Sechs
Tori
»Wow«, stieß ich hervor. Die Aussicht war atemberaubend.
»Bist du genügend beeindruckt?«, wollte Stefan wissen.
Wir befanden uns auf dem Scheitelpunkt des Riesenrades. Der Prater und die ganze Stadt breiteten sich unter uns aus. Wien war ein einziger Augenschmaus mit all dem saftigen Grün und der unglaublich herrschaftlichen Architektur. Ich hatte das Gefühl, in einem Märchen aufgewacht zu sein.
Lächelnd schüttelte ich den Kopf. »Ich habe noch niemals etwas Vergleichbares gesehen. Ich meine, ich war auf der Terrasse vom Willis Tower, aber der Ausblick auf Chicago von einem Wolkenkratzer ist nichts im Vergleich zu diesem hier.«
Die Kabinen des Riesenrades, rot gestrichen und weiß eingefasst, waren riesig – anstatt kleiner Gondeln mit Einzelsitzen waren es geräumige Kabinen, die in jede Richtung mit Fenstern ausgestattet waren, groß genug, um mehrere Tische und Stühle zu beherbergen. In unsere hätte mindestens ein Dutzend Leute gepasst, doch Stefan hatte die Gondel für uns beide allein bezahlt. Er hatte sogar sein Telefon beiseitegelegt, um die Aussicht gemeinsam mit mir zu genießen.
Die Kabine schaukelte leicht und ich keuchte überrascht auf, als wir beide über der Stadt hin- und herpendelten. Im selben Moment griff er nach meiner Hand und drückte sie bestätigend.
Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Doch bevor ich mich ihm zuwenden konnte, ließ er meine Hand los, um sein Telefon hervorzuholen und sich wieder auf sein Arbeitsleben zu konzentrieren, als hätte es den zärtlichen Augenblick überhaupt nicht gegeben.
Auch wenn er so tat, als wäre nichts gewesen, so wusste ich doch, dass ich die Geste für den Rest des Tages im Herzen behalten würde. Die fünf Sekunden, in denen er seine Maske hatte fallen lassen, reichten mir als Bestätigung dafür, dass zwischen uns eine reale Verbindung bestand. Meine Finger kribbelten noch von dem Druck seiner Hand und erinnerten mich an die Nacht, die wir zusammen verbringen würden.
Nach einem langen Tag der Stadtbesichtigung, während der ich mehr mit unserer Reiseführerin als mit meinem Ehemann geredet hatte, kehrten wir schließlich ins Hotel zurück. Der Ausflug hatte sich eher wie eine Geschäftsreise auf Rädern als unsere Flitterwochen angefühlt, doch trotzdem hatte mir jede Minute in Wien gefallen.
Jetzt, da ich endlich aus dem Wagen stieg und den Kopf in den Nacken legte, um an unserem Hotel aufzublicken, war ich ebenso beeindruckt. Es wirkte wie ein Palast – jedes Detail war in Gold eingefasst.
»Ich habe das Gefühl, als übernachteten wir in einem Schloss«, stellte ich fest.
Stefan nickte. »Ich dachte mir, dass dir das hier besser gefällt als etwas Schlichtes, Modernes.«
Ich lächelte ihn an. »Es gefällt mir sehr. Danke.«
Die Innenausstattung war überladen und luxuriös, angefangen bei dem üppig gemusterten Teppich bis zu den schweren, bestickten Vorhängen, die mit seidenen Kordeln vor die Fenster gezogen werden konnten. Man hatte das Gefühl, als wäre alles historisch und teuer, was ohne Zweifel der Wahrheit entsprach.
Nachdem wir in die Suite getreten waren, ging ich mit offenem Mund durch alle Räume. Es gab ein Esszimmer, ein Wohnzimmer, ein kleines Büro und natürlich ein großes Schlafzimmer mit einem Himmelbett und antike Möbel mit Inlays.
»Dieses Zimmer kommt geradewegs aus einem Roman von Jane Austen«, rief ich Stefan über die Schulter zu.
Sogar von der anderen Seite des Raumes konnte ich sehen, dass das Bett der pure Luxus war, eine dicke Matratze mit einer Daunendecke und Stapeln von flaumigen Kissen. Ich konnte einfach nicht anders; ich musste zum Bett laufen und sprang darauf, um mich mit einem zufriedenen Seufzer in die kühle Weichheit sinken zu lassen.
Ich hörte ein Räuspern von der Türschwelle und setzte mich mit einem Ruck auf.
»Wir gehen zum Abendessen aus«, informierte Stefan mich.
»Komm und leg dich für eine Minute hin«, forderte ich ihn auf und klopfte auf die Matratze neben mich. »Du hast den ganzen Tag gearbeitet.«
Zum ersten Mal waren wir wirklich allein, seitdem wir die Hochzeitssuite in Chicago verlassen hatten. Meine Haut war gespannt vor Erwartung, doch Stefan rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle.
