Tori
Als ich am
nächsten Morgen die Augen aufschlug, war Stefan bereits angekleidet.
»Ich wollte dich nicht wecken«, erklärte er kühl, »aber unser Privatflugzeug wartet. Das Frühstück wird uns an Bord serviert. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.«
»Ja, danke. Ich werde mich beeilen«, erwiderte ich, während ich taumelnd auf die Füße kam.
Wir würden in die Flitterwochen aufbrechen, daher duschte ich mich blitzschnell, zog Leggings und eine Seidenbluse an und packte die wenigen Sachen wieder ein, die ich hier im Hotel benutzt hatte.
Tatsächlich hatte ich überhaupt nicht viel geschlafen. Stattdessen hatte ich mich die ganze Nacht hin und her gewälzt und mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Ich zweifelte an mir. Vielleicht hätte ich mich mehr bemühen müssen, Stefan aufzuwecken, nachdem ich mir die Reizwäsche angezogen hatte.
Die besagte Unterwäsche lag jetzt ganz unten in meiner Handgepäcktasche. Gewiss bekam ich in Wien eine zweite Chance, sie zum Einsatz zu bringen. Mittlerweile hatte ich weniger Angst davor und war eher begierig darauf, die Erfahrung hinter mir zu haben.
Das Privatflugzeug war ebenso luxuriös wie das Hotel. Es besaß geräumige Ledersitze und Stoffgardinen an den Fenstern. Doch Stefan schien es kaum noch zu bemerken. Er händigte der Flugbesatzung unsere Taschen aus und führte mich in den hinteren Teil des Flugzeugs, wo uns ein Frühstück erwartete.
Der mit einem Tuch bedeckte Tisch war tatsächlich mit edlem Geschirr gedeckt und die Speisen hätten mit denen aus den Lieblingsrestaurants meines Vaters in Springfield konkurrieren können. Es gab knusprige Croissants, Honig- und Warzenmelone, Kräuteromeletts und geräucherten Lachs. Und sogar eine Karte mit einer breiten Palette von Weinangeboten.
Ich versuchte einige Male, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, doch wenn ich gehofft hatte, ihn mit meiner Schlagfertigkeit aufmuntern zu können, so wurde ich tief enttäuscht. Ich konnte ihm kaum einsilbige Antworten entlocken.
Ich verstand nicht, an welchem Punkt ich einen Fehler begangen hatte. War er sauer wegen gestern Abend? Er war doch derjenige, der eingeschlafen war! Sogar jetzt noch, nachdem wir unsere Mahlzeit beendet hatten und unsere Hände mit dem Handtuch reinigten, das die Flugbegleiterin uns gebracht hatte, wich er meinem Blick aus und heftete ihn auf sein Telefon.
»Stefan?«
»Hmm.«
»Ich weiß, du hast eine Menge um die Ohren mit deinem neuen Job und allem anderen, aber ich – habe ich etwas falsch gemacht? Ich habe das Gefühl, dass wir seit gestern kaum ein Wort miteinander gewechselt haben.«
Er blickte auf, doch die Wärme, die ich früher unter seinem Blick gespürt hatte, blieb aus.
»Du hast nichts falsch gemacht. Ich habe zu arbeiten.« Und dann erhob er sich und kehrte zu seinem Sitz zurück.
Als ich dort so allein sitzen blieb, fühlte ich mich im Stich gelassen. Immerhin waren wir in den Flitterwochen. Der erste Tag unseres gemeinsamen Lebens und wir waren unterwegs zu einem der romantischsten Orte der Welt. Ich wusste zwar, dass unsere Hochzeit keine Liebesheirat, sondern eine Vermählung aus Vernunftgründen gewesen war, aber warum hatte Stefan sich überhaupt die Mühe gemacht, diese Reise zu unternehmen, wenn er keinerlei Interesse zeigte, mir auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen?
Ich musste mich daran erinnern, dass dies Teil des Abkommens war. Ich musste nichts weiter tun, als lieb und nett zu sein und meinen Ehemann anzulächeln, wenn er sich einen Moment Zeit nahm, um von seiner Arbeit aufzublicken. Hatte ich nicht mein Leben lang beobachtet, wie Michelle genau dies getan hatte? Das war eben der Preis, den man zahlen musste, wenn man eine wichtige Persönlichkeit heiratete.
Und vielleicht war Stefan auch nur abgelenkt von irgendeiner großen Sache bei KZM. Vielleicht versuchte er sogar, jetzt alles abzuarbeiten, sodass er sich auf die Flitterwochen konzentrieren konnte, sobald wir gelandet waren.
Es war ein neunstündiger Flug ohne Zwischenlandung, und da ich die Nacht zuvor nicht geschlafen hatte, beschloss ich, das Bett zu benutzen, das die Besatzung im Heck vorbereitet hatte. Die Bettwäsche war hübscher als die, die ich bei mir zu Hause hatte. Ich kroch unter die Decke und spürte sogleich, wie erschöpft ich war. Als ein Mitglied der Besatzung mich aufweckte, befanden wir uns bereits im Sinkflug auf Wien. Stefans Seite des Bettes war unberührt.
