Zehn
Tori
Er hielt mich also für eine Hure? Gut. Dann würde ich sein Geld so ausgeben, als hätte ich es wie eine Hure verdient.
»Zimmerservice«, antwortete eine frische Stimme mit österreichischem Akzent.
»Guten Morgen«, meldete ich mich zuckersüß. »Können Sie mir sagen, was Sie zum Frühstück anbieten? Und gibt es so früh bereits Champagner?«
Ich bestellte gnadenlos, fragte nicht einmal nach den Preisen. Wenn ich dieses Abenteuer allein bestehen sollte, so war ich entschlossen, es mir gut gehen zu lassen.
Zum Champagner verlangte ich einen italienischen Espresso, eine Karaffe frisch gepressten Orangensaft und eine Kanne Tee. Ich ging auf die Vorschläge ein, die mir gemacht wurden, und wählte zwei verschiedene Eiergerichte und einen Korb mit hausgemachtem Brot. Dazu gerösteten Spargel aus der Region und eine Platte mit gemischtem Schinken.
»Wir haben auch Apfelstrudel und Teigtaschen mit Pflaumenmus«, sagte die Stimme. »Wir beziehen sie aus einer bekannten Bäckerei vor Ort. Aber wahrscheinlich wird Ihnen das zu viel –«
»Warum nicht? Bringen Sie mir zwei von jedem.« Und um die Dekadenz noch auf die Spitze zu treiben, bestellte ich Erdbeeren à la Romanoff, zu denen Sahne in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen serviert wurde.
Der Zimmerservice musste drei Servierwagen schicken, um das Frühstück zu liefern. Ich gab ein außergewöhnlich hohes Trinkgeld.
Ich konnte unmöglich alles verspeisen, doch ich probierte von allem.
Zum Platzen gesättigt nach meinem opulenten Frühstück zog ich mich an und ging die Treppe hinunter zu dem luxuriösen Spa im Erdgeschoss des Hotels. Obwohl ich versuchte, meinen Ärger aufrechtzuerhalten, dass ich quasi im Hotel gefangen war, fiel es mir schwer, diese Haltung zu bewahren, sobald mir ein Zettel mit den Angeboten des Spas ausgehändigt worden war. Ich fand, Stefan schuldete mir die beste Massage, die man sich für Geld kaufen konnte, um all den Schmerz und all die Wut und Frustration wieder wettzumachen, die er hervorgerufen hatte, doch ich konnte nicht einmal herausfinden, womit ich am besten begann.
Und dann blieb mein Blick an einem Angebot hängen, das genau die richtige Menge an Dollarzeichen aufwies.
»Was genau ist das ›Gold-Paket‹?«, erkundigte ich mich bei der jungen Frau hinter dem Empfangstresen aus Granitplatten. Sie trug einen Kittel mit Stehkragen wie eine Ärztin, allerdings ganz in Schwarz.
»Das ›Gold-Paket‹ umfasst eine Reihe von Behandlungen mit purem vierundzwanzig-karätigem Gold, mit einer dreiteiligen Ganzkörpermassage, einer Goldblatt-Gesichtspackung und Maniküre-Pediküre mit Goldstaub. Inklusive eines Goldsplitter-Martinis und einer Auswahl von in Gold getauchten Trüffeln.« Sie lächelte über meine verblüffte Miene. »Ich weiß, das hört sich ein bisschen extrem an.«
Ich lachte. »Es klingt perfekt. Ich nehme es.«
Ihre Augen weiteten sich. »Gewiss, aber … die Behandlung dauert ungefähr fünf Stunden.«
Als ich ihr die Schlüsselkarte der Suite über den Tresen schob, blieb ihr Blick auf meinem riesigen Diamantring hängen.
»Setzen Sie es auf die Rechnung für mein Zimmer«, erklärte ich lässig. »Und fügen Sie ein großzügiges Trinkgeld hinzu, einschließlich für Sie selbst.«
»Wir werden gleich mit der Behandlung beginnen.« Sie strahlte von einem Ohr zum anderen.
»Ah, gibt es vielleicht eine Kosmetikerin unter dem Personal? Und vielleicht einen Friseur? Ich habe heute Abend etwas vor. Es wäre herrlich, wenn ich ein Make-up und eine Frisur bekommen könnte.«
»Unser Salon bietet alles«, erwiderte sie. »Und wenn ich das sagen darf … Ihrem Partner wird es den Atem rauben, wenn Sie heute Abend zu Ihrer Verabredung erscheinen.«
»Das hoffe ich«, sagte ich und warf ihr ein zweideutiges Lächeln zu. »Glauben Sie mir.«
Zuerst wurde ich in einen wunderschönen Umkleideraum geführt, dessen Wände mit italienischem Marmor verkleidet waren. Dort bekam ich einen Bademantel, der so weich war, dass er aus Kaschmir sein musste. Und dann wurde ich ins Spa geleitet, wo die Behandlung begann.
