Neun
Tori
Als kleines Mädchen hatte ich stets davon geträumt, aus meiner Realität zu flüchten.
Während meiner gesamten Grundschulzeit bestand meine Wunschliste zu Weihnachten aus all den Ausrüstungsgegenständen, die ich, wie ich glaubte, für ein Abenteuer benötigte. Taschenlampen, Schlafsäcke, Handwärmer und Kanister mit eingebautem Wasserfilter – etwas befremdlich für ein kleines, neun Jahre altes Mädchen. Und obwohl ich nur innerhalb der zwei Hektar Land hinter unserem Haus mit Kompass und Rucksack herumwandern durfte, genügte dieser kleine Vorgeschmack meiner Sehnsüchte, um jahrelang mein unterdrücktes Fernweh zu nähren.
Und hier war ich nun, wachte frisch und munter schon früh auf, sodass ich meine Flitterwochen hätte genießen können – die eigentlich das größte Abenteuer meines bisherigen Lebens hätten sein sollen –, und mein Ehemann war nirgendwo zu finden. Seine Seite des Bettes war nicht einmal berührt. War er letzte Nacht überhaupt zurückgekehrt? Ich hatte keine Ahnung.
Noch niemals hatte ich mich so allein gefühlt.
Ich erinnerte mich daran, dass ich versucht hatte, auf ihn zu warten, obwohl ich die verfluchte Reizwäsche im selben Moment ausgezogen hatte, in dem er gegangen war, doch der Tag hatte mich erschöpft, so sehr, dass ich recht schnell eingeschlafen war.
Ich wickelte mich in den flauschigen Hotelbademantel und ging los, um ihn in den Räumen unserer Suite zu suchen. Vielleicht bereitete er Kaffee zu oder arbeitete bereits im Büro, ein williger Sklave von Laptop und Smartphone.
Auf dem Plüschsofa im Wohnzimmer fand ich ein Kissen auf einer ordentlich gefalteten Decke. Nun gut. Zumindest hatte er gestern Nacht den Weg zurück gefunden. Er hatte sich lediglich dafür entschieden, auf der Couch zu schlafen.
Ich ließ mich in die Kissen sinken und barg das Gesicht in den Händen. Ich hatte gedacht, wir hätten einen Wendepunkt erreicht. Seine Hand hatte sich so gut in meiner angefühlt, als wir in der Oper saßen. Die Funken zwischen uns waren spürbar gewesen. Und dann wollte er nicht einmal das Bett mit mir teilen. Die sexuelle Zurückweisung hatte mich verletzt. Aber dies? Irgendwie fühlte sich das schlimmer an.
»Ich mache mich auf den Weg.«
Mein Kopf flog hoch. Stefan trug einen perfekt sitzenden Armani-Anzug und sah zum Anbeißen aus. Offensichtlich war er bereit, den Tag zu beginnen. Ich blickte betroffen auf meinen Bademantel.
»Ich muss noch unter Jetlag leiden«, sagte ich und lächelte entschuldigend. »Ich kann in zehn Minuten fertig sein.«
»Du kommst nicht mit«, erwiderte er und blickte nicht einmal auf, sondern befestigte seine Armbanduhr am Handgelenk.
»Okay. Ich kann mich irgendwo mit dir treffen –«
»Du wirst hierbleiben.«
Ich sträubte mich, so herumkommandiert zu werden. Doch so leicht ließ ich mich nicht abservieren.
»Dann sag mir zumindest, wohin du gehst«, verlangte ich. »Ich möchte es gern wissen.«
»Das musst du nicht unbedingt wissen«, erwiderte er. »Und es ist offen gesagt nichts, was dich etwas anginge.«
Ich biss mir auf die Lippe und rief mir das jahrelange Üben von Gehorsam ins Gedächtnis, dem ich mich bei Michelle und meinem Vater zu unterwerfen hatte. Als wäre ich nicht mehr als ein Hund, der lernte, sich auf Kommando zu setzen oder aufzustehen. Wut kochte in mir hoch, doch ich erinnerte mich daran, dass ich dieser Hochzeit und allen daran geknüpften Bedingungen zugestimmt hatte. Dass dies nur ein vorübergehender Zustand war. Dass ich, sobald wir wieder nach Chicago zurückgekehrt wären, so beschäftigt mit meinem Studium sein würde, dass ich keine Zeit haben würde, mir über den Stand meiner Scheinehe Sorgen zu machen.
Doch warum hatte Stefan sich überhaupt die Mühe gemacht, mit mir in die Flitterwochen zu fliegen oder die Oper zu besuchen? Warum hatte er mich so hungrig angestarrt, als ich nackt unter der Dusche stand? Ich bekam so viele widersprüchliche Signale, dass sich mir der Kopf drehte.
Trotzdem konnte ich so nicht weitermachen. Wir konnten so nicht weitermachen.
»Wo bist du gestern Nacht gewesen?«, erkundigte ich mich. Die Frage platzte aus mir heraus, bevor ich mich stoppen konnte.
