, streifte sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen und ließ sich neben mir auf dem Boden niedersinken. »Stefan ist verdammt umwerfend, Tori. Ich habe zweimal mit ihm getanzt während des Dollar-Dances – als hättet ihr beiden einen Geldregen überhaupt nötig – und war hin und weg. Aber keine Sorge. Er hat dich den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen.« Sie grinste zweideutig. »Ich glaube, jetzt verstehe ich endlich, warum das Klonen von Menschen stark reglementiert wird.«
»Du bist furchtbar«, rief ich.
»Ich weiß, ich bin schlimm. Aber du liebst mich. Gott, wo hast du ihn nur so schnell aufgetrieben? Gerade noch machst du dich wegen deiner Studiengebühren und Kursangebote verrückt und im nächsten Augenblick bekomme ich aus heiterem Himmel diese wahnsinnige Hochzeitseinladung auf Goldpapier. Es ist, als wäre alles über Nacht geschehen.«
»Er war Gast auf meiner Geburtstagsparty«, erwiderte ich vorsichtig. »Der Sohn eines der Freunde meines Vaters. Es geschah alles so schnell, ich bin einfach nicht dazu gekommen … dich auf dem Laufenden zu halten.«
Auf keinen Fall würde ich Grace oder irgendjemand anderem auf die Nase binden, dass unsere Hochzeit arrangiert war.
»Ich kann einfach nicht glauben, dass ich auf Ibiza herumgelegen habe, während du dich an diesen Kerl herangemacht hast. Ein Zoric! Ich werde niemals wieder in Urlaub fahren. Sag mir bitte, dass sein Bruder Single ist. Ich konnte ihn bisher nicht allein erwischen.«
»Luka? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ungebunden ist«, erklärte ich. »Aber ich glaube nicht, dass er an einer monogamen Beziehung Interesse hat. Aber man weiß nie. Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen.«
»Du bist und bleibst die Beste«, rief Grace mit schriller Stimme und schlang die Arme um meine Beine. »Hör zu, ich werde mich jetzt wieder der Hochzeitsgesellschaft anschließen, aber ruf mich bald an. Ich will alle Einzelheiten erfahren. Besonders was die heutige Nacht betrifft.« Sie zwinkerte mir zu.
»Lass uns nicht darüber reden«, erwiderte ich und verbarg das Gesicht in den Händen.
»Tori Lindsey«, stieß Grace hervor, »willst du mir ernsthaft erzählen, du hättest deine Jungfräulichkeit noch nicht verloren? An jenen Mann dort draußen? Den du gerade erst geheiratet hast?«
Mein Schweigen war Antwort genug.
Sie wirkte verwirrt, doch dann verstand sie.
»Oh, ich verstehe.« Sie nickte langsam. »Er steht auf Jungfrauen. Mein Gott, Tori, du hast den Vogel abgeschossen. Wenn das kein Glück ist. Ich kann es kaum glauben, aber all die Jahre der Keuschheit haben sich schließlich bezahlt gemacht. Du Schlimme! Warte. Heißt das, ihr habt noch nicht einmal –«
»Ach, ich bin so müde«, schnitt ich ihr das Wort ab. Ich fühlte mich unerträglich gedemütigt. »Ich denke, ich sollte –«
»Bah! Keine Sorge, ich gehe. Ich weiß, du musst bei Kräften bleiben«, meinte Grace neckend und schlüpfte wieder in ihre Schuhe. »Denk daran, Gleitcreme ist äußerst nützlich. Das ist der einzige Ratschlag, den ich mir damals gewünscht hätte. Und vergiss nicht, mich anzurufen. Hab dich lieb!«
Dann hastete sie aus dem Zimmer, schloss die Tür hinter sich und überließ mich wieder der Stille.
Ich hatte Angst, doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, gleich dort auf dem Sofa einschlafen zu können. All die Aufregung zehrte immer noch an mir. Vielleicht sollte ich einen Kaffee trinken? Schließlich würde ich die ganze Nacht mit Stefan wach bleiben, oder etwa nicht? Mein Puls begann allein bei dem Gedanken zu rasen.
In einer Sache hatte Grace recht. Alles war sehr schnell geschehen. Obwohl ich mich wahnsinnig zu Stefan hingezogen fühlte, hatten wir uns während der Verlobungszeit kaum gesehen, geschweige denn viel besser kennengelernt. Nach meiner Party war er aus beruflichen Gründen nach Chicago zurückgekehrt und ich war in Springfield geblieben und hatte mich darauf vorbereitet, im Herbst mein Studium an der Universität von Chicago aufzunehmen.