Doch zuerst bekam ich meinen goldenen Martini – köstlich – und wurde in einer Einzel-Dampfsauna allein gelassen, wo ich mich entspannen sollte. So lag ich dort, vollkommen nackt, damit meine Poren sich öffneten. Beruhigende Meeresgeräusche erklangen und ich fühlte, wie meine angespannten Muskeln sich lockerten, als die hohe Temperatur und die Musik mich in einen Zen-gleichen Zustand überführten. Ich war fest entschlossen, dies zu genießen. Ich würde nicht an Stefan denken.
Bevor ich es merkte, war ich wieder in meinen Bademantel gewickelt und in einen anderen Raum gebracht worden, wo eine Frau mit einem strengen Knoten und ernsthafter Miene meinen Körper von oben bis unten mit Peeling-Heilerde abschrubbte, die von purem Goldpuder schimmerte.
»Es riecht so gut«, seufzte ich. »Wie Zitrone und Lakritz.«
»Es ist Anis und Eisenkraut«, erklärte die Frau. »Und jetzt drehen Sie sich bitte auf den Rücken.«
Jedes Mal wenn ich einen Hauch Ärger auf Stefan empfand oder mich verletzt fühlte, erinnerte ich mich daran, dass ich hier war, um mich verwöhnen zu lassen und mich vollkommen auf mich selbst zu konzentrieren. Meist funktionierte es.
Die Kosmetikerin war hereingekommen, um an mir zu arbeiten. Mit meiner Goldblatt- und Collagen-Maske auf dem Gesicht fragte ich nur einmal kurz zwischendurch: »Bewirkt das Gold tatsächlich irgendetwas?«
»Gewiss. Diese Behandlungen wurden im alten China und von Kleopatra angewandt. Das Gold entzieht Giftstoffe und stimuliert die Reproduktion der Zellen. Es hilft auch gegen Falten, nicht dass Sie es nötig hätten.«
Ich lächelte über das Kompliment und versuchte, mir mich selbst als Kleopatra vorzustellen, mit Perlen behangen und Sex-Appeal ausstrahlend. Stefan Zoric, mach dich auf etwas gefasst!
Nachdem mein Körper abgeduscht worden war, musste ich mich auf einem Tisch ausstrecken. Eine andere Frau kam herein und besprühte meinen Körper mit goldversetztem Massageöl. Dann machte sich die Masseurin daran, meine Muskeln zu bearbeiten. Unter ihren starken Händen fühlte ich mich wie Butter, Anspannung und Stress schmolzen dahin.
Nach einer Weile begann ich, mir vorzustellen, es wäre Stefan, der mich berührte.
Ich schloss die Augen und ließ die Gedanken schweifen, während mein Körper verwöhnt wurde. Ich stellte mir vor, er beugte sich über mich und knetete meinen Nacken und meine Schultern, bevor er seine Hände weiter nach unten gleiten ließ, um meinen Lendenwirbelbereich zu liebkosen. Dann noch weiter nach unten, um meine Gesäßmuskeln zu massieren. Seine Daumen bewegten sich in festen, langsamen Kreisen, bis meine Muskeln sich unter seinen Händen entspannten.
Er zwingt meine Schenkel auseinander und lässt seine Finger zwischen meine Beine gleiten, wo ich so gern berührt werden möchte. Er beginnt, mich zu streicheln, lässt seinen Daumen vor und zurück gleiten, bevor er einen seiner kräftigen Finger in mich hineinstößt. Sein Rhythmus passt zu meinem flachen, schneller werdenden Atem. Mit seinem Mund an meinem Ohr flüstert er unanständige Dinge, während er mich streichelt. Mich erregt.
»Das ist meine neugierige, kleine Katze«, sagt er und pumpt tiefer in mich hinein.
Er kann gut mit seinen Händen umgehen. Er ist älter und erfahren. Er weiß, wie man eine Frau zum Kommen bringt. Ich hätte wetten können, dass er genau erraten kann, was ich will, noch bevor ich es selbst herausgefunden habe.
Als ich dort so lag, überwältigt von meinen Fantasien, wurde mir bewusst, dass ich wegen des Zwischenfalls heute Morgen nicht nur ihm böse war, sondern auch sauer auf mich selbst. Weil ich geglaubt hatte, unsere Verbindung könnte mehr sein. Weil ich wollte, dass es mehr wäre. Wie naiv ich gewesen war!
Doch es ließ sich nicht leugnen, dass ich mich zu ihm hingezogen fühlte. Tief. Ungeachtet der besonderen Umstände wollte ich in unserer Ehe einen Schritt weitergehen und herausfinden, wozu unsere Körper fähig wären. Leider wurde mir langsam bewusst, dass dies niemals Teil unseres Abkommens gewesen war.