Als wir aus dem Flugzeug stiegen, wurden wir von einer lächelnden Frau in einem marineblauen Kostüm und einem rotweiß-gestreiften Schal begrüßt, den Farben der österreichischen Flagge.
»Willkommen in Wien, Mr. und Mrs. Zoric. Ich habe Ihren Aufenthalt hier bereits durchgeplant.«
Wir nahmen an einer geführten Stadtbesichtigung teil. Ich war begeistert. Bisher war ich nur mit meinem Vater gereist, und das zumeist innerhalb der Vereinigten Staaten. Und als wir einmal in Europa waren, hatte mein Vater die meiste Zeit auf einer Konferenz zugebracht und mir nicht gestattet, allein auf Erkundungstour zu gehen, sodass ich hauptsächlich das Hotel von innen gesehen hatte.
Dies war meine Chance, die Welt zu erkunden.
»Das Kirmesrad dort drüben ist das Riesenrad. Es ist beinahe fünfundsechzig Meter hoch und wurde 1897 konstruiert …«
Während ich jede Sehenswürdigkeit, die unsere Reiseführerin mit ihrem ausgeprägten deutschen Akzent auf Englisch beschrieb, mit Ohs und Ahs bestaunte, saß Stefan über seinen Laptop gebeugt auf dem Rücksitz des Mietwagens. Ohne Zweifel war er bereits Dutzende Male in Wien gewesen und hätte lieber in Ruhe gearbeitet, anstatt mit mir die Stadt zu besichtigen. Eine Tatsache, die mich rührte. Glücklicherweise sah er auch mit finsterer Miene gut aus.
Als wir an der Karlskirche vorbeifuhren, ein barockes Kunstwerk aus cremefarbenen Säulen und einer zentralen Kuppel in der Farbe von Rotkehlcheneiern, sagte ich: »Welch außergewöhnliche Farbe. Ich habe noch niemals diese Schattierung von Türkis gesehen.«
»Das ist der Grünspan auf dem Kupfer«, erklärte Stefan trocken, ohne auch nur aufzusehen.
»Nun, mir gefällt es«, gab ich zurück. »Es ist so lebhaft.«
In welche Richtung
wir auch fuhren, wir waren von entzückender, historischer Architektur umgeben. Es gab so viel zu sehen und ich fand alles wunderbar und überwältigend. Bei jeder neuen Sehenswürdigkeit, an der wir vorbeifuhren, wandte ich mich begeistert an Stefan.
»Ist das nicht wunderschön?«, fragte ich ihn, als unsere Reiseführerin uns an der Hofburg vorbeifuhr, Wiens berühmtestem Schloss.
»Mmmm«, murmelte Stefan, während er sich auf eine E-Mail konzentrierte, die er gerade schrieb. »Du kannst später eine Führung mitmachen, wenn du möchtest.«
»Würde es dir auch gefallen?«, erkundigte ich mich in der Hoffnung, ihn in eine Unterhaltung verwickeln zu können.
»Ich habe das Schloss bereits gesehen«, erklärte er.
Natürlich. »Gibt es irgendetwas hier, das du noch nicht besichtigt hast? Vielleicht könnten wir dann dorthin gehen.«
»Ich habe bereits alles hier gesehen«, erwiderte er schulterzuckend.
Dieser Gedanke machte mich traurig. »Bist du wirklich so übersättigt, dass du nicht mehr siehst, wie wunderschön es hier ist? Um uns herum ist so viel Schönheit. Was ist dein Lieblingsort in dieser Stadt?«
»Ich habe keinen.« Endlich blickte er zu mir auf, doch ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. »Bitte sieh dir alles an. Lass dich von mir nicht aufhalten.«
Ich runzelte die Stirn. Ohne Zweifel unterdrückte er all meine Versuche, ein Gespräch zu führen, in der Hoffnung, dass ich ihn in Ruhe arbeiten ließ. Doch unglücklicherweise hatte er eine Lindsey geheiratet, und die gaben niemals auf.
Die Stadtbesichtigung ging weiter; der Wagen rollte durch die Straßen von Wien, während ich mich bemühte, die vielen neuen Eindrücke aufzunehmen. Ein Gebäude jedoch raubte mir den Atem.
»Was ist das?«, fragte ich unsere Reiseführerin.
Das Bauwerk in opulentem Neorenaissance-Stil bestand aus Steinen in einem warmen Farbton. An den Ecken des Daches fanden sich Statuen von auf geflügelten Pferden reitenden Männern. Eine doppelte Reihe offener Arkaden reihte sich entlang der Fassade und obwohl das Gebäude üppig mit Ornamenten verziert war, zeigte es eine perfekte Symmetrie, die mich faszinierte.