Er schloss seine Manschetten und machte sich nicht einmal die Mühe aufzublicken.
»Ich war aus«, erwiderte er.
Ich erhob mich; meine Brust brannte. »Aus? Wohin? Ich habe auf dich gewartet. Du hast meine SMS ignoriert.«
»Das geht dich nichts an«, erwiderte er lässig. »Und in Zukunft warte nicht auf mich.«
»In Zukunft?«
Endlich schenkte er mir einen Blick. »Ich bin ein sehr beschäftigter Mann«, erklärte er. »Das solltest du verstehen.«
»Ich möchte einfach nur wissen, wo du bist und wann du planst zurückzukehren«, sagte ich, die Hände in die Hüften gestemmt. »Als deine Frau bin ich wohl berechtigt, das zu erfahren.«
Er sah mich mit teilnahmsloser Miene an. »Erinnerst du dich daran, was ich über die Katze gesagt habe?«, fragte er. »Und ihre Neugier?«
»Ich bin keine Katze.« Ich behauptete meine Position.
»Oh, aber ich glaube, du benimmst dich wie eine«, erwiderte er mit gesenkter Stimme. Es hätte mich nicht erregen sollen, doch so war es. »Sieh dich vor mit deiner Neugier, kleine Katze«, sagte er.
»Dies sollten eigentlich unsere Flitterwochen sein«, erklärte ich. Der Ärger hatte mich nun fest im Griff. »Aber du klebst die ganze Zeit an deiner Arbeit und hast Geheimnisse vor mir –«
»Geh ins Spa«, schlug er vor. Dann blickte er auf sein Handy hinunter, denn es hatte vibriert und eine eintreffende Nachricht signalisiert. »Lass alles, was du willst, auf die Rechnung der Suite setzen.«
»Du kannst mich nicht einfach so allein hierlassen wie ein Spielzeug auf einem Regal, das du zum Spielen herunterholst, wann immer du dich danach fühlst.«
Ich atmete heftig, doch bevor ich noch etwas sagen konnte, schnappte er sich seine Brieftasche und den Zimmerschlüssel.
»Ich werde nicht ins Spa gehen«, informierte ich ihn, während ich ihm zur Tür folgte.
»Dann geh einkaufen in der Boutique. Oder schwimmen. Im Hotel gibt es viele Angebote.«
»Aber ich will mit dir zusammen sein. Ich dachte, darum ginge es bei dieser ganzen Reise – uns besser kennenzulernen.«
Er drehte sich herum, um mir ins Gesicht zu blicken. »Dann wirst du enttäuscht werden.«
Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Aber wann kommst du zurück?«
»Um neunzehn Uhr. Ich habe einen Tisch zum Abendessen im Hotelrestaurant reservieren lassen.«
Ich war verblüfft angesichts seiner Kälte. Er schien nicht einmal zu bemerken, wie sehr seine Worte meine Gefühle verletzt hatten. Oder vielleicht hatte er es sogar wahrgenommen und es war ihm gleichgültig.
»Das ist lächerlich«, erklärte ich.
Seine Hand lag bereits auf dem Türknauf.
»Haben wir diesem Handel nicht zugestimmt, Tori? Ich bekomme eine Frau und die Chance, das Unternehmen meines Vaters zu übernehmen. Du bekommst dein Collegestudium und die Chance, deinem Vater zu entkommen. Du bekommst ein leichtes Leben in Luxus und Reichtum und kannst mein Geld ausgeben, um zu bekommen, was immer dein kleines Herz sich wünschen mag. Was könnte eine Frau wie du mehr wollen?«
Eine Frau wie ich.
»Willst du damit sagen, ich wäre eine Hure?«, fragte ich mit vor Zorn und Verletztheit leiser Stimme.
»Halte dein Mundwerk im Zaum.« Endlich stellte er sich meinem harten Blick. Seine grünen Augen loderten. »Und rede nicht über Dinge, die du nicht verstehst, weil du zu behütet aufgewachsen bist.«
Dann öffnete er die Tür und trat in den Flur. »Neunzehn Uhr«, sagte er noch. »Pünktlich.« Und dann ging er davon.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, sank ich in den nächstbesten Sessel. Seine Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich konnte nicht glauben, dass dies der Preis dafür sein sollte, meinen akademischen Abschluss zu bekommen.
Vielleicht würde alles besser werden, wenn ich mit dem College begann, wenn ich Freunde haben konnte und ein eigenes Leben außerhalb dieser Ehe. Aber in diesem Augenblick gab es nur uns zwei – und offensichtlich Stefans Kunden und Geschäftspartner – in diesem fremden Land.
Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zurückzukehren. Ich würde mich im Studium vergraben und für einen vollen Terminkalender mit sozialen Veranstaltungen und vermehrter ehrenamtlicher Arbeit sorgen und alles tun, was ich konnte, um mich von Stefan fernzuhalten. Von dem Mann, den man mich genötigt hatte zu heiraten.
Da diese Flitterwochen ahnen ließen, was ich von unserer Ehe zu erwarten hatte, machte ich mich auf einen harten Kampf gefasst.