»Sie sind so angespannt«, erklärte die Masseurin, die ohne Zweifel die Anspannung spürte, die sich jetzt in Schultern und Rücken aufbaute.
Ich bemühte mich, mich wieder zu entspannen, doch ich konnte nur noch an Stefan denken. Warum konnte ich nicht böse auf ihn bleiben? Warum wollte ich, dass er mich berührte, mich küsste, mich liebkoste? Obwohl er klar zum Ausdruck gebracht hatte, dass er mich nicht wollte, sehnte mein Körper sich nach ihm.
Von allen Männern auf der Welt musste es unbedingt derjenige sein, der mir aus Vernunftgründen angetraut worden war. Der eine Mensch, der absolut kein Interesse an mir zu haben schien. Oder falls doch, so konnte er das bestens ignorieren. Und gewiss war es ihm nicht so wichtig wie seine Arbeit.
Ich wusste zwar, dass ich mit dem Feuer spielte, doch ich überließ mich wieder meinen sexy Tagträumen.
Ich stellte mir vor, er stände über mir, wies mich an, auf alle viere niederzugehen und meine Knie weit auseinander zu nehmen, sodass ich seinen Blicken voll ausgesetzt wäre.
In meiner Fantasie spreizt er meine Schenkel mit den Händen und leckt dann über meine Öffnung, die bereits feucht für ihn ist. Er streichelt mich mit der Zunge und dringt gleichzeitig mit den Fingern in mich ein. Ich stelle mir vor, wie ich verzweifelt stöhne, als mein Orgasmus sich schnell aufbaut.
Er wartet nicht einmal darauf, dass mein Körper zu beben aufhört, sondern kniet sich hinter mich und dringt tief in mich ein, während er meine Hüften umfasst, um mich im Gleichgewicht zu halten. Er stöhnt heftig, als er in mich hineinstößt. Vielleicht greift er in mein Haar, um mir den Kopf in den Nacken zu biegen. Schmerz und Vergnügen vermischen sich zu gleichen Teilen. Und er pumpt schneller und schneller in mich hinein, bis er kommt, wobei er meinen Namen stöhnt.
Die Intensität der Fantasie überraschte mich. Ich hatte mich niemals für eine Frau gehalten, die sich so etwas wünschte – roh und grob genommen zu werden –, doch meine Haut prickelte vor Erregung bei jedem neuen Bild, das in meinem Kopf auftauchte. Denn aus irgendeinem Grund wusste ich, wie Stefan im Bett wäre.
Er wäre weder vorsichtig noch zärtlich. Er wäre so, wie er im wirklichen Leben war. Brüsk, intensiv, leidenschaftlich.
Trotz allem wusste ich, dass es nichts brachte, mir vorzustellen, ihn zu besitzen, gleichgültig wie verzweifelt ich ihn begehren mochte. Vielleicht wollte ich auch einfach nur meine Unschuld loswerden und er war nun einmal greifbar … Nein. Das war es auf keinen Fall. Ich wünschte, es wäre so gewesen, doch ich wusste, die Anziehungskraft, die Stefan auf mich ausübte, war etwas Besonderes. So wie er mich anblickte, wie schnell es zwischen uns funkte, das Summen in meinem Körper, wenn er in der Nähe war. Ich war mir sicher, irgendetwas war da, auch wenn es nichts weiter als pure Lust war. Und deshalb war die ganze Geschichte so frustrierend.
Als ich schließlich den Salon verließ, mit perfektem Make-up und fachgerecht frisiert, fühlte ich mich beinahe wie ein neuer Mensch. Als ich mich im Umkleideraum anzog, warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel. Es gab keinen Zweifel – ich glühte. Angefangen bei dem professionell aufgetragenen Chanel Make-up bis hin zu dem schimmernden Nagellack auf meinen Zehennägeln.
Stefan würde wahrscheinlich ausflippen, wenn er die Summe sah, die ich auf die Suite hatte anschreiben lassen, doch das würde ihm eine Lektion erteilen. Warum hatte er mich auch verspottet, mir vorgeschlagen, Geld auszugeben, und mich dann einen ganzen Tag lang in einem teuren Hotel allein gelassen?
Ich fühlte mich ein bisschen besser und machte mich auf den Weg zum Café in der Empfangshalle, um ein spätes Mittagessen zu mir zu nehmen. Ich konnte es kaum glauben, aber ich war trotz des ausgedehnten Frühstücks hungrig. Denn all das Getue um meine Person hatte mich hungrig gemacht.
Obwohl ich ein leichtes Mahl zu mir nahm, blieb mir kaum Platz, um die weltberühmte Sachertorte zu probieren, doch ich fand, ein Festmahl war ohne einen Nachtisch nicht komplett.