»Ah, die Wiener Staatsoper. Das Opernhaus«, erklärte sie mit einer Ehrfurcht, die der meinen nahekam. »Es ist wunderschön, nicht wahr?«
Wunderschön
reichte nicht aus, um es zu beschreiben. Das Wiener Opernhaus war das grandioseste Bauwerk, das ich heute gesehen hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es innen gestaltet war.
»Gibt es Führungen dort?«, wollte ich wissen.
»Oh ja«, erwiderte sie. »Jeden Tag zwischen zehn und sechzehn Uhr. Soll ich Sie hier absetzen?«
Stefan hob abwehrend eine Hand. »Wir haben keine Zeit«, sagte er.
Ich sank in meinen Sitz zurück.
»Außerdem besichtigt man das Opernhaus am besten, indem man eine Oper besucht«, fügte er hinzu. »Das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in Wien.«
»Dann hast du also doch bestimmte Dinge, die du gern hier tust.« Er lächelte nicht. »Nun, ich würde mir gern eine Wiener Oper ansehen. Zu Hause habe ich auch noch nie eine besucht.«
»Vielleicht während unserer nächsten Reise«, erwiderte er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Laptop zu. »Diesmal erlaubt es uns unsere Zeitplanung nicht.«
»Hast du eine Lieblingsoper?«, versuchte ich es noch einmal.
Er blickte auf. »Hast du schon einmal etwas von dem Spruch Neugier ist der Katze Tod
gehört?«
Ich zuckte mit den Schultern. Ich verspürte eine leichte Angriffslust. Er begann, wieder zu tippen.
»Eine Lieblingsband – komm schon. Jeder mag Musik. Ist es Meat Loaf?«
Er stieß einen langen, leidend klingenden Seufzer aus, doch mir entging nicht, dass seine Mundwinkel sich leicht nach oben zogen. Ich wusste, ich nervte ihn, doch andererseits amüsierte es ihn auch ein wenig. Ich konnte ihn knacken.
»Lieblingsfarbe?«
»Ich habe keine.«
»Du musst doch zumindest eine Lieblingsfarbe bezüglich deiner Kleidung haben. Welche Farbe bevorzugst du für Unterwäsche?«, fragte ich.
Er starrte zwar immer noch auf sein Telefon, doch sein Daumen kam zur Ruhe. Nur für einen Augenblick. Ich hatte seine Aufmerksamkeit.
»An mir oder an jemand anderem?«, wollte er wissen.
»Beides.« Gott sei Dank. Wir machten Fortschritte.
»Weiß«, sagte er. »Spitze.«
Mein Puls beschleunigte sich. Hatte er mich letzte Nacht gesehen?
»Und an dir?«, erkundigte ich mich mit trockenem Mund.
»Ich trage keine«, antwortete er.
Mein Blick wanderte schnurstracks zu seinem Schoß. Als ich aufschaute, beobachtete er mich aus seinen grünen Augen.
»Sei vorsichtig, du neugieriges Kätzchen«, warnte er mich schnurrend wie ein Kater.
Er erregte mich, doch ich musste mich konzentrieren. Endlich bekam ich ein paar Informationen aus ihm heraus und diese Chance würde ich mir nicht entgehen lassen.
»Lieblingslied?«, fuhr ich fort. »Ich weiß, es ist nicht von Meat Loaf, oder doch?«
Stefan warf mir einen Blick zu und ich lächelte ihn unschuldig an.
»Was muss ich tun, damit du aufhörst, Fragen zu stellen?«, fragte er.
»Sie beantworten«, schlug ich vor. »Ich versuche nur, dich kennenzulernen.«
»Gib mir dreißig Minuten Stille, okay?«
»Nur wenn du«, begann ich und meine Gedanken überschlugen sich, »mich zu einer Fahrt auf dem Riesenrad begleitest.«
Er starrte mich an. »Du willst mit dem Kirmesrad fahren?«
»Wir sind in Wien.« Ich deutete mit der Hand aus dem Fenster. »Das ist eine berühmte Sehenswürdigkeit. Tut man das hier nicht?«
»Touristen tun das«, sagte er. »Und Kinder.«
»Nun.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin Tourist und ich bin begeistert, hier zu sein. Ich halte eine halbe Stunde lang den Mund und stelle keine Fragen mehr, wenn wir mit dem Riesenrad fahren, abgemacht?«
Ich streckte die Hand aus.
Schließlich lächelte er. »Abgemacht«, sagte er. »Du bist extrem hartnäckig, Tori Lindsey.«
Während es in seinen Augen amüsiert funkelte, schüttelten wir uns die Hände. Hitze durchflutete mich und überdeckte alle Ängste, die ich noch bezüglich unserer Verbindung verspürte. Ich wollte so viel mehr von ihm als eine Fahrt mit dem Riesenrad, doch es musste genügen. Vorerst.