Michelle hatte die Planung der Hochzeit innerhalb von zwei Monaten abgewickelt, was ohne die Beziehungen meines Vaters und der Familie Zoric unmöglich gewesen wäre. Ich hatte sie niemals so ambitioniert oder so beschäftigt gesehen. Um ehrlich zu sein, war ich selbst mehr an meinem Studium als an der Planung der Hochzeit interessiert gewesen, daher war ich erleichtert, dass andere Leute sich um die Einzelheiten kümmerten.
Ich hatte kein Wort mitzureden gehabt, einschließlich mein Kleid betreffend, das meine Stiefmutter aus dem Ärmel geschüttelt hatte – ein elegantes Kunstwerk aus Seide mit einem tief ausgeschnittenen, aber geschmackvollen Halsausschnitt und kleinen Perlknöpfen auf dem Rücken, die perfekte Mischung aus Klassik und Moderne. Hatte ich mich auf meiner Geburtstagsparty wie Aschenputtel gefühlt, nun, so war ich mir heute wie eine Königin vorgekommen.
Scheinbar hatte Stefan es genauso gesehen.
Die Hochzeit hatte mir einen ersten Eindruck davon vermittelt, über wie viel Geld und Einfluss die Mitglieder seiner Familie wirklich verfügten. Wenn sie etwas haben wollten, spielte Geld keine Rolle. Michelle hatte mein Kleid von einem serbischen Designer entwerfen lassen wollen, vielleicht zu Ehren der Vorfahren meines Ehemannes? Sie hatte ihren Willen bekommen. Sie hatte sich gewünscht, dass Chicagos berühmtester neuer Koch das Catering übernahm? Kein Problem. Jede Veranstaltung, von der Verlobungsparty bis zum Hochzeitsempfang, hatte in einem der exklusivsten, elitärsten Hotels der Stadt stattgefunden, die alle Stefans Familie gehörten. Ich hatte nichts weiter zu tun, als in einem neuen Kleid zu erscheinen, für die Kameras zu lächeln und den Bräutigam zu küssen.
Trotz allem erinnerte ich mich noch an das, was Stefan mir an jenem ersten Abend gesagt hatte: Ich sollte mein eigenes Leben leben.
Aufgeregt malte ich mir aus, wie mein Leben sich verändern würde.
Doch nervös war ich auch.
Ich hatte gehofft, Stefan und ich hätten während der Verlobungszeit die Möglichkeit gehabt, uns näher kennenzulernen. Dass wir uns zumindest am Telefon unterhalten oder gelegentlich über SMS miteinander geflirtet hätten. Insgeheim hatte ich sogar gehofft, er würde ein wenig seiner kostbaren Zeit opfern, um mich zu besuchen und mit mir auszugehen.
Es war furchtbar zu erkennen, dass ich gerade einen Mann geheiratet hatte, mit dem ich mich nicht ein einziges Mal zum Abendessen verabredet hatte. Außer anlässlich jenes einen Tanzes auf meiner Geburtstagsparty hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt.
Ich wusste, ich hätte nicht enttäuscht sein sollen – wollten wir nicht eigentlich nur auf dem Papier heiraten? –, doch trotz alledem hatte ich mir gestattet, mich der Romantik des ersten Abends zu überlassen. Ich hatte mir erlaubt, mir ein märchenhaftes Leben mit meinem Ehemann auszumalen, in dem wir als Fremde beginnen und uns am Ende ineinander verlieben. Oder zumindest Lust aufeinander haben.
Denn ich wusste, das erwartete man von einer Ehefrau. Dieser Teil des Deals war für mich am schwersten zu schlucken gewesen, zu wissen, ich würde mich mit Körper und Seele einem Fremden hingeben.
Zumindest musste ich mir keine Sorgen darüber machen, dass ich ihn nicht attraktiv fand.
Stefan bot an unserem Hochzeitstag einen Anblick, den man nicht mehr vergaß. Er wartete vor dem Altar auf mich, in einem mitternachtsblauen Smoking, der seine breiten Schultern und die schmale Taille betonte. Er sah aus wie ein Gott.
Am Ende der Zeremonie hatten wir uns zum zweiten Mal geküsst und dieser Kuss war so voller Elektrizität wie der erste auf meiner Geburtstagsparty. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie intensiv unsere Begegnung heute Nacht werden würde, wenn wir allein wären.
Ich war bereit.
Nun gut, das war gelogen.
Ich hatte viel darüber nachgedacht. Mir vorgestellt, wie er sich mir gegenüber verhalten würde. Wäre er nett und sanft? Oder grob und fordernd? Meine Fantasie sprang zwischen beiden Bildern hin und her. Aber ich wusste, die Realität war etwas anderes als das, was ich mir im Geiste vorstellte. Und wenn ich auch in meiner Fantasie gern grob genommen worden wäre, wäre es in Wirklichkeit wahrscheinlich zu viel für mich.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Zimmers erneut und ich erhob mich, wobei mein Kleid raschelte. Ich war begierig, es loszuwerden. Ich schauderte bei dem Gedanken, mein Ehemann würde mir helfen, es auszuziehen.