Dann beschloss ich, mir die Boutique anzuschauen, die Stefan erwähnt hatte. Doch als ich aus dem Café trat, erspähte ich aus dem Augenwinkel eine vertraute Gestalt. Es war Stefan, der elegant durch die Empfangshalle glitt, sein zielbewusster Schritt unverwechselbar.
Sofort begann mein Puls, wie wild zu rasen, denn all die Fantasien, die mir während der Massage in den Sinn gekommen waren, stürmten mit voller Macht auf mich ein. Stefans kräftige Finger zwischen meinen Beinen, sein fester Griff um meine Hüften, sein Körper, der in mich eindrang. Mir wurde heiß, mein Blut begann vor Erwartung zu kochen.
Ich war so abgelenkt, dass ich nicht einmal bemerkt hatte, dass er nicht alleine war. In seiner Begleitung befand sich eine langbeinige Blondine; er hatte ihr die Hand ins Kreuz gelegt. Ich konnte sie nur von hinten sehen, doch er wandte ihr den Kopf zu, um ihr etwas zuzuflüstern. Sie strich sich das Haar hinters Ohr und gestattete mir so einen Blick auf ihr Gesicht.
Sie sah umwerfend aus. Unglaublich, übermenschlich umwerfend. Mit ihren erstaunlich langen Beinen und weit auseinanderstehenden Bambi-Augen musste sie ein Model sein.
Ohne Zweifel war sie genau der Typ Frau, von dem Stefan jeden Tag umgeben war. Groß und schlank, mit hohen Wangenknochen und perfektem Schmollmund. Der Hauch einer Seidenbluse ließ erkennen, dass sie keinen BH trug. Als sie sich näherten, konnte ich erkennen, dass sie einen Lidstrich und pinkfarbenen Lippenstift aufgetragen hatte. Sie wirkte wie eine lebendige Puppe.
Sie sah mir nicht im Geringsten ähnlich.
Stefan führte sie zum Aufzug und flüsterte ihr immer noch nichtssagende, süße Worte zu – so nahm ich zumindest an. Sie lächelte und lachte und spielte mit ihrem langen, seidigen Haar.
Wenigstens spielte er nicht damit.
Ich hätte die Boutique aufsuchen sollen. Hätte mich schnurstracks auf den Weg machen und so viel wie menschenmöglich von Stefans Geld ausgeben sollen. Stattdessen folgte ich ihnen. Ich hielt einen gewissen Abstand ein, als ich die luxuriöse Empfangshalle durchquerte, obwohl es nicht nötig war. Keiner von beiden schien zu bemerken, dass ich dort stand, etwas abseits. Tatsächlich waren sie so beschäftigt miteinander, dass ich wahrscheinlich schreiend durch die Halle hätte laufen können, ohne dass sie mich auch nur eines Blickes gewürdigt hätten.
Stefan, in typischer Manier, holte sein Telefon hervor. Seine Begleitung schmollte ein wenig und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Nicht einmal diese Schönheit konnte ihn von seiner wahren Liebe fernhalten – seinem Handy. Und doch hatte er seine Hand immer noch in ihrem Kreuz. Schon jetzt hatte er sie öfter berührt als mich während unserer gesamten Flitterwochen.
In mir tobte die Eifersucht.
Der Aufzug klingelte und die Türen glitten auf. Ich beobachtete, wie sie ihn betraten – allein – und die Türen sich hinter ihnen schlossen. Hastig eilte ich zu der Reihe von Aufzügen und forderte einen für mich an.
Gingen sie in unsere Suite hinauf? Besaß Stefan tatsächlich die Frechheit zu glauben, er könnte in unserer Flitterwochensuite mit dieser Frau schlafen, während ich mich irgendwo im Hotel aufhielt? In flagranti oder nicht, ich würde sie beide in Stücke reißen, sobald ich oben angekommen wäre.
Doch als ich unseren Flur betrat, war er leer. Ebenso unsere Suite. Ich ließ mich schwer aufs Sofa fallen, wo immer noch Kissen und Decke lagen, die Stefan heute Morgen dort liegen gelassen hatte. Wenn er sie nicht hierhergebracht hatte, mussten sie sich irgendwo anders im Hotel aufhalten. Zusammen.
Ich schluckte und spürte einen Kloß in meiner Kehle. Stefan tat nicht nur alles, um mich körperlich zu meiden, nein, er brachte es sogar fertig, während unserer Flitterwochen mit einer anderen Frau herumzumachen. Noch vor ein paar Stunden hatte ich geglaubt, zwischen uns könnte es nicht schlimmer werden. Dass ich mich nicht schlechter fühlen könnte.
Doch jetzt erkannte ich, dass ich falschgelegen hatte.