Tori
Das Restaurant Steirereck
wirkte eher wie ein Sinnbild für Luxus und Eleganz als wie ein Speiselokal. Die Fassade aus großen geometrischen Blöcken war reichlich mit Silber verziert und reflektierte das Licht der Straßenlaternen. Die Glasfenster von der Größe einer Wand gaben den Blick auf das golddurchflutete Innere frei und man konnte die Gäste an ihren Tischen sitzen sehen.
»Warte nur, bis du es von innen siehst«, erklärte Stefan.
Als er mich durch die Tür führte, hatte ich das Gefühl, ein Museum für zeitgenössische Kunst zu betreten. Die Wände waren mit blassen Holzpaneelen verkleidet und die Atmosphäre wurde bestimmt von weißem Leinen und schlichten Möbeln; klare, saubere Linien. Der Raum strahlte Luxus und Glanz aus.
»Das erinnert mich an einen japanischen Zen-Garten«, sagte ich.
»Unser Garten befindet sich auf dem Dach«, erklärte die Hostess, als sie uns begrüßte. »Sie haben reserviert?«
Das Steirereck war unser erstes Ziel an diesem Abend, bevor wir die Oper besuchen würden. Es wäre eines der besten Restaurants in Wien, hatte Stefan versprochen.
Wir wurden in eine abgelegene Ecke des Lokals geführt. Als wir den voll besetzten Saal durchquerten, hatte ich das Gefühl, dass jeder, an dem wir vorbeikamen, innehielt, um uns zu betrachten. Und war das ein Wunder? Wir mussten sehr wichtig ausgesehen haben – Stefan in seinem teuren Smoking und ich mit meiner Diamanthalskette, in der sich das Licht fing und weiße Blitze auf die Wände warf.
Doch als wir unseren Tisch erreichten, sank mir das Herz. Denn wir waren nicht allein.
Ein älterer Mann saß an unserem Tisch, seine Haltung elegant auf diese mühelose, europäische Art, seine Aufmerksamkeit auf sein Telefon gerichtet. Als er uns bemerkte, legte er es sofort beiseite und erhob sich, um uns zu begrüßen.
»Marco.« Stefan schüttelte ihm die Hand. »Dies ist Victoria. Meine Frau.«
Das Wort erregte mich, trotz meiner Enttäuschung, unerwartete Gesellschaft zu haben.
»Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen«, sagte Marco, nahm meine Hand und küsste meinen Handrücken.
»Sie können mich Tori nennen«, erwiderte ich.
»Sie werden Sie Victoria nennen«, verbesserte Stefan mich und warf uns beiden einen Blick zu, der keinen Widerspruch zuließ.
Eigentlich hätte mich seine herrische Art ärgern müssen, doch sie gefiel mir. Oder besser gesagt, es gefiel mir, dass er mich genügend mochte, um eifersüchtig zu sein. Falls es sich um Eifersucht handelte.
Marco schien den Hinweis nicht übel zu nehmen, denn er zwinkerte mir zu, als wir uns an den Tisch setzten. Schon bald stellte sich heraus, dass dies kein romantisches Abendessen werden würde, sondern tatsächlich eher ein Geschäftsessen in teurer Umgebung mit noch teureren Speisen. Stefan hatte sogar eine teure Frau an seiner Seite, die teuren Schmuck trug.
Ich passte perfekt ins Bild.
Nichtsdestotrotz war das Essen gut, um nicht zu sagen hervorragend.
Leider schien es, als würden Stefan und Marco das noch nicht einmal bemerken, denn sie waren vollkommen auf die Diskussion über das Marketing von KZM konzentriert. Hatte Stefan deshalb den ganzen Tag am Telefon gehangen?
Ich wusste, Geschäfte waren wichtig, doch ich konnte nicht glauben, dass er sein Interesse für mich so einfach abschalten konnte, nachdem ich gesehen hatte, wie erregt er gewesen war, während er mich in der Dusche beobachtet hatte.