»Wir brechen in einer Stunde auf«, sagte er. »Zieh dir etwas Hübsches an.«
Dann verschwand er in einem anderen Zimmer unserer riesigen Suite, seinen allgegenwärtigen Laptop unter den Arm geklemmt. Langsam begann ich, diesen Computer von ganzem Herzen zu hassen.
Mit Ausgehen meinte er wahrscheinlich eine Verabredung, oder? Verabredungen waren dazu da, dass Paare miteinander Kontakt hatten. Verabredungen führten zu Sex. Heute Abend würde er mich ausführen und wenn wir dann ins Hotel zurückkehrten, wäre er erfrischt und fertig mit seinem Tagewerk, sodass er mehr Energie für mich übrig hätte. Und mehr Verlangen. Außer …
War die Chemie zwischen uns etwa nur einseitig? Unser erster Kuss hatte sich so echt, so intensiv angefühlt. Oder schien es mir nur so, weil ich keinerlei Erfahrung besaß?
Ich ging ins Badezimmer, um zu duschen.
Getreu dem Stil des Hotels war ich umgeben von goldenen Gegenständen und Marmorfußböden. Es gab eine Badewanne, die auf Füßen stand, eine separate von Glaswänden umgebene Dusche, Stapel flauschiger Handtücher und türkische Baumwollbademäntel, die auf ihren Benutzer warteten. Ich wählte ein luxuriöses Bad- und Duschgel aus dem gut bestückten Schrank und trat dann unter den Strahl, wobei ich mir vorstellte, das Wasser wusch all meine Ängste hinweg.
Stefan wollte mich sehr wohl, redete ich mir gut zu. Hatte ich doch das Interesse in seinen Augen gesehen, als er beobachtet hatte, wie ich den Gang zum Altar entlanggeschritten war, besonders als er einen guten Ausblick auf mein Dekolleté erwischt hatte. Und unser erster Kuss war lang und tief gewesen, seine Hände hatte er fest und verlangend um meine Taille gelegt.
Die Erinnerung an jenen Kuss ließ mich erzittern. Trotz der Distanz, die Stefan zwischen uns hielt, begehrte ich ihn immer noch. Und ich wollte, dass er mich auch begehrte.
Ich schloss die Augen und versuchte, mir vorzustellen, wie mein erstes Mal wäre. Ich rief mir das Gefühl seiner Lippen auf meinen ins Gedächtnis, heiß und hart, wie sein übriger Körper. Was würde er tun, wenn er jetzt hier neben mir stände? Würde er mich zuerst küssen? Mir die Zunge in den Mund stoßen, während er mit den Händen fest meine Hüfte umfassen würde?
Er wäre nackt, natürlich. In unserer Hochzeitsnacht hatte ich einen Blick auf seinen nackten Oberkörper werfen können, daher wusste ich, dass er breit, weich und muskulös war. Der Rest seines Körpers war ohne Zweifel ebenso hinreißend und er war sicher ein Mann, der wusste, was er damit im Bett anstellen konnte.
Der Gedanke an Stefan, der mich an sich zog, während unsere nackten, nassen Körper unter der Dusche dampften, verursachte mir ein Kribbeln am ganzen Körper.
Mit geschlossenen Augen ließ ich die Hände an meinem Oberkörper hinuntergleiten und stellte mir vor, Stefan berührte mich. Ich umfasste meine vollen Brüste, kniff in meine Brustwarzen und rollte sie zwischen den Fingern. Zuerst zärtlich, dann ein bisschen fester. Ich stellte mir vor, er wäre ein wenig grob. Die Vorstellung gefiel mir.
Hitze sammelte sich zwischen meinen Schenkeln und ich spreizte die Beine weit, während ich mir mit den Fingernägeln leicht über den Bauch kratzte. In Erwartung meiner Hochzeitsnacht hatte ich mich vollkommen enthaaren lassen, daher spürte ich keinen Widerstand, als ich meine Hand tiefer gleiten ließ, sondern nur weiche, nackte Haut.
Ich keuchte, als ich meine geschwollene Klitoris berührte und mir vorstellte, meine Hand wäre Stefans. Er stände hinter mir, an mich gepresst, während er mich streichelte. Ich tauchte mit dem Finger tiefer zwischen meine Lippen, während in meiner Fantasie Stefan in mein Ohr atmete und stöhnte, als er schließlich einen seiner kräftigen Finger in mich hineinschob. »Gefällt es dir?«, fragte er.
»Mmmm«, murmelte ich leise und rieb mich gegen den imaginären Finger. Dabei streichelte ich mich mit sanften, langsamen Bewegungen, bis mein ganzer Körper zu summen begann. Genau das brauchte ich. Seit unserem ersten Kuss befand ich mich in einem erregten Zustand, doch jetzt brauchte ich Erleichterung. Ich musste mich befriedigen.
Ich presste den Kopf gegen die Glaswand und bewegte meinen Finger schneller und tiefer. Mein Inneres war feucht und heiß und ich atmete heftig, während ich mit den Hüften vor und zurück pumpte.