Doch es war nicht Stefan, sondern Michelle mit einer Louis Vuitton Tasche in der Hand.
»Komm, wir schälen dich aus diesem Kleid«, sagte sie, »und ziehen dir etwas an, das du tragen kannst, um dich von den Gästen zu verabschieden, bevor ihr in die Hochzeitssuite hinaufgeht.«
Das Kleid entsprach ein bisschen mehr meinem Stil – ein schlichtes schwarzes Etuikleid mit rundem Ausschnitt und kurzen Ärmeln. Stefan hatte es mir geschenkt. Ich hatte mich bereits an die Vergünstigung gewöhnt, mir Kleider von Stefans persönlichem Schneider anfertigen zu lassen. Ich liebte es geradezu.
Michelle plapperte weiter, wie wundervoll der Tag gewesen war, während sie begann, die komplizierten Knöpfe auf meinem Rücken zu öffnen. Ich strich mit den Händen über mein Kleid. Endlich begriff ich, dass dies alles Realität war.
Ich war verheiratet.
Gesetzlich und körperlich gebunden.
An einen eigentlich Fremden.
Meine Stiefmutter musste bemerkt haben, dass mein Atem schneller wurde und meine Hände zitterten. Sie drehte mich herum und blickte mir in die Augen.
»Ich verspreche dir, alles wird gut«, sagte sie in ihrem beruhigenden Südstaatenakzent. »Er wird dir genau sagen, was er will. Keine Sorge. Für die meisten Männer ist es … nun, ein Segen.«
Mir wurde bewusst, dass sie über meine Jungfräulichkeit sprach.
Mein Atem beschleunigte sich.
»Oh, Süße, mir ist es auch einmal so ergangen.« Michelle drückte mich sanft aufs Sofa zurück und setzte sich neben mich. Sie roch tröstlich nach Magnolien, dem für sie typischen Duft. »Es ist deine Aufgabe, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Denk immer daran.«
Ich nickte. »Gut. Das habe ich verstanden. Aber was ist, wenn ich das nicht kann?«
»Du musst nichts weiter tun, als dich von ihm führen zu lassen. Du ziehst eine Menge Vorteile aus diesem Handel, aber denke an das, was er bekommt – dich. Deinen Körper. Er gehört jetzt ihm.«
Ich versuchte zu vergessen, dass Michelles Erfahrungen in dieser Hinsicht aus dem Zusammensein mit meinem Vater stammten. Ich war nicht naiv. Ich wusste, was von mir erwartet wurde. Doch auf diesem Gebiet war ich nur ungenügend vorbereitet worden. Jetzt, da ich mich der Situation stellen musste, begann ich zu zweifeln.
»Und wenn ich nicht damit zurechtkomme?«, fragte ich Michelle, von Zweifel überwältigt.
Sie sah mich streng an. »Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für solche Reden. Du kannst es. Du wirst es tun. Du hast keine andere Wahl.«
Sie hatte recht. Wenn ich das Leben führen wollte, das ich mir wünschte, wenn ich eine Ausbildung haben wollte, wenn ich der Kontrolle meines Vaters entkommen wollte, dann musste ich meine Rolle spielen. Zumindest vorerst.
»Zumindest ist er jung und gut aussehend«, bemerkte Michelle. »Und er billigt deine akademischen Ambitionen. Manche Ehemänner wollen nicht einmal, dass ihre Frauen überhaupt arbeiten.« Sie seufzte.
»Ich weiß«, stimmte ich zu.
»Also mach dir keine Sorgen. Ich habe dir etwas mitgebracht.« Sie holte eine weiße, glitzernde Tüte mit einer riesigen Schleife darauf hervor. »Das wird es euch beiden heute Nacht leichter machen.«
»Ist das eine besonders große Flasche Wein?«, scherzte ich. Und dann zog ich aus der Tüte die winzigste Unterwäsche hervor, die ich je gesehen hatte. »Oh. Wow.«
Es handelte sich um ein durchdachtes Gebilde aus justierbaren Strapsen und weißer Spitze. Vollkommen durchsichtige, weiße Spitze. Das Oberteil würde kaum meine Brustwarzen bedecken. Und obwohl mir bewusst war, dass es darum ging, nichts zu verstecken, konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich es anziehen musste. Ich runzelte verwirrt die Stirn. »Was ist –«
»Der Strumpfbandgürtel ist abnehmbar und der mittlere Straps ist ein Stringtanga«, erklärte Michelle strahlend.
Ich spürte, wie mein Kopf leuchtend rot anlief. Wenn Demütigung tödlich wäre, so hätte ich auf dem Totenbett gelegen.
Wenn ich die Unterwäsche nicht einmal betrachten konnte, ohne mich zu schämen, wie sollte ich sie dann jemals tragen?