Ich wünschte, ich hätte meine Gefühle auch einfach so abstellen können. Doch ich konnte nicht anders, ich musste die Szene im Geiste noch einmal durchleben, als seine Finger auf meiner Haut ein elektrisches Kribbeln hervorgerufen hatten, während er die Halskette für mich schloss. Es mochte Wunschdenken gewesen sein, doch ich hätte schwören können, dass er sich besonders viel Zeit gelassen hatte. Ganz zu schweigen von der Art, wie er mit den Daumen sanft über meinen Nacken geglitten war, bis ich eine Gänsehaut bekommen hatte.
Ich musste die Beine übereinanderschlagen und die Oberschenkel zusammenpressen, um das stärker werdende Verlangen zu unterdrücken.
»Wussten Sie, dass das englische Wort Honeymoon
, Honigmond, Flitterwochen bis ins fünfte Jahrhundert zurückgeht?«, warf ich in einer Gesprächspause ein. »Es bezieht sich auf den ersten Monat der Ehe, den Mond, während dessen die Frischvermählten Met getrunken haben.«
Ich erhielt zwei Blicke, einen leicht amüsierten (danke, Marco) und einen ausdruckslosen (Stefan).
Ich räusperte mich. »Wissen Sie, Met wird nämlich aus … Honig hergestellt.«
Marco öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Stefan schnitt ihm das Wort ab. »Da also die Pariser Modewoche kurz bevorsteht, müssen Sie mir Statistiken und Portfolios von …« Seine Stimme brach ab. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »… mindestens zwölf Frauen und sechs Männern zuschicken. Besser, wir haben eine große Auswahl.«
Marco nickte. »Ich habe einige an der Hand.« Er warf mir einen entschuldigenden Blick zu.
Ich lächelte ihn an und erhob mich. »Würden Sie mich für ein paar Minuten entschuldigen? Ich möchte mich etwas frisch machen.«
Noch bevor ich den Tisch verlassen hatte, waren sie zu ihrem Gespräch zurückgekehrt.
Ich ließ mir Zeit in der Damentoilette, frischte meinen Lippenstift auf und ordnete meine Frisur. Ich bezweifelte, dass auch nur einer von beiden bemerken würde, wie lange ich wegblieb. Und ich hatte es nicht eilig, noch länger dem Gerede über Geschäfte zuzuhören. Zumindest konnte ich mich auf die Oper freuen, denn soweit ich wusste, hatten wir nur zwei Karten, nicht drei.
Als ich mir einen Weg zurück zum Tisch bahnte, fiel mir sofort die Veränderung in Stefans Haltung auf. Zuvor hatte er entspannt und zuversichtlich gewirkt. Seine Hände hatten ruhig auf dem Tisch gelegen. Jetzt beugte er sich vor, die Hände zu Fäusten geballt, seine Miene stürmisch.
»– trotz all der finanziellen Mittel und der Unterstützung, die ich Ihnen gegeben habe, haben Sie es nicht geschafft.« Seine Stimme klang scharf.
Marco hob beide Hände. »Wir haben auf dem ganzen Kontinent und im Mittleren Osten gesucht und jeden kleinsten Hauch eines Gerüchtes verfolgt«, verteidigte er sich. »Wir sind jeder Spur gefolgt, aber –«
»Sie werden sie finden«, sagte Stefan mit stählerner, drohender Stimme.
Marco lehnte sich zurück und bemerkte mich. Ein aufgesetztes Lächeln erhellte sein Gesicht.
»Victoria!«, rief er aus, als wäre mein Name ein Rettungsring. Er sprang auf die Füße.
Stefan erhob sich ebenfalls. Er blickte immer noch düster drein.
»Lass dir deinen Mantel geben. Die Oper wird bald beginnen.«
Das Opernhaus war
von innen ebenso wunderschön wie von außen. Während der Autofahrt hatte ich versucht herauszufinden, was zwischen Stefan und Marco vorgefallen war, doch Stefan hatte mir nur abweisende Antworten gegeben. Ich würde das Thema nicht aufgeben, doch für den Augenblick konnte ich Stefans distanzierte Haltung vergessen, da ich vollkommen von der atemberaubenden Architektur in Anspruch genommen wurde. Sie erinnerte mich an eine Kirche mit den verzierten Bögen, den ausgefeilten Balustraden und der großen Treppe, die mit einem blattgrünen Teppich belegt war.