»Komm für mich«, befahl Stefan in meiner Fantasie. »Ich will spüren, wie du kommst.«
Ich bewegte mich schneller, fuhr mit einer Hand zu meinen Brüsten, um sie zu drücken. Dann schloss ich die Augen. Lust schoss durch meinen Körper, als der Orgasmus sich in mir aufbaute.
»Ja«, stöhnte ich leise.
Kurz vorm Höhepunkt prickelte meine Haut und ich hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Als ich die Augen öffnete, sah ich Stefan, der in der Badezimmertür stand.
Er beobachtete mich mit fest zusammengepressten Zähnen und verschlang meinen Anblick. Sein Verlangen war sichtbar, seine Hose zeigte eine dicke Ausbuchtung. Mein Körper bebte, als mich die Schockwellen trafen. Unfähig, mich jetzt zu stoppen, kam ich keuchend vor Lust vor seinen Augen.
Als ich wieder zur Tür blickte, vollkommen verausgabt und schwach, erwartete ich, Stefan zu sehen, der sich die Kleider vom Leib riss und die Duschkabinentür öffnete, um mich in die Arme zu ziehen und zu vollenden, was er begonnen hatte.
Doch die Türschwelle war verlassen. Er war gegangen.
Stefan hatte sich in das Arbeitszimmer der Suite zurückgezogen und ich kleidete mich an. Ich wählte ein schwarzes Abendkleid, das von vorne recht harmlos wirkte, aber einen beinahe vollkommen nackten Rücken offenbarte, wenn ich mich herumdrehte. Unter diesem Kleid konnte ich keinen BH tragen. Ich schlang mein Haar einmal um meine Hand und steckte es zu einer unordentlichen, aber kunstvollen Frisur auf, aus der einige Locken herausfielen und mein Gesicht umrahmten. Hochhackige Schuhe und eine kleine Unterarmtasche vervollständigten das Outfit. Ich war übertrieben elegant gekleidet, doch ich wusste nicht, wohin wir heute Abend gehen würden, und ich wollte sichergehen aufzufallen. Besonders Stefan.
»Ist das in Ordnung?«, fragte ich ihn und drehte mich langsam im Kreis, damit er lange genug meinen Rücken sah.
In seinen Augen flackerte es heiß auf. So wie zuvor, als er mich in der Dusche beobachtet hatte. »Sehr gut.«
»Wohin gehen wir?«
Er zog einen cremefarbenen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir.
Als ich ihn öffnete, erblickte ich zwei Eintrittskarten für das Wiener Opernhaus für heute Abend.
»I…«
»Keine Ursache.« Seine Stimme klang grob, als wollte er meine überschäumenden Emotionen zügeln.
»Das habe ich nicht erwartet«, brachte ich schließlich hervor.
Er nickte. »Ich habe noch etwas für dich.«
Er griff noch einmal in seine Tasche und zog eine lange, schmale Samtschachtel hervor, die er mir reichte. Darin befand sich die hinreißendste Diamanthalskette, die ich je gesehen hatte. Sie bestand aus zwei Strängen glitzernder Steine, an denen ein größerer, tränenförmiger Diamant hing.
Ihre Extravaganz verschlug mir die Sprache. Ich ließ meine Finger vorsichtig auf dem birnenförmigen Stein liegen, der im Samt versank. Stefan trat hinter mich und griff über meine Schulter, um mir die Schatulle aus der Hand zu nehmen. Dabei strich er mit der Hand über meine und ich spürte einen Funken.
Dann nahm er die Kette und legte sie mir um den Hals. Sie war schwer. Der tränenförmige Stein schmiegte sich zwischen meine Brüste. Ich berührte den kalten Diamanten und hielt ihn fest, während Stefan an dem Verschluss arbeitete. Er strich mit den Fingern über meinen Nacken, dann ließ er sie tiefer gleiten und streichelte meinen nackten Rücken. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Das konnte kein Zufall sein.
Meine Haut prickelte bei jeder kleinsten Berührung.
Ich ging zum Spiegel hinüber und betrachtete die Halskette. Es gefiel mir, wie sie auf meiner Haut funkelte.
»Sie ist umwerfend«, keuchte ich.
Stefan stand ungerührt hinter mir; seine Miene verriet nicht die leiseste Regung.
»Das ist sie«, sagte er.
Ich betrachtete uns prüfend im Spiegel. Wir waren ein gut aussehendes Paar, beide in Schwarz. Wir wirkten, als gehörten wir zusammen. Dachte Stefan das auch? Ich beäugte ihn vorsichtig, doch sein Blick lag auf der Halskette. Meine Nippel wurden hart. Ich wusste, man konnte es durch das Kleid hindurch sehen.
»Sie sieht aus, als wäre sie für dich gemacht«, fügte er mit heiserer Stimme hinzu.
Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. Da war er wieder, dieser intensive, dunkle Blick. Ich dachte, jetzt würde er sich vorbeugen und mich küssen. Doch dann ging er weg.