»Du bist seine Trophäe«, erinnerte meine Stiefmutter mich und erhob sich wieder, um mir zu helfen, aus dem Hochzeitskleid zu steigen. »Schließlich nennt man uns nicht ohne Grund Trophäenfrauen.«
Ich straffte die Schultern und blickte auf die Reizwäsche in meiner Hand hinunter. Ich konnte es tun. Alles würde gut werden.
Stefan wartete draußen im Flur auf mich. Er sagte kein Wort, doch seine Blicke, mit denen er den Kurven meines Körpers folgte, ließen vermuten, dass ihm das schwarze Kleid an mir gefiel. Ich konnte nur hoffen, dass er das, was es verbarg, ebenso sehr mochte.
Ich umklammerte die Tüte mit der Unterwäsche und nahm den Arm, den er mir anbot. Mein Puls beschleunigte sich sprunghaft, als er mich von Michelle weg und zurück in den Ballsaal führte, wo unsere Gäste mit Wunderkerzen und Konfetti warteten.
»Fertig?«, fragte Stefan.
Ich war mir nicht sicher, nickte jedoch.
Zusammen gingen wir durch das Spalier der Menschen, die uns applaudierten und ihre Glückwünsche zuriefen. Als wir schließlich in den Privataufzug traten, der uns hoch ins Brautgemach bringen sollte, waren wir beide mit Konfetti bedeckt.
»Was für ein Tag«, sagte ich.
Er nickte nur.
Ich konnte die Spannung zwischen uns spüren, die sich immer mehr verstärkte. So ängstlich ich auch sein mochte, war ich doch begierig darauf, ihn ohne Kleidung zu sehen.
Offensichtlich würde ich nicht lange darauf warten müssen.
Im selben Moment, in dem sich die Aufzugtür zu unserer Privatsuite öffnete, schüttelte Stefan die Smokingjacke ab und begann, die Manschetten und die vordere Knopfreihe seines Hemdes aufzuknöpfen. Meine Knie gaben nach und ich sank aufs Bett.
Ich war wie hypnotisiert. Ich wäre gern geblieben und hätte mir die Show angesehen, doch ich erinnerte mich an die Unterwäsche und Michelles Anweisungen.
»Ich bin gleich wieder da«, erklärte ich, während ich ins Badezimmer eilte.
Hastig entkleidete ich mich und schaffte es irgendwie, mir die komplizierte Unterwäsche anzulegen. Dann zog ich mir eine Unmenge Nadeln aus dem Haar und schüttelte es, während ich mich im Spiegel betrachtete.
Die Unterwäsche hielt, was sie versprach.
Sie überließ nichts der Fantasie. Meine harten Brustwarzen waren durch die Spitze hindurch zu sehen und jede Kurve meines Körpers wurde durch weiße Strapse betont. Ich war eingepackt wie ein Geschenk, das Stefan öffnen konnte.
Mein Herz klopfte schneller. Das könnte Spaß machen. Vielleicht sogar mehr als das.
Ermutigt blies ich mir im Spiegel einen Luftkuss zu.
Dann machte ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer, um meinen Ehemann zu verführen.
Er lag bereits im Bett. Sein nackter Oberkörper und die straffen Bauchmuskeln waren wohlgeformt und schimmerten golden. Ein um die Hüften gewickeltes Bettlaken verdeckte jedoch den Rest seiner Nacktheit.
Er schlief.
Offensichtlich war er im Aufzug nicht begierig auf mich, sondern auf seinen Schlaf gewesen, und einfach nur müde.
Ich ließ mich auf die Bettkante fallen und hoffte, die Bewegung würde ihn aufwecken. Doch nichts geschah.
»Stefan?« Ich streckte die Hand aus und berührte seine Schulter, dann ließ ich meine Hand zu seinem Oberarm hinuntergleiten und drückte ihn. »Stefan?« Er schlief tief und fest.
All dies Getue für nichts. Wollte er mich nicht?
Offensichtlich nicht genug, um wach zu bleiben. Außerdem wäre es für ihn nicht so aufregend wie für mich. Immerhin war er wahrscheinlich schon mit einer Unmenge an Frauen zusammen gewesen. Und außerdem waren wir nicht ineinander verliebt.
Also kehrte ich ins Badezimmer zurück, zog die Reizwäsche aus und meinen normalen Schlafanzug an, ein baumwollenes Oberteil und Shorts. Dann kroch ich ins Bett. Es war so groß, dass ich mich mehrmals hätte herumrollen müssen, um im nahezukommen. Ich ließ genügend Platz zwischen uns und rollte mich auf der Seite zusammen.
Dies war eine Vernunftehe. Es gab keinen Grund, sauer zu sein.
Doch ich konnte den Gedanken nicht unterdrücken, gerade den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen zu haben.