Stefan hatte uns Plätze in einer Einzelloge reserviert, die einen perfekten Ausblick auf die Bühne bot. Die Atmosphäre war so atemberaubend romantisch, dass ich nach Stefans Hand suchte, als die Lichter ausgingen und die Musik einsetzte.
Er ergriff sie und während der ersten Arie hielten wir uns bei den Händen, bis er mich vorsichtig freigab. Es machte mir nichts aus; ich war bereits so verzaubert von der Vorstellung, dass ich es kaum bemerkte. Nach Stefans Haltung zu urteilen, war er ebenso gefesselt wie ich. Er blickte gebannt auf die Bühne und wirkte wie die Verkörperung eines Märchenprinzen. Ich gestattete mir die Vorstellung, er wäre wirklich einer. Als die Oper schließlich beendet war, konnte ich es kaum glauben. Ich hatte mich vollkommen von ihr mitreißen lassen.
Erst spät kehrten wir ins Hotel zurück.
Nach der heutigen Stadtbesichtigung, dem Jetlag, dem reichen, mehrgängigen Abendessen und dem Opernhaus war ich erschöpft. Aber nicht genügend, um zu vergessen, was früher am Tag in der Dusche geschehen war und wie Stefan mich mit brennendem Blick angesehen hatte.
Ich hatte einen Plan.
»Könntest du mir bitte helfen?«, bat ich ihn, als wir schließlich in unserem Schlafzimmer waren. Ich wandte ihm den Rücken zu und deutete auf den Verschluss der Halskette.
Ich hätte ihn leicht selbst öffnen können, doch ich wollte seine Hände auf mir spüren.
Er erfüllte meine Bitte und strich mit den Fingern über die weiche Haut in meinem Nacken, so wie er es zuvor getan hatte. Ich erkannte, dass es sich um eine seiner Lieblingsstellen handeln musste, und unterdrückte ein Lächeln. Ich lernte seine Besonderheiten kennen.
Vorsichtig legte ich die Kette in ihre Schachtel zurück, wobei ich genoss, wie sich der weiche Samt unter meinen Fingerspitzen anfühlte.
»Ich bin gleich zurück«, erklärte ich und senkte meine Stimme verführerisch.
Ich hatte mir die Unterwäsche der Hochzeitsnacht im Badezimmer zurechtgelegt, bevor wir das Hotel verlassen hatten. Jetzt zog ich sie schnell über und nahm die Spangen aus meinem Haar. Es fiel mir in hellen Wellen über die Schultern. Vor dem Spiegel mühte ich mich mit der teuflischen Menge der Haken und Spitzenbänder ab, bis ich es schließlich geschafft hatte.
Ich holte tief Luft und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Dort lehnte ich mich mit schräg geneigtem Kopf mit dem Rücken gegen den Türrahmen in einer, wie ich hoffte, verführerischen Pose.
Stefan war mit seinem Telefon beschäftigt.
»Bist du fertig?«, erkundigte ich mich, meine Stimme zittriger, als es mir gefiel. Doch zumindest hatte ich die Frage herausgebracht, ohne zu stottern.
Stefan blickte nicht einmal auf.
»Ich muss noch mal weg«, erklärte er und griff nach seiner Jacke. »Warte nicht auf mich.«
Dann verschwand er.
Ich kletterte aufs Bett, vollkommen verblüfft, und konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Schon wieder. Dies waren unsere Flitterwochen und er ging aus? War das ein Spiel? Erregte es ihn, mich zu demütigen? Ich wusste, ich hatte ihn angemacht. Also warum ging er mir aus dem Weg? Hatte es etwas mit der Person zu tun, wegen der Stefan und Marco sich beim Abendessen gestritten hatten? Das Gespräch über die weibliche Person, das nicht für meine Ohren bestimmt gewesen war? Während dieser kurzen Auseinandersetzung hatte er leidenschaftlicher geklungen als während irgendeiner Unterhaltung, die er mit mir geführt hatte.
Nach wem suchte mein Ehemann?
Und was würde mit mir geschehen, sobald er sie gefunden hätte?